Interview mit Staatssekretär Thorben Albrecht aus dem Arbeitsministerium

Die GIG-Ökonomie braucht soziale Sicherheit

Das Interview führte Klaus Heimann, freier Journalist in Berlin

Von: Thorben Albrecht (Staatssekretär im BMAS), Dr. Klaus Heimann (Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin)

Thorben Albrecht

Staatssekretär im BMAS

Wer ist Thorben Albrecht? Albrecht ist beamteter Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Er ist zuständig für die Abteilungen für Grundsatzfragen, Arbeitsmarktpolitik sowie für die europäische Beschäftigungs- und Sozialpolitik. Sein bislang wichtigstes und erfolgreiches Projekt: Einführung des gesetzlichen Mindestlohns. Zudem hat er den Dialogprozess „Arbeiten 4.0“ angestoßen. Dabei geht es um die Zukunft der Arbeitsgesellschaft und die Voraussetzungen für „Gute Arbeit“ im digitalen Zeitalter. Albrecht arbeitete auch fünf Jahre als Referatsleiter für Europapolitik beim ...
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Dr. Klaus Heimann

Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin

Dr. Klaus Heimann, war bis Ende 2012 Ressortleiter Bildung beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt/M.. Jetzt ist er als freier Journalist, Moderator und Berater in Berlin tätig. Er war Mitarbeiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung und im Bundesinstitut für Berufsbildung. Seine Berufsausbildung absolvierte er als Maschinen-Schlosser. Er studierte an der Ruhr-Universität Berufs- und Wirtschaftspädagogik in Bochum und promovierte dort. Er war viele Jahre Aufsichtsratsmitglied bei der MAN AG in München und als Berater ...
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Alice polarisiert: Ein sprechender Roboter in der Altenbetreuung? Für die einen Horror, für die anderen gelungene Digitalisierung. 

Ein Interview mit Thorben Albrecht, Staatsekretär im Bundesarbeitsministerium

Herr Albrecht, wie werden wir in Zukunft arbeiten?

Thorben Albrecht: Jedenfalls anders als heute. Die Digitalisierung verändert die Technik und damit die Welt, in der wir leben. Was im IT-Bereich möglich ist, ist auch ein starker Treiber für gesellschaftliche Veränderungen. Aber: Es gibt keine technische Vorherbestimmung.

Ist die Richtung, die die Digitalisierung nimmt, wirklich noch zu beeinflussen? 

Albrecht: Ja. Es kommt sehr darauf an, wie die Gesellschaft diese Technik gestalten, nutzen und einsetzen will. Vielleicht sind die Chancen zur Richtungsbestimmung jetzt sogar besonders gut.

Warum das?

Albrecht: Weil alle gesellschaftlichen Akteure, egal ob Politik, Sozialpartner, Betriebs- und Personalräte, die Digitalisierung offensiv aufgreifen. Da ist ein erkennbarer Gestaltungswille vorhanden. Niemand wird überrollt von Entwicklungen, die Beteiligten können sie lenken. Das ist eine große Chance.

Aber viele Menschen haben Angst vor Arbeiten 4.0. Können Sie das verstehen?

Albrecht: Veränderungen bringen Unsicherheiten. Es gibt Risiken, das darf niemand verschweigen. Wenn Arbeit sich verdichtet, man ständig erreichbar ist, wenn Flexibilisierung unter Druck stattfindet, dann wachsen gesundheitliche Gefahren. Ängste gibt es auch, wenn es um die Qualifikationen geht: Kann ich mithalten? Bin ich zukünftig noch gefragt?

Neue Qualifikationen sind also wichtig?

Albrecht: Ja, wir müssen die Qualifikationen der Beschäftigten weiterentwickeln. Aufgaben die mit Arbeit 4.0 entstehen, sind anspruchsvoller. Da muss Bildung und Weiterbildung mithalten. Dabei geht es um viel mehr als nur um die Stärkung von IT-Kompetenzen. Derjenige, der bislang eine Maschine bedient hat, wird diese zukünftig zum Beispiel überwachen, Arbeitsprozesse organisieren und überblicken. Da geht es dann nicht nur um technische Kompetenzen, sondern ebenso um soziale Fähigkeiten und um Kommunikation.

Welche Vorteile hat eigentlich die Digitalisierung?

Albrecht: Die Digitalisierung bietet erhebliche wirtschaftliche Möglichkeiten, beispielsweise um die Produktivität zu steigern.

Da stellt sich sofort die Frage, wer die damit verbundenen Gewinne einstreicht?

Albrecht: Darum wird sicherlich gerungen. Das ist letztlich eine tarifliche und politische Frage. Am Ende des Tages könnte die gestiegene Produktivität auch zu mehr Arbeitsqualität führen.

Aber die Interessen zwischen Beschäftigten und Unternehmen sind doch ganz verschieden?

Albrecht: Es stellen sich Fragen, die nicht konfliktfrei sind. Deshalb brauchen wir neue Kompromisse. Aber auch mehr Beweglichkeit. Das bedeutet aber nicht, dass wir jetzt eine Deregulierungsoffensive starten. Aber starre Modell aus der Vergangenheit sind auch nicht sakrosankt.

Bei aller Beweglichkeit, gibt es positive Veränderungen bei den Arbeitsplätzen?

Albrecht: Menschen können zum Beispiel körperlich belastende Tätigkeiten an technische Assistenzsysteme abgeben. Ich hoffe auch, dass für Menschen mit Behinderungen der Zugang zum Arbeitsmarkt leichter wird. Die neuen Technologien können helfen, Arbeit menschengerechter zu machen.

Das ist gepaart mit mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit. Arbeiten von ‚Nine to Five‘ steht doch vor dem Aus?

Albrecht: Es gibt immer noch viele, die dieses Arbeitszeitmodell bevorzugen. Das ist auch in Ordnung. Aber die Zahl der Menschen, die andere Bedürfnisse haben, wächst. Beschäftigte sagen, ich will mich nachmittags um meine Familie kümmern und dann am Abend noch einmal vorm Computer sitzen. Wenn ich das selbstbestimmt machen kann, dann ist das für mich ein Gewinn. Das heißt aber nicht, dass diese neuen Anforderungen automatisch mit den Ansprüchen der Arbeitgeber deckungsgleich sind und da werden wir neue Kompromisse finden müssen.

Arbeit 4.0, das kommt sehr rational daher. Geht es auch um Emotionen?

Albrecht: Über Ängste haben wir schon gesprochen. Und in dem Zusammenhang werden wir auch über die Grenzen zwischen Mensch und Maschine sprechen müssen. Wir haben die FUTURALE gestartet, ein deutschlandweites Kinofestival, mit dem wir mit den Menschen über ihre Erwartungen an die Arbeitswelt 4.0 ins Gespräch kommen wollen. Im niederländischen Film ‚Ik been Alice‘ wird ein Roboter gezeigt, der in einer Pflege-Wohngemeinschaft mit den alten Menschen spricht. Der Film löst heftige emotionale Debatten aus. Wollen wir das wirklich so haben? Ich treffe aber auch auf Technikbegeisterung in den Unternehmen. Viele stürzen sich in die neue Welt, finden es zum Beispiel ganz toll, jederzeit ein Feedback zu bekommen. Das kann natürlich auch zu Selbstüberforderung führen.

Kommt die GIG-Ökonomie, die viele Arbeitnehmer zu kleinen „Solo-Selbstständigen“ macht, mit großer Macht?

Albrecht: Die Zahlen vom Arbeitsmarkt zeigen das noch nicht. Aber es gibt Tendenzen die darauf hindeuten, dass dies zukünftig verstärkt der Fall sein könnte. Dann stellt sich sehr schnell die Frage, wie sind Solo-Selbstständige besser in die sozialen Sicherungssysteme einzubeziehen.

TOTAAL ALICEDas ist aber eine harte Nuss?

Albrecht: Wir müssen klären: Wie können wir soziale Standards und Absicherungen für alle erreichen? Das sind natürlich wichtige Fragen, die auch an die Betreiber von Plattformen zu stellen sind.

Und was erwarten Sie von diesen Anbietern?

Albrecht: Wir werden diskutieren müssen, ob wir nicht neuen Formen von Unternehmen wie Plattformen größere gesellschaftliche Verantwortung abverlangen sollten. Soziale Standards dürfen für die Menschen jedenfalls nicht verlorengehen. Aber ich glaube, es ist möglich, hier gute Lösungen zu finden.

Brauchen wir nicht eine Art Straßenverkehrsordnung fürs Internet?

Albrecht: An vielen Stellen wäre das schon hilfreich. Gerade bei der Frage: Wer hat die Hoheit über die Daten? Hier auch in Zukunft klare Regeln zu haben, dass Informationen, die im Arbeitsprozess entstehen, auch nur dafür zu nutzen sind und beispielsweise nicht zur Leistungsüberwachung, das halte ich für notwendig.

Ist der deutsche Sozialstaat hinderlich für Arbeiten 4.0?

Albrecht: Nein, der Sozialstaat ist kein Hemmschuh, sondern wir brauchen ihn. Veränderungen wie Arbeiten 4.0 gehen nur, wenn die Menschen mitmachen. Bei den Beschäftigten werden Neuorientierungen notwendig sein. Dafür ist die Sicherheit, die der Sozialstaat bietet, unerlässlich. Gleichzeitig gibt es für den Sozialstaat neue Herausforderungen. Zum Beispiel künftig stärker zu unterstützen, dass die Menschen ihre Qualifikationen auf der Höhe der Zeit halten können.

Es gibt Listen welche Berufe verschwinden. Ist das seriös?

Albrecht: Wir haben uns das genau angeschaut. Dass Berufe komplett verschwinden ist unwahrscheinlich, aber Tätigkeiten verändern sich. Dabei fallen eher Routinetätigkeiten weg: Gleichermaßen bei händischer, wie kognitiver Arbeit. Und das nicht nur in der Industrie, sondern in allen Branchen. Wir hätten mehr Lebensqualität erreicht, wenn die gewonnene Zeit, beispielweise in der Pflege, dann dem Personal für die Betreuung von Patienten zur Verfügung steht. Generell vermuten wir, dass niedrigqualifizierte Beschäftigte am ehesten vom Verlust des Arbeitsplatzes bedroht sind.

Digitalisierung – bringt das Herausforderungen für Bildung?

Albrecht: Die Form der Wissensvermittlung ändert sich. Die technischen Möglichkeiten wachsen. Das Bildungspersonal verliert an Dominanz bei der Vermittlung von Wissen. Bildungspersonal wird künftig verstärkt die technischen Möglichkeiten einsetzen müssen. Aber die Vermittlung sozialer Kompetenzen oder die Einordnung von Wissen möchte ich dem Computer nicht überlassen.

FOTOALBUM ALICESie wollen auch die Bundesagentur für Arbeit umbauen.

Albrecht: Die Weiterbildung soll ein größeres Gewicht bekommen. Daran arbeiten wir. Gerade haben wir die Möglichkeit geschaffen, bei Arbeitslosen dem Lernen Vorrang vor der Vermittlung in Arbeit einzuräumen. Das ist ein Paradigmenwechsel. Wir fördern auch stärker Grundkompetenzen, die Voraussetzung für das lebenslange Lernen sind. Für erfolgreich abgeschlossene berufsbezogene Qualifizierung kann es Prämien geben. Es gibt ein Modellprojekt zur Weiterbildungsberatung– all das zeigt, wir haben angefangen, die Agentur umzubauen und den Aspekt Qualifizierung bei der Bundesagentur für Arbeit zu stärken.

Das Arbeitsministerium will eine aktive Rolle bei der Digitalisierung spielen?

Albrecht: Ja, das ist so. Wir haben im letzten Jahr die Debatte um Digitalisierung gestartet und den Dialogprozess Arbeiten 4.0 aufgesetzt, in dem wir uns sehr intensiv die Veränderungen für die Arbeitswelt anschauen. Wir haben dazu das Grünbuch Arbeiten 4.0 vorgelegt, das die Herausforderungen beschreibt und zentrale Fragen stellt. Zum Beispiel, welche Veränderungen sehen wir in der Wirtschaft und welche Auswirkungen hat das etwa für die soziale Sicherung, für die Qualifizierung und das Arbeitsrecht. Wir führen dazu Workshops unter anderem mit wissenschaftlichen und betrieblichen Experten durch und suchen den Dialog mit den Bürgern zum Beispiel mit unserem Kinofestival FUTURALE. Die Ergebnisse dieses Prozesses werden bis Ende des Jahres in ein Weißbuch einfließen, in dem wir die Gestaltungsoptionen für die Arbeitswelt 4.0 darlegen.

(Das Interview führte Dr. Klaus Heimann, freier Journalist in Berlin)

 

GruenbuchDer Internet-Tipp

Das Arbeitsministerium hat eine Internetseite zu Arbeiten 4.0 eingerichtet, die den Diskussionsprozess begleitet. Hier der Link: www.arbeitenviernull.de

Das Grünbuch

Das Grünbuch des Arbeitsministerium steht als download zur Verfügung: www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Publikationen-DinA4/gruenbuch-arbeiten-vier-null.pdf?__blob=publicationFile

Es kann aber auch als Print-Ausgabe bestellt werden und zwar hier:

www.bmas.de/DE/Service/Medien/Publikationen/A872-gruenbuch-arbeiten-vier-null.html