Geblieben ist das Macht- und Chancengefälle zwischen Migranten und Mehrheitsgesellschaft - Entwicklung der Integrationserwartungen

Von: Prof. Dr. Faruk Sen (Professor, Direktor des Zentrums für Türkeistudien, Essen)

Prof. Dr. Faruk Sen

Professor, Direktor des Zentrums für Türkeistudien, Essen

Prof. Dr. Faruk Şen (*1948, Türkei) ist Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen. Er studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Münster und promovierte 1979. In seinen Studien befasst er sich schwerpunktmäßig mit der Türkei, den Turkrepubliken, Kaukasus und dem Balkan. Zu seinen letzten Veröffentlichungen gehören Studien wie »Länderbericht Türkei« (Darmstadt 1998) und »Islam in Deutschland« (München 2002).  


Für die Integration gibt es keine allgemeingültigen Messlatten und Definitionen. Zweifellos wichtig sind aber Schulbildung, Berufsausbildung und die Arbeitsmarktintegration.

Eine gelungene wirtschaftliche Integration ist die Basis, auf der eine erfolgreiche gesellschaftliche und politische Teilhabe aufgebaut werden kann.

Die Gastarbeiter der ersten Stunde hatten keine wirtschaftlichen Integrationsschwierigkeiten. Sie wurden geholt, weil es Arbeitsplätze gab, die nicht mit einheimischen Arbeitskräften abgedeckt werden konnten.

Sie haben für mich eine enorme Integrationsleistung vollbracht, in dem sie ohne Integrations- und Sprachkurse im betrieblichen Alltag ihre Arbeit geleistet und ihr Dasein in Deutschland organisiert haben. Damals gab es keine Integrationserwartungen der Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Gastarbeitern. Die Integrationserwartung der Arbeitgeber, nämlich ordentlich und fleißig zu arbeiten, konnten sie erfüllen.

Heute gibt es eine Fülle von Integrationserwartungen der Mehrheitsgesellschaft, die alle Lebensbereiche betreffen.

Die Migranten selbst werden in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch als defizitäre und problembehaftete Gruppe angesehen, für die deutsche Stellen mit deutschem Personal Integrationskonzepte entwickeln und Integrationsanforderungen definieren.

Anders als früher gibt es mehr „Dolmetscher“ aus den eigenen Reihen, die selbstbewusst Forderungen stellen oder publikumswirksame Integrationsgipfel boykottieren können.

Extr_Ausgabe_07Was bleibt. ist die Macht- und Chancengefälle zwischen Migranten und Mehrheitsgesellschaft aufzuzeigen.

Chancengleichheit in der Ausbildungs- und Arbeitswelt setzt voraus, dass es vorher auf dem Wege in den Beruf, also während der Schulzeit, gleiche Chancen für die Migranten gibt. Wir wissen aus der PISA-Studie, dass es gerade in Deutschland einen engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg gibt. Davon sind vor allem die Migranten betroffen. Eine Verbesserung der Schulerfolge der Migranten ist deshalb von grundlegender Bedeutung, wenn es um die Chancengleichheit im Arbeitsleben geht.

Alle wissen, dass seit mehr als 40 Jahren Migranten in unseren Schulklassen sitzen. Aber immer noch ist ungeklärt, wie diese Kinder am schnellsten Deutsch lernen können, welche Rolle ihre Herkunftssprache dabei spielen kann und wie die interkulturellen Kompetenzen dieser Schülerinnen und Schüler genutzt werden können.

Mehrsprachig aufwachsende Kinder und Jugendliche sind in unseren Schulen eigentlich gar nicht vorgesehen.

Ihre Muttersprache wird immer noch als Hindernis beim Erlernen der deutschen Sprache angesehen. Im Deutsch- und Fachunterricht wird die Vermittlung der deutschen Sprache nicht als Aufgabe angesehen, obwohl viele Schüler in dieser Sprache von der ersten Klasse an lernen müssen, auch wenn sie sie noch nicht richtig können. Und dies, obwohl die Muttersprache nach eindeutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen die beste Grundlage zum Erlernen der Zweitsprache Deutsch bietet.

Extr_Ausgabe_01Wir wissen, dass als Folge davon viele Kinder ihre Muttersprache schneller vergessen, als sie die deutsche Sprache erlernen.

Anstelle dieses defizit-orientierten Blickes benötigen wir einen positiven Ansatz. Wir müssen begreifen, dass die Mehrsprachigkeit und die Fähigkeit, in unterschiedlichen Kulturen leben zu können, ein brachliegender Reichtum sind, sowohl für die Schülerinnen und Schüler selber als auch für die deutsche Wirtschaft in einer globalisierten Welt.

Die jungen Migranten mit ihrer Kultur- und Sprachkompetenz können sowohl bei der gezielten Ansprache der hier lebenden Kunden mit Migrationshintergrund wie auch bei Geschäftsbeziehungen zu den Herkunftsländern als Brücke gesehen werden und den Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Es macht einfach keinen Sinn, Kindern zuerst ihre Herkunftssprache abzugewöhnen, um sie ihnen dann nach ein paar Jahren im Fremdsprachenunterricht wieder anzubieten.

Extr_Ausgabe_Hoch_03In den letzten Jahren hat es in den Schulen eher kosmetische Verbesserungen gegeben. Sie haben leider noch nicht dazu beigetragen, unseren Kindern zu mehr Chancengleichheit zu verhelfen. Bei gleichem Wissensstand und Intelligenz hat ein 15 Jahre alter Schüler aus reichem Elternhaus vier bis sechs Mal so große Chancen, das Gymnasium zu besuchen wie Schüler aus einer ärmeren Familie. Für unser Land ist es wichtig, das Potenzial aller Kinder maximal auszuschöpfen. Ein Land, das keinen besseren Rohstoff als Bildung, Wissen und Wissenschaft hat, darf mit diesen geistigen Ressourcen nicht so umgehen. Dieser Zustand in unserem Bildungssystem führt zur Spaltung der Gesellschaft und gefährdet unsere Zukunft.

Das gegliederte Schulsystem funktioniert bei sozial benachteiligten Kindern und Migrantenkindern nicht als ein System, das entsprechend den Fähigkeiten und Potenzialen dieser Gruppe ihnen Bildungsperspektiven bietet, sondern als ein System dass entsprechend der sozialen Unterschiede sie in die entsprechenden Schulformen weiterleitet. Eine Konservierung von sozialen Unterschieden als überspitzter Kennzeichen unseres Bildungssystems muss beseitigt werden.

Und das sind die Fakten:

  • Im Schuljahr 2006/2007 waren 11,9% aller Schüler in NRW Ausländer. Rund 50% von ihnen besitzen die türkische Staatsangehörigkeit. Hinzu kommen 3,4% Aussiedlerkinder.
  • 3,5% der deutschen Schüler verlassen die Schulen ohne Schulabschluss, bei ausländischen Kindern liegt dieser Wert bei 10,2%, bei türkischen Kindern verlassen 9,9% die Schule ohne Schulabschluss.
  • Mehr als doppelt so viele ausländische und türkische Kinder verlassen die Schulen nur mit Hauptschulabschluss.
  • In den Sonderschulen sind von ihrem relativen Anteil her doppelt so viele ausländische Kinder vertreten, wie deutsche Kinder. Rund 44% der ausländischen Kinder, die die Sonderschulen besuchen, sind türkischer Nationalität.
  • Unter den deutschen Schülern verlassen 21,3% die Schule mit Abitur und weitere 13,5% mit Fachabitur. Bei ausländischen Schülern liegt dieser Anteil bei jeweils 8,9% und bei türkischen Schülern erreicht die Abiturentenquote 6% und Fachabiturquote 8,2%.

Diese Zahlen untermauern die Bildungsgefälle zwischen deutschen und Migrantenjugendlichen in Deutschland.

Aber auch dann, wenn Kinder mit Migrationshintergrund es schaffen, einen gleich guten Schulabschluss zu erreichen wie deutsche Jugendliche, haben sie wesentlich schlechtere Chancen, eine Lehrstelle zu finden.

  • Der Anteil der ausländischen Auszubildenden an allen Auszubildenden ist bundesweit zwischen 1994, dem Jahr mit dem höchsten Ausländeranteil, und 2005 von 8% auf nunmehr 4,4% gesunken.
  • Im Zeitraum 1994-2004 sank der Anteil der Ausländer an allen Absolventen an allgemeinbildenden Schulen nach Angaben des statistischen Bundesamtes von 9,8% auf 8,6%. Dieser Rückgang fällt deutlich niedriger aus als der von ausländischen Auszubildenden. Offensichtlich haben sich die Chancen junger Ausländer auf einen Ausbildungsplatz in den letzten Jahren stetig verschlechtert.
  • Dabei sind die Chancen männlicher Ausländischer Jugendlicher auf einen Ausbildungsplatz noch schlechter geworden als ihrer weiblichen Altersgenossinnen. Der Anteil der männlichen Auszubildenden ausländischer Nationalität an allen männlichen Azubis liegt heute bei 4%. 1994 lag dieser Anteil noch bei 8,6%. Der Anteil der weiblichen ausländischen Azubis ist demgegenüber von 7,1% auf 4,9% gesunken.

Die Ausbildungsmisere der Migrantenjugendlichen entsteht obwohl sie zusätzlich natürliche Mehrsprachigkeit haben und interkulturelle Kompetenzen besitzen. Diesen Zustand kann man nur mit schlechten Bildungschancen, Vorurteilen und Diskriminierung erklären.

Hier muss etwas passieren, hier liegt enormer gesellschaftlicher Sprengstoff.

Man sollte bei Erklärungsversuchen endlich von Schuldzuweisungen an die Jugendlichen und ihre Eltern wegkommen. Die Eltern können vielfach die Rolle nicht ausüben, die man im deutschen Schulsystem deutschen Eltern aus der Mittelschicht übertragen hat. Die bereits genannten Statistiken beweisen, dass die Bildungsprobleme der Migranten struktureller Natur sind.

Wir wissen alle, es ist viel preiswerter, Ausbildungsplätze für Jugendliche zu finanzieren, als für die Folgekosten der Jugendarbeitslosigkeit aufzukommen. Um es anschaulich zu machen:

  • 95 % der jugendlichen Inhaftierten mit Migrationshintergrund haben keine Berufsausbildung. Diese Jugendlichen wurden weitgehend hier geboren und wuchsen hier auf. Sie waren keine Zuwanderer.

Wir müssen in die Qualifizierung der hier lebenden Jugendlichen, egal ob Einheimische oder Zugewanderte, mehr Ressourcen investieren.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERADie Sonntagsreden der Politiker und ihre Appelle an die privaten Arbeitgeber, diesen Jugendlichen Ausbildungsplätze anzubieten, reichen meiner Ansicht nach nicht aus. Vor allem reicht es nicht aus, die Arbeitgeber mit Migrationshintergrund für die Lösung dieser Aufgabe stärker heranziehen zu wollen. Selbstverständlich sollen auch diese Arbeitgeber sich stärker für die Lösung dieses Problems einsetzen.

Sie setzen sich sowieso ein, weil diese Jugendliche zweisprachig sind und die Branchen der Arbeitgeber mit Migrationshintergrund oft Zweisprachigkeit erfordern. Doch ihre Kapazitäten sind begrenzt und sie können beim besten Willen nur einen kleinen Beitrag leisten.

Die fehlende Berufsausbildung ist die Hauptursache für die hohe Arbeitslosigkeit unter Ausländern, die zum August 2007 bei rund 20% liegt.

  • Die Arbeitslosenquote betrug bundesweit insgesamt 8,8%.
  • Auch die Relation von Hartz IV-Empfängern zu Arbeitslosgeldempfängern fällt deutlich ungünstiger aus.
  • 81% der ausländischen Arbeitslosen sind Hartz IV-Empfänger und damit Langzeitarbeitslose. Bei den deutschen Arbeitslosen liegt der Wert bei 66%.
  • Der Anteil der Türken unter den arbeitslosen Ausländern liegt mit 31,4% ebenfalls über ihrem Bevölkerungsanteil unter den Ausländern von 26,1%.
  • Aufgrund der Tatsache, dass nur 39% der ausländischen Beschäftigten aber 73% der deutschen Beschäftigten eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen und 33,5% der Ausländer aber nur 14,4% der deutschen keine abgeschlossene Ausbildung besitzen (Bei Ausländern machten 27,4% und bei deutschen 13,1% keine Angaben), sind Migranten von der Arbeitslosigkeit überproportional betroffen.
  • Hinzu kommt, dass sie aufgrund ihrer Qualifikationsstruktur in Wirtschaftsbereichen tätig sind, die stärker vom Strukturwandel betroffen sind.

Als Gesellschaft sind wir aufgerufen, die jungen Migrantinnen und Migranten bei einer zunehmend alternden Gesellschaft als Humanpotenzial zu betrachten.

Deshalb müssen wir sicherstellen, dass mangelnde Sprachkenntnisse nicht als mangelnde Intelligenz missverstanden werden und sich bei der Eignungsempfehlung zur weiterführenden Schule negativ auswirken.

Lehrer und Erzieher müssen durch ihre Ausbildung oder durch Fortbildung zur interkulturellen Erziehung für den Umgang mit verschiedenen Kulturen befähigt werden.

Die Lerninhalte müssen die Lebenswirklichkeit aller Kinder reflektieren und entsprechend angepasst werden. Darüber hinaus sollte die Einstellung von Lehrern mit Migrationshintergrund gefördert werden.

Die Beratung bei der Berufsorientierung und dem Übergang von der Schule in die Berufswelt sollte ein zentrales Handlungsfeld der Integrationspolitik sein.

Dies gilt nicht nur, wie man vermeintlich meint, für Mädchen und junge Frauen, sondern auch verstärkt für junge Männer mit Migrationshintegrund. Im selben Zusammenhang steht die Verbesserung des Zugangs zu Fort- und Weiterbildung. Hier müssen neue Angebote mit interkulturell kompetenten Lehrpersonal entwickelt werden, die den mangelnden Bildungs- und Ausbildungsvoraussetzungen Rechnung tragen.

Die öffentliche Verwaltung sollte im Bereich der Einstellung von Migrantenjugendlichen mit gutem Beispiel vorangehen. Gerade in diesem Bereich sind Migranten deutlich unterrepräsentiert. Private Firmen machen das vor.

International operierende Firmen entwickeln sogenannte „diversity“-Programme, um die Vielfalt der Kenntnisse ihrer Arbeitskräfte zu nutzen und dadurch die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu steigern. Migranten als Beschäftigte im öffentlichen Dienst werden die Integrationsfähigkeit der öffentlichen Verwaltung eindeutig erhöhen.

Bildungs- und Qualifizierungsdefizite der Migranten werden beim Zugang zum Arbeitsmarkt durch Benachteiligung und Diskriminierung verstärkt. Wenn wir ihre Bildungs-, Ausbildungs- und Arbeitsmarktchancen nicht erhöhen, so verschlechtern wir nicht nur ihre individuellen Zukunft, sondern die der Gesamtgesellschaft insgesamt.