Interview mit dem langjährigen bayerischen DGB-Vorsitzenden Fritz Schösser

Von: Fritz Schösser (Ehem. DGB Landesvorsitzender in Bayern)

Fritz Schösser

Ehem. DGB Landesvorsitzender in Bayern

Fritz Schösser war bis zum 12. Februar 2010 20 Jahre Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bayern. Der gelernte Industriekaufmann vertrat auch vier Jahre als Mitglied des bayerischen Landtags und sieben Jahre lang im Bundestag einen Wahlkreis im Münchner Osten. Schösser setzt sich sehr frühzeitig für einen Dialog der Gewerkschaften mit den Kirchen ein und wird gern als Redner zu Veranstaltungen der Katholischen Arbeitnehmer-bewegung (KAB) und dem kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (kda) eingeladen. Fritz Schösser ...
[weitere Informationen]


„Vieles was in der Wirtschaft geschieht ist Sünde.“
(Papst Benedikt XVI.)

ddm: Herr Schösser, die Sozialenzyklika Caritas in Veritate wird durchaus kritisiert, dass sie gar keine richtige Sozialenzyklika sei. Wie sehen sie das?

Schösser: Ich sehe das nicht so. Erstens setzt sich diese Enzyklika mit den Sozialenzykliken der Vorgänger des jetzigen Papstes auseinander. Papst Benedikt XVI stellt sie vor seine Enzyklika. Damit sind natürlich eine Reihe von Fragen beantwortet. Er hatte nicht den Ehrgeiz, dass das was schon geschrieben steht, in irgendeiner Form interpretiert wird. Stattdessen nimmt er deutlich Bezug auf die Gesamtentwicklung von Sozialenzykliken und damit auf frühere Enzykliken im sozialen Bereich. Der Papst hat im zweiten Teil seiner Enzyklika durchaus den Mut, das eine oder andere deutlich anzusprechen, er gibt der Arbeit den Stellenwert, den wir als Gewerkschaften ähnlich sehen. In einem dritten Element kokettiert er zwischen dem Verhältnis von Arbeitnehmer und Kunde und zwischen Kunde und Markt und dem Auftrag der Gewerkschaften. Hier hätte ich eher Diskussionsbedarf , wenn er mir gegenüber sitzen würde.

ddm: Wo hätten Sie Diskussionsbedarf?

Schösser: In erster Linie müsste die Frage geklärt werden, welche Rolle der Papst den Gewerkschaften zuschreibt. Wie ist die Rolle der Gewerkschaften? Betrachtet er die Rolle der Gewerkschaften in Deutschland, in Europa oder sieht er sie aus der globalen Sicht einer Gewerkschaftsbewegung? Die globale Sicht auf die Gesellschaft ist eine andere als die Sicht auf eine Gewerkschafts-bewegung. Wenn man es genau betrachtet, gibt es auch die notwendigen Konflikte um Arbeitsplätze, um Marktanteile, um Exportanteile und jeder weiß, wenn er dem anderen etwas abnehmen kann, stellt er seine eigene Situation besser. Ich versuche es mal mit dem Beispiel deutlich zu machen: Opel Bochum und Opel Antwerpen. Ich weiß nicht, ob es nicht auch im Gewerkschaftsbereich welche gibt, die sagen Gottlob hat es die in Antwerpen erwischt, und nicht die in Bochum.

ddm: Den Gegensatz Arbeit und Kapital, thematisiert Papst Benedikt nicht stark…

Schösser: Sicher vermeidet er in dem Teil, wo er nicht nur auf seine Vorgänger Bezug nimmt sondern Aussagen trifft wie die Nennung des Grundwiderspruchs von Arbeit und Kapital. Das wurde auch nur in wenigen früheren Sozialenzykliken deutlicher formuliert.  Die kirchliche Sprache muss und wird anders sein, als die gewerkschaftliche Diktion. Das nehme ich ihm nicht übel. Man muss ja auch bedenken, als Papst macht er nicht nur eine Enzyklika für die Länder der aufgeklärten Welt. Er macht es ja auch für Länder, in denen gewerkschaftliche Aktivitäten nach wie vor als illegal betrachtet  werden, die mit Tod oder Gefängnis bestraft werden. Insofern ist es eine Enzyklika, die natürlich weltweit Gewerkschaften beurteilen muss und in dieser weltweiten Beurteilung, kann ich seine Beurteilung durchaus nach voll ziehen.

ddm: Sie beurteilen den Papst eher wohlwollend, fast euphorisch?

Schösser: Ich habe die Enzyklika von Anfang bis Ende gelesen und meine inhaltliche Sympathiebekundung hat nichts damit zu tun, dass es sich um einen deutschen Papst handelt. Ich bin erstens überrascht, dass der Papst, der aus der Erfahrung der Wissenschaft argumentiert die Arbeitswelt in vielen Punkten deutlich trifft und interpretiert, das hätte ich ihm so nicht zu getraut. Zweitens lässt er sich auf die Finanz- und Wirtschaftskrise ein, ohne lange wissenschafts-theologisch zu argumentieren, sondern stellt kurz und knapp fest: „Vieles was in der Wirtschaft geschieht ist Sünde“. Dieser Satz steht schnörkellos in der Enzyklika. Seine Interpretation von Kapital und Arbeit ist allerdings eine theologische.  Johannes Paul II war eng verquickt und verstrickt in einem Ostblockland, was Freiheitsrechte anbelangte und die Gründung von Gewerkschaften etc. Ich möchte keinen Vergleich ziehen zwischen Papst Benedikt XVI und seinem Vorgänger. Das sind andere Erfahrungswelten, sie haben unterschiedliche Blickwinkel aus unterschiedlichen sozialen Lebenserfahrungen heraus.

ddm: Der Papst hat Mitbestimmung und Beteiligung der Arbeitnehmer in Deutschland kennen gelernt. Lesen Sie davon etwas in der Enzyklika?

Schösser: Der Papst betont die Notwendigkeit der Gewerkschaften. Ich glaube allein wenn man die Notwendigkeit der Gewerkschaften betont, ist man natürlich schon mit beiden Füssen bei der Frage, dass Gewerkschaften und deren Mitglieder Einflussmöglichkeiten auf Politik und Betrieb haben müssen. Nochmal: er hat eine andere Sprache wie wir sie heute in der Politik und in der Gewerkschaftsbewegung kennen.
Als altgedienter Kämpfer der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung dürfen wir aber nicht nur auf bestimmte Begriffe reagieren und wenn diese fehlen enttäuscht sein. Wenn man das „Wort“ und seinen Sinn begreift, ist es von der Frage des Grundwiderspruchs von Kapital und Arbeit nicht weit entfernt.

ddm: Was sind die wichtigsten Botschaften für KAB und Gewerkschaften?

Schösser: In der Enzyklika wird klar verurteilt, was sich auf den Finanzmärkten getan hat. Es gibt eine klare Aussage, dass Arbeit die Werte schafft und nicht die Spekulationsgeschäfte. Es gibt auch eine klare Aussage was Arbeit ist, dass jeder Mensch frei seine Arbeit wählen und nicht zur Arbeit bezwungen werden kann. Dies wird insbesondere bei der Hartz IV Gesetzgebung und bei aktuellen Diskussionen von Politikern zum Teil in Frage gestellt. Die Enzyklika enthält hier deutliche Aussagen. Da lässt sich die Enzyklika bei aktuellen politischen Auseinandersetzungen gut zitieren.

ddm: Wie ist die Wirkung der Enzyklika: Sind sie der einzige der die Enzyklika gründlich gelesen hat?

Schösser: Ich bin nicht der einzige, der sie ganz gelesen hat. Wir haben auch eine Reihe von Hauptamtlichen und ehrenamtlichen Betriebsräten und Vertrauensleuten, die aus der christlichen Arbeitnehmerbewegung stammen und die das mit gleicher Aufmerksamkeit lesen. Es gibt Diskussionsprozesse nicht im großen, aber im kleinen, wo man sich unterhält über die Positionierung, die durch solche Enzyklika erfolgt. Die Sozialenzyklika ist ein Schreiben des Papstes nicht mehr und nicht weniger. Ich wünschte mir, meine Schreiben würden die gleiche Aufmerksamkeit erregen wie dieses.

ddm: Sie sind gelegentlich auch mit Erzbischof Marx im Kontakt. Er ist der deutsche Sozialbischof. Welche Themen sind da gute Anknüpfungspunkte?

Schösser: Der Wert und die Bedeutung der Arbeit, die negativen neoliberalen Auswüchse im Niedriglohnsektor, das sind Themen, die intensiv diskutiert werden müssen. Ich habe auch mit dem Erzbischof darüber diskutiert, ob von der Kirche eine deutliche Erklärung zum Mindestlohn zu erwarten ist. Hier gibt es bisher eher Zurückhaltung, aber immerhin haben wir am 1. Mai 2008 eine gemeinsame Erklärung zustande gebracht, wo die Inhalte, die jetzt in der Enzyklika erwähnt werden, deutlich angesprochen sind.

ddm: Erzbischof Marx sagt klar und deutlich, dass es einen guten und einen schlechten Kapitalismus gibt.
Schösser: Das wird in der Enzyklika weniger deutlich. Dennoch: auch bei der Betrachtung dessen was ein guter und ein schlechter Kapitalismus ist, lohnt es sich mit dem Erzbischof von München und Freising zu diskutieren und die Konturen noch genauer zu bestimmen. Im übrigen wird es darauf ankommen über solche Fragen nicht nur zu philosophieren sondern auch Stellung zu beziehen, wenn die Weichen für politischen Entscheidungen falsch gestellt werden.