INTERVIEW MIT NINO MELASHVILI

Schnell in den Beruf und Geld verdienen

„Die Ratsuchenden, die ich erlebe, wollen schnell in ihrem Beruf arbeiten und Geld verdienen. Dabei möchte ich sie unterstützen.“

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Nino Melashvili, ist seit 2016 Beraterin im Projekt „IQ NRW Anerkennungs- und Qualifizierungsberatung für Geflüchtete in den Integration Points der BA“. Sie hat ihren Master of Arts in Sozialwissenschaften an der Ruhr –Universität Bochum gemacht. Sie ist geboren in Tiflis, Georgien.

Nino Melashvili ist Beraterin für Geflüchtete. Sie informiert und berät in Anerkennungs- und Qualifizierungsfragen innerhalb des so genannten Integrations Points. Sie ist angestellt bei der IQ Consult gGmbH, einer Tochter des DGB Bildungswerk Bund und wird finanziert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales über das Netzwerk Integration durch Qualifizierung. Seit einem Jahr hat sie ca. 450 Ratsuchende, vor allem in Essen und Bochum beraten. Im Interview  mit Daniel Weber berichtet sie über ihre Erfahrungen.

Wie läuft eine Anerkennungs- und Qualifizierungsberatung üblicherweise ab? Was sind die Inhalte der Beratung?

Die Beratung hat zwei Teile: zum einen die Anerkennungsberatung und zum anderen die Qualifizierungsberatung. In der Anerkennungsberatung gebe ich erst einmal die wichtigsten Informationen über das komplizierte Verfahren. Ich helfe dabei die Ausbildungsinhalte über den gelernten Beruf im Herkunftsland mit dem Beruf in Deutschland zu vergleichen. Dazu prüfen wir zunächst gemeinsam die Dokumente: Was ist da? Was fehlt? Was liegt an Berufserfahrung vor. Danach legen wir einen „Referenzberuf“ fest – so nennt man den vergleichbaren Beruf zu der im Herkunftsland ausgebübten Tätigkeit.

Ich versuche dann möglichst viele Informationen über die Anforderungen des deutschen Arbeitsmarkts in Bezug auf diesen Referenzberuf zu geben: Hat eine Anerkennung Aussicht auf Erfolg? Ist eine Anerkennung zwingend nötig, oder kann man auch den Beruf ohne berufliche Anerkennung ausüben? Welche Schritte hin zur Anerkennung sind sinnvoll?

Wir gehen dann gemeinsam die Finanzierungsmöglichkeiten fest. Die Ratsuchenden können auf Unterstützung des Jobcenters oder der Bundesagentur für Arbeit oder des IQ-Netzes hoffen. In manchen Fällen kommt diese Zusage recht schnell, manchmal dauert es etwas. Ist die Finanzierung des Anerkennungsverfahrens geklärt und sind die Unterlagen alle beisammen reichen wir alles bei der „zuständigen Stelle“ ein.

Die Qualifizierungsberatung kann entweder parallel zur Anerkennungsberatung laufen, beispielsweise, wenn Vorbereitungskurse auf Prüfungen im Rahmen des Anerkennungsverfahren nötig sind – hier wären zum Beispiel die Externenprüfung oder die Kenntnisprüfungen bei fehlenden Unterlagen zu nennen. Die Beratung kann aber auch nach dem Anerkennungsbescheid ansetzen, da oftmals nur eine „teilweise Gleichwertigkeit“ bescheinigt wird und bestimmte Anpassungsqualifizierungen notwendig sind, um letztendlich die volle Gleichwertigkeit zu erhalten. Auch hier unterstütze ich, indem ich mögliche Qualifizierungen raussuche und dann die Finanzierung mit den Vermittlerinnen und Vermittlern kläre.

Wichtig für die Ratsuchenden ist fast immer: Wie kann ich möglichst schnell raus aus den Transferleistungen und mein eigens Geld in meinem erlernten Beruf verdienen? Welche Weiterbildung brauche dafür? Das ist nicht immer ganz einfach, aber ich versuche, diese Perspektive immer mit zu berücksichtigen in meiner Beratung.

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Beratung: Ein syrischer Rechtsanwalt zeigte mir einmal auf die Nachfrage nach dem Ort der Originalzeugnisse Fotos von seiner Kanzlei. Sie war in Trümmern. Alles was darin war, war vernichtet.

Ein syrischer Rechtsanwalt zeigte mir einmal auf die Nachfrage nach dem Ort der Originalzeugnisse Fotos von seiner Kanzlei. Sie war in Trümmern. Alles was darin war, war vernichtet.

Wie sehen die typischen Ratsuchenden aus? Gibt es Nationalitäten oder Berufe, die sehr häufig vorkommen?

Das kann man so gar nicht sagen. Zu mir kommen Menschen vieler Nationalitäten und mit vielen verschiedenen Berufen. Schwerpunkte sind sicherlich Syrien, Irak, Afghanistan, Iran aber auch Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Häufig sind es Ingenieurinnen und Ingenieure, Ärztinnen und Ärzte, Gesundheitsberufe, Informatiker, Wirtschaftswissenschaftler, Lehrerinnen und Lehrer, Juristinnen und Juristen, aber auch Elektriker, Techniker und einige aus dem kaufmännischen Bereich sind darunter. Was weniger häufig vorkommt, sind klassische Handwerksberufe, auch weil diese oftmals nicht formal erlernt wurden.

Auf welche Schwierigkeiten trifft man als Beraterin? Wo hakt es am meisten?

Verständlicherweise fehlen den Ratsuchenden oft Zeugnisse und Nachweise. Sie sind entweder auf der Flucht verloren gegangen oder im Krieg zerstört worden. Ein syrischer Rechtsanwalt zeigte mir einmal auf die Nachfrage nach dem Ort der Originalzeugnisse Fotos von seiner Kanzlei. Sie war in Trümmern. Alles was darin war, war vernichtet. Gut war, dass er Kopien gerettet hatte, so konnte ich ihm zwar keine großen Hoffnungen machen, dass er in Deutschland als Anwalt arbeiten konnte, konnte ihm aber Tätigkeiten als Jurist nennen, mit denen seine zwanzig Jahre Berufserfahrung nicht gänzlich verloren waren.

Diese Menschen benötigen in dem langen und oftmals komplizierten Prozess der Anerkennung Unterstützung. Diese gebe ich so gut ich kann, auch indem ich immer wieder anbiete, zu Folgeterminen zu kommen.

Konntest Du schon helfen? Was war ein Erfolgserlebnis aus Deiner Sicht?

Zu mir kam ein Arzt aus Syrien in die Beratung. Er war bereits zweimal durch die Sprachprüfung durchgefallen, die man zur Approbation benötigt. Er war sehr engagiert, benötigte aber etwas Unterstützung. Diese konnte ich ihm zusammen mit der Bundesagentur innerhalb einer Woche besorgen: Er konnte an einem Sprachkurs mit individuellem Sprachcoaching und begleitender Hospitation in einer Klinik teilnehmen. Die Sprachprüfung hat er zwei Monate später bestanden. Jetzt muss er noch die Kenntnisprüfung ablegen, um die Voraussetzungen für die Anerkennung zu bekommen.

Erfolge stellen sich aber leider nicht immer so schnell ein. Manchmal dauert es etwas länger und ich muss lange im Prozess begleiten. In manchen Berufen geht es aber zum Glück flott: Ingenieursberufe zum Beispiel, oder auch die Zeugnisbewertungen bei rein akademischen Berufen. Die Ratsuchenden sind auf jeden Fall immer sehr dankbar für jede Art von Unterstützung und insbesondere wenn es klappt!

Die Beratungen finden ja in den Integration Points (IPs) – also eng an der Bundesagentur für Arbeit und den Jobcentern statt. Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Arbeitsverwaltungen?

Generell sehr gut! Die IPs sind sehr dankbar für die Unterstützung und geben ihr Mögliches, die Ratsuchenden bei der Anerkennung zu unterstützen. Ich kann den Vermittlerinnen und Vermittlern schließlich einiges an Arbeit abnehmen. Mit dem Wissen über die Anerkennungswege kann ich die Arbeitsmarktintegration beschleunigen und die passenden Qualifizierungen finden. Ich würde gern noch mehr bei dem eigentlichen Schritt in den Arbeitsmarkt helfen, aber das ist nicht so einfach, da die Ratsuchenden oftmals erst in Sprachkurse müssen, auch nachdem ihre Abschlüsse anerkannt sind. Die Hürden sind da sehr hoch und da ist es für den gesamten IP schwer diesen letzten Schritt in den Betrieb zu organisieren. Die Ratsuchenden, die ich erlebe, wollen schnell in ihrem Beruf arbeiten und Geld verdienen. Dabei möchte ich sie unterstützen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Daniel Weber.