Vollbeschäftigung durch Wachstum ist obsolet

Von: Prof. Karl Georg Zinn (Wirtschaftswissenschaftler)

Prof. Karl Georg Zinn

Wirtschaftswissenschaftler

Karl Georg Zinn wurde 1939 geboren und ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler. Zinn ist Sohn des ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn. Er studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Frankfurt am Main, Freiburg und Mainz. Er wurde 1965 promoviert. Im Jahr 1969 erfolgte seine Habilitation an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Von 1970 bis 2004 war Zinn Professor für Volkswirtschaftslehre an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen mit den Arbeitsschwerpunkten „Außenwirtschaft und Geschichte der politischen Ökonomie“. Zinn ist bekannt für ...
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Mehr Arbeitsplätze trotz sinkender Beschäftigung?

Die niedrigen Arbeitslosenquoten verstecken die langfristigen Probleme

Die Gegenwart erklärt sich aus der Vergangenheit
Das Schwergewicht der folgenden Überlegungen liegt nicht auf der brandaktuellen Situation, sondern es geht um eine längerfristige Betrachtung der Wirtschaftsentwicklung. Der Versuch einer Vorausschau kann selbstverständlich nicht ohne Rückblick in der Vergangenheit gelingen. Mit Vergangenheit meine ich die vier Jahrzehnte seit dem weltwirtschaftlichen Wachstumseinbruch der 1970erJahre.

Die bis dahin leidlich zutreffende Formel „Vollbeschäftigung durch Wachstum“ war obsolet geworden. Seitdem blieben die Wachstumsraten in den allermeisten Industrieländern im Mehrjahresdurchschnitt viel zu niedrig, um auch nur das inzwischen gesunkene Beschäftigungsniveau zu stabilisieren. Nach 1980 kam es in der Bundesrepublik Deutschland zu tendenziell steigender Massenarbeitslosigkeit.

Die gegenwärtige Situation ist als Resultat der langfristigen Fehlentwicklung zu verstehen, und gerade deshalb sind die zweckoptimistischen Beschönigungen der augenblicklichen Lage eine Irreführung der Öffentlichkeit: Der Aufschwung wird völlig übertrieben dargestellt, und die Gefahr einer erneuten Abwärtsbewegung bleibt akut.

Die Internationale Währungsfonds hat die Industrieländer wegen ihrer völlig unzureichenden Maßnahmen zur Bankenkrise gerügt. Die Gefahr von Staatspleiten der verschuldeten EU-Länder ist keineswegs gebannt. In den USA droht der Markt für Kommunual-Anleihen zusammen zu brechen. In der VR China könnte im Laufe des Jahres die Immobilienblase platzen. Die internationale Liquiditätsschwemme bringt die Schwellenländer in Schwierigkeiten. Das internationale Finanzkapital entzieht sich erneut den staatlichen Aufsichtsbehörden, und der sogenannte Schattenbanksektor expandiert; hier wird die nächste Finanzkrise vorbereitet. Alle diese Fakten sind zwar bekannt, aber sie spielen weder bei der Wahrnehmung der Krisenlage durch die große Mehrheit eine Rolle, noch ist sich die politische Klasse bewusst, das ihrVersuch, die Problem einfach noch vor sich her zu schieben, das Gegenteil einer Problemlösung bedeutet, nämlich die nächste Krise zu programmieren.

Die „registrierte Arbeitslosigkeit“ informiert nicht über den tatsächlichen Beschäftigungsrückgang

Zu Beginn des Jahres 2011 wurde in der ersten Ausgabe des Informationsbriefs des „Instituts der deutschen Wirtschaft“ (iwd), einer Einrichtung der Unternehmer, unbeabsichtigt ambivalent verkündet: „Das Konjunkturfeuerwerk geht weiter“. Ein Feuerwerk jedoch schnell abgebrannt. Weniger doppeldeutig ist da schon die Meldung, dass die Zahl der Erwerbstätigen mit über 40 Mio. ein bisheriges Höchstniveau erreicht habe.

Das sieht nach unbezweifelbarem beschäftigungspolitischem Erfolg aus. Doch leider ist dieser Anstieg der Erwerbstätigenzahl hauptsächlich Resultat der fortlaufenden Umwandlung von Voll- in Teilzeitbeschäftigung und der Zunahme von Minijobs sowie anderer Formen sogenannter „atypischer Beschäftigung“.

Die einzig einigermaßen zutreffende Auskunft zur Beschäftigungsentwicklung bietet das sogenannte Arbeitsvolumen, also die Gesamtzahl der jährlich in einer Volkswirtschaft geleisteten Arbeitsstunden: Das Arbeitsvolumen in Deutschland ist im langfristigen Trend ständig zurück gegangen. Allein zwischen 1991 und 2004, also dem Jahr zu Beginn eines leichten Konjunkturaufschwungs zwischen 2004 und 2007 sank das Arbeitsvolumen um 9.1 %.

In absoluten Zahlen: Von 51.785 Mio. Arbeitsstunden (1991) auf 47.051 Mio. (2004). Der Rückgang beim Arbeitsvolumen der Männer lag mit 13.1 % erheblich höher als bei Frauen. Deren Arbeitsvolumen sank um 2.68 % Die Zahl der beschäftigten Arbeitnehmer ging in diesem Zeitraum jedoch nur um 1.32 % zurück (von 35.101 Mio. 1991 auf 34.635 Mio. 2004). Die Erwerbslosenquote (ILO Konzept) betrug 1991 5.4 %, 2004 9.8 %. Wie kann es sein, dass die Beschäftigung um rund 13 % sinkt, die Arbeitslosenquote auch stark steigt – von 5.4 auf 9.8 %, aber nur ein recht geringer Rückgang der Beschäftigtenzahl eintritt?

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Die Antwort ist recht einfach und umfasst zwei Komponenten: Erstens zählen zu den Erwerbstätigen sowohl Teilzeitbeschäftigte als auch Minijobber bzw. atypisch Beschäftigte. Zweitens stiegen vorwiegend diese Beschäftigungsverhältnisse unterhalb des Normalarbeitsniveaus an: Die Teilzeitquote verdoppelte sich in den 14 Jahren zwischen 1991 und 2004 – von 15.7 % auf 31.6 %!6 Das betrifft keineswegs nur Frauen, wie häufig vermutet wird, sondern der Anstieg der Teilzeitquote bei Männern ist insofern besonders auffällig, weil er von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau (4.0 %) begann. Bei Frauen betrug das Ausgangsniveau 30.7 %. Es ist daher plausibel anzunehmen, dass die Teilzeitarbeit bei Männern als reine Notlösung mangels der erwünschten Alternative Vollzeitbeschäftigung gewählt werden musste. Frauen sind hingegen aus verschiedenen Gründen eher an Teilzeitarbeit interessiert.

Mäkelei am vermeintlichen deutschen Beschäftigungswunder kommt zwar momentan weder gegen die euphorische Aufschwungsrhetorik der Medien an, noch findet sie bei denen Gefallen, die ernsthaft um Arbeitsplätze bangen. Doch ein Feuerwerk mag die Herzen erwärmen und für kurze Zeit die Dunkelheit vertreiben, aber ein Mittel gegen Kurzsichtigkeit ist es nicht.

Die längerfristige Entwicklung der Beschäftigung in Deutschland sinkt – gemessen am Arbeitsvolumen. Darüber jedoch wird der Öffentlichkeit nicht berichtet. Vielmehr stellen die Massenmedien die Beschäftigungsentwicklung faktisch nur mit Arbeitslosenquoten und Erwerbsniveau dar. Stabile Arbeitslosenquoten, gar sinkende, gelten als Ausweis einer befriedigenden bzw. guten Beschäftigungssituation.
Doch – abgesehen von den immer wieder revidierten Erfassungspraktiken für die „registrierte Arbeitslosigkeit“, die häufig Manipulation bedeuten – lässt sich die tatsächliche Beschäftigungsentwicklung eben nur mittels des sogenannten Arbeitsvolumens erfassen. Es wird auch hierbei nicht nach guten und schlechten Arbeitsplätzen bzw. nach den Qualifikationsstufen differenziert. Doch auch ohne diese Verfeinerung gibt der längerfristige Verlauf des Arbeitsvolumens einen deutlichen Eindruck, ob die Beschäftigung gestiegen, gleich geblieben oder gesunken ist.
Es liegen zusätzlich aufschlussreiche branchenspezifische Zahlen über die Veränderung des Arbeitsvolumens vor.

Daraus lässt sich sehr klar der Strukturwandel erkennen. Grundsätzlich verläuft er in Richtung Dienstleistungsproduktion. Die in den 1940er Jahren von Keynes und vor allem Fourastié aufgestellte Prognose zum langfristigen Strukturwandel hat sich empirisch bestätigt: Von 1991 bis 2009 ergaben sich nach (vorläufiger) Berechnung des Statistischen Bundesamtes folgende prozentualen Veränderungen des Arbeitsvolumens in den drei Sektoren (eigene Berechnung nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes):
• Primärer Sektor: Erwerbstätige -45.5 %
• Sekundärer Sektor: Erwerbstätige -34.5 %
• Tertiärer Sektor: Erwerbstätige +13.7 %.

Die Daten belegen zweifelsfrei, dass Beschäftigungsgewinne nur noch im tertiären Sektor, also bei den Dienstleistungen stattfanden, und das wird auch künftig so bleiben. Der Schrumpfungsprozess im Agrarsektor, vor allem aber in der Industrie wird sich fortsetzen. Das Institut für Arbeits- und Berufsforschung (IAB) rechnet damit, dass der Beschäftigtenanteil des primären Sektors an der Gesamtbeschäftigung bis 2025 auf 1.5 % zurückgeht. Der Beschäftigtenanteil des sekundären Sektors werde jedoch auf 20 % absinken; 2009 lag er noch bei etwa 25.2 % der Erwerbspersonen.

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Notwendig ist gerade auch im Interesse der Industrie ein weiterer Ausbau des Dienstleistungsbereichs, und zwar bei angemessenem Lohnniveau. Denn nur auf diesem Weg lässt sich die Massenkaufkraft so stark steigern, dass die Inlandsnachfrage sowohl höhere Importe ermöglicht als auch der Industrie ein höheres Absatzvolumen am Binnenmarkt verschafft.

Wie gesagt, das Arbeitsvolumen fällt in Deutschland im langfristigen Trend. Deshalb ändert ein kurzfristiger Anstieg, wie er zur Zeit vorliegt, nichts an der grundsätzlichen Abnahme. Konjunkturzyklen lassen zwar vorübergehend die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden steigen, aber diese sinken dann eben wieder ab, und zwar auf ein Niveau unterhalb des Beginns des Aufschwungs.

Der Blick auf die längerfristige Entwicklung darf selbstverständlich die Demografie nicht ausklammern. Bekanntlich schrumpft die deutsche Bevölkerung. Die Nettoreproduktionsrate (= Töchter pro Frau) sank bereits 1972 unter den für eine stationäre bzw. stabile Bevölkerung notwendigen Wert. Demografische Vorausrechnungen sind recht zuverlässig – weitaus zutreffender als Wirtschaftsprognosen. Bis 2050 ist mit jährlich steigenden Bevölkerungsrückgängen zu rechnen, und zwar in sechsstelliger Größenordnung – jedes Jahr wohlgemerkt. Der Bevölkerungsrückgang per se ist jedoch noch nicht so problematisch, sondern alarmierend erscheint die synchron eintretende demografische Alterung. Es führt wohl kein Weg daran vorbei, wenigstens eine zeitweilige Entlastung durch (verstärkte) Nettozuwanderung zu erreichen.

Blick auf den Konjunkturverlauf seit 2008

Nach dem offenen Ausbruch der Finanzkrise stürzten die deutschen Exporte um ca. 20 % ab, und das BIP sank um rund 5 %. Im Unterschied zur Brüningschen Deflationspoitik Anfang der 1930er Jahre reagierten die Regierungen mit umfangreichen Konjunkturprogrammen. Der deutsche Beitrag fiel allerdings im Vergleich zu etlichen anderen Ländern (u. a. USA, VR China) relativ schwach aus, dennoch wird die Staatsverschuldung als höchst bedrohlich angesehen.

Das heiß diskutierte Problem der steigenden Staatsverschuldung hat jedoch wenig, eigentlich gar nichts mit den Konjunkturprogrammen selbst zu tun, sondern resultiert aus den Wahnsinnsbeträgen für die Bankenrettung, also der Sozialisierung privater Spekulationsverluste. Die absolute Höhe der Staatsverschuldung besagt aber noch nichts über ihren Wert oder Unwert für die wirtschaftliche Entwicklung. Vielmehr kommt es immer darauf an, was der Staat mit den Krediten finanziert. Geht es um Infrastruktur, so ist Defizitfinanzierung sinnvoll; geht es um Subventionen maroder Banken oder anderer Unternehmen, die unter Überakkumulation leiden, so ist die Verschuldung in der Tat sehr kritisch zu beurteilen.

Auch die Zentralbanken – in den USA die FED und zögerlicher die EZB – agieren völlig anders als in den 1930er Jahren. Die Weltwirtschaft wird mit Liquidität überschwemmt, die durch Vermehrung der Zentralbankgeldmengen gespeist wird.

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Insgesamt gesehen ist festzustellen, dass die Expansionsmaßnahmen wirken. Insbesondere die deutsche Exportindustrie profitiert von den ausländischen Konjunkturprogrammen. Ein großer Teil des Exportrückgangs und des BIP-Einbruchs von 2008/09 wurde so revidiert. Ohne die staatlichen Konjunkturprogramme wäre die Umkehr vom Abschwung zum Aufschwung nicht so rasch, wenn überhaupt erreicht worden.
Doch was passiert, wenn die Konjunkturprogramme ausgelaufen sind und für neue der politische Wille fehlt sowie wegen der verbreiteten Verschuldungsangst ohnehin keine Defizitfinanzierung mehr gewagt wird? Die Wachstumsprognosen für die deutsche Volkswirtschaft sehen zwar für das laufende und das nächste Jahr relativ optimistisch aus und, wie erwähnt, werden sie durch das politische Marketing noch als weitaus bedeutsamer herausgestellt, als sie sind, aber für das gesamt Euro-Gebiet lässt sich das nicht sagen. Die Prognosen der EZB vom Dezember 2010 rechnen mit maximal 1.8 % realem Wachstum in 2011 und 2.3 für 2012.

Die registrierte Arbeitslosigkeit ist trotz des Produktions- und Beschäftigungseinbruchs nicht wesentlich gestiegen. Dieser erstaunliche und erfreuliche Sachverhalt beruht auf der bereits erwähnten Arbeitszeitverkürzung neuer Art. Statt massenhaft zu entlassen, wurden Arbeitsplätze erhalten, und zwar durch
• Kurzarbeit, die von der Bundesregierung mit etwa 5 Mrd. € bezuschusst wurde (32 %);
• starke Zunahme der Teilzeitarbeit und der atypischen Beschäftigung (u. a.
Minijobs) (43 %)
• Abbau von Arbeitszeitkonten und Fortfall von Überstunden (36 %)
Allerdings wird nirgends von Arbeitszeitverkürzung gesprochen, sondern von „flexiblen Arbeitszeitmodellen“.

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Die vermeintlich so vorteilhafte „Flexibilisierung“ des Arbeitsmarktes brachte neben anderen Verschlechterungen einen erheblichen Rückgang der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Gegenwärtig liegt der Anteil sozialversicherungspflichtig Beschäftigter bei etwas unter 69 % (IAB nennt 68.7 %). Anfang der 1990er Jahre waren es noch ca. 75 %.

Teilzeitarbeit stellt faktisch eine Form der Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich dar. Doch es handelt sich eben doch um Arbeitszeitverkürzung, und die Alternative wären höhere Arbeitslosenzahlen.

Schlussfolgerungen aus den langfristigen Trends

Wie erwähnt, besteht ein langfristiger Trend zunehmender Teilzeitarbeit. Das IAB rechnet für 2011 mit einem Anstieg auf 35.2 %. Verglichen mit dem Wert von 2004: 31.6 % ist das eine Zunahme von 3.6% und bezogen auf den Wert von 1991: 15.7 % eine Zunahme von 19.5 % – innerhalb von 20 Jahren.
Diese Zunahme der Teilzeitbeschäftigung ist durch die Krise beschleunigt worden, aber es handelt sich um einen längerfristigen Trend. Es ist somit nicht unwahrscheinlich, dass Teilzeitarbeit mehr und mehr an die Stelle normaler Beschäftigungsverhältnisse tritt.
Begünstigt wird dieser Trend durch den Strukturwandel in Richtung Dienstleistungssektor. Denn dort lässt sich Teilzeitarbeit leichter durchsetzen als in der Industrie. Bei der Teilzeitarbeit handelt es sich bisher um Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich. Häufig kommt es damit sogar zur Lohnsenkung (pro Stunde). Es könnte jedoch künftig aus dem Laster eine Tugend gemacht werden. Wenn ohnehin der Trend zu mehr Teilzeitarbeit anhalten wird, käme es darauf an, Teilzeitarbeit besser zu entgelten und angemessen sozial abzusichern.

Die Tarifpolitik könnte bei anstehenden Lohnrunden Produktivitätssteigerungen für Lohnerhöhungen im Teilzeitbereich und für Arbeitszeitverkürzungen bei den Vollzeitstellen nutzen. Längerfristig würden sich dann Teil- und Vollzeitbeschäftigung aufeinander zu bewegen. Dieser Weg, das Problem der Massenarbeitslosigkeit zu lösen, scheint mir erfolgversprechender zu sein als die Einführung eines leistungs- bzw. arbeitslosen Mindesteinkommens.

Dass eine Ausweitung von Teilzeitbeschäftigung die registrierte bzw. statistisch ausgewiesene Arbeitslosigkeit vermindert, wurde vor allem am Beispiel des „Niederländischen Modells“ deutlich. Die Niederlande setzen seit den 1980er Jahren bewusst auf mehr Teilzeitbeschäftigung. Diese wurde aber auch – anders als bei uns – sozialversicherungsrechtlich der Vollzeitbeschäftigung gleich gestellt. Das bescherte der Teilzeit-Politik relativ hohe Akzeptanz.
Wenn sich Teilzeitarbeit als dauerhaft und weiterhin steigend erweisen sollte, so wäre zu überlegen, ob und wie hierbei eine Wende zum Positiven erreicht werden kann, indem mit Teilzeitarbeit ein Einkommen erreicht werden kann, das einen akzeptablen Lebensstandard ermöglicht.

Folgende Aspekte sind bei einer Neubewertung der Teilzeit zu beachten:
• Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich künftig wieder so hohe Wachstumsraten des BIP einstellen werden, dass die alte Formel „Vollbeschäftigung durch Wachstum“ erneut Geltung erfährt. Dabei hieße Vollbeschäftigung, dass das Arbeitsvolumen so stark stiege, dass alle Erwerbspersonen, die Normalarbeitszeit leisten möchten, dies auch können.
• Ob überhaupt noch hohes Wachstum und nicht vielmehr Stagnation die angemessene Zukunftsoption darstellt, kann hier nicht vertieft erörtert werden, aber m. E. sprechen folgende Gründe für Stagnation: Umweltzerstörung bzw. ökologische Grenzen, Ressourcenerschöpfung (Preissteigerungen infolge zunehmender Knappheit), Unterschiede im „Wachstumsbedarf“ zwischen altindustrialisierten Wohlstandsländern und den Entwicklungs- und Schwellenländern, endogene Wachstumsabschwächung in den reichen Volkswirtschaften mit abnehmender Bevölkerung, Strukturwandel vom sekundären zum tertiären Sektor (geringerer gesamtwirtschaftlicher Produktivitätsfortschritt).
• Wenn über Wachstum keine Vollbeschäftigung in vorgenanntem Sinn mehr erreicht werden kann, so müsste die neue Formel lauten „Vollbeschäftigung ohne Wachstum“.

Diese Option lässt sich durch zwei miteinander vereinbare Handlungsstränge realisieren: Arbeitszeitverkürzung und Ausweitung der Dienstleistungen, und zwar solcher Dienstleistungen, die relativ geringe Rationalisierungspotentiale enthalten. Denn nur solche rationalisierungsimmunen arbeitsintensiven Bereiche bieten auf Dauer zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten. Mehr Beschäftigung dieser Art bringt zwar auch noch ein gewisses Wachstum, aber es handelt sich um Wachstum bei einer niedrigen Beschäftigungsschwelle.
Die Zunahme der Teilzeitbeschäftigung, also kürzere Arbeitszeit ohne Lohnausgleich, ließe also sich positiv wenden. Nämlich dann, wenn als Modell der Arbeitsgesellschaft, Teilzeitarbeit ein Einkommen verschafft, das einen angemessenen Lebensstandard ermöglicht.

Selbstverständlich stellt sich sofort die Frage, was ist „angemessen“. Sie lässt sich nicht ohne Bezug zur historischen Situation und der kollektiven Mentalität beantworten, aber eine plausible Antwort kann gefunden werden, wenn sie gefunden werden soll. Unabdingbar ist aber eine gleichmäßigere Einkommensverteilung, was u. a. eine konsequent produktivitätsorientierte Lohnpolitik erfordert. Weiterhin ist ein allgemeiner Mindestlohn, der ebenfalls dynamisch angelegt sein müsste, geboten. Zudem sollte auch die Leiharbeit eingeschränkt werden. Auf alle Fälle müssten Leiharbeitskräfte wie die Stammbelegschaft der Firmen, die Leiharbeit einsetzen, bezahlt werden. Denkbar wäre, dass die Produktivitätssteigerungen künftig so verwendet werden, dass die Teilzeitkräfte Lohnerhöhungen erhalten, die Vollzeitkräfte hingegen bei unverändertem Einkommen ihre Arbeitszeit senkten. Es ergäbe sich also im Laufe der Zeit eine Annäherung der Vollzeit- und der Teilzeitsituation.

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Teilzeitarbeit allmählich in dem Sinn zu einer Normalbeschäftigung zu machen, dass damit der Lebensunterhalt verdient werden kann, sollte auch unter wohlstandspsychologischem Aspekt gesehen werden. Selbstverständlich ist die Formel zynisch, irgendeine Arbeit sei besser als keine Arbeit; das ließe sich auch auf die Sklaverei anwenden. Jedoch sollte zur Kenntnis genommen werden, dass die „ökonomische Glücksforschung“ herausgefunden hat, dass von allen sozioökonomisch bedingten Stressfaktoren Arbeitslosigkeit mit Abstand die schwersten psychischen Belastungen mit sich bringt: Arbeitslosigkeit bringt beträchtliche psychische Kosten mit sich und reduziert das Wohlbefinden der Arbeitslosen stärker als jede andere Ursache, einschließlich Scheidung und Trennung. Auch diejenigen, die Arbeit haben, werden durch die allgemeine Arbeitslosigkeit negativ betroffen.

Das erwähnte „Holländische Modell“, bei dem Teilzeitarbeit sozial wie Vollzeit abgesichert wurde, ging einher mit der Propagierung eines neuen Familienmodells, das offenbar auch Akzeptanz gefunden hat: Beide Ehepartner arbeiten Teilzeit, so dass das Familieneinkommen dem herkömmlichen entspricht, eventuell sogar darüber liegt. Um die Erwerbsquote der Frauen zu erhöhen, sind selbstverständlich institutionelle Hilfen derart erforderlich, dass genügend Kindergärten und Ganztagesschulen angeboten werden. Die Frauenerwerbsquoten in den Niederlanden, in skandinavischen Ländern und auch in der DDR liegen bzw. lagen aufgrund der umfassenden Einrichtungen der Kinder- und Schülerbetreuung erheblich höher als in der Bundesrepublik.

Mit Blick auf die demografische Entwicklung in Deutschland, d. h. die schrumpfende Bevölkerung, ergeben sich durch das skizzierte neue Arbeitsmodell Reserven zur Ausweitung von Arbeitszeit. Wenn Arbeitslosigkeit vermieden wird, so entfallen auch die mit der Arbeitslosigkeit verbundenen Dequalifizierungen, die negativen psychischen und physischen Folgen, die Demoralisierung. Kurz gesagt, Vollbeschäftigung verhindert, dass Erwerbspersonen schließlich nicht mehr als vermittelbar eingestuft werden (müssen), was auch hohe volkswirtschaftliche Kosten mit sich bringt.

Das skizzierte Modell eines neuen Arbeitsregimes stellt aus meiner Sicht eine weitaus bessere Antwort auf die Massenarbeitslosigkeit dar als ein erwerbsloses Mindesteinkommen. In der Langfristperspektive spielt die demografische Entwicklung eine einschneidende Rolle. Es steht wohl außer Frage, dass wegen der Abnahme der einheimischen Bevölkerung eine Nettozuwanderung mehr als nur wünschenswert, nämlich notwendig sein wird. Damit stellt sich die Integrationsfrage in einer ganz anderen Größenordnung als bisher. Erforderlich wäre ein umfassendes Integrationsmodell, in dem ein spezifisch migrationsorientiertes Bildungs- und Ausbildungskonzepts zentrale Bedeutung erhalten müsste. In einzelnen Bereichen sind existenziell notwendige Leistungen ja schon gegenwärtig nur mit ausländischen Arbeitskräften zu erbringen. Erwähnt sei vor allem der häusliche Pflegebereich. Bekanntlich werden formalrechtlich gesehen illegale Pflegekräfte der eingetretenen Notstandssituation halber geduldet.

Erklärungsansätze der skizzierten langfristigen Krisenentwicklungen
In den 1970er Jahren endete die Nachkriegsphase hohen Wachstums. Die Wachstumsabschwächung war von den beiden Stagnationstheoretikern Keynes und Fourastié grundsätzlich schon in den 1940er Jahren vorausgesagt worden. Ihre Analysen wurden jedoch verdrängt und spielten selbst bei den kritischen Ökonomen der 1970er Jahre keine Rolle. Die Argumentation dieser Stagnationstheoretiker basierte auf zwei Voraussetzungen – einer technischen und einer konsumpsychologischen:
• Weiterhin technischer Fortschritt mit jährlichem Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktivität und des statistischen Pro-Kopf-Einkommen
• Nach Ende der Wiederaufbauphase und Befriedigung des Nachholbedarfs von Konsumenten und Investoren werde die Nachfragedynamik abnehmen (sichtbar u. a. in einem Anstieg der Sparquote); die sättigungsbedingte Nachfrageabschwächung tritt selbstverständlich bei den höheren Einkommensschichten früher und deutlicher auf als bei allen anderen, und ist irrelevant für die einkommensschwächeren Haushalte.

Die mikroelektronische Revolution, die nicht vorhergesehen wurde, stützte das Produktivitätswachstum und brachte eine Fülle neuer Konsumgüter hervor. Doch trotz der sehr attraktiven Produktinnovationen der Industrie ging das mittel- bis langfristige industrielle Wachstum auch weiterhin zurück, und der sekundäre Sektor wurde vom tertiären übertroffen.

Der Wachstumsrückgang erklärt sich also ganz vorwiegend durch die abnehmende Nachfragedynamik. Es gelang nicht mehr, durch Wachstum das Vollbeschäftigungsniveau zu halten. Die allmählich steigende Arbeitslosigkeit minderte den Anstieg der Massenkaufkraft, so dass dann eine weitere Abnahme der Nachfragedynamik eintrat; jetzt aber mehr und mehr wegen der zunehmenden Einkommensschwäche breiter Schichten und weniger aus Gründen relativer Sättigung.

Die Wirtschaftskrise der 1970er Jahre bereitete bekanntlich den Boden für den wirtschaftspolitischen Wechsel vom Keynesschen Interventionismus zur neoliberalen Entstaatlichungspolitik (Stichworte: Deregulierung, Privatisierung, Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, steuerpolitische Begünstigung der oberen Einkommensschichten = Umverteilung von unten nach oben). Dieser Politikwechsel wurde als „Angebotspolitik“ popularisiert. Es handelte sich politisch und ideologisch um den Versuch, den Keynesianismus zu beerdigen. Die längerfristigen Folgen waren die bekannten Verschuldungsexzesse und Spekulationsblasen, das alles mündete dann in der großen Krise der Gegenwart. Denn mangels ausreichender realwirtschaftlicher Investitonsmöglichkeiten suchte das Finanzkapital nach Rendite in Spekulationsgeschäften. Forciert wurde diese Expansion des Anarchokapitalismus noch durch die beispiellose globale Geld- bzw. Kreditvermehrung, die durch die Deregulierungspolitik erst möglich gemacht worden war.

Der Aufstieg des Neoliberalismus, richtiger: des Neokonservatismus, verdankte sich zwar der Krise der 1970er Jahre, aber erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam es zur neuen – hoffentlich nicht allzu langen – „Weltherrschaft“ der westkapitalistischen Ideologie des Marktradikalismus. Wir sollten bei der Bewertung dieser Entwicklung nicht übersehen, dass die VR China im Zuge der vom Westen ausgehenden „Globalisierung“ das neoliberale Model – wenn auch modifiziert – übernommen hat. Auch wenn jetzt durch Rückgriff auf staatliche Ankurbelungspolitik die Kriseneskalation unterbunden wurde, so sind damit keineswegs die langfristigen Krisenursachen – eben die Stagnation – beseitigt. Deshalb bleibt es dabei: Die Formel „Vollbeschäftigung durch Wachstum“ ist obsolet geworden.