DAS BUCH VON KATHARINA BLAß UND ARMIN HIMMELRATH

Die Rezension: Berufsschulen auf dem Abstellgleis

Von: Dr. Klaus Heimann (Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin)

Dr. Klaus Heimann

Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin

Dr. Klaus Heimann, arbeitet als Freier Journalist, Moderator und Berater in Berlin. Er war bis Ende 2012 Ressortleiter Bildung beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt/M.. Er war Mitarbeiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung und im Bundesinstitut für Berufsbildung. Seine Berufsausbildung absolvierte er als Maschinen-Schlosser. Er studierte an der Ruhr-Universität Berufs- und Wirtschaftspädagogik in Bochum und promovierte dort. Er war viele Jahre Aufsichtsratsmitglied bei der MAN AG in München und als Berater in dieser ...
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buchKatharina Blaß / Armin Himmelrath

Berufsschulen auf dem Abstellgleis

Wie wir unser Ausbildungssystem retten können – Die vergessenen Schulen

  • 240 Seiten mit 6 s/w-Abb. | Klappenbroschur | 13×20 cm
  • Hamburg 2016, ISBN: 978-3-89684-176-6

Wer sind die Autoren?

Katharina Blaß arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Hamburg. Ursprünglich kommt sie aus Euskirchen. Sie studierte Medienwissenschaft in Passau, Bochum und Madrid. Ist Absolventin des 35. Lehrgangs der Henri-Nannen-Schule. Sie betextet vor allem Newsticker und Bücher und moderiert. Und schreibt für Spiegel-Online und den NDR.

Armin Himmelrath, stammt aus dem bergischen Wermelskirchen, ist Bildungs- und Wissenschaftsjournalist u.a. für Spiegel-Online, WDR, Deutschlandradio, Moderator von Veranstaltungen und Radiosendungen. Himmelrath hat bereits zahlreiche Bücher zu Bildungsthemen veröffentlicht. Sein Studium der Sozialwissenschaften und Germanistik (Lehramt) absolvierte er in Wuppertal und Beer Sheva im Süden Israels. Seit 2004 Lehrbeauftragter der FU Berlin für journalistisches Schreiben.

Für den schnellen Leser: Auf einen Blick

Die kombinierte Ausbildung im Betrieb und in Berufsschulen oder -kollegs wird von Portugal bis Lettland kopiert. Sie repräsentiert und sichert Deutschlands wirtschaftliche Stärke. Hierzulande dagegen scheint es, als habe die Ausbildung als Einstieg in die berufliche Laufbahn ihren Zenit überschritten. Insbesondere die Berufsschulen stecken in der Krise. Und das, obwohl sie leistungsfähig sind, werden sie allseits unterschätzt. Dabei federn sie enorme Leistungsunterschiede ab und bieten einem breiten Spektrum an Schülern attraktiven Unterricht.

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Berufliche Schulen in Deutschland: Warum sind sie in der schulpolitischen Debatte ohne Stimme? Warum steht sie auf dem Abstellgleis? Wie können wir unser berufliches Ausbildungssystem retten?

Reicht das duale Ausbildungssystem noch aus, um den Bedarf der Wirtschaft an qualifizierten Fachkräften zu decken? Oder rächt sich nun, dass die Bildungspolitik sich auf die Gymnasien und die Erhöhung der Akademikerquote konzentriert – und die Berufsschulen einfach vergessen hat? Können und sollen die Berufsschulen in die Lücke springen und neue attraktive Bildungsangebote entwickeln? Viele Fragen – die meisten beantworten die Autoren.

Katharina Blaß und Armin Himmelrath legen mit ihrem praxisorientierten Buch eine pointierte Darstellung der Situation deutscher Berufsschulen vor. Sie skizzieren die aktuelle Lage. Sie zeigen die Defizite, die der langen Vernachlässigung dieser Schulform geschuldet sind. Und sie berichten von Modellen und Impulsen, von Berufsschulen, die sich zu Reformlaboren für Veränderungen der Bildungslandschaft gemausert haben.

Ziel der beiden Autoren ist es, die Berufsschule wieder flott zu kriegen. Sie soll runter vom Abstellgleis und stattdessen mit voller Kraft „Lokomotive im Bildungsdiskurs“ sein. Deshalb gilt es   sie anschlussfähig zu machen an die aktuellen Trends in der Gesellschaft, in der Bildung und Wirtschaft.

Zum Inhalt

Zwei Journalisten trauen sich was: Sie sezieren die Berufsschulen. Sie schauen genau hin, was mit der, ihrer Meinung nach, „ausgebremsten Schule“ passiert ist. Und sie stellen viele Fragen: Warum ist sie in der schulpolitischen Debatte ohne Stimme? Warum steht sie auf dem Abstellgleis? Und das alles mit dem Interesse: Wie können wir unser berufliches Ausbildungssystem retten? Es geht also nicht nur um die Berufsschule. Geht es den Kollegs gut, ist das System gerettet – so die dahinterstehende Logik der Autoren.

Dieses Vorhaben ist keineswegs banal: Die betriebliche Ausbildung ist vergleichsweise einfach zu durchschauen, ist sie doch bundesweit und einheitlich sortiert. Bei den Berufsschulen sieht das ganz anders aus. Es existieren ganz unterschiedliche Systeme. Sie unterstehen den Schulministerien der Länder und die profilieren ihre berufskundlichen Schulen ganz nach ihrem Gusto. Für die Gebäude, (egal ob modern oder marode), und für die Ausstattung (moderne Werkstätten oder antike Drehbänke) haben die Städte und Kreise den Hut auf. Es sind also ziemlich viele, die an den Berufskollegs herumschnippeln.

Berufsschule in Deutschland ist ein gewaltiges Gebilde. Die Zahlen zeigen das: 2,5 Mio. Schüler, 150.000 Lehrer, 8.900 Schulen mit 118.000 Klassen. Es gibt bis zu 18 unterschiedliche pädagogische Angebote an einer Schule: vom einfachsten berufsbegleitenden Unterricht bis zum Voll-Abitur. Neu hinzugekommen sind jetzt Klassen zur Sprachförderung für die berufsschulpflichtigen Flüchtlinge und Asylbewerber. Die Autoren sehen das durchaus kritisch, sie vermuten dahinter steckt System: „Wieder einmal ist die Berufsschule zum Erfüllungsgehilfen außenstehender Interessen degradiert worden.“

Trotz ihrer Größe und Komplexität sehen die Journalisten die Berufsschulen auf dem Abstellgleis. Sie sitzen fest in einer „Nische als Phantomschule“, über die kaum jemand spricht. Aber warum nur? Die Buchschreiber bieten eine Erklärung: „Weil sich niemand mehr richtig auskennt, viele Schulen vor sich hin unterrichten und bei Reforminitiativen gerne vergessen werden.“ Gymnasium zu erklären ist einfach, das System der beruflichen Schulen ist kompliziert und dauert deshalb lange, bis Eltern und potenzielle Schüler es durchschauen.

Berufskundliche Schulen sind innovativ

Diese Zustandsbeschreibung von Blaß und Himmelrath (Nur am Rande gefragt: Wie wird eigentlich die Benachteiligung einer Schulform ermittelt? Reicht es aus, wenn Gazetten oder Buchautoren ab und an vom Stiefkind Berufsschule schreiben?) steht im krassen Gegensatz, zu dem, was der Schultyp zum Gelingen der weiterführenden Bildungsangebote beiträgt.

Die Journalisten, die sich offen als Fans der Berufsschulen outen, kommen ins Schwärmen, wenn sie an die Qualität denken: „Die berufsbildenden Schulen bieten in ihrer Vielfalt ein nahezu unerschöpfliches Reservoir an guten pädagogischen Ideen und praxisorientierte Allgemeinbildung, an nachhaltigen Unterrichtsmodellen und individueller, gelebter Binnendifferenzierung.“

Die Autoren sehen die Berufsschulen gar als Vorreiter und Ideengeber, wie beispielsweise Integration, bei großer Unterschiedlichkeit von Schülern, gelingen kann. „Vor dem Hintergrund einer immer größer werdenden Diversität der Schülerschaft können sie auf jahrzehntelange Erfahrungen im Umgang mit gesellschaftlich mehr oder weniger stark ausgegrenzten Schülergruppen zurückgreifen.“

Außerdem schaffen die beruflichen Schulen es, simples Schwarz-Weiß-Denken zwischen dualer und akademischer Ausbildung wirksamen zu durchbrechen. „Dem Trend zum Bildungs-Upgrading begegnen sie mit Ausbildungswegen, die trotz einer aktuell berufspraktischen Orientierung eine spätere Weiterqualifizierung in den akademischen Bereich hinein dezidiert offenhalten.“

In der scheinbaren Schwäche der Schule, ihre ungeheure Vielfalt, sehen die Buchautoren ihre wahre Stärke. Denn: Sie kann sich damit den unterschiedlichen Bedürfnissen und Erwartungen der Schüler stellen.

Da sind viele Bildungs-Punkte, die auf der Habenseite bilanziert sind. Eine etwas nüchternere Analyse, die mehr die Fakten in den Mittelpunkt stellt, wäre hilfreicher gewesen.

Vielfalt auch als Stärke nutzen

Natürlich liest sich das alles gut. Eine positive Analyse, das hört jeder Lehrer gern. Merkwürdig ist nur, dass die Pluspunkte niemanden in der Öffentlichkeit so richtig interessieren.

Und selbst Lehrer tun sich schwer, die Vorteile der Berufsschulen offensiv zu kommunizieren. Ihre Rolle am „Rande der Wahrnehmung wird von Akteuren allzu oft widerspruchslos akzeptiert“, schreiben die Journalisten in ihrer Bilanz. Den berufsbildenden Akteuren mangele es einfach an Selbstbewusstsein. Sie schaffen es nicht positiv für sich Stimmung zu machen, erklärt Himmelrath im Interview mit dem Radio-Berlin Brandenburg. Die Berufsschullehrer stellen sich nicht hin und sagen: „ ‚Hier sind wir!‘ Die haben nicht so eine breite Brust, sondern die treten eher so ein bisschen verdruckst und verschämt auf.“

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Die andere Schule: Nur noch knapp 58 % der Schüler an den Oberstufenzentren oder Berufskollegs haben einen Ausbildungsvertrag. Die beruflichen Schulen haben heute ganz offensichtlich ein anderes Profil als noch in den sechziger Jahren. Damals dominierte die Teilzeit-Berufsschule.

Dabei hat sich diese Schulform dramatisch verändert. Ein Schulleiter aus Hessen erklärt im Buch, wie sie sich heute präsentiert: „An unserer Schule ist nur noch ein gutes Drittel der Schüler in einer klassischen Ausbildung – fast zwei Drittel besuchen Vollzeit-Bildungsgänge.“ Bundesweit verläuft der Trend ähnlich, wenn auch nicht ganz so heftig: Nur noch knapp 58 % der Berufsschüler hat einen Ausbildungsvertrag.

Diese Befunde deuten darauf hin, dass unter dem Mantel der Berufskollegs sich viele Bildungstypen tummeln. Zu Anfang war schon mal davon die Rede, dass es bis zu 18 sind. Wobei aber keineswegs alle Bildungswege eine Erfolgsgeschichte sind. Die berufsschulischen Angebote im Übergangsbereich, als Antwort auf den Rückgang der betrieblichen Ausbildungsangebote, können wenig überzeugen. Jugendliche haben im Übergangsbereich zwar die Möglichkeit, einen Schulabschluss nachzuholen. Eine solche Option haben 70 %. Von den rund 292.500 Jugendlichen, die im Jahr 2014 den Übergangsbereich verlassen haben, nutzten bundesweit jedoch nur 24 % die Möglichkeit zur Höherqualifikation. Das ist alles andere als schmeichelhaft für die Berufsschulen.

Ganz anders sieht es beim Typ berufliches Gymnasium aus. Wer weiß schon, dass 35 % aller Personen, die im vergangenen Jahr eine Studienberechtigung in Deutschland erworben haben, das in einer Berufsbildenden Schule gemacht hat. In Baden-Württemberg sind es jährlich sogar 52 %. Ganz offensichtlich: Das ist ein starkes und erfolgreiches Angebot, dass die Berufsschulen machen.

Es spricht deshalb viel dafür, genauer hinzuschauen. Was sind erfolgreiche Bildungswege? Welche sind anschlussfähig? Welche sind Bildungssackgassen? Diese ‚Kernerarbeit‘, die leisten die Autoren allerdings nicht. Sie belassen es dabei, nur einige formale Aspekte der sehr unterschiedlichen Bildungsgänge zu beschreiben. Das reicht aber nicht, um zu beurteilen, ob sie bildungs- oder arbeitsmarktpolitisch wirklich Sinn machen.

Als Anhängsel ausgedient?

Mit einem Bildungstyp tun sich Blaß und Himmelrath besonders schwer: der Teilzeitberufsschule. Sie sehen diese nur als ‚Anhängsel‘ an die betriebliche Ausbildung. In der Praxis gebe es keine Spur von gleichberechtigter Partnerschaft, von Dialog auf Augenhöhe, zwischen den Betrieben und der Schule. In der Über- und Unterordnung finden sie viele der Gründe, warum letztendlich die Berufsschule auf dem Abstellgleis gelandet ist. Sie fordern deshalb „sich von der Entwicklung im dualen Ausbildungssektor zunehmend unabhängig zu machen und mit eigenen vollschulischen und kooperativen Schulbildungsgängen um Schülerinnen und Schüler zu werben.“ Am liebsten sehen sie ein stärkeres Engagement beim dualen Studium.

Das ist ein radikaler Vorschlag. Er führt weg, von der Ursprungsidee der Berufsschule, ihrem eigentlichen Kerngeschäft. Zur Erinnerung: Entstanden ist die Schulform, weil Handwerk und Industrie qualifizierte Fachkräfte brauchten, die über ein gutes theoretisches Wissen verfügen. Den ‚Erfindern‘ der Berufsschule ging es keineswegs um deren Instrumentalisierung. Nein, sie suchten einen kompetenten Partner für die Entfaltung umfassender Beruflichkeit. So zum Beispiel in Berlin im damaligen ‚Elektropolis‘. Ab Anfang der 1890er Jahre investierte Siemens und Halske in die Ausbildung des eigenen Facharbeiternachwuchses. 1891 richtete das Unternehmen in den Berliner Werken Lehrwerkstätten ein. Diese praxisorientierte Unterweisung wurde einige Jahre später durch eine betriebseigene fachtheoretische Ausbildung ergänzt: Am 1. November 1906 nahm die Werkschule mit 77 Schülern ihren Unterricht auf. Die firmeneigene Schule, die bis heute existiert, ist eine der ältesten Berufsschulen Deutschlands.

Nährt das Beispiel Siemens die These vom Anhängsel? Der Duden bietet eine doppelte Wortinterpretation: Anhängsel ist ein kleines Schmuckstück oder ein als minderwertig, überflüssig betrachtete Begleiterscheinung. Klar: Für Siemens und Halske war die Berufsschule ein Schmuckstück. Sicherlich, es gibt bei den Betrieben auch die andere Sichtweise. Sie schimpfen über die verlorene Zeit und Unfähigkeit des Personals. Aber das ist eine Minderheit. Die Mehrzahl der Ausbildungsbetriebe sieht das anders:  Mit der Berufsschule zufrieden sind 76 % der Betriebe, also eine überdeutliche Mehrheit, ermittelte der DIHK in einer Befragung. Es gibt also durchaus Möglichkeiten sich als „gleichberechtigter Partner“, wie die Autoren es fordern, aufzustellen. Es macht viel Sinn die Unternehmen als Verbündeten zu gewinnen. Sie abzuschreiben schadet mehr als es nützt.

Blaß und Himmelrath blenden die Dimension, wie die ‚Kunden‘, also die Schüler, die Leistungen der berufskundlichen Einrichtungen bewerten, weitgehend aus. Das mag der schwierigen und unzureichenden empirischen Basis geschuldet sein. Für die Teilzeitberufsschule gibt es allerdings Daten. Der DGB hat in seinem Ausbildungsreport ermittelt, dass nur 56 % aller Berufsschüler mit der Leistung ihrer Schule „zufrieden„ oder „eher zufrieden“ sind. Es gibt offenbar Defizite. Und es gibt auch offene Fragen: Welche Rolle spielt die Berufsschule bei den Ausbildungsabbrüchen? Gelingt der Auftrag Inklusion? Dies aufzuarbeiten, einzuordnen und Lösungen aufzuzeigen, darauf verzichtet das Autoren Team. Leider.

Als direkte Konkurrenz zum Gymnasium aufstellen

Die Buchschreiber sehen die berufsbildenden Schulen in unmittelbarer Konkurrenz zur gymnasialen Oberstufe. Und sie sind, ihrer Auffassung nach, besser als diese „Ein-Ziel-Schule“. Die andere Schulform in der Sekundarstufe II, die gymnasiale Oberstufe des Gymnasiums, offeriert nur ein Bildungsziel: das Abitur. Deshalb sollen die Kollegschulen getrost dem simplen Versprechen des Lyceums, „Mach dein Abitur und alles wird gut“, einen individuell gestalteten, beruflich geprägten Lernweg entgegensetzen. Das würde am Ende des Tages zu einem nachhaltigen „Imagewandel“ führen.

Die Autoren fordern profilbildende Formate. Das könnte beispielsweise das Label Internationalisierung oder Förderung von Auslandsaufenthalten in der Ausbildung sein. Oder Angebote im Bereich Zusatzqualifikationen. Asienkaufmann/frau – Schwerpunkt China, wie es das Berufskolleg Wirtschaft und Verwaltung des Kreises Siegen-Wittgenstein anbietet. Ein anderes Beispiel ist die konsequente internationale Ausrichtung des Goldenberg Europakolleg in Hürth, das die Autoren vorstellen. Ein Merkmal dieser Schule ist der bilinguale Unterricht. “Mit besonderem Engagement können berufsbildende Schulen ihr Profil nachhaltig und wirksam schärfen“, erklären die Buch-Autoren.

Zum Beispiel bei der Digitalisierung von Lernen. Reinhard Arndt, Leiter der Staatlichen Schule Gesundheitspflege W 4 in Hamburg-Wilhelmsburg arbeitet an seinen Traum: „Lernen soll hier so einen Spaß machen, dass die Schülerinnen weinen, wenn die Ferien beginnen.“ Wie ist das zu schaffen? In der Wilhelmsburger Berufsschule ist ein Raum eingerichtet, der bestückt ist mit einer beeindruckenden Großplastik, einem kunstvollen Wandrelief des menschlichen Körpers. Mit Hilfe einer speziell für Handys programmierten Lern-Software erleben die angehenden Arzthelferinnen eine völlig neue Dimension des Lernens. Über ihre Smartphones erforschen sie spielerisch die multimedial aufbereiteten Themengebiete ihres Lehrplans.

Bildung im Medium des Berufs

Eigentlich haben die Berufsschulen alle schon ein unverwechselbares Profil. Sie haben den Auftrag ‚Bildung im Medium des Berufs‘ zu vermitteln. So die wunderbare und griffige Formel des Frankfurter Berufspädagogen Andreas Gruschka, die er aus den Blankert‘schen Theorien zur Kollegschule ableitet.

Unter der Überschrift ‚Schule mit anderem Anspruch‘ gehen die Autoren, wenn auch nur kurz, auf diesen besonderen Auftrag ein, ohne ihn allerdings in seiner Bedeutsamkeit zu würdigen. Die Bildungsidee der Berufsschule übersetzen die Journalisten dann so: „Allgemeine und berufliche Bildung sollten auf gesellschaftlich relevante und auf dem Arbeitsmarkt nutzbare Weise verschmolzen werden, die Schüler dafür eine differenzierte auf ihre Bedürfnisse abgestimmt parallele Qualifizierung in beruflicher und in allgemeinbildenden Hinsicht durchlaufen. Praxisnähe und Bildungsanspruch, Erziehung zur Mündigkeit und handfeste Qualifikationen sollten dabei Hand in Hand gehen.“

Ja, so kann man ihn verstehen, den Auftrag ‚Bildung im Medium des Berufs‘ in den Mittelpunkt der Berufsschule zu rücken. Aber es stellt sich die Frage, ist das gelebte Praxis (wie in Hamburg, Siegen oder Hürth)? Oder ist die Berufsschule, wie die Autoren drastisch formulieren, „zur schulischen Resterampe“ auch beim beruflichen Bildungsauftrag deformiert? Ein wirklich böser Begriff, den die Journalisten da verwenden. Weiter begründet oder ausgeleuchtet wird er allerdings nicht.

Das Fazit

Ziel der beiden Autoren ist es, die Berufsschule wieder flott zu kriegen. Sie soll runter vom Abstellgleis und stattdessen mit voller Kraft „Lokomotive im Bildungsdiskurs“ sein. Deshalb gilt es   sie anschlussfähig zu machen an die aktuellen Trends in der Gesellschaft, in der Bildung und Wirtschaft (Akademisierung, duales Studium, Inklusion, Industrie 4.0) oder an die vielen anderen Modernitäten, wie sie Buch beschrieben sind. Sie sind allesamt im knapp 240 seitigen Werk, angerissen. Was sie allerdings für den Bildungsauftrag bzw. –aufgaben der berufskundlichen Schulen bedeuten, das bleibt merkwürdigerweise ungeklärt. Wären die Autoren hier konsequenter gewesen, dann hätten die Leser vielleicht erahnen können, wie sie ihr Ziel, das Ausbildungssystem zu retten, auch erreichen.

Dennoch haben Blaß und Himmelrath eine ehrliche und gut zu lesende Bestandsaufnahme vorgelegt. Es ist ein gelungener Ausgangpunkt für hoffentlich viele und nachhaltige Diskussionen. Die Berufsschulen haben diese Aufmerksamkeit mehr als verdient. Sie brauchen externe Hilfe, denn es ist so, wie die Autoren schreiben, es „fehlt einfach das Selbstbewusstsein zu sagen: Wir sind eine Schulform, die richtig viel kann.“