Die europäische Politik im Bereich von Ausbildung und Berufsbildung in Estland

Von: Kaja Toomsalu (Gewerkschaftssekretärin beim Estnischen Gewerkschaftsbund)

Kaja Toomsalu

Gewerkschaftssekretärin beim Estnischen Gewerkschaftsbund

Sekretärin für Tarifverhandlungen und Lohnpolitik Estnischer Gewerkschaftsbund Works in Estonian Trade Union Confederation from the end of 2003 as secretary of collective bargaining and wage policy. Her responsibilities are also labour market and life long learning (incl vocational education and training and professional qualifications) topics. She has previous work experience from road and transport sector, beginning as economist in one road transport company and Estonian Road Administration, following long working life in trade unions as ...
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Estland ist ein sehr kleines Land mit begrenzten natürlichen Ressourcen. Um sich einen Wettbewerbsvorteil in der globalen Wirtschaft zu sichern, muss sich das Land daher auf seine Humanressourcen stützen. Unsere Regierung hat mit ihrem Programm ihr Ziel bekannt gegeben, „die Bildung in Estland auf das hohe Niveau der nordischen Länder zu heben. Gute Bildung bedeutet höhere Löhne, besseren Schutz vor Arbeitslosigkeit und höhere Renten für die Zukunft“ (Programm der Regierungskoalition 2011 – 2015).

Der Nutzen von Bildung soll deutlicher hervorgeheoben werden. Um ihre Ziele zu erreichen, beabsichtigt die Koalition Folgendes: Renovierung/Bau neuer Unterrichtszentren und Wohnheime für alle Einrichtungen der beruflichen Bildung, die Unterstützung des Ausbaus von Einrichtungen der beruflichen Bildung zu lokalen Kompetenzzentren mit einer größeren Rolle für die regionale Entwicklung, die Schaffung neuer Zugangsmöglichkeiten zur Berufsbildung, die Förderung der Kooperation zwischen allgemeinen Einrichtungen und Einrichtungen der beruflichen Bildung und die Schaffung von Möglichkeiten des selbstgesteuerten Lernens für Personen mit abgeschlossener Berufsbildung, die einen Hochschulabschluss anstreben.

Geringes Ansehen

Zu diesem Zweck haben Teilnehmer von Berufsbildungsgängen die Möglichkeit, eine ähnliche Zahl an allgemeinen Fächern wie an einem Gymnasium zu belegen. Auch die Qualität der Ausbildung wird als Punkt angeführt: Absolventen von Berufsbildungsgängen müssen berufliche Qualifikationen vorweisen, die für die Teilnahme am Arbeitsmarkt ausreichen. Ein weiterer Aspekt ist das lebenslange Lernen. Des Weiteren sind Sonderprogramme als wichtige Maßnahme zum Verbleib potenzieller Bildungsabbrecher in der Berufs- oder Hochschulausbildung vorgesehen.

Trotz des guten Rufs einiger Einrichtungen der beruflichen Bildung genießt die Berufsbildung traditionell nur geringes Ansehen. Die höhere Allgemeinbildung der Sekundarstufe und die Hochschulbildung werden meist höher bewertet. Statistics Estonia zufolge waren zu Beginn des Studienjahres 2010/2011 243.100 Personen für formale Bildungsgänge eingeschrieben. 60 % dieser Personen entfielen auf allgemeinbildende Einrichtungen, 12 % auf Berufsbildungsgänge und 28 % auf die Hochschulbildung. Dies hat zu der Situation beigetragen, dass 32 % (Altersgruppe der 25- bis 64-Jährigen) der estnischen Bevölkerung keine über das formale Bildungssystem erworbene Berufsqualifikation vorweisen können. Das Ansehen von Industrie und Gewerbe ist in den letzten Jahren mit dem Ruf, qualifizierte Arbeitskräfte zu beschäftigen, jedoch gestiegen.

Die europäische Ausbildungs- und Berufsbildungspolitik übt einen hohen Einfluss auf die politischen Strategien auf nationaler Ebene aus. Ein Beitrag wird dabei über den Europass erzielt. Seit 2005 ist die Anzahl der erstellten Europass-Lebensläufe und -Sprachenpässe jährlich gestiegen. In einer Situation, in der viele Erwerbstätige Arbeit in anderen europäischen Ländern suchen, ist der Europass eine nützliche Möglichkeit, Qualifikationen nachzuweisen.

Die Entwicklung eines ganzheitlichen Qualifikationssystems wurde 2007 vom Bildungs- und Forschungsministerium ausdrücklich in die politische Agenda aufgenommen und durch einen Gesamtplan und gesetzgeberische Initiativen unterstützt. Der überarbeitete Professions Act (PA, Berufsgesetz) wurde im Mai 2008 verabschiedet. Ziel ist die Entwicklung eines ganzheitlichen, flexiblen und tragfähigen kompetenzbasierten Qualifikationssystems, das das lebenslange Lernen und die Mobilität der Bevölkerung fördert und die Wettbewerbsfähigkeit der Gesellschaft verbessert. Das System wird zwei zentrale Prozesse umfassen:

  • Umsetzung der Erwartungen von Gesellschaft und Arbeitsmarkt an Kompetenzen und Lernergebnisse in Ausbildungs- und Berufsbildungsstandards und Curricula.
  • Evaluierung, Anerkennung und Zertifizierung der bestehenden Kompetenzen und Lernerfolge der Personen. Dieses System soll Teil eines Qualitätssicherungssystems für lebenslanges Lernen sein und als flexible Schnittstelle zwischen der Gesellschaft (bzw. im Fall des Berufsqualifikationssystems als Schnittstelle zwischen dem Arbeitsmarkt) und dem System des lebenslangen Lernens fungieren. In dieser Form wird die Anerkennung akademischer und beruflicher Kompetenzen zu einem einheitlichen Qualifikationssystem zusammengeführt, das mit dem EQR kompatibel ist.

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Gegenwärtig werden die folgenden umfassenden konzeptionellen und kulturellen Änderungen umgesetzt:

  • Systematische Umstellung auf Lernergebnisse auf Grundlage der Entwicklung von Curricula in allen Bereichen der formalen Bildung (Allgemein-, Berufs-, Hochschul- und Erwachsenenbildung).
  • Entwicklung kompetenz- (lernergebnis-)basierter Berufsstandards, die als Grundlage für die Ausarbeitung von Curricula und als Standard für die Evaluierung, Anerkennung und Zertifizierung von Kompetenzen dienen können.
  • Modulbasierter Ansatz für die Ausarbeitung von Berufsstandards und Curricula, ergänzt durch Regeln und Verfahren für die modulbasierte Evaluierung, Anerkennung und Zertifizierung von Qualifikationen und Teilqualifikationen.
  • Einführung eines einheitenbasierten Punktesystems und Integration von ECVET in die Module unter gleichzeitiger Überarbeitung der Qualifikationsstandards, sodass die verschiedenen Fähigkeiten und Kompetenzen gemäß ECVET angegeben werden.
  • Schrittweise Ausweitung der Anerkennung früherer Lernerfolge. Die Entwicklung im Bereich der Hochschulbildung ist im Rahmen des Bologna-Prozesses schneller vorangeschritten und wurde außerdem durch ESF-finanzierte Projekte wie VÕTA (Varasema Õppe ja Töökogemuse Arvestamine) und RPL (Recognition of Prior Learning and Experience) sowie entsprechende Änderungen des Higher Education Standard (Hochschulbildungsstandard, 2008) gestützt. 2009 wurden diese Änderungen in den Berufsbildungsstandard aufgenommen.

Mit der so erreichten Vergleichbarkeit der estnischen mit den europäischen Qualifikationen können unsere Erwerbstätigen ihre Fähigkeiten und Kompetenzen besser mit anderen Erwerbstätigen in Europa vergleichen. Auch die Entscheidung, dass Lernende mit dem Abschluss eines Berufsbildungsgangs zukünftig auch Berufsqualifikationen erwerben können, ist positiv zu bewerten. Dies ist bisher nur durch mehrjährige Arbeitserfahrung mit einem nachfolgenden Anerkennungsverfahren für Berufsqualifikationen möglich. Berufsqualifikationsstandards sind Dokumente, die die beruflichen Tätigkeiten beschreiben und die Kompetenzanforderungen für die einzelnen Berufsqualifikationen mit ihren Stufen nennen. Diese bilden die Grundlage für die Berufsbildungscurricula.

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Ausbau der Berufsbildung ist ein Prozess

Der Ausbau der Berufsbildung in Estland ist ein fortlaufender Prozess. An der Ausarbeitung der verschiedenen Entwicklungspläne, der gesetzlichen Regelungen der Berufsbildung und der Anpassung der estnischen Qualifikationen und Qualifikationsrahmen an den Europäischen Qualifikationsrahmen waren auch Arbeitnehmervertreter (Gewerkschaften) beteiligt. Die Gewerkschaften in Estland sind klein und ihre personellen und finanziellen Möglichkeiten begrenzt, sodass nur wenige unserer Mitgliedsorganisationen die Berufsbildungspolitik zu einem Arbeitsschwerpunkt machen. Meist vertreten die Gewerkschaften ihre Mitglieder bei der Arbeit der Estonian Qualifications Authority (Qualifikationsstelle Estlands, die Berufsstandards ausarbeitet). Der Änderungsprozess könnte schneller voranschreiten, aber die Ausarbeitung der Vielzahl gesetzlicher Änderungen ist zeitaufwendig.  Der neue Vocational Education Institution Act (Gesetz über Einrichtungen der beruflichen Bildung), mit dem eine Vielzahl erforderlicher Änderungen umgesetzt werden soll, ist derzeit unglücklicherweise von der Regierung gestoppt.

Die estnischen Gewerkschaften messen den Änderungen im Bereich der beruflichen Bildung eine hohe Bedeutung bei. Hauptgrund dafür ist, dass diese Änderungen darauf abzielen, das Fähigkeits- und Kompetenzniveau der Bevölkerung und damit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.

Wir betrachten es jedoch als kritisch, dass Arbeitgeber und Gewerkschaften in diesem Punkt nicht immer die nötige Verantwortung übernehmen. Auf Arbeitgeberseite wird viel über den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften geklagt, aber gleichzeitig wird nichts unternommen, um Mitarbeitern den Zugang zu Fort- und Weiterbildungs- oder Umschulungsaktivitäten zu ermöglichen. Von Gewerkschaftsseite lässt sich sagen, dass viele Arbeitgeber die von ihren Mitarbeitern erworbenen beruflichen Qualifikationen nicht wertschätzen.

Eine höhere Qualifikation ist vielfach nicht Voraussetzung für einen höheren Lohn. Im Hinblick auf die Verbesserung der Berufsbildung zeigen Statistiken, dass auf unserem Arbeitsmarkt erwerbstätige Personen mit berufsbildendem Abschluss sehr viel weniger geschätzt werden als Mitarbeiter mit allgemeinbildendem Gymnasial- und Hochschulabschluss. Beispielsweise lag der Durchschnittslohn von Werkarbeitern und Anlagenbedienern Statistics Estonia zufolge im Jahr 2010 bei 83 % des allgemeinen Durchschnittslohns, während der Durchschnittslohn von Fachkräften mit Hochschulbildung 138 % des allgemeinen Durchschnittslohns betrug. Besonders schlecht ist die Lage für Frauen, die 2011 nach Abschluss eines Berufsbildungsgangs die Hälfte des Lohns verdienten, der Männern gezahlt wurde.