Lerngeschichten und Lernbiografien

Von: Dr. Hubert Klingenberger (Freiberuflicher Dozent und Trainer)

Dr. Hubert Klingenberger

Freiberuflicher Dozent und Trainer

Dr. Hubert Klingenberger wurde 1962 geboren und ist Vater von Zwillingen.Studium der Pädagogik (M.A. und Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität München); Fortbildung zum Projektmanager. Zunächst studentischer, dann wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl II für Pädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München, Referent für Pädagogik am Bildungszen-trum Kardinal-Döpfner-Haus der Erzdiözese München und Freising und Freiberuflicher Dozent und Trainer in den Bereichen Lernen, Führen, Persönlich-keitsentwicklung. Arbeitsschwerpunkte: Lernen und Didaktik – Pädagogische Qualitätssicherung; Management und Führung; Persönlichkeitsentwicklung und Biografiearbeit; Kommunikation und Service; Gesundheit ...
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„’Es ist schlimm genug …, dass man jetzt nichts mehr für sein ganzes Leben lernen kann. Unsere Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfangen; wir aber müssen jetzt alle fünf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen.“
(Johann Wolfgang von Goethe, 1809)

Wer andere lehren und unterrichten will, tut gut daran, sich immer wieder einmal der eigenen Lern- (und Lehr-) Biografie zu vergewissern – denn die Erfahrungen, die wir mit dem Lernen (und dem Lehren) gemacht haben, beeinflussen unser aktuelles Verhalten als Trainer/-in oder Dozent/-in. Unser Lehrstil, unsere Motivationen und Widerstände sind mit geprägt von den Erlebnissen unser Lernbiografie.

So wie sich die Biografien insgesamt individualisieren, lässt sich dies auch an den Bildungs- und Lernbiografien feststellen: Sie gestalten sich individueller und einzigartiger. Aber auch umgekehrt lässt sich feststellen, dass die Notwendigkeit, die eigene Biografie selbst-bewusst zu gestalten, zu einer lebenslangen Lernaufgabe wird: „Die Individualisierungsprozesse fordern die Menschen heraus, sich intensiver mit sich selber zu beschäftigen und ihre Biografie selbstständig und eigenverantwortlich zu gestalten. Je mehr die gesellschaftlich normierten Biografien ‚zerbröckeln’, desto mehr wird die Gestaltung der Biografie zu einer lebenslangen Lernaufgabe. … Die Aneignung der eigenen Lebensgeschichte erfordert systematisches, wissenschaftlich fundiertes Lernen.“ (Siebert, 2006)

In diesem Zusammenhang wird auch vom „Lebenslangen Lernen“ gesprochen: dieses betrachtet nicht nur die institutionalisierten Lernprozesse und –angebote, sondern auch das nonformale Lernen. „’Lebenslanges Lernen’ beinhaltet das Lernen im Lebenslauf, also die lebensgeschichtliche Dimension. Lebenslanges (oder auch lebensbegleitendes) Lernen ist also untrennbar mit der Biografie verbunden.“ (Siebert, o.J.)

„Die persönliche Bildungsbiografie meint etwas sehr Persönliches und Intimes. Sie ist das Resultat aus den vielen Lebenserfahrungen und Lebensbestimmungen, an deren Ende die entfaltete Persönlichkeit des Menschen steht. Enttäuschung und Vernachlässigung sind darin genauso enthalten, wie die Momente, in denen starke Motivation und Förderung erlebt wird.“ (Prüwasser, 1998)

Mit der Lernbiografie ist zum einen die Biografie unseres Lernens in Institutionen (Schule, Fahr-, Tanz-, Hochschule usw.) und unserer Bildungsabschlüsse gemeint (z.B. Hauptschulabschluss, Abitur, Führerschein etc.). Dazu gehören zum anderen alle Lernerfahrungen (bezogen auf Wissen, Haltungen, Fähig- und Fertigkeiten), die wir quasi nebenbei „en passant“ aufgenommen haben, z.B. durch Reisen, Lebenskrisen usw. Lernen ist eben nicht nur auf Schule etc. beschränkt und kann somit auch nicht auf Kindheit und Jugend beschränkt werden.

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Lernen ist ein lebenslanges Phänomen. Der Mensch ist ein Lernender. Und es ist eine Kunst und bedarf letztlich großer Anstrengungen, nicht zu lernen (vgl. Simon, 1999).

Horst Siebert (o.J.) unterscheidet verschiedene Ebenen des Lernens:
* „Zur kognitiven Lernbiografie gehören Denk-, Lern- und Wahrnehmungsstile.“
* „Die aktionale Lernbiografie ist in Handlungskontexte eingebettet: es werden berufliche und alltagspraktische Problemlösungsmuster und Handlungsstrategien erworben.“
* „Emotionalbiografien beinhalten die Entstehung und Veränderung von Gefühlslagen und Stimmungen.“

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Lernorte

An welchen Orten i.w.S. haben Sie gelernt? (Familie, Freizeitgruppen, Schulen usw.) Stellen Sie Ihre persönlichen biografischen Lernorte in Form eines MindMaps dar!

Suchen Sie sich einen der Lernorte heraus und tragen Sie in der nachstehenden Tabelle ein, welche Kompetenzen Sie dort beweisen mussten bzw. sich aneignen mussten (Gerzer & Erler, 2004):

Aktivitätsfelder                     Erforderliche Kompetenzen
……………………….                      …………………………….

……………………….                      …………………………….

Berücksichtigt man all diese Lernmöglichkeiten und –orte, so lässt sich für jedes Leben eine Lern- und Bildungsbiografie skizzieren – zum Beispiel mit Hilfe eines Zeitstrahls – eines universell einsetzbaren Mittels der Biografiearbeit:

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Ein schönes Beispiel zur institutionellen wie informellen Lernbiografie findet sich beim Liedermacher Reinhard Mey: In seinem Lied „Zeugnistag“ beschreibt er seine Erfahrungen mit der Schule (einem schlechten Zeugnis und einer von ihm gefälschten Unterschrift) sowie mit seinen Eltern und deren Umgang mit seiner Fälschung (sie stellen sich hinter ihn).

Die Biografie institutionalisierten Lernens

Zu den primären Orten unserer institutionellen Lernbiografie gehören Schulen, Hochschulen, Weiterbildungseinrichtungen u.ä.

Mein Schulweg

Schließen Sie Ihre Augen und erinnern Sie sich an Ihren Schulweg (bzw. Ihre Schulwege):
* Wo sind Sie entlang gegangen? Welche Straßen, welche Wege?
* Wie lange haben Sie dazu gebraucht?
* Wie haben die Wege zu unterschiedlichen Jahreszeiten, bei unterschiedlichen Wetterlagen ausgesehen, gerochen, sich angefühlt…?
* Wofür haben Sie sich auf diesem Weg evtl. gefürchtet (z.B. bellende Hunde)? Worauf haben Sie sich gefreut (z.B. Treffpunkte mit Freunden, Kiosk mit Süßigkeiten)?

Zur Biografie des institutionellen Lernens gehören neben der Schulzeit auch die besuchten und abgeschlossenen Weiterbildungsveranstaltungen:

Die Biografie des informellen Lernens

Als Allererstes sind es wohl Menschen, die uns etwas „gelehrt“, die uns geprägt haben. So schreibt beispielsweise die Schriftstellerin Anais Nin (2001) in ihren Tagebücher über Henry Miller: „Von Henry habe ich gelernt, mir Notizen zu machen, aus mir herauszugehen, statt im Verborgenen zu brüten, mich zu bewegen, jeden Tag zu schreiben, etwas zu tun, mich auszusprechen, statt zu meditieren, Gefühle, die mich aufwühlen, nicht zu verbergen. Er weckt gewaltige Kräfte in mir. Ich schreibe gegen ihn und mit ihm. Ich lebe gegen ihn und mit ihm.“

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Zur Differenzierung der Lernbiografie zählt der Erziehungswissenschaftler Horst Siebert (alle Zitate: 2006) – neben dem biologischen Alter folgende Dimensionen auf (1):

* die Bildungsbiografie: darunter versteht Siebert „institutionalisierte Lernprozesse in Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung“.

* die Berufsbiografie: Hier spielen „karriererelavante und berufsbezogene Interessen und Qualifikationsanforderungen“ und Qualifizierung genauso eine wichtige Rolle wie „implizites Erfahrungswissen“ und die „Entwertung von Kompetenzen“ durch neue Technologien.

* die Freizeitbiografie: zu ihr „zählen nicht nur Hobbies, sondern auch gemeinwohlorientiertes, bürgerschaftliches Engagement“.

* die Kommunikationsbiografie: Sie untersucht die unterschiedlichen Gesprächspartner/-innen im Lebensverlauf und fragt weiter: „Mit wem werden welche Themen diskutiert, von wem haben wir uns thematisch anregen lassen? Wer waren und sind berufliche Kontaktpersonen, mit wem kommunizieren wir emotional? Welche Themen erörtern wir mit Jüngeren, welche mit Älteren, welche mit Freunden, welche mit professionellen Beratern?“ Es geht auch um die verschiedenen Kommunikationsmedien, die wir nutzen: Briefe, e-mails, Telefon/handy usw.

* die Rollenbiografie: „Typische Rollen sind berufliche Positionen, familiäre Verantwortungen, aber auch ehrenamtliche politische und gesellschaftliche Verpflichtungen.“

* die Lebensweltbiografie: Dazu „gehören ökologische Veränderungen, z.B. Wohnortwechsel vom Land in die Stadt“.

* der Aspekt des Interkulturellen in unserer Biografie: „Familien, Nachbarschaften, Schulklassen, Belegschaften, Sportvereine sind multikulturelle gemischt … Viele Berufstätige arbeiten längere Zeit im Ausland. Aber auch Freizeitgewohnheiten, Ernährung, Entspannungs- und Naturheilkundeverfahren, Fernsehprogramme und Kulturangebote sind multi- oder auch transkulturell. Auch viele religiöse Muster setzen sich aus unterschiedlichen Traditionen und Ritualen zusammen.“

Im Blick auf die informelle Seite des lebenslangen Lernens ist die Lernmotivation von zentraler Bedeutung – auch für das organisierte Lernen. Horst Siebert (o.J.) unterscheidet zwischen der Habitual- und der Aktualmotivation des Lernens:

* „Die Habitualmotivation ist durch eine Kontinuität des Lernens und Interesses gekennzeichnet: Lernen gehört zum Habitus, wir können nicht nicht lernen.“

* „Für die Aktualmotivation sind kritische Ereignisse, biografische ‚Übergänge’, plötzliche Herausforderungen charakteristisch. Während die Habitualmotivation kontinuierlich verläuft, sind für die Aktualmotivation Diskontinuitäten, auch vorübergehende Interessen und Wendepunkte typisch.“

Die Lernmotivation steht in untrennbarer Verbindung zur Lernbiografie. „Lernmotivationen lassen sich als biografisch verwurzelte und in soziale Kontexte eingebundene Handlungsdispositionen definieren. Das trifft ebenfalls für Lernwiderstände und –barrieren zu.“ (Siebert, 2006) So belegen unterschiedliche Studien, dass die Schulerfahrungen das Weiterbildungsverhalten im Erwachsenenalter beeinflussen: Erwachsene mit höherer Schulbildung, die zudem bekunden, dass ihnnen das Lernen in der Schule Freude gemacht hat, sind in der Regel lernmotivierter.

In die Lernmotivation fließen auch biografische Zukunftsaspekte mit ein: „Wie werde ich mich fühlen und was wird sich ändern, wenn ich dieses Lernprogramm absolviert haben werde? Lernmotive enthalten also Entwürfe, Lebenspläne. Sie basieren auf ‚Vorstellungen’, die Bestandteil des eigenen Selbstkonzepts sind. Niemand ist motiviert, sich Wissen anzueignen, dass nicht identitätsrelevant ist und das nicht sinnvoll erscheint.“ (Siebert, 2006)

Die biografische Erinnerungsarbeit kann einen Beitrag zur Förderung der Lernmotivation leisten. Dabei ist zu beachten: „Gegenüber einer vorherrschenden defizitären Lerngeschichte sollten befreiende Erfolgserlebnisse aufgewertet werden. Welche Kompetenzerfahrungen wurden gemacht? Welche Veränderungen wurden als Identitätserweiterungen erlebt?“ (Siebert, 2006)

Zur informellen Lernbiografie kann auch die Entwicklung der jeweiligen Interessen einer Person gezählt werden (durchaus in Nähe zur Persönlichkeitsbiografie). Lerninteressen entstehen während unserer Lernbiografie und wirken auf diese ein. Dauerhafte Interessen werden sogar als Teil, ja als Kern der jeweiligen Identität angesehen. Neue Interessen entstehen im „Anschluss“ an bereits vorhandene Vorlieben oder Aktivitäten. Sie werden durch kritische Lebensereignisse initiiert oder finden Anregungen durch andere Menschen.

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Zur Bedeutung der Reflexion der Lernbiografie

Unsere Lernbiografie gewinnt auch von daher an Bedeutung, dass wir in einer Lern- oder Wissensgesellschaft leben, in der lebenslanges Lernen geradezu (über-) lebensnotwendig wird. Der Sozialwissenschaftler Lothar Böhnisch (Quelle unbekannt) fasst dies in die Worte: „Was Hänschen gelernt hat, kann Hans vielleicht gar nicht mehr gebrauchen.“ Da Lernen immer Anschluss-Lernen ist, also an das anknüpft, was bereits an Wissen, Kompetenzen und Erfahrungen da ist, ist der biografische Rückblick sehr wichtig. Er erlaubt es, den bisherigen Lernweg zu betrachten, vorhandene Fähigkeiten und Kenntnisse zu erkennen und neue Lernschritte zu planen.
Der individuelle Lernweg endet selten mit der Schule. Berufliche Weiterbildungen schließen sich an. Praktische Erfahrungen bereichern unseren Kompetenz-Schatz. Bestimmte Themen finden unser Interesse. Auch hier sind Anknüpfungspunkte für weitere Lernherausforderungen.

Die Reflexion über die eigene Lernbiografie hilft, Lernerfahrungen auf den Punkt zu bringen. Dies stärkt das Selbst-Bewusstsein, bietet Ansatzpunkte für weitere Lern- und Handlungswege und zeigt auf, was man selbst auch an Angehörige und nachfolgende Generationen weitergeben kann/will.

Literatur

Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Abt. Bildung / Berufliche Bildung (2005). Bildungsbiografien und Berufskarrieren neu entwickeln: für ein durchlässiges Bildungssystem. Berlin: o.V.
Gerzer-Sass, A. & Erler, W. (2004). Die Kompetenzbilanz. forum erwachsenenbildung (1), 30-32.
Institut Arbeit und Qualifikation (2008) Allgemeine Informationen zum Übergangsmanagement. Internet: http://www.uebergangsmanagement.info/html/allgallg.html [Letzter Zugriff: 4.8.2009]
Klingenberger, H. (2003). Lebensmutig: Vergangenes erinnern – Gegenwärtiges entdecken – Künftiges entwerfen (1. Aufl.). München: Don Bosco.
Klingenberger, H. (2007). Lebenslauf: 365 Schritte für neue Perspektiven. München: Don Bosco.
Knoblauch, J.W. u.a. (2003). Dem Leben Richtung geben: in drei Schritten zu einer selbstbestimmten Zukunft. Frankfurt: Campus.
Kübler-Ross, E. (2000). Das Rad des Lebens: Autobiografie. München: Knaur.
Mey, R. (1987). Keine ruhige Minute.
Nin, A. (2001). Die Tagebücher 1931-1934. München. Heyne.
Prüwasser, J. (1998). Ein Traum von tausend Freiheiten oder jede Biografie ist eine Bildungsbiografie. Forum Informationen (2), 6-8.
Reischmann, J. (1995). Lernen ‚en passant’ – die vergessene Dimension. Grundlagen der Weiterbildung – Zeitschrift 6 (4), 200-204.
Schmetzstorff, A. (2008). Fünf gute Gründe für ein lebenslanges Lernen. In Arnold, R. u.a. (Hg.)., Lernen lebenslang – Ansichten und Einsichten (S. 139-158). Baltmannsweiler: Schneider
Siebert, H. (2006). Lernmotivation und Bildungsbeteiligung. Bielefeld: Bertelsmann.
Siebert, H. (o.J.). Theoretische Begründungen lebenslangen Lernens. In Grundlagen der Weiterbildung e.V. (Hg.), Grundlagen der Weiterbildung – Praxishilfen (8.170). Neuwied: Luchterhand.
Simon, Fr.B. (1999). Die Kunst, nicht zu lernen: Und andere Paradoxien in Psychotherapie, Management, Politik… (2. Aufl.). Heidelberg: Carl Auer.

Fußnote:

(1) In einer anderen Aufzählung unterscheidet Siebert (o.J.) innerhalb der Lernbiografie 1) die Motivations- und Interessensbiografie, (2) die Kommunikationsbiografie und (3) die Tätigkeitsbiografie.