STARKE LEHRER GEGEN BRAUNE GEDANKEN

Fremdenhass im Klassenzimmer

Von: Dr. Klaus Heimann (Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin)

Dr. Klaus Heimann

Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin

Dr. Klaus Heimann, arbeitet als Freier Journalist, Moderator und Berater in Berlin. Er war bis Ende 2012 Ressortleiter Bildung beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt/M.. Er war Mitarbeiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung und im Bundesinstitut für Berufsbildung. Seine Berufsausbildung absolvierte er als Maschinen-Schlosser. Er studierte an der Ruhr-Universität Berufs- und Wirtschaftspädagogik in Bochum und promovierte dort. Er war viele Jahre Aufsichtsratsmitglied bei der MAN AG in München und als Berater in dieser ...
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 Starke Lehrer gegen braune Gedanken, daran arbeitet ein Modellprojekt in Sachsen. Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit machen um Schulen keinen Bogen. Pädagogen sind mit der Situation oftmals überfordert. 30 Lehrer an berufsbildenden Schulen wollen das jetzt ändern.

Für Frank Böhme, Berufsschullehrer für Politik, Sport und Ethik am Berufsschulzentrum 12  in Leipzig, sind rechtsextreme oder rassistische Sprüche schon fast alltäglich. „Asylbewerber kommen doch nur um zu schmarotzen, die sollte man alle erschießen,- solche Aussagen gibt es auch von Schülern bei uns an der Berufsschule. Hierarchisierungen, hier die guten Deutschen und dort die bösen Ausländer, wir sind allemal die Besseren, gehören genauso dazu, wie Sieg-Heil-Rufe oder Hakenkreuzschmierereien“, berichtet der Politik-Lehrer.

Berufsschullehrer Frank Böhme: „Menschenverachtende Äußerungen, die lasse ich im Unterricht nicht zu.“

Wenn es zu hasserfüllten Attacken, fremdenfeindlichen Sprüchen, rechtsextreme Entgleisungen kommt dann ist Böhme hellwach, weghören oder ignorieren, das ist nicht sein Ding. „Rassismus oder Rechtsradikale Ansagen, sind inzwischen eine gängige Äußerungsform, gerade weil der Rechtspopulismus wieder salonfähig ist. Da sehe ich meine Aufgabe ein Bollwerk oder meine demokratische Grundhaltung dagegenzusetzen. Ja, es muss den Meinungsaustausch in der Klasse geben, aber es gibt Grenzen. Menschenverachtende Äußerungen, die lasse ich im Unterricht nicht zu.“

Nicht viel anders ergeht es seinem Kollegen Tom Matthes, er ist Lehrer am beruflichen Schulzentrum für Ernährung, Technik und Wirtschaft des Erzgebirgskreises, an den Standorten Annaberg und Zschopau. Seine Erfahrungen macht er in 30 Klassen, in denen er Ethik unterrichtet. „Ungeziefer, Ausländer raus, alles Kriminelle, die nehmen uns die Arbeit weg, – das sind noch die harmloseren Sprüche“. Für Matthes gibt es einen Zusammenhang: Je niedriger das Bildungsniveau der Schüler, umso radikaler die Sprüche.

Das gesellschaftliche Klima in Deutschland ist rauer geworden. Nicht nur bei den berüchtigten Pegida-Demonstrationen in Dresden. Übergriffe auf Asylunterkünfte gehören dazu, genauso wie menschenfeindliche und rechtsextreme Parolen. Das macht auch an den Toren der beruflichen Schulen in Sachsen nicht halt. Es gibt sie zuhauf, verbale Entgleisungen und braunes Gedankengut.

Mit dem Modellprojekt ‚Starke Lehrer – Starke Schüler‘ will das Kultusministerium in Sachsen die Lehrer im Umgang mit rechtsextremen und fremdenfeindlichen Haltungen stärken. Frank Böhme und Tom Matthes, und gut zwei Dutzend weitere Pädagogen und Schulsozialarbeiter von neun sächsischen beruflichen Schulen, sollen davon profitieren. Die Lehrkräfte nehmen, unter Anleitung von Rico Behrens von der Technischen Universität Dresden, an einem dreijährigen Qualifizierungs- und Coachingprozess teil. Ziel ist es, „besser mit fremdenfeindlichen und antidemokratischen Äußerungen“ umzugehen.

Berufsschullehrer Rico Behrens: „Wichtig ist es, die Ansagen der Schüler nicht einfach zu ignorieren, sondern das Gespräch suchen – entweder in Pausen oder vor der ganzen Klasse.“

Den meisten Lehrkräften fehlt es in Konfliktsituation an Sicherheit. „Wichtig ist es, die Ansagen der Schüler nicht einfach zu ignorieren, sondern das Gespräch suchen – entweder in Pausen oder vor der ganzen Klasse“, empfiehlt Politikwissenschaftler Behrens. Aber es ist gar nicht so einfach, das Vokabular richtig zu entschlüsseln und Auffälligkeiten zu erkennen, berichtet Lehrer Matthes. „Was sind rassistische, diskriminierende oder antidemokratische Aussagen und was ist Gruppen-Jargon?“

Berufsschullehrer Böhme weiß, dass viele Elternhäuser seiner Schüler kategorisch ausländerfeindlich sind. „Das beginnt schon morgens am Frühstückstisch. Der größte Teil der Jugendlichen in der berufsbildenden Förderschule kommen aus Hartz IV-Familien. Sie haben Angst, dass die Geflüchteten Sozialleistungen bekommen, die am Ende des Tages ihnen fehlen.“ Seine Schüler kriegen in der außerbetrieblichen Ausbildung rund 300 Euro, manchmal zusätzlich noch eine Beihilfe vom Arbeitsamt. “Sie sehen natürlich, da kommen welche, die gehen nicht arbeiten und die bekommen genau so viel Geld wie wir. Wir machen was, die machen nichts. Das wurmt natürlich.“

Mit zwei Stunden Politik alle zwei Wochen ist es schwer, tief sitzenden Fremdenhass aufzubrechen. Böhme weiß, dass er eine Reihe seiner Schüler nicht bekehren kann. „Aber ich schaffe im Unterricht ein Umfeld, wo sie es nicht schaffen, ihre schlimmsten Sprüche abzulassen. Ich gebe ihnen keinen Raum und keine Plattform, um die anderen auch noch anzustecken.“ Auch Tom Matthes geht es um die, die zuhören. Da gibt es positive Rückmeldungen: „Wenn ich genau in die Augen der Schüler schaue, dann kann ich Erfolge sehen.“

Eine Chance die Berufsschüler zu erreichen sieht der Leipziger Böhme immer dann, wenn es gelingt, unmittelbar am Lebensumfeld anzuknüpfen. „Meine Kollegin war mit unseren Schülern in einem Asylbewerberheim. Da gab es schon überraschende Erfahrungen, wie beispielsweise die Zimmer aussehen. Sie haben gemerkt, dass Flüchtlinge beträchtliche Nachteile im Vergleich zu ihrer Situation haben.“

Eine andere Möglichkeit die Haltungen zu knacken sieht der Sportlehrer im Fußballspiel. „Wir haben bei uns zwei Klassen, in denen Flüchtlinge Deutsch lernen. Die haben mit den deutschen Schülern ein Match ausgetragen. Da hat es klick gemacht: Ja, das sind ja Menschen. Die jungen Mädchen stellten fest, da sind attraktive Jungs dabei.“ Böhme ist stolz darauf, wenn über praktisches Erleben Vorurteile aufbrechen. „Solche Berührungspunkte, die müssen wir schaffen. Sonst ist es aussichtslos. Nur über den Kopf kriegen wir fremdenfeindliche und rassistische Vorurteile und Haltungen nicht aufgebrochen.“ Ohne Enthusiasmus geht es auch nicht: „Leidenschaft die muss man als Lehrer haben, das finde ich ganz wichtig.“

In Leipzig sind sieben Pädagogen aus dem Kooperationsverbund der Berufsschulzenten 7, 10 und 12 im Modellprojekt engagiert. Sie wollen ihr neues Wissen unbedingt an die Kollegen in der Stadt weitergeben. Für Tom Matthes aus Annaberg hat sich gezeigt: „Die Fortbildung schärft das Wissen und die Sinne für rechtsradikale Äußerungen.“