Der Mensch im Mittelpunkt - auch bei den Prüfungen

Das Interview mit Siegfried Blüml

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Siegfried Blüml Siegfried Blüml ist Enthusiast – auch in Sachen Innovationen bei Prüfungen – ein international renommierter Fachmann im Bereich der beruflichen Bildung und hier speziell auf dem Gebiet des KfZ- Handwerkes. Als Ingenieur, Ausbilder, ehemaliger Leiter der Carl-Benz Berufsschule und ehrenamtlicher Prüfer, engagiert er sich heute (in seinem wohlverdienten Ruhestand) für das Prüfungswesen in der Region Koblenz. WAP führte mit ihm ein bemerkenswertes Interview. Soviel Engagement für moderne Prüfungen haben wir bislang noch nicht einfangen können. Danke dafür – Siegfried Blüml.

Herr Blüml, Sie waren bereits an zwei Neuordnungsverfahren -1988/89 und 2001- der KfZ-Berufe beteiligt. Wie war das für Sie?

Mit dem ersten Verfahren wurde der Grundstein meines heutigen Kenntnisstandes gelegt. Die Arbeit in den Fachgremien war ein immenser Gewinn für meine persönliche Kompetenz. Ich habe mich intensive mit den pädagogischen Zusammenhängen und Wirkungen beschäftigt. Ein Resultat hieraus war ein Paradigmenwechsel im eigenen Denken. Insbesondere was die Form der Prüfung angeht: Das frühere, fein-zergliederte Abprüfen im Sinne einer Checkliste ist glücklicherweise den heutigen prozess- und handlungsorientierten Verfahren gewichen.

Was bedeutet das Ihres Erachtens für unsere Prüfer/innen und unsere Prüflinge?

Ausbildung und Prüfung müssen sich am Mensch und seiner beruflichen Realität orientieren. Schon die Tatsache, dass die Auszubildenden im Rahmen der Arbeitsprobe (Kundenauftrag) Verantwortung übernehmen, ist ein großer Zugewinn. Nur wer Verantwortung für sich und sein Handeln trägt, kann auch Selbstbewusstsein und Stolz aus seinem Beruf heraus entwickeln. Dies gilt für Prüfer/innen wie auch für Auszubildende.

Sie haben in der Region Koblenz das Prüferwesen für das KfZ-Handwerk sozusagen im Alleingang neu aufgestellt. Wie kam es dazu?

Aus der Not heraus! Nachdem ich vor fünf Jahren in Ruhestand gegangen bin, konnte ich mich jetzt endlich diesem Thema widmen. Stellen Sie sich vor, sie haben einen 3er Prüfungsausschuss für ca. 150 Prüflinge, der an alten KfZ-Modellen prüft … da beißt sich der erste Prüfling noch in den Hintern und ab dem 30ten kehrt Freude ein, weil die Prüfungsstellungen inzwischen bekannt sind. Das ist weder fair noch objektiv. Ich hab mich mit unseren Branchenprimussen dann zusammengesetzt und sie von dem Sinn der Prüfung im eigenen Haus überzeugen können. Seither prüfen Kolleg(inn)en Kolleg(inn)en. Ich hatte einen positiven Effekt erhofft. Das was wir in den letzten vier Jahren jedoch erlebt haben überstieg jede Erwartung. Nicht nur das wir von den Betrieben und den Prüflingen ein überragend positives Feedback bekommen, die Prüfer/innen sind es, die inzwischen dieses System selbst tragen. Vor allem die Tätigkeit als Prüfer/in hat ihnen ein Plus an Ansehen im Betrieb, im privaten Umfeld und vor den Auszubildenden gebracht, das sich mit Geld gar nicht aufwiegen lässt. Inzwischen sind wir übrigens 60 aktive Prüfer/innen.

Wie konnten Sie die Qualität der neuen Prüfungsausschüsse gewährleisten?

Wir haben uns regelmäßig nach Feierabend getroffen – meist in der Handwerkskammer. Ich habe mit Ihnen zusammen dann die Kriterien einer guten Frage- und Aufgabenstellung und eines Kriterienkataloges für die Bewertung der Prüfungsleistungen erarbeitet. Das Engagement meiner Prüferinnen und Prüfer war und ist dabei bewundernswert. Von den abendlichen Diskussionen habe ich auch ganz persönlich profitiert. Wie der betriebliche Alltag gestaltet ist und das dies ein Kriterium für die Objektivierung der Prüfungsleistungen ist, war eine wichtige Erkenntnis.

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Können Sie sich erklären, woher das von Ihnen angesprochene Engagement der Prüfer/innen kommt?

Aus ihnen selbst! Für die Überzeugung der einzelnen Personen hat es nur jemand gebraucht, der sie auf die Wichtigkeit dieser Aufgabe und die Vorteile für die und Ihre Betriebe aufmerksam macht. Wenn ich heute mit ihnen spreche, sind sie vor allem stolz auf sich und ihre neue Stellung. Ihr Ansehen im eigenen Betrieb, vor den Auszubildenden und den eigenen Kolleginnen und Kollegen ist immens angestiegen. Aber auch im privaten Bereich berichten sie mir immer wieder von positiven Effekten. Ich persönlich merke auch, wie sie mit einem gesteigerten Selbstbewusstsein ihren Alltag meistern. Sie haben sich fachlich und sozial weiterentwickelt und konnten auch die Arbeitsweise in anderen Betrieben kennenlernen. Als Prüfer/in erkennen sie, wie hoch Ihre Verantwortung als Meister und Ausbilder/in ist und können Rückschlüsse auf die Qualität des eigenen Handelns ziehen.

Ich erinnere mich noch an einen jungen Meister, der als Prüfungsinhalt sich die Funktion einer Zündspule erklären ließ. Nachdem der vierte Prüfling keine befriedigende Antwort geben konnte, drehte er sich zu mir um und meinte „ich muss mit meinen Auszubildenden unbedingt dieses Thema vertiefen.“ Ein besseres Beispiel für die Kopplung von Prüfung und Ausbildung kann es doch gar nicht geben.

In der Industrie haben wir vereinzelt damit zu tun, dass Betriebe Ihre Prüfer/innen nicht freistellen. Wie sind hier Ihre Erfahrungen?

Zu Beginn ist man auch mir skeptisch entgegengetreten. Nachdem die Unternehmer jedoch den immensen Mehrwert für sich erkannt haben, hat sich das völlig verkehrt. Heute überbieten sich die Betriebe während den Prüfungen mit Buffets und Betreuung. Das Zeichen an unsere Auszubildenden ist dabei ganz klar und wird auch so verstanden: Hier ist alles für dich vorbereitet, der Betrieb ruht (am Samstag) und die Prüfer/innen sind fit und bereit. Ein wesentlicher Vorteil für die Betriebe ist auch, dass sie sich vernetzen und den regionalen „Fachkräftemarkt“ kennenlernen. Dies ist im Übrigen auch ein Zugewinn für die Auszubildenden. Sie lernen neue Betriebe kennen und können sich einen guten Namen machen, wenn es eventuell in ein paar Tagen mit den Bewerbungsverfahren losgeht.

Momentan haben wir im Prüfungswesen zwei Strömungen: die Befürworter und die Gegner des betrieblichen Auftrages und des Fachgespräches. Wie stehen Sie zu dieser Debatte?

In diesen Dimensionen habe ich nie gedacht. Für mich müssen sich Prüfungen immer am Mensch orientieren. Das heißt an fairen und objektiven Maßstäben und an der Wirklichkeit im Betrieb und den Möglichkeiten im Prüfungswesen. Ich sehe die Prüfung und die Ausbildung als emotionale und fachliche Vorbereitung für den beruflichen Alltag. D. h. aber auch, dass unsere Aufgaben in der Breite der automobilen Modellpalette völlig gleichwertig sein müssen.

Mit PAL-Aufgaben arbeiten wir bei uns jedoch nicht. Alle Aufgaben wurden selbst erstellt und in einen recht ansehnlichen Fundus zusammengefasst. Wir haben unsere Prüfungen auch an die heutige Zeit angepasst. Nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch. Unsere Theorieprüfungen laufen seit vier Jahren online ab. Die Buben und Mädchen haben sich inzwischen daran gewöhnt und haben immer auch die Möglichkeit bei uns Vorbereitungskurse wahrzunehmen.

Persönlich versuche ich auch immer die individuelle Entwicklung eines jungen Menschen zu sehen. Wenn wir es schaffen, einen Auszubildenden, der nicht so rhetorisch geschult ist oder eine andere Vergangenheit besitzt, wie es unser System oft erwartet, zu einem erfolgreichen Abschluss zu führen … dann ist mir das persönlich fast ein Tick mehr wert, als der Überflieger der mit einer Eins abschließt und dem diese Leistung leicht gefallen ist. Das ist es auch was uns die neuen Facharbeiter/innen Danken. Ich hätte es nie erwartet, aber auf den Vergabefeiern kommen unsere jungen Kolleginnen und Kollegen zu uns und bedanken sich für die Form ihrer Prüfungen. Sie kennen es ja auch von Freunden aus anderen Kammern in der Region, wie deren Verfahren abgelaufen ist, die nicht wie wir prüfen.

Als IG Metall versuchen wir gerade eine Struktur aufzubauen, die unseren Prüfer/innen nachhaltig zur Verfügung steht. Wie haben Sie das in Koblenz organisiert?

Unser Arbeitskreistreffen orientiert sich immer an den Prüfungszeiten. D. h., wir bereiten unsere Prüfungen vor und nach. Wir verbinden dies immer mit einer Würdigung unserer Prüfer/innen und einem angenehmen Miteinander. Unseren Nachwuchs bekommen wir aus unseren eigenen Prüflingen. Ich hatte vor Kurzem einen angehenden Meister, der bei mir seine Prüfung gemacht hat. Der war fit und bei dem war alles so „geschmeidig“. Den habe ich mir gleich beiseite genommen, nachdem die Prüfung beendet war und hab ihm angeboten: Für Sie habe ich eine wunderbare Aufgabe. Es bringt etwas Belastung aber es lohnt sich. Sie können zweimal im Jahr – nicht eine Reise antreten – aber was ich Ihnen anbiete ist genauso wertvoll.

Inzwischen wächst ein Nährboden des Interesses aus unseren Aktivitäten, die uns die jungen und aktiven Leute in den Arbeitskreis bringt. Ich vermittle unseren Prüfer/innen immer, dass dieser Erfolg ihr Werk ist! Wenn man einen jungen Menschen stärken möchte dann muss man ihm Vertrauen schenken!

Eine Aussage von Herrn Blüml muss an dieser Stelle noch einmal hervorgehoben werden.

„Für mich ist diese duale Bildung ein so faszinierendes Kulturwerk, ein Kulturgut, das von Generation zu Generation, ja sogar von Lehrjahr zu Lehrjahr ineinandergreift. Die Prüfung trägt hierzu m. E. einen großen Teil bei. Diese inhaltliche, didakische Verzahnung, Prüfungswesen so zu gestalten, dass es mit der Ausbildung (Kompetenzerwerb) und der Zeit danach (Beruf) zu einem homogenen, tragfähigen Prozess wird, der der Arbeitswelt, dem Gewerk und den Kundenbeziehungen nur helfen kann“.

Das Interview führte Timo Gayer