Herausforderung digitale Arbeitswelt

Was kommt auf die Berufsbildung zu und was ist neu zu regeln?

„Wir gehen nicht davon aus, dass mit der Digitalisierung ein Wissensbedarf in den Betrieben entsteht, der mit der dualen Berufsausbildung nicht zu decken ist.“

DENK-doch-MAL.de: Gibt es Veränderungsbedarf aufgrund von Arbeit 4.0 für die Berufsbildung?

Ute Kittel: Es ist kaum zu bestreiten, dass Digitalisierung bzw. Arbeit 4.0 Auswirkungen darauf haben wird, wie wir in Zukunft arbeiten werden. Aber auch die Bildungsprozesse, die Voraussetzung für Teilhabe am Arbeitsprozess sind, sind Veränderungen unterworfen die in ihrer Gesamtheit noch nicht vollständig erfasst sind. Unstrittig scheint jedoch, dass die vermehrten Restrukturierungs- und Innovationsprozesse infolge der Digitalisierung veränderte Aus- und vermehrte Weiterbildung erforderlich machen, insbesondere dann, wenn die Beschäftigten im Sinne guter Arbeit in der digitalisierten Arbeitswelt tätig und innovativ sein sollen.

Wer ist Ute Kittel? Sie ist seit Juni 2015 Mitglied im ver.di-Bundesvorstand, Leiterin des Fachbereichs 5 Bildung, Wissenschaft und Forschung, Leiterin des Fachbereichs 13 Besondere Dienstleistungen sowie zuständig für den Bereich Bildungspolitik. Ute Kittel hat eine Ausbildung zur Vermessungstechnikerin (Wasserbau) im Wasser-und Schifffahrtsamt Saarbrücken gemacht. Mitglied des Aufsichtsrates BCD-Travel Germany.

DENK-doch-MAL.de: Woraus ergibt sich dieser Veränderungsdruck?

Ute Kittel: Mittlerweile verändert sich Technik und damit technisch machbare Lösungen, innerhalb von zwei Jahren grundlegend. Das hat Auswirkungen auf Arbeit und Qualifizierung. Die Beschleunigung technischer Innovationen führt in den Betrieben zu einer Flexibilisierung der Arbeitsstrukturen: Veränderungen der Arbeitsorganisation, Veränderungen der Arbeitsplätze – z.B. vernetzte Arbeitsformen – und kontinuierlichen Restrukturierungsprozessen, verbunden leider auch mit Arbeitsplatzabbau. Neue Beruflichkeit, dynamischer und pluraler werdende Berufsbiografien, berufliche Neurorientierungen und lebensbegleitende Fort- und Weiterbildungsbedarfe werden die neue Arbeitswelt prägen.

DENK-doch-MAL.de: Ist die duale Berufsausbildung in Zeiten von Arbeit 4.0 noch zeitgemäß?

Ute Kittel: Ausbildungsinhalte der dualen Ausbildungsberufe werden von ver.di gemeinsam mit den anderen Gewerkschaften sowie den Arbeitgeberverbänden und der öffentlicher Hand gemeinsam und im Konsens geordnet. Dabei sind die Ausbildungsordnungen technikoffen gestaltet, dass Betriebe auch heute noch gut darin ausbilden können. Falls sich die Notwendigkeit ergibt, dass sich neue betriebliche Anforderungen ergeben, so kann darauf auch direkt reagiert werden: Ein Beispiel hierfür sind die Überlegungen, einen Kaufmann für E-Commerce einzuführen. Auf der Ebene der Gestaltung von Ausbildungsberufen sehe ich daher kaum einen unmittelbaren Handlungsbedarf.

Dabei ist es natürlich nicht so, dass es keine Probleme in der dualen Berufsausbildung gibt. Dies hängt jedoch nicht originär mit Arbeit 4.0 zusammen. Die beruflichen Schulen, deren Finanzierung vom Grundsatz her durch die Bundesländer erfolgt, befinden sich nicht erst mit Aufkommen der Digitalisierungsdiskussion in Finanzierungsnöten. Deren materielle Ausstattung ist schon seit Bestehen der Finanzknappheit der öffentlichen Körperschaften defizitär. Hier ist ein Investitionsschub notwendig, auch um an den digitalen Stand der Technik anzuschließen. Vorstellen könnte ich mir, dass dies projekthaft in einzelnen Regionen oder einzelnen Schulen erprobt wird. Die föderale Zuständigkeit für Bildung ist hierbei im Übrigen nicht förderlich.

Ausbildungsordnungen geben den Betrieben einen großen Gestaltungsspielraum. Diesen müssen die Unternehmen auch vor dem Hintergrund neuer Herausforderungen aufgreifen. Hier gibt es ein Potential für Verbesserungen. Betriebliche Ausbilder/-innen müssen für die Herausforderungen von Arbeit 4.0 qualifiziert werden. Notwendig sind betriebliche Ausbildungspläne, die systematisches Denken ermöglichen.

DENK-doch-MAL.de: Was folgt daraus für die berufliche Bildung?

Ute Kittel: Digitalisierung der Arbeitswelt bedeutet, dass z.B. Projektarbeit mit neuen technisch machbaren Lösungen freie Zeiteinteilung und selbstständiges Arbeiten verspricht, Führung verschwommen erscheint und Arbeitnehmer/-innen zunehmend unternehmerische Risiken tragen.

Das erfordert von beruflicher Erstausbildung die Vermittlung völlig neuer Kompetenzen, um berufliche Handlungskompetenz zu erreichen.

  1. Wie kann Reflexivität im Sinne von kritischem Denken, Handeln und Dinge zu hinterfragen vermittelt werden?
  2. Vor dem Hintergrund einer Zunahme vernetzter Arbeitsformen bekommt die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen einen neuen Stellenwert: Welcher Kompetenzen zur verantwortungsbewussten Zusammenarbeit mit Anderen und der Bereitschaft die Arbeits- und Lebenswelt mit zu gestalten bedarf es, wenn die „Anderen“ nicht mehr am gleichen Arbeitsort arbeiten und Kommunikation nur über E-Mail oder Telefon möglich ist?
  3. Wie soll persönliche Kompetenzen, insbesondere das Erkennen eigener Wissensdefizite im Hinblick auf Veränderungen am Arbeitsplatz, entwickelt werden, die die Befähigung zum selbstständigen Weiterlernen und damit zum lebensbegleitenden Lernen befähigt?
  4. Wie können diese notwendigen und bereits in der Berufsausbildung herauszubildenden Fähigkeiten validiert und in Prüfungsgeschehen eingebunden werden?

In der Berufsausbildung wird es also darauf ankommen, stärker soziale Kompetenzen einzufordern und diese in Ausbildungsordnungen zu verankern.

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Richtungswechsel notwendig: Welchen Weg wird das duale System nehmen?

DENK-doch-MAL.de: Das heißt, eine Akademisierung der Berufsbildung ist nicht zu erwarten?

Ute Kittel: Wir befinden uns in einer fast paradoxen Situation. Einerseits wird die duale Berufsausbildung immer noch als Exportschlager gehandelt, insbesondere zur Beseitigung der oftmals hohen Jugendarbeitslosigkeit v.a. in den südlichen EU-Mitgliedstaaten. Andererseits führen wir hier bei uns eine Diskussion, ob die duale Berufsausbildung für eine Wissensgesellschaft noch zeitgemäß ist.

Wir gehen nicht davon aus, dass mit der Digitalisierung ein Wissensbedarf in den Betrieben entsteht, der mit der dualen Berufsausbildung nicht zu decken ist. Die wird in der Hinsicht häufiger unterschätzt. Richtig ist natürlich trotzdem, dass wir prüfen müssen, ob andere Formen der Berufsqualifizierung, wie z.B. das Duale Studium, ein geeigneter Weg sind, in einzelnen Bereichen auf die Herausforderungen der Digitalisierung zu reagieren. Welche Rolle ein duales Studium im bestehenden Bildungssystem einnehmen soll, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt. Hier besteht noch erheblicher Regelungsbedarf. Es wird auch darum gehen, für das duale Studium bundeseinheitliche Standards für den betrieblichen Teil zu etablieren, ähnlich wie sie im Berufsbildungsgesetz für die duale Berufsausbildung verankert sind.

DENK-doch-MAL.de: Und die Weiterbildung, kommt es im Zuge von Arbeit 4.0 zu einer Renaissance der Diskussion um das lebensbegleitende Lernen?

Ute Kittel: Der aktuelle Strukturwandel durch die Digitalisierung muss bewältigt werden, so dass Beschäftigte in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt mit guten Arbeitsbedingungen arbeiten können, und ohne dass Menschen hierbei arbeitslos werden. Hierbei hat Weiterbildung eine zentrale Rolle. So schlägt ver.di z.B. eine geförderte Bildungsteilzeit vor, um die Beschäftigungsfähigkeit der Erwerbstätigen zu sichern und um Rationalisierungsfolgen abzufedern.

Für die betriebliche Weiterbildung wird es darauf ankommen, die in der Berufsbildung erworbenen Kompetenzen zu erhalten und weiter zu entwickeln. Dazu gehört die Anpassung an veränderte Arbeitsplatzanforderungen, die Qualifizierung für neue Aufgaben bei Restrukturierungen oder Veränderungen der Arbeitsorganisation und schließlich auch die Entwicklung der persönlichen Kompetenzen.

Für die Weiterbildung ist die Etablierung einer neuen institutionellen Rahmenordnung notwendig, die die Strukturierung erfolgreicher betrieblicher und persönlicher Lebensverläufe ermöglicht  Hierzu gehört es auch, die Frage zu beantworten, wie die bisher in Deutschland stark segmentierten drei Bereiche der Weiterbildung, die betriebliche Weiterbildung, die individuelle Weiterbildung und die Weiterbildung als Teil aktiver Arbeitsmarktpolitik, miteinander verbunden werden können, wie Kooperationen hergestellt und Staat, Unternehmen, Gewerkschaften, Individuen und Bildungsträger in ein System unterschiedlicher Verantwortlichkeiten eingebunden werden können.

Notwendig ist schließlich eine enge Verzahnung von Aus- und Weiterbildung. Dies nicht nur bezogen auf die Aufstiegsfortbildungen sondern auch auf Anpassungs-, Erhaltungs- und Umqualifizierung (die Zertifizierung der im Berufsleben erworbenen Kompetenzen). Weiterbildung wird ständiger Begleiter des Berufslebens sein.

DENK-doch-MAL.de: Wie geht es bei ver.di weiter mit dem Thema Arbeit 4.0 und Berufsbildung?

Ute Kittel: Wir werden am 14. September 2017 in Berlin eine Konferenz mit dem Titel Digitalisierung und Herausforderungen für die Berufsbildung durchführen. In dieser Tagung wollen wir mit gesetzlichen Interessenvertretern/-innen und an Berufsbildung Interessierten anstehenden Fragen diskutieren. Im Fokus stehen hierbei die Fragestellungen: „Welchen Stellenwert hat das Thema Digitalisierung für die Berufsbildung im Dienstleistungsbereich“, „Welche Gestaltungspotentiale ergeben sich für Weiterentwicklung auf betrieblicher und überbetrieblicher Ebene?“, und schließlich „Welche Aufgaben stellen sich der ver.di zur Begleitung der Digitalisierung in der Berufsbildung?“ Im Anschluss daran werden wir einen Fahrplan zur weiteren Bearbeitung des Themas erarbeiten.

Danke für dieses Interview!

Das Interview hat Denk-doch-Mal-Redaktionsmitglied Roman Jaich geführt.