Dauerkrise Langzeitarbeitslosigkeit – sozialethische Näherungen eines parteiischen Praktikers

Von: Hermann-Josef Kronen (Geschäftsführer)

Hermann-Josef Kronen

Geschäftsführer

Hermann-Josef Kronen, Jahrgang. 55, ist Dipl. Pädagoge, Groupworker und Supervisor. Er ist auch tätig als Fortbildner für Mitarbeiter in Sozial- und Beschäftigungsprojekten, Organisationsentwickler und Fundraiser. Seit 1984 beim „Volksverein Mönchengladbach“ mitverantwortlich für die Entwicklung eines eigenständigen Angebotes „Bildung, Beschäftigung und Beratung“ von Langzeitarbeitslosen. Seit 2001 Geschäftsführer beim „Volksverein Mönchengladbach“. Das Angebot „Bildung, Beschäftigung und Beratung“ bietet auch den zentralen Ansatz für die Fundraisingaktivitäten des Volksvereins im Kontext diakonischen kirchlichen Handelns. Für den Bereich Fundraising / ...
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Der Bitte, etwas über Arbeitslosigkeit und sozialethische Überlegungen angesichts der Enzyklika „Caritas in veritate“ zu schreiben, kann ich eigentlich nicht nachkommen, weil ich mit der Schrift nicht sehr vertraut bin.

Die Ermutigung mich nicht intensiver damit zu befassen, habe ich durch viele Kirchenleute erfahren, die alle einschließlich der von mir wahrgenommenen Presse, dieses Papier sehr schwach fanden.
Gleichwohl will ich in Form einiger Schlaglichter und eigener Praxis im Feld der Arbeitslosenarbeit einige Arbeitsansätze, Fragen und Herausforderungen vorstellen

Die geschieht im Folgenden in drei Schritten:

o durch Schlaglichter zur gesellschaftlichen und politischen Situation im Kontext von Arbeitslosigkeit
o durch eine Beschreibung dessen, wie der Volksverein Mönchengladbach und die Stiftung Volksverein Mönchengladbach in diesem Umfeld ein Selbstverständnis kirchlichen Handelns im Feld der Arbeitslosenarbeit entwickelt hat
o Warum Kirchliche Arbeitslosenarbeit? Assoziationen zu einer Antwort.  Gerade diesbezüglich orientiere ich mich in meinen Bezügen mehr an das gemeinsame Wort der Kirchen aus dem Jahr 1997, das immer noch eine Menge Fragen an unsere Gesellschaft aufwirft.

Schlaglichter zur Situation von arbeitslosen Menschen

Schlaglicht 1

„In einer Studie über die Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit habe sich gezeigt: Die Menschen werden apathisch, gehen sogar langsamer über die Straße,  erleiden Schäden an Ihrer Seele. Nur etwa jeder sechste bleibt dabei ungebrochen. Das ist nicht die Welt in der wir leben wollen.“
Aus: (RP – NRW erinnert an Karl Arnold v. 5. Nov. 2009 Seite A7)

Schlaglicht 2

„Erst las ich nur von ihr, da war sie noch weit weg. Dann hörte ich von ihr, über drei Ecken. Dann erwischte sie Freunde von Freunden, dann die Freunde selbst, die Einschläge kamen immer näher. Als Ersten traf es Christian, wie ich ein Journalist. Dann Katrin, Grafikerin. Dann Petra, Lektorin. Seit Oktober geht auch Stefan, unser Nachbar aus dem vierten Stock, morgens nicht mehr zur Arbeit. Er ist der Mann, der den Slogan »It’s not a trick, it’s a Sony« erfunden hat. Sein Job ist weg, sein Dienst-Passat, sein Siegerlächeln. Es ist kein Jahr vergangen, und mein Adressbuch ist zum Nummern-Friedhof geworden, überall tote Festnetzanschlüsse und durchgestrichene E-Mail-Adressen. Wer früher @faz, @Siemens, @Pixelpark war, sitzt heute @home. Ich blättere von A bis Z, zähle nach und komme zu dem Ergebnis: Ich habe nicht mehr viele Freunde, die noch eine feste Stelle haben. Bin ich der Nächste? Ich habe Angst.
Vielleicht ist es ein Trost für die Millionen Menschen, denen es schon lange viel schlechter geht, ohne dass sich jemand für sie interessiert hätte: Die Arbeitslosigkeit kriecht langsam von unten nach oben, in der gesamten Gesellschaft und in meinem Leben auch. Sie kam drüben aus dem Park, wo sie seit Jahren mit den Alkoholikern auf den Bänken saß, ist über die Straße in unser Haus geschlichen, steigt Stockwerk für Stockwerk hinauf und hat sich jetzt den Werbemann in der vierten Etage gepackt. Und ganz oben, im ausgebauten Dach, sitze ich und glotze auf das Elend hinab, obwohl es mir noch am besten von allen geht. Ich frage mich, ob ich das so schreiben darf in meinem (soweit ich weiß) sicheren Job…“

Der eben zitierte Henning Susebach veröffentlichte in der Wochenzeitung „Die Zeit“ einen Artikel, aus dem dieser Auszug stammt. Es war eine Reaktion auf die Dotcom Krise im Jahr 2001/2002. (Aus: WIRTSCHAFTSKRISE – Anfang am Ende – Kaum hat die Karriere begonnen, da ist sie für viele von uns schon wieder vorbei. Die Krise erreicht die Wohlstandskinder. Ein Anflug von PanikVon Henning Susebach  (c) DIE ZEIT 49/2002)

Schlaglicht 3

„Ärgernis erregende Nachrichten drängen die Frage auf: Was hält eine Gesellschaft auf Dauer aus? Zum Beispiel: Nur 10 Prozent der deutschen Bevölkerung, so hat das Statistische Bundesamt festgestellt, besitzen zwei Drittel des gesamten Vermögens in Deutschland; 50 Prozent haben gar kein Vermögen, keine Rücklage. Die Mittelschicht, die unsere Gesellschaft über Jahrzehnte stabilisiert hat, wird immer dünner. …
Oder: Aus New York kommt die Meldung, dass dort jetzt in einem Restaurant eine bemerkenswerte Süßspeise angeboten wird. Dafür werden aus 14 Ländern seltene Kakao-Sorten eingeflogen. Außer mit Schlagsahne wird die Delikatesse mit essbarem Gold serviert, in einer goldenen, mit Diamanten verzierten Schale und mit einem goldenen Löffelchen, Preis 25.000 Dollar. Schale und Löffel dürfen mitgenommen werden.
Oder: Wieder musste ein Spitzenmanager wegen schwerwiegender Fehler seinen Hut nehmen. Doch der Abgang wurde ihm mit einer -zig Millionen schweren Abfindung versüßt; ein Arbeitnehmer wird in einem vergleichbaren Fall fristlos entlassen und muss von Arbeitslosengeld leben…
Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass immer mehr Menschen das Maß der Ungerechtigkeit als unerträglich empfinden. Zorn und Enttäuschung breiten sich aus. … Die Politik darf die Ungerechtigkeit und den kapitalistischen Übermut nicht ausufern lassen. Es geht um mehr als um eine Änderung am Arbeitslosengeld und am Hartz-System.“

Dieses Zitat stammt übrigens nicht aus der „Linken Kampfpresse“ sondern aus der Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln vom 16.11.2007:

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Jetzt – 2009 – sind wir wieder in der Krise. Seit der beschriebenen Krise gibt es auch Hartz IV. Viele Mitmenschen aus dem so genannten Mittelstand, um den sich irgendwie die meisten politischen Parteien rangeln, sind in der Folge der letzten Krise und der gesetzlichen Änderungen der Agenda 2010 in „Hartz IV“ abgerutscht.
Beschwörend hören wir immer öfter in den Medien, dass das Tal der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise durchschritten sei. Die allseits bekannten „Nachlaufeffekte“ einer erhöhten Arbeitslosigkeit werden wir aber erst in den kommenden Monaten, im Winter 2009/10, erfahren.

Neben der subjektiven Erfahrung einer wirtschaftlichen Realität, wie Henning Susebach sie beschreibt, gibt es objektive Probleme, die zuletzt wesentlich durch die Finanz- und Wirtschaftskrise ausgelöst wurden und verstärkt gesellschaftlich zum Tragen kommen.
Entgegen der manchmal als Gesundbeterei anmutenden Beschreibungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation kommen am Jahresende 2009  gerade aus der Agentur für Arbeit kritisch anfragende Töne. So schreibt die WZ am 15.09.2009: „Die Krise werde laut Weise das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit noch verschärfen. Die meisten Menschen, die sich in den letzten zwölf Monaten neu bei der Agentur gemeldet hätten, seine zwar Männer mittleren Alters mit guter Ausbildung. Sie hätten gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Doch gleichzeitig seien sie neue Konkurrenz für Langzeitarbeitslose. Die Krise sei daher „ein weiterer herber Rückschlag für jene, die ohnehin schwach sind““.

Es gibt aber noch einen anderen Faktor in der Krise: Es wird permanent und händeringend immer wieder betont, dass die Krise kein Systemproblem sei. Und so sind natürlich die Opfer der Krise nicht Opfer eines Systems, sondern erneut, noch immer und immer wieder selbst schuld. Das führt zu weiterer Desintegration und mangelnde Bereitschaft, sich mit anderen Betroffenen zu solidarisieren.

Der „Volksverein Mönchengladbach“ gemeinnützige Gesellschaft gegen Arbeitslosigkeit mbH  – Selbstverständnis, Ziele, Inhalte und Arbeitsansätze

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Vor mehr als 100 Jahren, im Jahr 1890, wurde der „Volksverein für das katholische Deutschland“ mit seiner Zentralstelle in Mönchengladbach gegründet. Er ist im Jahr 1933 untergegangen. Aber die Menschen in der Region haben ihn und seine Anliegen – Solidarität und Gerechtigkeit – nicht vergessen.

Im Jahr 1983 wurde der neue Volksverein, der „Volksverein Mönchengladbach“ gemeinnützige Gesellschaft gegen Arbeitslosigkeit mbH, gegründet. Viele (junge) Leute wurden Freundinnen und Freunde des Volksvereins, seiner Idee und seiner Praxis. Diese Menschen verbindet eine Vision von einer gerechteren Welt und einer dem Menschen zugewandten Kirche.
Mönchengladbach ist nun mal die Stadt des sozialen Katholizismus – damals und heute!

Tradition

Die Entstehung des Volksvereins für das katholische Deutschland verdankt sich der Sozialgeschichte im 19. Jahrhundert.
Als katholische Antwort auf die mit der Industrialisierung verbundenen sozialen Umbrüche und Verwerfungen wird 1890 der “Volksverein für das katholische Deutschland“ gegründet. Der Volksverein nahm damals seinen Sitz am Wohnort des ersten Vorsitzenden Franz Brandts – in Mönchengladbach.

Ziele und Ideen

Der Volksverein für das katholische Deutschland wollte die meist in den unteren Gesellschaftsschichten der Bevölkerung  als Arbeiter, Handwerker und Bauern lebenden katholischen Gläubigen des damaligen Deutschen Reiches für die Mitarbeit an der Bewältigung der sozialen Frage befähigen. Das Eintreten für eine Verbesserung der sozialen Situation in Verbindung mit dem Glauben war damals schon Programm – nach dem Motto „Die Kleinen GROSS machen“.
Durch regelmäßige Information – damals „rote Hefte“ genannt – und Bildungsangebote sollte ein Weg der Sozialreform beschritten werden. Die Arbeit des „alten Volksvereins“ war ein Beitrag gegen den liberalen Manchesterkapitalismus, der sich durch Mitarbeit bei sozialgesetzgeberischen Reformvorhaben (zum Beispiel Arbeitslosenversicherung) insbesondere während der Weimarer Republik erfolgreich zeigte.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg hatte der Volksverein über 800.000 Mitglieder im damaligen Reichsgebiet. Die Organisation wurde 1933 durch den Nationalsozialismus zerstört. Erhalten blieb lediglich die große Bibliothek des Volksvereins, die noch heute in der Stadtbibliothek Mönchengladbach genutzt werden kann.

Tradition im neuem Gewand: Der “Volksverein Mönchengladbach“

Entstehung

Am 26. April 1983 wurde der „Volksverein Mönchengladbach“ gemeinnützige Gesellschaft gegen Arbeitslosigkeit mbH gegründet. Gründerinnen und Gründer waren 70 Laien und Priester der katholischen Region Mönchengladbach (mit Korschenbroich und Jüchen).

Impulse für seine Gründung waren der Katholikentag 1974 in Mönchengladbach (Thema „Für das Leben der Welt“) und die Würzburger Synode 1972 bis 1975. In der regionalen Umsetzung der dort entwickelten Ideen und Beschlüsse entwickelte sich der pastorale Schwerpunkt “Kirche und Arbeiterschaft“ zunächst in der Region Mönchengladbach und dann im Bistum Aachen – 1980 verkündet durch Bischof Klaus Hemmerle.

Idee

Der Gesellschaftsvertrag des Volksvereins stellt klar, worum es den Gründerinnen und Gründern ging: „Hilfe für Arbeitslose, die aufgrund ihrer langen Arbeitslosigkeit den geistigen und seelischen Belastungen ohne fremde Hilfe nicht mehr gewachsen sind“.
Die Gründung war eine Antwort auf die soziale und politische Situation zum Beginn der achtziger Jahre. Mönchengladbach – das ehemalige „Manchester des Niederrheins“ – befand sich durch die Krise der Textilindustrie in einer Strukturkrise, die Massenarbeitslosigkeit hervorbrachte.

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Mit der Hilfe für Arbeitslose und dem Kampf gegen Arbeitslosigkeit lebt die Tradition des alten Volksvereins im neuen Volksverein weiter: aus praktischer Erfahrung in der Arbeit mit Arbeitslosen will der Volksverein laut Gesellschaftsvertrag „hinein wirken in Kirche und Gesellschaft“: durch  arbeitsmarkt- und gesellschaftspolitisches Engagement.

Die Idee –  „teilen macht reich“

Im Laufe seines 25-jährigen Bestehens wird zunächst die Leitidee „teilen statt Arbeitslosigkeit“ entwickelt und dann zum heutigen Leitspruch „teilen macht reich“ weitergeführt.

Damit spricht der Volksverein nicht nur die arbeitslosen Frauen und Männer an oder Fachleute aus dem Feld der Arbeitslosenarbeit. Er will vielmehr mit seinem Leitspruch auch weite Kreise unserer Gesellschaft erreichen. Alle Mitbürgerinnen und Mitbürger sind als Glieder von Kirche und Gesellschaft direkt oder indirekt mit dem Problem Arbeitslosigkeit verbunden.

„Teilen macht reich“ trägt die Idee einer gerechteren Welt in sich. Mit diesem Leitwort ist der Volksverein ein exemplarisches Handlungsfeld für eine gesellschaftliche Erneuerung.

Durch finanzielle Unterstützung kommt den Menschen Hilfe zu, die durch Arbeitslosigkeit an den Rand der Gesellschaft gedrängt sind.
Durch Bildung, Beschäftigung und Beratung stärkt der Volksverein die Eigenverantwortlichkeit und verbessert die Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe und Integration – finanzielle und ehrenamtliche Unterstützung durch Förderinnen und Förderer ist Hilfe zur Selbsthilfe.
Ehrenamtliche und Spenderinnen und Spender nehmen soziale Verantwortung wahr. Sie setzen ein Zeichen gegen Benachteiligung und Ausgrenzung durch gesellschaftliche Reform.

„teilen macht reich“ – Spenden und Mitmachen

Über 15 % der zur Deckung des Haushalts notwendigen Finanzmittel kommen aus Geldspenden. Hinzu kommen die ungezählten Sachspenden: Möbel, Hausrat, Kleidung, Schuhe, Druckerpatronen, Bücher, CDs, Schallplatten usw.

Die Arbeit mit Arbeitslosen kostet Geld. Dieses Geld kann der Volksverein nicht alleine aufbringen und wird auch nicht durch Leistungen der ARGE abgedeckt. Fast 1500 Menschen unterstützen die Arbeit durch eine regelmäßige Abgabe oder durch einmalige Spenden.  Die Arbeitslosen brauchen die Solidarität der MitbürgerInnen.

Sie brauchen Menschen, die Zeichen setzen gegen Benachteiligung und Ausgrenzung.

Freundinnen und Freunde, Spenderinnen und Spender
Beim ”Volksverein Mönchengladbach” kann man nicht Mitglied werden. Der historisch begründete Name „Verein“ weckt zweifellos den Eindruck, es handelt  sich aber um eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung.

Wir nennen daher die Menschen, welche die Arbeit unterstützen, „Freundinnen und Freunde”. Sie gehören unverzichtbar zu dem Zeichen, das der Volksverein in Gesellschaft und Kirche setzen will:

* Ein praktisches Modell, wie die durch hohe Arbeitslosigkeit verursachte gefährliche Krise der Gesellschaft überwunden werden kann, und

* ein Zeichen, dass die Kirche ihre Bevorzugten unter den gesellschaftlich Benachteiligten suchen und finden muss.
SpenderInnen und InteressentInnen erhalten regelmäßig Informationen. Dreimal im Jahr geben wir die VolksvereinsZeitung heraus.
Kontakte und Begegnung der Menschen, die dem Volksverein verbunden sind, mit denen, die dort arbeiten, sind wichtig und bereichernd. Der Treffpunkt „Plataneneck“ in unserer Betriebsstätte heißt Betroffene und Interessenten /-innen herzlich willkommen.

Dreimal B: Bildung, Beschäftigung und Beratung – das „Herzstück“ des „Volksverein Mönchengladbach“

Der Volkverein hat schon mit Aufnahme seiner Tätigkeit 1983 ein eigenständiges selbstfinanziertes Angebot „Bildung, Beschäftigung und Beratung“ entwickelt. Vor den Zeiten von Hartz IV hatte der Volksverein ca. 100 TeilnehmerInnenplätze mit diesem Angebot. Die mit Hartz IV verbundene „Zwangsrekrutierung“ von Langzeitarbeitslosen und die Zuweisungspraxis schränkten dieses Angebot drastisch ein. Heute gibt es nur noch ca. 25 Plätze in diesem eigenfinanzierten Programm.

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Das eigene Programm wurde entsprechend verschiedener gesetzlicher Regelungen zwar modifiziert, blieb aber im Kern erhalten. Seit Frühjahr 2006 erhalten – nach einem durch die Hartz-Gesetze bedingten Rückgang im Jahr 2005  – etwa 25 langzeitarbeitslose Frauen und Männer im Rahmen dieses Programms ein Angebot auf der Basis von freiwilliger Teilnahme. Sie bekommen eine ausschließlich aus den Erträgen der Arbeitsbereiche oder aus Spenden finanzierte Aufwandsentschädigung von 100 € monatlich.
Die Teilnehmer am Programm „Bildung, Beschäftigung und Beratung“ verpflichten sich zu 12 Stunden arbeitsorientierter Bildung wöchentlich und zusätzlich mindestens zu zwei Stunden Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen und/oder Teilnahme an kulturellen Angeboten. Zum Nachweis für Bewerbungen bei zukünftigen Arbeitgebern wird die Teilnahme in einem sog. Bildungsbuch festgehalten.

Außer dem eigenen Programm setzt der Volksverein verschiedene arbeitsmarktpolitische Programme wie aktuell die Arbeitsgelegenheiten (etwa 120 TeilnehmerInnenplätze im Jahr 2008) um. Von Beginn an hat der Volksverein – teilweise in Verbindung mit anderen Trägern wie dem diakonischen Träger „Neue Arbeit Mönchengladbach“ gegenüber der ARGE deutlich gemacht, dass er nur solche Maßnahmen bereit ist durchzuführen, bei denen Bildung, Beschäftigung und Beratung eine Ergänzung finden und dann auch über Overheadkosten mit finanziert werden.

Beschäftigung: Beschäftigung bildet; die Qualifizierung bezieht sich auf das Erlernen von arbeitsbezogenen und arbeitskommunikativen Fähigkeiten.
Vielfältige Erfahrungen in der Alltagsarbeit des Volksvereins begründeten die Verknüpfung persönlicher, betrieblicher und politischer Bildung.
Beratung: Die Arbeit des Sozialdienstes verdeutlicht, dass Angebote zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation und zur Verbesserung der Vermittlungschancen auf dem Arbeitsmarkt erforderlich sind. Anstehende Probleme und Fragen werden jeweils in den Einzelberatungen aufgegriffen; Hilfe wird dabei angeboten und Mitarbeit eingefordert. Gemeinsames Lernen wird durch entsprechende Gruppenangebote gefördert.
Die Erfahrungen mit dem Programm „Bildung, Beschäftigung und Beratung“ hat der Volksverein auch in die Ausgestaltung der Arbeitsgelegenheiten nach Hartz IV eingebracht.
Bildung: Die Angebote der Bildungsarbeit werden in Kooperation mit dem Katholischen Forum für Erwachsenenbildung Mönchengladbach und Heinsberg entwickelt. Sie sind ein arbeitsweltorientiertes, auf die Situation und die Bedürfnisse der Teilnehmenden abgestimmtes Programm.
Angebote sind u.a.:  EDV-Kurse; Arbeitsgruppenbesprechungen, Training, kundenorientiertes Verhalten, Rechtsinformationen, Bewerbungstraining, Werkwochen, Theatergruppe, Arbeitslosenfrühstück, kulturelle Angebote, spirituelle Angebote, Freizeitangebote.

Gelebte Nachhaltigkeit für Menschen und Umwelt

Zur Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft gehört es, nicht zu Lasten zukünftiger Generationen zu leben. Das bedeutet u.a., mit Rohstoffen äußerst sparsam umzugehen, möglichst nur noch erneuerbare Energiequellen zu nutzen und so wenig wie möglich umweltschädlichen Müll und gasförmige Schadstoffe zu hinterlassen.
Diesen Anspruch auf Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit nimmt der Volksverein für die Arbeitsbereiche Gebrauchtgüter, Produkte und Dienstleistungen sowie Bildungs- und Beratungsleistungen auf.

Arbeitsfelder im Bereich Wiederverwertung

Im Bereich der Gebrauchgüter geht es um Weiter- und Wiederverwertung oder Recycling von Produkten:
– Möbel und Hausrat
– Bücher, Schallplatten, CDs
– (Gebraucht–) Kleidung und –Schuhe
– Patronensammlung von Tinten- und Laserdruckern

Zur Gewinnung von Kompetenz und zur Stärkung der sozial-ethischen Verantwortung dieser Bereiche hat sich der Volksverein dem Verband „Fairwertung – Arbeit schaffen, Umwelt schonen“ und dem Verband „Secondhand vernetzt“ angeschlossen.

Arbeitsfelder in der Herstellung neuer Ware

Im Bereich der Produktion ist der Volksverein auf den Feldern
o Holzprodukteherstellung und
o Rapsölproduktion tätig.

Die Holzprodukte waren viele Jahre kleinere Serien von Holzspielzeugen. Wie andere deutsche Herstelle hat uns auch hier der Weltmarkt mit Sonderangeboten bei den diversen Discountern eingeholt. Eine notwendige Umsteuerung führt heute zur Serienfertigung von Einrichtungsgegenständen für Schulungshäuser, Altenheime, Klöster etc. unter dem Label „Produkte für soziale Einrichtungen“. Die durch Arbeitsmarktprogramme permanente Anfrage nach Wettbewerbsneutralität bedeutet immer eine Balanceakt und verbietet es, diese Produkte offen auf dem Markt anzubieten.
Das Rapsöl wird als regional erstellter Energieträger als Kraftstoff für einige Fahrzeuge eingesetzt, vor allem aber als Lebensmittel selbst produziert. Auch dieser Ansatz geht aus einer regionalen kirchlichen Initiative (www.RegioOel.de) hervor, die sich angesichts der riesigen Kohlekraftwerke von früher Rheinbraun – heute RWE-Power – mit dem Tagebau Garzweiler II und von Ideen zur Bewahrung der Schöpfung für eine regionale Energieversorgung ausspricht.

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Arbeitsfelder im Feld von Dienstleistungen

In Kooperation mit dem Mönchengladbacher Verein „Clean up“ bietet der Volksverein außerdem ein niedrig-schwelliges Angebot zur Beschäftigung von insbesondere gering qualifizierten Arbeitslosen.
TeilnehmerInnen in diesem Projektfeld reinigen bestimmte Straßenbereiche, die durch Stadt und Landschaftsverband nicht gepflegt werden.

Ein weiterer Bereich von Dienstleistungen ist die Leerung und Wartung von Kleidercontainern des Sozialverbandes KAB- im Norden des Bistums Aachen. Auch diese Sammlung geschieht unter dem Siegel von Fairwertung.

Zur Gewinnung von Warmwasser für die alltäglichen Belange im Betrieb setzt der Volksverein auf Sonnenenergie, die von Kollektoren auf dem Dach erfasst wird.

Allen Arbeitsfeldern gemeinsam ist der Blick auf Mensch und Umwelt. Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit bedeuten damit nicht nur eine Orientierung auf Gebrauchsgüter, Produkte und Dienstleistungen, sondern auch auf die damit verbundenen Lern- und Arbeitsprozesse der Menschen, die in diesen Handlungsfeldern arbeiten, anleiten und begleiten.

Die Zukunftsfähigkeit unseres Angebotes hat die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Blick, die Lebensphasen mit und ohne Erwerbsarbeit zu bewältigen haben.

Sie lernen in der Auseinandersetzung mit Werkstoffen, mit Kunden und Kollegen. Sie lernen für sich – zur Bewältigung des Lebens, sie lernen Kontakte zu knüpfen  und Beziehungen aufzubauen (neudeutsch Vernetzung), und sie lernen, dass man ihnen etwas zutraut. Sie erfahren, dass sie Kompetenzen haben und sie lernen schließlich die Arbeit und den Arbeitsmarkt wieder in den Blick zu nehmen.

Nachhaltigkeit gilt auch als Stichwort für die Soziale Begleitung, die der „Volksverein Mönchengladbach“ allen hier tätigen Menschen anbietet. Nachhaltige Begleitung erkennt an, dass das Ziel, eine Lebensgestaltung, die dem Durchschnitt in der Gesellschaft entspricht, nur dauerhaft erreicht werden kann, wenn die meisten Hindernisse bearbeitet werden können, die einer gesellschaftlichen Integration entgegenstehen. Dazu gehört z.B. der Umgang mit Schulden, der eigenen Gesundheit oder die Notwendigkeit einer ausreichenden wirtschaftlichen Grundlage. Wenn der Alltag solchermaßen geregelt ist, kann eine Vermittlung in Arbeit auch dauerhaft stabil, d.h. „nachhaltig“ gelingen.

Arbeitslosigkeit und Armut

Eine in der Strukturkrise der Textilindustrie begründete Arbeitslosigkeit prägt seit mehr als zwei Jahrzehnten das Gesicht der Region Mönchengladbach. Von der Arbeitslosigkeit und der häufig daraus resultierenden Armut direkt oder indirekt betroffene Kinder, Frauen und Männer sind die Verlierer des Strukturwandels in unserer Region. Ihre gesellschaftliche Teilhabe ist durch die mit öffentlichen Geldern finanzierte Grundversorgung nur stark eingeschränkt möglich.
Schon in den achtziger Jahren zeigte eine Studie der Stadt Mönchengladbach, dass über 40% der Sozialhilfeempfängerinnen und –empfänger durch Arbeitslosigkeit bedingt auf diese Hilfe angewiesen waren. Die Arbeitslosigkeit stieg von 14.000 im Jahr 1984 auf 19.223 Arbeitslose zum 31.12.2005  an und fiel dann bis zum Jahresende 2008 wieder auf 14857 (11,4 %). Vor allem die Langzeitarbeitslosigkeit verfestigte sich alleine vom Jahr 2000 mit 37,3% auf 49,3% im Jahr 2006. Danach sinkt die Langzeitarbeitslosigkeit auf 37,5 %. Diese Reduktion ist aber wesentlich in der politischen Entscheidung begründet, Teilnehmer von Arbeitsgelegenheiten und sonstigen Maßnahmen nicht mehr bei der Zählung zu berücksichtigen.

Über 50% der Langzeitarbeitslosen verfügen über keinen beruflichen Abschluss. Mit der Zusammenlegung der Sozial- und Arbeitslosenhilfe im Januar 2005 wurde die für die Gesellschaft beängstigende Situation der Arbeitslosigkeit noch klarer. Die zwischenzeitlich im Jahre 2006 aufgetretene heftige Debatte um die Hartz-Reform und die „Fortentwicklung“ dieses Gesetzes zeigen aus unserer Sicht aber mehr die Hilflosigkeit der Politik, dem Problem Arbeitslosigkeit wirksam zu begegnen.

Eine Organisationsreform schafft eben nicht die erforderlichen Arbeitsplätze! In diesem Falle zeigt sie nur erstmals das ganze Ausmaß der Arbeitslosigkeit auf.
Die Analyse der äußerst differenzierten Gruppe der Arbeitslosen weist weiter auf die große Herausforderung der gering qualifizierten Langzeitarbeitslosen für die Gesellschaft hin. Die Politik nimmt diese Herausforderung allenfalls durch die Parole „fördern und fordern“ an, wird ihr aber insgesamt nicht gerecht.

Trotz allen arbeitsmarktpolitischen Engagements in der Armuts- und Arbeitsmarktkonferenz oder in weiteren gesellschaftlich relevanten Netzwerken in der Region,  in die der Volksverein seit seiner Gründung seine Initiative und Ideen einbringt, gilt schon seit Jahren:

Nicht die Arbeitslosigkeit wird bekämpft – sondern die Arbeitslosen.

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Neue Ideen – Antwort auf die Herausforderungen

Leben ohne Erwerbsarbeit, gelingendes Leben gestalten, dies ist eine alltägliche Anfrage an die von Arbeitslosigkeit und Armut Betroffenen.
Wenn der Blick auf tatsächliche und vermeintliche Erfolgsquoten in der Vermittlung von arbeitslosen Frauen und Männern auf die Seite derer gerichtet ist, die eben nicht erneut einen Arbeitsplatz gefunden haben, dann richtet sich der Blick auf immerhin 75, %, 80%, 85 % je nach Arbeitsmarktlage und Krisenerscheinung von ehemaligen Maßnahmeteilnehmerinnen und Maßnahmeteilnehmern, für die nach der Maßnahme eben wieder das „AUS“, das „Ende“ kommt. Und das ist oft gleichbedeutend mit Perspektivlosigkeit und einem fehlenden Ort der Begegnung.

„Bilden – arbeiten – begegnen – beraten“ sind die Leitbegriffe von Volksverein und der Stiftung Volksverein Mönchengladbach. Auf dem Hintergrund der gemachten Erfahrungen und der erkannten Notwendigkeiten hat der Volksverein in Verbindung mit der Stiftung Volksverein Mönchengladbach und den Steyler Missionsschwestern daher in den letzten vier Jahren ein neues Angebot aufgebaut.
Bei den Angeboten der Stiftung geht es nun vor allem darum, Lebens- und Begegnungsraum anzubieten und Orte der Begegnung mit anderen Menschen zu schaffen.

Die Ausgestaltung dieser Angebote braucht das Mittun, die Mitarbeit der Menschen, die auch gerne selbst dieses Angebot nutzen können und wollen.

So haben sie die Möglichkeit, die regelmäßigen Angebote mit zu gestalten oder auch neue mit zu entwickeln. Sie erfahren, dass sie trotz mangelnder Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt etwas können, etwas Neues anpacken können, sie lernen Beziehungen zu Menschen neu oder wieder aufzubauen, sie erfahren Spaß in der Begegnung, in der gemeinsamen Gestaltung von „Frei(e)zeit“ – Angeboten.
In den spirituellen Angeboten finden die Fragen nach Gott und die Suche nach IHM Raum und Ausdruck. Neue Formen von Liturgie werden ausprobiert und es wird nach Wegen gesucht, das Evangelium und das Leben der Menschen wieder in Verbindung – mit dem eigenen und dem Leben anderer – und in die Auseinandersetzung zu bringen.
Ein Angebot, das den ganzen Menschen sieht, seine sozialen, persönlichen wie seine spirituellen Sehnsüchte und Lebenswirklichkeiten.

Die Angebote sind teilweise verbunden mit Initiativen im Stadtteil Mönchengladbach Waldhausen.

Das „Andere“ an diesem Projekt

Das „Andere“ an diesem Projekt ist, so glauben wir, dass unser TaK (Treff am Kapellchen) keine Kirche und Treffpunkt für die Armen und Benachteiligten ist, sondern – wie oben beschrieben –  eine Kirche und Treffpunkt von und mit Armen und Benachteiligten. Im TaK treffen sich Menschen verschiedener Nationen und Religionen und vor allem Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen Verhältnissen.
Das Evangelium wird von ihnen gelesen, Kirche und Gesellschaft werden neu buchstabiert.

Warum Kirchliche Arbeitslosenarbeit?

Assoziationen zu einer Antwort

Ich bin gekommen,
damit sie das Leben
in Fülle haben.
(Johannes 10,10)

Arbeitslosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit ist ein Anschlag auf ein erfülltes Leben, ist ein Anschlag auf die Menschenwürde. Dieser Herausforderung muss sich die Kirche stellen – sie darf und kann Arbeitslose nicht als Kollateralschaden wirtschaftlichen Handelns übersehen. In der Praxis der Gemeinden geschieht das zu oft – oder die Not und die Armut werden als ausschließlich karitatives Problem betrachtet.
Die pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“ formuliert hier eher im Sinne, dass die Kirche sich dieser Herausforderung stellen muss:

Die engste Verbundenheit der Kirche mit der ganzen Menschheitsfamilie

1. Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände. Ist doch ihre eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet, die, in Christus geeint, vom Heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist. Darum erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden.“
Es zeigt sich: Caritas und Diakonie – Nächstenliebe und Dienst am Menschen sind zentrale Aufgaben, Menschen zu stärken, eine Gesellschaft mit menschlichem Antlitz mit zu gestalten – die biblische angekündigte Fülle des Lebens nicht ins jenseits zu verlagern!

Kirchlich wird manchmal aber verkürzt nur auf den Dienst. Auf die Nächstenliebe. Menschen, Arbeitslose werden zum Objekt karitativer Behandlung, oft werden sie leider Ihrer Subjekthaftigkeit beraubt. Einer solchen Arbeit stellen sich der Volksverein und die Stiftung Volksverein Mönchengladbach mit ihren Angeboten entgegen – oft sicher auch eingeschränkt durch Vorgaben aus der ARGE.
Wenn es um die Gemeinschaft und deren Gestaltung geht, dann geht es auch um gesellschaftliches Handeln, um die Politik – nicht vorrangig um Parteipolitik. Kirche soll und muss die Finger in die Wunden legen, Aufklären und Handeln, die „Strukturen der Sünde“, Strukturen von Ungerechtigkeit und Missachtung menschlicher Entfaltung anklagen.

Kirche muss sich hier einmischen: um der Menschen willen!
Kirche hat sich mit dem gemeinsamen Wort der evangelischen und katholischen Kirche zur wirtschaftlichen und Sozialen Situation im Jahr 1997 eingemischt.
(CIV 3) Die Soziale Marktwirtschaft braucht eine strukturelle und moralische Erneuerung.

(CIV9) Eine Wirtschafts- und Sozialordnung kommt nicht ohne rahmengebende rechtliche Normierungen und Institutionen aus. Appelle genügen nicht.

Diese Aussage wurde durch die aktuelle Finanz- und daraus folgende Wirtschaftskrise wenig erfreulich aber dafür umso eindrucksvoller bestätigt.

(CIV5) Die vordringlichste Aufgabe der Wirtschafts- und Sozialpolitik ist in den nächsten Jahren der Abbau der Massenarbeitslosigkeit.

(CIV19) Die anhaltende Massenarbeitslosigkeit ist ein gefährlicher Sprengstoff: im Leben der betroffenen Menschen und Familien, für die besonders belasteten Regionen, … für den sozialen Frieden. Ohne Überwindung der Massenarbeitslosigkeit gibt es auch keine zuverlässige Konsolidierung des Sozialstaats.

(CIV21) Energische und dauerhafte Anstrengungen zum Abbau der Massenarbeitslosigkeit sind in den nächsten Jahren eine vorrangige Gemeinschaftsaufgabe. ….

(CIV24) Nicht nur Armut, auch Reichtum muß ein Thema der politischen Debatte sein. Umverteilung ist gegenwärtig häufig Umverteilung des Mangels, weil der Überfluss auf der anderen Seite geschont wird. Ohnehin tendiert die wirtschaftliche Entwicklung dazu, den Anteil der Kapitaleinkommen gegenüber dem Anteil der Lohneinkommen zu vergrößern. Um so wichtiger wird das von den Kirchen seit langem vertretene Postulat einer breiteren Vermögensstreuung. …

(CIV53) … Verbitterung und Resignation zerstören das Vertrauen in die demokratische Gestaltbarkeit der Gesellschaft. Perspektivlosigkeit und Angst vor dem sozialen Abstieg sind ein Nährboden für Gewaltbereitschaft und Fremdenfeindlichkeit.

… und wie ich finde, ein Anschlag auf die demokratische Verfasstheit und die demokratische Gesellschaft.

Im Übrigen zeigen die zitierten Abschnitte weiterhin einen erheblichen Handlungsbedarf. Nach wie vor bieten die seinerzeit in einem Konsultationsprozess entwickelten Forderungen erheblichen Sprengstoff in einer Kirche, die angesichts der Veränderungen in der Gesellschaft und der daraus resultierenden Konsequenzen für den „eigenen Laden“ vorrangig um sich selbst und um Strukturfragen kreist.

… „Arbeit ist das halbe Leben“ sagt der Volksmund.
… Was ist dann ein Leben ohne Arbeit?

Was heißt Kirchliche Arbeitslosenarbeit angesichts dieser Volksweisheit und der bislang skizzierten gesellschaftlichen Bedingungen und Überlegungen?

Es ist Zeichen setzten – wir können nicht die Massenarbeitslosigkeit beheben.

Es ist Dialog – mit Ausgegrenzten und „Mitgliedern der Gesellschaft“.

Es ist Parteilichkeit – Neutralität ist angesichts des Anschlags auf die Würde des Menschen nicht geboten!

Es ist ein Stückchen Hilfe für einige wenige Betroffene.

Es ist Herausforderung für die Zivil- und Kirchen – Gemeinden, in deren
Alltag oft das Thema gar nicht (mehr) wahrgenommen wird.

Es ist ein Stück gelebter Solidarität, und Forderung, Solidarität zu leben.

Es ist lernen, sich berühren und verändern lassen, von denen, deren Lebenssituation von Arbeitslosigkeit und Armut bestimmt ist.

Es ist Suche nach gelingendem Leben – auch jenseits der Erwerbsarbeit.