Jeder zehnte Azubi und SchülerIn ist ausländerfeindlich eingestellt

Interview mit Wissenschaftler Johannes Kiess

Von: Johannes Kiess (Wissenschaftler)

Johannes Kiess

Wissenschaftler

Seit Januar 2014 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Vergleichende Kultursoziologie und politische Soziologie Europas der Universität Siegen. Er arbeitet im EU-Projekt „LIVEWHAT – Living with Hard Times: How European Citizens Deal with Economic Crises and Their Social and Political Conesquences“. Vorher war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Leipzig. Außerdem engagiert er sich seit 2008 in der Arbeitsgruppe Rechtsextremismus der Universität Leipzig.


ScanIm Rahmen der sozialpsychologischen „Mitte-Studie“ an der Universität Leipzig werden seit 2002 im Zwei-Jahres-Rhythmus repräsentative Erhebungen zur rechtsextremen Einstellung in Deutschland durchgeführt. Die aktuelle Publikation präsentiert Ergebnisse aus der Befragung im Jahr 2014 und vergleicht sie mit den Studienergebnissen der letzten zwölf Jahre. Dabei ist ein starker Rückgang bei allen rechtsextremen Dimensionen zu verzeichnen. Es gibt weniger manifest rechtsextrem eingestellte Bürger, das gilt auch für Jugendliche. Gleichzeitig stieg die Abwertung bestimmter Gruppen an. DENK-doch-MAL Redakteur KLAUS HEIMANN sprach mit JONANNES KIESS, einem der Autoren der Studie, über rechtsradikale Einstellungen bei Azubis und Schülern.

Sie stellen in ihrer Untersuchung fest: Bei Azubis und Schülern sind rechtsradikale Einstellungen, weniger ausgeprägt, wie beim Rest der Bevölkerung. Wie sieht das konkret in Zahlen aus?

KIESS: Es zeigt sich in der Tat, bei der Gruppe „in Schul-/Berufsausbildung“ ist die Zustimmung geringer als bei den Vergleichsgruppen Erwerbstätige, Arbeitslose, Hausfrau/Hausmann und im Ruhestand befindliche. Das spiegelt sich auch in den Gesamtwerten wider: Bei Azubis und Schüler liegen die Werte niedriger als jene für die Gesamtstichprobe. Während zum Beispiel 2,9 % der Befragten Azubis und Schüler eine rechtsautoritäre Diktatur befürworten sind es in der Gesamtstichprobe 3,6 %.

Schauen wir uns mal ein paar Details an: Wie steht es um Chauvinismus*, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus bei Azubis und Schülern?

KIESS Deutlicher ist der Unterschied in den Dimensionen Chauvinismus (10,9 gegenüber 13,6 %) und Ausländerfeindlichkeit (9,7 gegenüber 18,1 %). Beim Antisemitismus (3,5 gegenüber 5,1 %), dem Sozialdarwinismus (1,7 gegenüber 2,9 %) und der Dimension „Verharmlosung des Nationalsozialismus“ (0,6 gegenüber 2,2 %) bestätigt sich dieses Bild.

Also: Alles ist gut?

KIESS Jeder zehnte Azubis und Schüler zeigt Ausländerfeindlichkeit und glaubt an die Überlegenheit der eigenen Gruppe. Bei den Rentnern sind es doppelt so viele. Dennoch: Gerade bei den jungen Leuten müssen wir dafür sorgen, dass dieser Wert niedrig bleibt, ja das er weiter abnimmt.

Zum besseren Verständnis: Wie messen Sie rechtsradikale Einstellungen?

KIESS Wir untersuchen in unserer Studie die rechtsextreme Einstellung als ein mehrdimensionales Weltbild. Verbindendes Element ist eine Ideologie der Ungleichwertigkeit. Die abgefragten Dimensionen sind: Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Für jede dieser Dimensionen werden drei Aussagen vorgelegt: Die Befragten können jeweils auf einer fünfstufigen Skala antworten: „stimme voll und ganz zu“, „stimme überwiegend zu“, „teils/teils“, „lehne überwiegend ab“ und „lehne voll und ganz ab“.

Wie hat sich dieser Wert im Vergleich zu Ihrer ersten Studie von 2002 entwickelt?

KIESS Insgesamt hatten wir es bis 2012 mit einem relativ beständigen Anstieg der Verbreitung rechtsextremer Einstellung zu tun, insbesondere in Ostdeutschland. Dieser Trend ist in 2014 gebrochen. Was relativ gleich geblieben ist, ist der Unterschied. Das hat vermutlich etwas mit dem Alter der Gruppe der Schüler und Azubis zu tun, aber eventuell auch mit einer moderneren, weniger autoritären Erziehungserfahrung oder dem durchschnittlich höheren Bildungsniveau junger Leute.

Ist der Wert an rechtsradikalen Einstellungen heute weniger bedrohlich als früher?

KIESS Ja, das ist die gute Nachricht. Die Werte sind zurückgegangen: Rechtsradikale Einstellungen haben in der Gesamtbevölkerung und bei der Gruppe der Azubis/Schüler abgenommen. Wir haben teilweise die niedrigsten Werte seit 2002 verzeichnen können.

Aber die negative Haltung gegenüber bestimmten Gruppen hat doch zugenommen?

KIESS Ja, das ist die schlechte Nachricht: die Abwertung von Muslimen, Sinti und Roma sowie Asylbewerbern ist angestiegen. Es kann also keine Entwarnung gegeben werden.

Wie interpretieren sie das?

KIESS Der Rückgang bei der rechtsextremen Einstellung ist auf die relativ stabile Situation der deutschen Wirtschaft zurückzuführen. Die Identifikation mit Stärke, der deutschen Wirtschaftskraft, stabilisiert die Mitte. Die eigene Unterordnung unter diese nationale Wirtschaftsmacht produziert bei den Einzelnen Aggressionen. Die richten sich auf eben jene Gruppen, die ökonomisch, kulturell oder sozial als Bedrohung wahrgenommen werden. Es wird also zwischen „guten“ und „schlechten“ Ausländern unterschieden.

Welche Rolle spielt das Bildungsniveau bei rechtsradikalen Einstellungen?

KIESS Wir haben, wie schon in den vorherigen Untersuchungen, wieder einen starken Bildungseffekt. Rechtsradikale Einstellungen sind teilweise mehr als dreimal so hoch bei denen die einen niedrigeren Bildungsabschluss als „Abitur“ haben.

Können Sie das erläutern?

KIESS Die Zustimmung zur Ausländerfeindlichkeit liegt bei den Befragten mit Abitur bei 6,8 %, zum Antisemitismus bei nur 0,9 %. Bei den Befragten ohne Abitur sind es 20,8 % bzw. 6,1 %. Ein gewisser Teil dieses Bildungseffekts kann damit erklärt werden, dass Befragte mit höherem Bildungsniveau häufiger auf die soziale Erwünschtheit ihrer Antworten achten, auch bei anonymen Befragungen. Sie wissen also eher, dass „man das nicht sagt“.

IMG_2515Was beeinflusst Rechtsradikalität bei Azubis und Schülern?

KIESS Es gibt individuell natürlich immer eine ganze Reihe von möglichen Einflussfaktoren. Dazu gehören das Erziehungsverhalten der Eltern, die Frage ob man sich von seinen Eltern und weiteren Umgebung geliebt und angenommen fühlt, aber auch Dinge wie Zukunftsangst. Ganz wichtig sind natürlich auch Sozialisationsinstanzen über die Eltern hinaus: Schule und erste Berufserfahrung prägen die Herausbildung von politischen Einstellungen und ganz besonders natürlich die „peer group“, also etwa die Mitschüler.

Ist in Ostdeutschland die Lage anders als in Westdeutschland?

KIESS Da gibt es Unterschiede, ja. Allerdings ist Ost-West vermutlich nicht die entscheidende Kategorisierung. Wir finden, auch in Westdeutschland, in strukturschwachen oder ländlichen Gebieten vermehrt rechtsextreme Einstellung. In Ostdeutschland sind genau diese Faktoren weiterhin, auch nach 24 Jahren deutscher Wiedervereinigung, noch ein größeres Thema. Das schlägt sich dann bei manchen in dem Gefühl wieder, Menschen zweiter Klasse zu sein.

Welche Feindbilder gibt es bei Azubis und Schülern?

KIESS Das kann ich Ihnen nicht sagen, dazu haben wir nichts gefragt. Wir würden uns wünschen, dass wir in unserer nächsten Befragung intensiver auf die Einstellungen von Jugendlichen in Ausbildung eingehen könnten. Wir suchen nach einer gesellschaftlichen Institution, die uns dabei unterstützt. Die Gewerkschaften oder ihre Stiftungen wären ein guter Partner.

Parteipolitische Präferenzen: Haben Azubis und Schüler die mit der SPD, den Grünen oder der Linkspartei sympathieseren keine oder geringere rechtsradikale Einstellungen?

KIESS Für die Gruppe der Azubis und Schüler können wir das nicht berechnen, die Fallzahl ist zu gering. Für die Gesamtbevölkerung können wir allerdings sagen, dass Anhänger von SPD und CDU sehr gut den Durchschnitt der Bevölkerung abbilden was die Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen angeht. Auch das ist ein Verweis auf die Verbreitung dieses Gedankenguts in der „Mitte“ der Gesellschaft.

Und wie sieht das bei den Anhängern der Grünen und der Linkspartei aus?

KIESS Die Anhänger der Linkspartei sind überraschender Weise ziemlich ausländerfeindlich eingestellt. Sieliegen nur beim Thema Sozialdarwinismus deutlich hinter SPD- und CDU-Anhängern zurück. Die Grünen fallen da sehr viel positiver auf, wenngleich selbst hier einige nicht frei von Vorurteilen sind. Für die jüngeren Anhänger mag dies anders aussehen.

Rechtsextremes Denken ist in Deutschland kein Randproblem, sondern eines in der Mitte der Gesellschaft. Welche Handlungsempfehlungen geben Sie in Richtung Azubis und Schüler?

KIESS Ganz generell kommt es darauf an, einen kritischen Geist zu bewahren und wachsam zu sein gegenüber Aussagen, die grundlegenden demokratischen Prinzipien widersprechen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich gegen rechts zu engagieren, etwa in Initiativen. Und da stellt sich die Herausforderung, ausländerfeindliche Sprüche des Kollegen nicht unwidersprochen stehen zu lassen. Es geht bei der Arbeit gegen rechtsextreme Einstellung aber auch immer um mehr, als nur den Kampf gegen rechts. Eine lebendige Demokratie, die gute Lebenschancen eröffnet, für die sich ihre Mitglieder einsetzen ist das beste Mittel gegen Rechtsextremismus. Es geht also auch darum, demokratische Freiräume zu erkämpfen und zu verteidigen: in der Schule, im Betrieb, in der Gemeinde.

Herr Kiess, vielen Dank für das Interview!

*Chauvinismus: Glaube an die Überlegenheit der eigenen Gruppe.

 

 

 

Literatur

Zum Nachlesen:

O. Decker,, J. Kiess, E. Brähler (2014): Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014, Leipzig,

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