Produktives Lernen - ein allgemeinbildender und erfolgreicher Weg in die Berufsausbildung

Von: Dipl.-Soziologin Ingrid Böhm (Leitung des Institus für Produktives Lernen in Europa (IPLE))

Dipl.-Soziologin Ingrid Böhm

Leitung des Institus für Produktives Lernen in Europa (IPLE)

Ingrid Böhm, Diplom-Sozialpädagogin, Diplom-Pädagogin, Erziehungswissenschaftlerin, langjährige Lehrbeauftragte an Hochschulen, leitet gemeinsam mit Prof. Dr. Jens Schneider das von beiden 1991 gegründete Berliner Institut für Produktives Lernen in Europa (IPLE). Inspiriert durch die alternative staatliche High School City-As-School in New York initiierten Ingrid Böhm und Jens Schneider das Pilotprojekt Die Stadt-als-Schule Berlin als Jugendbildungsprojekt, das 1991 Schulversuch wurde. Ihre außerordentlichen positiven pädagogischen Erfahrungen führten zur gemeinsamen Entwicklung der Bildungsform des Produktiven Lernens auf der Basis des ...
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Maria besucht seit zwei Jahren das Produktive Lernen an der Regionalen Schule „Werner-von-Siemens“ in Schwerin. Bevor sie sich für diesen Bildungsweg entschied, hatte sie jahrelang negative Schulerfahrungen gemacht: schlechte Noten, mangelndes Verständnis und damit auch abnehmendes Interesse für die meisten Schulfächer, dementsprechend stetige Ermahnungen und geringe Wertschätzung seitens der Lehrer/innen, schließlich eine bedrohliche Gefährdung des Schulabschlusses.

Im Produktiven Lernen gewann sie schnell neuen Mut und eine wachsende Selbstsicherheit, indem sie sich als wirksam in selbst gewählten Tätigkeiten erlebte: in einem Modegeschäft, im Kindergarten, in der häuslichen Altenpflege, in einem Pflegeheim und in einer Klinik für Psychiatrie.

Sie wollte ihre Erfahrungen verstehen und die Qualität ihres Handelns steigern; so fand sie einen neuen Zugang zum Lernen in der Schule: Sie entwarf in Deutsch Interviews und schrieb Fallstudien, in Mathematik berechnete sie die Kosten eines Faschingsfestes, in Biologie erkundete sie den Körper des alten Menschen und dessen Krankheiten, sie beschäftige sich mit der Pflege Demenzkranker, Diabetes, Puls und Bluttdruck u. v. m. Heute strebt sie die Mittlere Reife an, ihr Berufsziel ist Krankenschwester.

Was ist Produktives Lernen?

Drei pädagogische Prinzipien sind für den Erfolg dieser Bildungsform entscheidend:

* Tätigkeit in der gesellschaftlichen Praxis: Die Schüler/innen werden in gesellschaftlichen Ernstsituationen aktiv. Als praxisbezogenes, eigene produktive Tätigkeit integrierendes Lernen ermöglicht Produktives Lernen den Schüler/inne/n, Probleme zu erkennen, zu analysieren, zu verstehen und selbständig und lösungsorientiert zu handeln.

* Individualisierung des Lernplans: Die Bildungsprozesse der Schüler/innen gehen von ihren Tätigkeitserfahrungen aus und führen zur Tätigkeit zurück. Als personbezogenes Lernen ermöglicht Produktives Lernen den Schüler/inne/n, ausgehend von ihren Neigungen und Stärken, ihr Lernen selbst „in die Hand zu nehmen“ und für sie sinnvoll zu lernen. Sie gestalten aktiv ihren eigenen Bildungsweg und entwickeln damit zugleich eine Perspektive für einen erfolgreichen Einstieg ins berufliche Leben.
* Schulfächer als „Werkzeug“: Die Schulfächer und -themen erhalten ihren Sinn, indem sie als Werkzeuge für das Verständnis von Erfahrungen und die Qualifizierung des Handelns genutzt werden. Als fachbezogenes, allgemeiner formuliert, als kulturbezogenes Lernen ermöglicht Produktives Lernen den Schüler/inne/n, den Nutzen von Fachinhalten zu erkennen und damit ihre Bildung zur eigenen Sache zu machen. So lernen sie „durch Tätigkeit in Ernstsituationen“, ihre praktischen Erfahrungen als Lernen anzusehen und sich entsprechende tätigkeitsorientierte Kenntnisse und Kompetenzen anzueignen.

Seit nunmehr 20 Jahren folgt das IPLE diesen Prinzipien und hat das Produktive Lernen inzwischen in sechs Bundesländern eingeführt (vgl. www.iple.de). Heute wird diese Bildungsform an 90 Schulen der Sekundarstufe I praktiziert. Produktives Lernen ersetzt die letzten beiden Pflichtschuljahre als eine gleichwertige Bildungsalternative zum fächergegliederten Unterricht. Ähnlich wie in der Berufsausbildung lernen die Schüler/innen an drei Tagen jeder Woche in einer selbst gewählten, meist beruflichen, Praxis, und an zwei Tagen in der Schule.

Allerdings handelt es sich nicht um eine vorweggenommene berufliche Qualifizierung, sondern die Themen, die die Schüler/innen mit wöchentlicher Beratung ihrer Lehrer/innen wählen und bearbeiten, haben durchweg allgemeinbildende Bedeutung. Sie  stehen in Beziehung zu den Schulfächern, insbesondere zu Deutsch, Mathematik, Englisch und den Naturwissenschaften, aber auch zu Kulturbereichen, die in der Schule sonst höchstens am Rande eine Rolle spielen, z.B. Recht, Ökonomie, Psychologie. Die Schüler/innen sind in den Arbeitsprozess an ihren Praxisorten integriert, gleichzeitig entwickeln sie gegenüber dem, was sie tun, Neugier, stellen Fragen, recherchieren und bearbeiten ihre Themen in der Praxis und in der Schule. Sie berichten den Mitschüler/inne/n von ihren Erfahrungen und Erkundungen in anspruchsvollen Präsentationen; Schüler/innen lernen von Schüler/inne/n, was oft viel wirksamer ist als ein ausgefeilter Lehrervortrag.

Boehm_Junge im Frauenberuffinal

Wie gelingt den Lehrer/inne/n die neue pädagogische Praxis?

Das Produktive Lernen erfordert ein anderes Selbstverständnis und ein anderes pädagogisches Handeln und kann nur verwirklicht werden, wenn die beteiligten Lehrer/innen bereit sind, umzudenken und sich für die Bildungsform des Produktiven Lernens zu qualifizieren. Dies geschieht in einem die Einführung von Produktivem Lernen begleitenden Weiterbildungsstudium an unserem Institut. Das Studium führt zu einer hohen Qualität der Entwicklungsarbeit und darüber hinaus zur nachhaltigen Wirksamkeit des Produktiven Lernens.

Diese Weiterbildung ist personalintensiv und deshalb teuer. Angesichts der hohen Zahl von Schulabbrecher/inne/n und den dadurch entstehenden Milliardenkosten relativieren und amortisieren sich die Investitionen allerdings sehr schnell.

Welche Ergebnisse hat Produktives Lernen?

Die Erfahrungen und Ergebnisse im Hinblick auf Schulerfolg und Übergang von der Schule in den Beruf sind in allen Bundesländern, in denen Produktives Lernen eingeführt wurde, nahezu die gleichen und überall überzeugend. Die Schüler/innen, denen oft ein schulischer Misserfolg prognostiziert worden war, sind im Produktiven Lernen zu etwa 80% erfolgreich, sie erreichen gegenüber Schüler/inne/n gleichen Schulniveaus überproportional gute Schulabschlüsse.

Sie treffen durchweg eine bewusste und reflektierte Berufswahl, meistens die Entscheidung für eine Berufstätigkeit, von der sie einen befriedigenden und sinnvollen Lebensinhalt erwarten. Die Schüler/innen, die nach Abschluss des Produktiven Lernens zu einem vergleichsweise hohen Prozentsatz in eine Berufsausbildung eintreten, befinden sich ein halbes Jahr später noch in der Ausbildung und bestätigen ihre Berufswahl. Eine sechsfache Erfahrung der Bewerbung um einen Praxislernort in einem Betrieb, die Einarbeitung, der Aufbau von Beziehungen zum/zur Praxismentor/in und zu den „Kolleg/inn/en“, die zunehmende Klärung der eigenen Berufswünsche und die Orientierung auf potentielle Ausbildungsplätze macht verständlich, weshalb die getroffene Berufswahl  so erfolgreich ist.

Wie ist sonst die Situation von Schüler/inne/n beim Übergang Schule-Beruf?

Seit vielen Jahren gibt es an den Schulen eine wachsende Anzahl von berufsorientierenden, praxisbezogenen Lernformen. Die Kooperation zwischen Schule und Wirtschaft gelingt oft und die Erfahrungen belegen, dass die jungen Leute, sobald sie praktische Erfahrungen machen, für ihre schulische Laufbahn positive Impulse erhalten und ihnen die Suche nach einem Ausbildungsplatz deutlich leichter fällt. Auch die Betriebe gewinnen; sie lernen insbesondere die jungen Leute besser kennen, bevor sie sich zum Abschluss eines Ausbildungsvertrages entschließen.

Trotzdem beklagt die deutsche Wirtschaft nach wie vor die mangelnde „Berufsreife“ vieler Schulabgänger/innen ohne oder mit Schulabschluss; sie beklagt, dass die jungen Leute in der Schule „auf das Leben danach“ – auf Ausbildung und Berufstätigkeit – ganz unzureichend vorbereitet sind und es sowohl an schulischen Kenntnissen als auch an Schlüsselkompetenzen mangelt. Hinzu kommt, dass die Anzahl der Ausbildungsabbrüche überall alarmierend hoch ist; sie liegt in Deutschland im Durchschnitt bei
21,5 %, Berlin bildet mit 28,8 % die Spitze.

Was vermissen die Arbeitgeber/innen?

Auf der einen Seite vermissen die Arbeitgeber/innen ausreichende Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen) und traditionelle „Tugenden“ (Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Gründlichkeit), auf der anderen Seite eine Persönlichkeitsentwicklung, wie sie moderne Berufstätigkeiten erfordern und die mit den Eigenschaften Selbständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Entscheidungsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit umrissen werden kann.

Die moderne Lebens- und Arbeitswelt verlangt in der Tat Kenntnisse und Fähigkeiten, deren Entwicklung der typische Schulunterricht  der Sekundarstufe, nicht unbedingt fördert:
* aktives Mitgestalten des eigenen Lebens einschließlich der eigenen Berufsarbeit,
* Erkennen von möglichen Problemen, weitsichtiges Handeln,
* Teamwork statt Einzelkämpfertum,
* problemlösendes Denken statt Ansammeln von Einzelwissen,
* selbständige Aneignung und Verarbeitung von benötigten Kenntnissen und Kompetenzen,
* Setzen eigener Ziele und Beobachtung und Steuerung der eigenen Bildungsentwicklung.

Das Produktive Lernen fördert aufgrund seiner Prinzipien und Methoden genau solche Fähigkeiten; sie gehören zu seinem Bildungsbegriff, der sich nicht mit der Vermittlung fachlicher Kenntnissen begnügt. Vielmehr verschaffen sich die Schüler/innen (zunehmend) selbständig das für ihre Praxis erforderliche Wissen. Fachliche Fähigkeiten gewinnen für die Schüler/innen neuen Wert, indem sie sich als nützlich erweisen und das fachliche Lernen sich damit „bewährt“.

Schulische Bildung muss heute deutlich über fachliches Lernen hinausgehen und „leben Lernen“ einbeziehen. „Arbeit“ und „Nicht-Arbeit“ müssen deshalb zentraler Gegenstand schulischen Lernens werden. Dies ist wirksam nur möglich, wenn Arbeitserfahrung durchgehende in das Curriculum integriert wird. Produktives Lernen erfüllt diese Notwendigkeit in bestmöglicher Weise.

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Eine Sorge, dass die Betriebe durch eine Beteiligung von interessierten jungen Leuten an drei Tagen pro Woche überlastet sein könnten, ist unbegründet. Unsere langjährigen Erfahrungen in städtischen wie ländlichen Gegenden Deutschlands zeigen vielmehr, dass Betriebe und Praxismentor/inn/en durch die dreimonatige Präsenz eines jungen Menschen, der wirklich am betrieblichen Geschehen interessiert ist und durchaus in gewissen Umfang zum Arbeitsprozess beitragen kann, die Mitwirkung von Schüler/inne/n des Produktiven Lernens sehr begrüßen. Sie bevorzugen diese Schüler/inne/n gegenüber den üblichen Betriebspraktikant/inn/en. Selbst in Ländern mit einem flächendeckenden Angebot  Produktivem Lernens, wie Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, gibt es keine Schwierigkeiten Praxislernorte in Betrieben zu finden.

Welche Vorteile gewinnen Wirtschaft und Arbeit durch das Produktive Lernen?

* Produktives Lernen führt zu einer erheblichen Verbesserung des Übergangs Schule-Beruf; es gibt nahezu keine Ausbildungsabbrüche. Die Auszubildenden, die den Betrieb oder die Branche zuvor durch Produktives Lernen kennen gelernt haben, sind sehr sicher in ihrer Wahl eines Ausbildungsbetriebes, so dass die Gefahr eines Ausbildungsabbruchs gering ist.

* Betriebe, die mit Schüler/inne/n des Produktiven Lernens arbeiten, haben jeweils für drei Monate an drei Tagen pro Woche eine/n Schüler/in, der/die freiwillig kommt und sich für seinen/ihren Praxislernort ernsthaft interessiert.

* Durch den Umfang des Lernens im Betrieb können die Schüler/innen in Arbeitsabläufe integriert werden.

* Die Betriebe lernen potenzielle Auszubildende sehr gut kennen.

Was können Wirtschaft und Gewerkschaften tun, um die Einführung des Produktiven Lernens zu unterstützen?

* Die Sozialpartner können sich von der Wirksamkeit des Produktiven Lernens in sechs Bundesländern überzeugen. Besucher/innen sind an allen Standorten willkommen. Schüler/innen, Lehrer/innen und Praxismentor/inn/en sind gern bereit, ihre Erfahrungen darzustellen und zu diskutieren.

* Wirtschaft und Gewerkschaften können als verantwortlich Handelnde für die Zukunft des dualen Ausbildungssystems Position gegenüber der Schulpolitik beziehen und sich für eine breitere Umsetzung dieses erfolgreichen Konzeptes  in allen Bundesländern einsetzen.

* Die Sozialpartner können in den Unternehmen aktiv werben für diese Form der Zusammenarbeit  von Schulen und Betrieben und den Schulverwaltungen ihr Interesse n dieser Zusammenarbeit in Form des Produktiven Lernens deutlich machen.

* Sie können gemeinsam mit unserem Institut im Rahmen der Weiterentwicklung schulischer Curricula neue Formen der Vorbereitung der Jugendlichen auf das Berufsleben schaffen helfen, die auf den Erfahrungen des Produktiven Lernens aufbauen.

* Die Wirtschaft kann sich an den Kosten der Einführung des Produktiven Lernens beteiligen.

Und wenn Sie Maria kennenlernen möchten, dann setzen Sie sich mit der Regionalen Schule „Werner-von-Siemens“ in Schwerin in Verbindung. Aber vielleicht gibt es Produktives Lernen auch in Ihrer Nachbarschaft und Sie werden Ihre „Maria“ dort treffen.