Meisterstück für Gleichwertigkeit

Von: Kai Gehring (MdB Bündnis 90/Die Grünen)

Kai Gehring

MdB Bündnis 90/Die Grünen

Kai Gehring ist seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages für die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Obmann im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, Mitglied im Menschenrechtsausschuss und stellv. Mitglied im Haushaltsausschuss. Für die bündnisgrüne Bundestagsfraktion ist er Sprecher für Forschung, Wissenschaft und Hochschule. Gehring ist zudem Berichterstatter für „Internationale Austauschprogramme“ des Bundestags. Er ist Mitglied im Senat der Leibniz-Gemeinschaft, im Kuratorium der Bundeszentrale für politische Bildung, im Kuratorium des Deutschen Studentenwerks, im Kuratorium des ...
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Sie wird viel beschworen – die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung. Aber in der realen Berufswelt ist die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung ein modernes Märchen. Wie kann aus diesem wichtigen Anspruch Wirklichkeit werden? Beitrag von Kai Gehring

Die berufliche Bildung in Deutschland ist attraktiv. Das Interesse an einer betrieblichen oder schulischen Ausbildung ist hoch. Die ausgebildeten Fachkräfte sind auf dem Arbeitsmarkt begehrt. Jahr für Jahr starten rund 700.000 Jugendliche über die berufliche Bildung ins Berufsleben. IT-Fachkräfte, Handwerkerinnen und Handwerker, Kaufleute, Verwaltungsangestellte, Fachkräfte für die Industrie, aus Pflege- und Sozialberufen – es gibt eine große Vielfalt an Wegen in der beruflichen Bildung. Damit entfaltet sie eine große Integrationskraft für die Gesellschaft und ist eine Ursache für die im internationalen Vergleich niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland.

Gleichwohl zeigt die beruflichen Bildung Krisensymptome, weil sich unter anderem immer mehr Betriebe aus der Ausbildung zurückziehen. Durch die Corona-Pandemie könnte sich dieser Trend nochmals verschärfen und ein großer Mangel an Ausbildungsplätzen vor allem in besonders hart betroffenen Branchen und Betrieben entstehen. Notwendig ist eine Politik, die dafür sorgt, dass die junge Generation nicht zur Verliererin der Coronakrise wird.

Die Sicherung zukünftiger Fachkräftebedarfe ist entscheidend für die Zukunftsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft. Die berufliche Aus-, Fort- und Weiterbildung spielt dabei eine zentrale Rolle, denn Deutschland braucht Master und Meister. Sowohl die akademische als auch die berufliche Bildung müssen attraktiver werden, damit sie ihr gesamtes Potenzial entfalten können und Aufstieg durch Bildung über beide Wege möglich wird.

Freie Entscheidung für den eigenen Bildungsweg

Beste Bedingungen in akademischer und beruflicher Bildung schaffen die Grundlage, dass sich junge Menschen frei nach ihrer persönlichen Neigung für ihren weiteren Bildungsweg entscheiden können. Das Ziel ist, dass berufliche und akademische Bildung gleichwertige Chancen auf ein erfolgreiches Arbeitsleben geben. Alle jungen Menschen sollen eine Ausbildungsgarantie erhalten, die einen direkten Einstieg in eine vollqualifizierende überbetriebliche Ausbildung ermöglicht. Österreich hat vorgemacht, dass eine solche Ausbildungsgarantie mit den Sozialpartnern zu guten Ergebnissen führen kann.

Aus der Bildungsforschung ist bekannt, dass die Wahl von Qualifizierungswegen von Image und Prestige, von Zugangs-, Einkommens- und Karrierechancen sowie von der Anzahl der Möglichkeiten abhängen, die sich mit den jeweiligen Abschlüssen eröffnen. Aufstieg wird in der Gesellschaft primär mit einem akademischen Abschluss verbunden, was auch mit dem durchschnittlich höherem Verdienst und dem geringeren Erwerbslosigkeitsrisiko zusammenhängt. Vor allem durch die mangelnde Tarifbindung verdient in Ostdeutschland mehr als jeder dritte Beschäftigte mit einer abgeschlossenen Ausbildung weniger als 2.000 Euro brutto im Monat. Der Niedriglohnsektor in Deutschland gefährdet die Attraktivität der beruflichen Bildung. Gute Tarifverträge sind daher ein zentrales Mittel, um die berufliche Ausbildung zu stärken und sie für potenzielle Azubis attraktiver zu machen.

Es gab es in den letzten Jahren zahlreiche Maßnahmen für mehr Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung. Diesen Weg gilt es weiterzugehen und in der Breite der Gesellschaft den Blick auf die berufliche Bildung zu verändern, indem auf gleichwertige Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten hingewiesen wird und diese auch ausgebaut werden. Das Ziel der Gleichwertigkeit ist nicht ausschließlich über Sprache oder Abschlussbezeichnungen zu erreichen, sondern auch indem Absolventinnen und Absolventen dieser Abschlüsse gleichwertige Chancen und adäquate Berechtigungen erhalten.

Gleichwertigkeit nicht nur auf dem Papier etablieren, sondern auch in der Einstellungspraxis

Auf dem Papier werden berufliche und akademische Abschlüsse bereits als gleichwertig betrachtet. Seit 2013 gibt es den Deutschen Qualifikationsrahmen mit acht Niveaustufen. Meister und Bachelor etwa sind dort auf der gleichen Stufe angesiedelt. Indes gibt es kaum Führungskräfte ohne Hochschulabschluss. Von höheren Positionen im öffentlichen Dienst sind beruflich Qualifizierte gänzlich ausgeschlossen. Obwohl Personen mit Abschluss der höherqualifizierenden Berufsbildung teilweise bereits gezielt vorbereitet werden für Führungsaufgaben und die strategische Weiterentwicklung eines Bereichs bzw. einer Organisation, können sie nur in Ausnahmefällen in den höheren Dienst des Bundes eingruppiert werden. Der Quereinstieg beruflich Höchstqualifizierter in den höheren Dienst des Bundes ist faktisch unmöglich. Der Bund muss die Chance ergreifen, diese althergebrachte und schon lange nicht mehr zeitgemäße Benachteiligung beruflich Qualifizierter zu beseitigen. Laufbahnregelungen und das Tarifrecht müssen flexibilisiert werden, damit Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung nicht nur auf dem Papier gelten, sondern auch in der Einstellungspraxis. Das anzustoßen, wäre eine wichtige Aufgabe für die „Allianz für Aus- und Weiterbildung“ von Bundesregierung, Ländern, Bundesagentur für Arbeit und Sozialpartnern.

Auch gilt es dafür zu werben, dass Unternehmen ihre Stellenausschreibungen öffnen für potenzielle Führungskräfte ohne Hochschulabschluss. Mit attraktiveren Perspektiven wird die berufliche Bildung für neue Personengruppen interessanter und Auszubildende sind nicht länger gezwungen, nach Abschluss ein Studium draufzusatteln, um den weiteren Aufstieg sicherzustellen. Gerade der Nachwuchs aus akademischem Elternhaus, der bisher bei Vorliegen der Hochschulreife zu einem Großteil studiert, wird dann noch ernsthafter darüber nachdenken, sich gegen die Familientradition und für eine Ausbildung zu entscheiden.

Sozialerhebung für Azubis

Mehr Gleichwertigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung ist auch in der Forschung geboten. Während es systematische, umfangreiche und regelmäßige Befragungen von Studierenden und Hochschulabsolventinnen und -absolventen gibt, fehlen diese für Auszubildende und Absolventinnen und Absolventen mit betrieblicher bzw. schulischer Berufsausbildung oder beruflicher Fortbildung weitgehend. Ebenfalls fehlen systematische, umfangreiche und regelmäßige Untersuchungen und Zahlen zur Anzahl und Entwicklung von ausschließlich beruflich qualifizierten Führungskräften in Unternehmen und im öffentlichen Dienst. Es gilt, diese Forschungslücken zu beseitigen: Die soziale Lage und die Herkunft der Auszubildenden muss ähnlich systematisch untersucht werden, wie es bereits seit Jahrzehnten über die Sozialerhebung für Studierende gemacht wird.

Neben einer Sozialerhebung für Azubis sollte in der beruflichen Bildung ein systematisches und regelmäßiges Absolventenpanel eingeführt werden, das die dualen Ausbildungsgänge, die schulische Ausbildungen und auch die höherqualifizierende Berufsbildung umfasst. Die Befragungen sollen Auskunft geben können über erworbene Qualifikationen, berufliche Anforderungen, Übergang in das weitere Berufsleben, Angemessenheit der Qualifikation und Anteil der Führungskräfte.

Internationalen Austausch stärken

Entwicklungsbedarf gibt es auch bei der Internationalisierung in der beruflichen Bildung. Universitäten und auch immer mehr Fachhochschulen bzw. Hochschulen für angewandte Wissenschaften treiben den Austausch von Studierenden und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als strategisches Handlungsfeld voran. Denn Austausch stärkt interkulturelle und sprachliche Kompetenz, exzellente Forschung und Innovation.

In der beruflichen Bildung gibt es bei der Internationalisierung bezogen auf die Mobilität von Ausbildenden und Auszubildenden noch viel Potenzial. Zwischen 2010 und 2017 konnte die Anzahl der mobilen Auszubildenden zwar von 2,4 auf 5,3 Prozent angehoben werden. Das im Bundestag beschlossene Ziel, dass bis 2020 mindestens 10 Prozent der Auszubildenden bei Abschluss ihrer Ausbildung einen Auslandsaufenthalt realisiert haben sollen, wird aller Voraussicht nach krachend verfehlt. Hier muss gemeinsam mit den Sozialpartnern Ursachenforschung betrieben und die Internationalisierung der beruflichen Bildung vorangetrieben werden. Ziel muss sein, die per Beschluss des Deutschen Bundestags gesetzte Zielmarke mit Nachdruck und schnellstmöglich zu erreichen. Das gelingt, indem europäische und nationale Mobilitätsprogramme wie das Nachfolgeprogramm von „Erasmus+“ und das BMBF-Programm „AusbildungWeltweit“ ausgebaut werden.

Bei Betrieben, Berufsschulen, Ausbildenden und Auszubildenden soll stärker für die Teilnahme an den Austauschprogrammen geworben werden. Zudem soll die Nationalen Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung ähnlich wie der Deutsche Akademische Austauschdienst an den Hochschulen den Austausch in der beruflichen Bildung innerhalb und außerhalb Europas fördern und dazu auch mit den Sozialpartnern kooperieren.

Gleichwertigkeit eröffnet neue Chancen für beruflich Qualifizierte

Das Ziel von Gleichwertigkeit ist, für Chancengleichheit und Durchlässigkeit zu sorgen und das lebensbegleitende Lernen nachhaltig zu verankern. Mit einer tatsächlichen Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung tun sich ganz neue Chancen für beruflich Qualifizierte auf. Statt sich für einen Weg zu entscheiden, gibt es dann echte Durchlässigkeit zwischen beiden Systemen. Jeder junge Mensch soll echte Wahlfreiheit erhalten, ohne Gefahr zu laufen, in einer beruflichen Sackgasse zu landen. Damit würde auch die bisher hohe Selektivität und soziale Abhängigkeit des schulischen Bildungswegs in Deutschland korrigiert.