Warum schneiden die Kinder der christlichen, italienischen Einwanderer in der Schule noch schlechter ab als die türkischen?

Von: Sanem Kleff (Lehrerin, Berlin)

Sanem Kleff

Lehrerin, Berlin

Sanem Kleff wurde 1955 in Ankara geboren und wuchs in Bremen, Hamburg und Nordrhein-Westfahlen auf. Nach ihrem Studium der Deutschen Sprache und Literatur, für das sie nach Ankara zurückkehrte, war sie als Dolmetscherin und Übersetzerin tätig. Anschließend arbeitete sie als Lehrerin in Berlin an einer Hauptschule hauptsächlich mit Flüchtlingen. Bis 2003 war sie außerdem am Berliner Institut für Lehrerfortbildung in den Bereichen „Interkulturelle Pädagogik“ und „Pädagogen gegen Rechtsextremismus“ tätig. Sanem Kleff bekleidete verschiedene Positionen in ...
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oder: Kinder und Schülerinnen mit Migrationshintergrund in Kindergarten und Schule

Die Industriegesellschaft mit genügend Arbeitsplätzen für gering- oder unqualifizierte ArbeiterInnen gehört in Deutschland der Vergangenheit an. Längst leben wir in einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, in der die Globalisierung, also die Mobilität des Kapitals und der Arbeitskräfte, zusätzlich zum Abbau von Arbeitsplätzen, die geringe Qualifikationen erfordern, beiträgt. Die Folge: Es ist kaum noch möglich, Heranwachsende, die über eine geringe Bildung verfügen, in den Arbeitsprozess einzugliedern. Ohne Zugang zur Arbeit und damit auch zu finanziellen Ressourcen, gibt es wiederum keine gesellschaftliche Integration. Bildung ist deshalb der Schlüssel für die Integration für Alle. Warum die negativen Begleiterscheinungen gesellschaftlicher Veränderungen besonders stark Menschen mit Migrationshintergrund treffen, erklärt sich aus der Geschichte der Migration nach Deutschland.

Wer sind die Menschen mit Migrationshintergrund?

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAEin Blick zurück ins (West) Deutschland der Nachkriegsjahre: der wachsende Bedarf an Arbeitskräften konnte in den fünfziger Jahren durch die einheimische Bevölkerung nicht ausreichend gedeckt werden. Dies schuf bis zur Schließung der innerdeutschen Grenzen zwar Arbeitsmöglichkeiten für die ostdeutsche Bevölkerung, dennoch war zehn Jahre nach Kriegsende die Nachfrage der aufstrebenden Wirtschaft nach Arbeitskräften nicht zu decken. Auf Druck der Industrie begann die Bundesregierung 1955 mit der systematischen Anwerbung von Arbeitskräften, die bis 1973 andauerte. Angeworben wurden vor allem ungelernte Arbeiter für die Fließbandproduktion, den Straßen- und Hausbau und den Bergbau.

Heute bilden die damaligen „Gastarbeiter“ und ihre Nachkommen die größte Gruppe unter den sieben Millionen Ausländern und der mehr als 12 Millionen Zugewanderten in Deutschland. Den Rest bilden Flüchtlinge und vor allem die zuletzt zugewanderten Aussiedler und jüdische Zuwanderer.

Gastarbeiter

Bis weit in die achtziger Jahre konnten die Arbeitsmigranten problemlos an den ökonomischen und sozialen Ressourcen teilhaben. Heute sind sie überdurchschnittlich oft von Arbeitslosigkeit betroffen, da in den zurückliegenden Jahrzehnten zu Millionen die Industriearbeitsplätze, in die sie einst angeworben wurden, abgebaut wurden.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAUm mit dem Strukturwandel Schritt halten zu können, hätten aus den Kindern und Enkeln von unqualifizierten Arbeiterinnen und Arbeitern, die ursprünglich in bäuerlichen Milieus sozialisiert worden waren, dafür im Laufe einer Generation Akademiker werden müssen und zwar innerhalb eines Erziehungs- und Bildungssystems, das nicht auf sie eingestellt war.

Die gravierende Folgen: Gerade 10-12 % von ihnen schaffen den Sprung auf das Gymnasium, fast 70 % der männlichen Jugendlichen verlassen die Schule ohne oder nur mit einem einfachen Hauptschulabschluss.

Die enormen Bildungsdefizite, die sie in vielen Bereichen aufweisen, werden ihnen selbst vorgeworfen. Die Schlagworte heißen: „Die wollen ja kein Deutsch lernen. Die schaffen ihre Parallelgesellschaften und brauchen kein Deutsch zu sprechen.“ Hinweise auf die sozialen Umstände der Familien werden oft mit der Unterstellung, ihr eigener Anteil an dieser Entwicklung solle wohl damit verschleiert werden, zur Seite geschoben.

Schnell heißt es: „Ihre Religion, der Islam, verursacht diese Missstände.“ Warum gerade der Islam alle Integrationsbemühungen verhindere wird mit dem Hinweis auf eine lange Liste von Fehlverhalten von muslimischen Migrantinnen und Migranten denen vielerlei Übel zugeordnet wird, belegt: Ehrenmorde, Zwangsverheiratung, Gewalt gegen Frauen, wenn nicht gar auch der Terrorismus. Haben sie allein am Ende alles falsch gemacht, weil sie es nicht schafften, ihre Kinder und Enkel auf den Strukturwandel vorzubereiten? Wohl nicht. Die Festlegung auf die Religion hilft nicht weiter. Sonst ist nicht zu erklären, warum die Kinder der christlichen, italienischen Einwanderer in der Schule noch schlechter abschneiden, als die türkischen.

Flüchtlinge

Extr_Ausgabe_05Die bildungsfernste Gruppe sind die Kinder und Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien, insbesondere diejenigen aus dem arabischen Raum. Sie belegen die Spitzenplätze in der Kriminalitätsstatistik, fallen im öffentlichen Raum durch ihr lautstarkes Auftreten in Gruppen auf und wirken oft schon durch ihr äußeres Erscheinungsbild bedrohlich. In Bezug auf die Familien mit arabisch-palästinensischer Herkunft ist sich die Gesellschaft, quer zu ihren ansonsten stark divergierenden politischen und gesellschaftlichen Orientierungen, mittlerweile einig: „Selbst Schuld!“. Dass diese Familien seit Generationen eine traumatisierende Familienbiografie vorzuweisen haben, in Deutschland immer nur geduldet, dadurch mit Arbeits- und Ausbildungsverbot belegt, und in der Folge von der Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen ausgeschlossen wurden, wird lieber verdrängt und nicht als mögliche Ursache für ihre heutige Lebenswirklichkeit gesehen.

Immerhin haben die langjährigen negativen Entwicklungen letztlich die Politik dazu bewogen, das Arbeitsverbot für geduldete Flüchtlinge aufzuheben. Damit wurde ein Schritt in die richtige Richtung getan. Doch auch wenn dies umgesetzt ist, bleibt noch viel zu tun, um die jahrzehntelangen Versäumnisse zu korrigieren und bis die nächste Generation ihren Platz in der Arbeitswelt finden kann. Qualifizierungsangebote für die Erwachsenen sind notwendig, die den Bedürfnissen der Zielgruppe entsprechen. Bedarfsgerechte Bildungsangebote für die jungen Nachkommen der Flüchtlingsfamilien könnten ihnen einen Ausweg aus der sozial schwächsten Schicht bieten.

Aussiedler und jüdische Zuwanderer

Extr_Ausgabe_13In den Diskussionen über Integrationsfragen finden die Probleme der Aussiedler oft wenig Beachtung, als ob diese Gruppe sich bereits ganz unauffällig und erfolgreich in die neue Gesellschaft eingefügt hätte. Die Beschreibung der Aussiedler als bildungsorientierte, großstädtisch – bürgerliche Familien, in denen Deutsch gesprochen wird, bezieht sich auf die ersten Aussiedlerfamilien aus Großstädten und trifft kaum auf bildungsferne Aussiedlerfamilien aus winzigen ukrainischen und kasachischen Dörfern zu, die mittlerweile in der Mehrzahl sind.

In der Folge sind bei den Aussiedlern die selben Symptome mangelnder Partizipation an sozialen und gesellschaftlichen Ressourcen bzw. damit zusammenhängende negative Erscheinungen wie erhöhte Gewaltbereitschaft und Isolation wie bei den sonstigen Migrantengruppen erkennbar. So populär Wladimir Kaminers humorvolle Erzählungen über den Alltag von Zuwanderern aus Russland auch sind, die Realität ist weniger erheiternd. Die Hartnäckigkeit, mit der die deutschstämmigen, sich Deutschland zugehörig fühlenden Aussiedler von der Mehrheitsgesellschaft als „Russen“ bezeichnet werden, zeigt, dass sie in Deutschland, der langersehnten Heimat ihrer Vorfahren, genau wie vorher in ihren Herkunftsgebieten, erneut zu einer isolierten Minderheit gemacht werden.

Das Ergebnis: Junge, männliche Aussiedler stehen in Großstädten wie Berlin an der Spitze der Kriminalstatistiken wenn es um Körperverletzungen, Vergewaltigungen und sonstige gewalttätige Übergriffe geht. Der ausschweifende Alkoholkonsum ist in diesem Milieu weit verbreitet und wird durch den oft von Arbeitslosigkeit geprägten, frustrierenden Alltagsablauf begünstigt. Erhöhter Alkoholkonsum geht fast allen Gewalttaten voraus. Mittlerweile beschreiben Lehrer, Sozialarbeiter und Polizisten Anzeichen gruppeninterner Justiz, deutliche Abschottungserscheinungen und eine von Enttäuschung geprägte Abkehr von der Mehrheitsgesellschaft. Zeichen, die als Warnung zu begreifen sind.

Bildungseinrichtungen: vielsprachig und interkulturell

Extr_Ausgabe_07Für alle genannten Minderheiten gilt: Bildung ist der einzige, Erfolg versprechende und legale Weg sozial aufzusteigen. Die Ergebnisse der PISA-Untersuchungen der OECD belegen aber, dass in Deutschland Kinder aus bildungsfernen und sozial schwachen Familien wesentlich geringere Chancen haben, das Bildungssystem erfolgreich zu durchlaufen als Kinder aus der Mittel- oder Oberschicht. Je ärmer, umso schlechter ausgebildet, heißt die Regel hierzulande. Die schlechtesten Bildungschancen haben unter den Armen die SchülerInnen mit Migrationshintergrund. Hauptursache ist, dass die vorschulischen Einrichtungen und die Schulen es immer noch nicht schaffen, Kindern mit nichtdeutscher Erstsprache altersadäquat Deutsch zu vermitteln.

Das Bildungssystem reagierte mit einer Verzögerung von Jahrzehnten auf die Anwesenheit von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund.

Die Angebote der Kindergärten und Schulen orientierten sich als Zielgruppe an Kindern und Jugendlichen, die mit Deutsch als Erstsprache in einer recht bürgerlichen und grundsätzlich christlich orientierten Kleinfamilie aufwachsen. Schülerinnen und Schüler, die bei der Einschulung kein Wort Deutsch sprechen, das Märchen von „Hänsel und Gretel“ nicht kennen, und es nicht abwarten können, alt genug zu werden, um im Ramadan Fasten zu dürfen, waren nicht vorgesehen.

Extr_Ausgabe_18Kinder, die heute Tageseinrichtungen und vorschulische Einrichtungen besuchen, müssen systematisch Deutsch erlernen können. Das geht nur, wenn die Sprachvermittlung in ein Gesamtkonzept der interkulturellen Pädagogik eingebettet ist. Und dies wiederum geht nur mit einer angemessenen personellen und materiellen Ausstattung aber vor allem der entsprechenden Qualifikation der Erzieherinnen und Erzieher. Die Erzieherausbildung muss so verändert werden, dass die PädagogInnen umfassend auf ihre Aufgaben vorbereitet werden. Dies würde eine höhere Eingruppierung Berufsgruppe nach sich ziehen und kostet mehr Geld, aber eine realistische Berechnung der Mehrkosten von Integrationsdefiziten, die bei einem „Weiter so wie gehabt!“ entstehen, zeigt, dass sich diese Investitionen lohnen.

Die selben Forderungen gelten für die Qualifikation der Lehrerinnen und Lehrer, die genau so unzureichend für die pädagogische Arbeit mit Kindern qualifiziert werden, die eine andere Erstsprache als Deutsch mitbringen, deren Großmutter tausende von Kilometern entfernt wohnt, und die nachmittags arabischsprachige Kindersendungen schauen.

Fazit

Zukunftsweisende, realitätsorientierte Konzepte müssen das gesamte soziale Umfeld und besonders die Kooperation mit den Elternhäusern einbeziehen. Erfolgsversprechend sind deshalb sozialraumorientiert konzipierte Ansätze. Voraussetzung ist, dass keine ideologisch verblendete Front zwischen „uns“ und „den Zuwanderern“, „ den Russen“, „den Muslimen“ gezogen wird, sondern als gemeinsames Ziel die Wiederherstellung der Durchlässigkeit der sozialen Schichten nach oben durch Bildung angestrebt wird.

In keinem der von der OECD-PISA-Studie erfassten Länder bestimmt die soziale Herkunft die Bildungschancen so massiv, wie in Deutschland. Kinder mit Migrationshintergrund scheitern nicht wegen irgendwelcher kultureller Differenzen, sondern vor allem aufgrund ihrer Zugehörigkeit in die sozial schwächste Schicht an den Anforderungen der Erziehungs- und Bildungseinrichtungen. Weil aber schon heute jedes vierte Kind im schulpflichtigen Alter einen Migrationshintergund hat, liegt die große Chance unserer Gesellschaft, die nächsten Generationen auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten darin, diese Kinder und Jugendliche so gut wie möglich auszubilden.