Zur Produktionsschule

Plan – Einheit von Produzieren und Lernen – Sozial-Emotionale Bedürfnisse

Von: Henner Stang (Mitarbeiter in der Suchttherapie), Martin Mertens (Vorstandsmitglied Bundesverband Produktionsschulen)

Henner Stang

Mitarbeiter in der Suchttherapie

Soz. Pol. Päd., Stellvertretender GEW-Kreisvorsitzender Marburg, Psychoanalyse, Fachkrankenhaus Suchttherapie, langjähriger Arbeitsberater Kasseler Produktionsschule BuntStift, Beirat Bundesverband Produktionsschulen.


Martin Mertens

Vorstandsmitglied Bundesverband Produktionsschulen

Physikingenieur und Berufspädagoge, seit 30 Jahren aktiv für Produktionsschule tätig, meistens für die Kasseler Produktionsschule BuntStift, seit 2010 Vorstand Bundesverband Produktionsschulen E-Mail-Adresse: m.mertens@bv-produktionsschulen.de    


„Die Redseligkeit des Alters so geschickt serviren,
daß sie sich wie Kraft der Jugnd anhört“

aus Arno Schmidt: Zettel‘s Traum
Auf alle Fragen haben wir natürlich eine System-Antwort! Die Produktionsschulen als faszinierende Lösung für alle Fragen – erziehungswissenschaftlich und politisch.

In einem fiktiven Gespräch zwischen der interessierten Öffentlichkeit und den Produktionsschulprofis suchen wir nach Antworten.

Frage: Interessierte Öffentlichkeit (IÖ)

Als Eltern fragen wir uns doch:
Sollen unsere jungen Leute später noch 100 Jahre im Übergangssystem Schule – Betrieb ausharren? Ein Maßnahmedschungel mit immerhin bis fast 240.000 Jugendlichen jedes Jahr bis 2025, von denen „natürlich“ immer auch einige Dutzend das „Klassenziel“, sprich Ausbildung oder weiterführende Schule erreichen. Ein behaglich beharrliches Nullsummen-Spiel. Wie hoch sind die Kosten, allein die finanziellen, sind sie berechenbar? Und die sozialen, menschlichen – sind die vielleicht sogar Kalkül?

Wie hoch ist die Zahl der Abbrecher und Verlierer? Schule, Ausbildung und Universität? Was ist mit den Schulverweigerern, den Verstörten, den Störern, den Gestörten? Den Bildungsentfernten? – Nur individuelle Symptomträger? Schulversager? Vielleicht dass es die Schule ist, die hier versagt?! Ist sie ihrem Wesen nach nicht pädagogische, sondern eine bürokratische Institution?

Antwort: Die Produktionsschulprofis (PP)
Solange die ehrwürdigen Systeme von Ausbildung und Schule nicht qualitativ verändert werden, aber wie sollte sich das ändern? 240.000 bis mindestens 2025. Und dies trotz einer Vielzahl stupender Reformen. Und dies über alle Bundesländer hinweg! Zufall?- oder gesetzmäßig den nur sich selbst und diesem Output sich selbst reproduzierenden Systemen von Schulverwaltungen geschuldet. Und allerlei Lernkonstellationen, die wie Sterne im Bildungskosmos als Spiralnebel aufleuchten….. Plan? Drohkulisse zur Anpassungs- oder Gehorsamserzwingung der Reservearmee von Jugendlichen zum jederzeit verfügbaren Einsatz. Aber ganz schön teuer, jedes Jahr ca. 7 Milliarden.

Cui bono, wem nützt das alles? Wir sehen nicht, wer die Kraft hat, die Macht, das Interesse und die Mittel das zu verändern. Lehrer jammern, Eltern klagen und Unternehmer toben – noch – nicht. Braucht es erst eine strukturelle Implosion, z.B. massenhaft psychische Erkrankungen, wie an den Zahlen der Familienberatungsstellen und den Diagnosen der Kinder-Psychiatrien schon erkennbar? Oder eben- noch teurere kriminelle Devianzen? Oder muss es in der Folge der technischen Revolution, eine soziale Revolution gar, eine Bildungsreformation geben, wie sie der Buchdruck vor 400 Jahren imprimierte? Jetzt IT? Und nun der neueste Bildungs-bluff! Inklusion? Verstörend! Doch das ist eine andere Geschichte.

Haaeschenschule_TitanicIn ihrer Philosophie haben Produktionsschulen schon immer hoch differenzierte Formen von Inklusion in ihren pädagogischen hilfreichen Regelsystemen organisiert.

IÖ:
Aber es gibt doch so viele Pläne?
Reformansätze, Reformvorhaben? Ein permanenter Reformfuror geht durch die Länder. Gibt es vielleicht einen inneren Zusammenhang zwischen diesem Plan-Wahn und der Anarchie in realen Bildungswelten: Dem Eklektizismus der Inhalte, Rahmenrichtlinien und Lernziele?

Hauptsache: bildgebende „Präsentation“ durch Schüler und allumfassende „Inkompetenzkompensationskompetenz“ (O. Marquard); Permanente Dokumentation, die „Aktenlage“ des individuellen Lernfortschritts bei gleichzeitiger, sozialer Bewusstlosigkeit und alles umfassender Geschichtslosigkeit?

PP:
Wir sehen, aber durchschauen nicht mehr, eine mit polit-pädagogischem Pathos vorgetragene Bildungsplanung der ach so entschiedenen(!), ministeriellen Schulreformer, „jetzt wissen wir, wie es geht und wo wir hinwollen“, „wir haben das korrekte Curriculum und die passende Didaktik“. Hoch differenziert für jedes Ländchen. Der Föderalismus als Ausrede. Unterrichtspläne, Lehrpläne, Stufenpläne, Ausbildungspläne, Förderpläne, Hilfepläne: „Hilfe, Hilfe, Hilfe“, Hilfepläne: Rahmenlehrpläne. Die nützlichsten Werkzeuge aber, „Wochenpläne“ (P. Huschke) fehlen. Werden, wenn überhaupt, nur in der Grundschule, eingesetzt.

Hochdifferenzierte, hochakademische Erziehungswissenschaft. Katheder-Pädagogik, aber was kommt beim einzelnen Lehrer an: kein Überblick, kein Durchblick. Dekompensation, persönliche und organisatorische. – Erziehungswissenschaftliche Fünbf-Jahres-Pläne mit einer Laufzeit bis zur nächsten Landeswahl.

Bildungsgesamtpläne, aber „Isch hab‘ keinen Plan“! So sagt der junge Mensch als solcher, wenn er nicht mehr weiter weiß. Orientierungslosigkeit im System. Des Systems, systematisch erzeugt? Dieser Art Pläne als polit-bürokratisches Alibi? Aber wehe junge Menschen sind orientierungslos! Da müssen erst mal Werte her und selbstverständlich „Kompetenzen.“ Hohle Phrase; vom Ursprung und Verwendung juristischer Begriff.

(Titelbild aus Titanic-Satiremagazin April 2009)

Zwischenfrage
Pläne, Pläne! Reformpläne, Lebenspläne, Lernpläne! „Kompetenzen“?

Neue Begriffe, neue Inhalte, die historisch notwendigen Lerninhalte bestimmen? Und dann noch unterschiedliche Schulformen, Verordnungen, Erlasse und Richtlinien für die jeweiligen Bundesländer. Nennt man das qualitätsgesicherten Übergang zum Beruf?

Zwischenantwort
Lernen ist immer ein hochpersonalisierter sozialer Prozess von sich aufeinander beziehenden Individuen. Lernen sollte ein erfahrungsgesättigter Handlungs-, Arbeits- und Produktionsprozess sein. Reale Arbeitsbeziehungen in der Produktion von Gebrauchswerten – auch als Tauschwerte für den Markt – möchten wieder zur Grundlage von Lernen und Bildung werden. Aber nicht auf dem Stand der Erfindung des Buchdrucks, sondern mit den gesetzmäßigen Notwendigkeiten der digitalen Revolution.

Das funktioniert in der Produktionsschule, die vorübergehend das Paradox des atavistischen Begriffes Schule als historisches Symbol aushalten muss. Weil in der Produktionsschule – jedenfalls von ihrer guten Absicht her – nicht Ideologie, also Verwaltungswissenschaft und technisches Herrschaftswissen unterrichtet und gelernt wird, sondern Lernen mit gesellschaftlich nützlicher Arbeit, mit Humanität und sozialer Emotionalität. Jenseits von Maßnahmen, Richtlinien und Förderprogrammen.

Produktionsschule. Paradox: Zwar Schule, einerseits mit ihrem neuen Moment: Produktion; aber vielleicht kein antagonistischer Widerspruch! Soziale und historische Notwendigkeit, Widersprüche erleben, Produktionsschule eben; als technisch produktive, pädagogische Notwendigkeit. Wenn gesellschaftlich, gemeinschaftlich, kooperatives Lernen und Arbeiten wieder auf neuer – höherer – zukünftiger, historischer Stufe in der wissenschaftlich-technischen Revolution aufgehoben ist.

IÖ:
Arbeiten und Lernen verbinden? Etwa Pestalozzi, Rousseau, Makarenko, Paul Oestreich?

PP:
Die Verbindung des Lernens – Forderung vieler lerntheoretischer Ansätze – mit lebendiger, produktiver Arbeit mit dem Leben (Piaget, Leontjew, Galperin, Holzkamp).Die Produktionsschule, ein „pädagogisches Poem“ (Makarenko). Lernen als Element oder Moment der planvollen, vollständigen Handlung (Hacker/Volpert), natürlich im realen Arbeits- und Produktionsprozess. Lernen (Höhere Bildung: Administration, Ideologie) vom realen Arbeitsprozess zu trennen, kann nur der Arroganz von Bildungs-Bürgern geschuldet sein. Arbeit war ja immer was Schmutziges. Das Kloster als performativer, stets virulenter Gründungsmythos der neuzeitlichen Schule. Gleichzeitig erste Trennung von Kopf und Handarbeit, ora et labora.

Verbindung von Lernen und Denken im Produktionsprozess selbst- einheitlich und nach Plan- ist Ergebnis und Voraussetzung, der neueren industriellen Entwicklung. Daher Berufsschule und Duale Ausbildung. „Produktion“ im Berufsfeld. Allen anderen Schulen als Bildungsanstalt bleibt ora -Zucht und Ideologie- vorbehalten, nur nicht die Hände schmutzig machen. Und jetzt, produzieren, arbeiten in der Schule, „vor Ort“, wo kommen wir denn da hin!

Die allgemeine Schule als Lebenslang-Lern-Hilfsanstalt funktioniert nicht mehr. Krankheit, Verweigerung, Kränkung und Beschiss! Bologna: Real-Hochschul-Absolventen mit Abbruchquoten in enormer Höhe, daher der graue Markt der Nachhilfeanstalten. Nachhilfe, die Generalschule für alle! Belastbare Zahlen gibt es nach Aussage mehrerer Institute und Unternehmen zwar nicht. (Rund 1,1 Millionen Schüler nehmen regelmäßig bezahlten Nachhilfeunterricht in Anspruch. Insgesamt geben Eltern jährlich bis zu 1,5 Milliarden Euro dafür aus. Das geht aus einer Studie 2010 der Bertelsmann Stiftung hervor).

Buchmertens

Zwischenruf aus dem Publikum:
Also Fehlfunktion, Ausschussproduktion, alles in die Tonne! Wo bleibt da die „Nachhaltigkeit“? Jeder Betrieb wär‘ doch längst platt und auf der medialen Anklagebank! Das Bildungswesen als nachhaltiges Vorbild? Bankrott des öffentlichen Schulwesens?

Antwort
Ja klar, da bleibt der historische Fakt des staatlichen Bildungsauftrags, der immerhin das Schulwesen ins Säkulare transformiert hat. Auch Privatschulen sind u.E. keine „Alternative“, auch wenn sie gern mal diesen Namen tragen. Und deshalb zunächst Produktions“schulen“! Wir haben ganz einfach noch keinen besseren Begriff für einen Ort der Verbindung von Produzieren und Lernen. Auch im Sinne der Reformbewegung der zwanziger Jahre!- Nach 1960 gab es zwar einige Ansätze zur Verbindung von Arbeiten und Lernen am Produktionsort in der großen Industrie. Aber da war Lernen ja letztlich auch wieder für den Produktionszweck privatisiert, also ihres Gebrauchswertes Wissen tendenziell wieder beraubt.

 

IÖ:
Zurück auf Los: cui bono? Produktionsschule, also eigentlich ein absurdes Paradox? Jetzt mal ein bisschen genauer! Schule in der Produktion? Produktion in der Schule? Wir haben doch das beste Duale System? Was will die Produktionsschulbewegung? Zurück zur „Klosterschule“? Ja, wohl kaum!

Sind die Werkstattpädagogen als Lernbegleiter nur neue Schulkorporale, wie die Unteroffiziere der ehemaligen Volksschule? Feel-good-Sozial-Beamte? Personifikationen, Agenten des ideellen Gesamtsozialstaates? Bildungsserganten!? Die Kids von der Straße und aus Hartz 4 holen? Zu braven Bürgern machen? Was würde das ändern?

Hassen jetzt Produktionsschüler ihre Produktionsschule und auch ihre Lehrer auf einmal nicht mehr? So wie ihre früheren Bildungs-Anstalten? Wie geht das in der Produktionsschule auf einmal ohne Drohung, Zwang und Autoritäten, ohne Noten und Sanktionen? Das glaubt doch keiner? Vor allem bei der genannten Klientel! Im Mittelpunkt also soziale Befriedung; Beziehungsarbeit.

Sind Werkstattpädagogen, Ausbildungsmeister automatisch die besseren Pädagogen? Oder können sie auch nur „Schwarze Pädagogik”: „der (oder sie) muss nur wollen“. „Die müssen nur richtig motiviert sein“. Oder sind Werkstattpädagogen eine Art neuer Scout. Häufige Erfahrung mit Produktionsschülern „keine Ahnung“ o.k. oder k.o.? In welcher Stadt lebe ich, in welchem Viertel und in welcher Zeit? Was soll ich hier überhaupt?“ Man hört, „ich krieg doch eh keinen Job“. Also, egal!

PP:
Die beliebten Totschlagargumente von allen Seiten, auch von Eltern.

Lernen war in vielen Epochen immer Teil der jeweils unterschiedlichen historischen Form des Arbeitsprozesses. Lernen und arbeiten also stets dialektisch verknüpft, zwei Momente der gleichen Handlung oder Tätigkeit. Der Lernaspekt in den Produktionsverhältnissen aber immer eher undurchsichtig. Ein Schleier über dem Lernprozess erzeugt schon immer Trotz und Motz, von jungen Menschen als Langeweile konstruiert. Depressive Rettung vor’m aktiv werden. „Ich krieg doch eh keinen Job“. Also, egal!

Arbeiten und Lernen separiert? Gibt es doch erst historisch ganz kurz. Als Struktur-Element der industriellen Revolution und der damit verbundenen Arbeitsteilung. Also jetzt Lohnarbeit, entfremdete Arbeit und Ausbeutung. Lernen als Moment und Antizipation lebendiger Arbeit also tendenziell immer nur wesentlicher Aspekt der Kapitalisierung eben des Gebrauchswertes der Ware Arbeitskraft; um es mal etwas flapsig daher zu sagen: Lernen, wenn auf Praxis, auf Anwendung zielend, also seitdem immer „zum Verkauf“, wie die Arbeitskraft auch, Lernen schwanger mit dem Tauschwert. Ob das dem Lernen immer gut bekommt?- Lernen braucht auch Träumen, also Nicht-Verwertung. Lernbegleiter sind auch Scouts dieser Lernträume.

Lernen in der Produktion: dieser Widerspruch, dieses Paradox bleibt aber (vorerst) als gespenstischer Fetisch im Begriff Produktionsschule erhalten.

Was ist eigentlich so toll am Dualen System in Bezug auf diese Trennung von Theorie und Praxis? Von Lernen und jugendlichem Leben, von Ausbildung und Persönlichkeitsentwicklung.

Immer nach der Rückkehr in den Betrieb am Tag nach der Berufsschule klagen die Ausbilder, sie müssten nun die Arbeit, sprich das Lernen wieder vom Kopf auf die Füße stellen. Produktionsschule dagegen arbeitet unmittelbar auftragsbezogen am Werkstück, ganz praktisch an der Werkbank nach Kundenwunsch und Arbeitsplan inklusive Zeichnung und Rechnungserstellung. So kann man vollständig handeln. Den Schleier von den Lernprozessen wegziehen und das Eigene kritisch reflektieren.

Jetzt mal Butter bei die Fische. Was und wo wird denn nun produziert?

So zum Beispiel in der Forst und Fischzucht, Recyclingwerkstatt, Gastronomie, Musische Werkstatt, Onlinehandel, Dienstleistungen, Produkte im Bereich Landwirtschaft und Grüne Werkstätten (Tierische Produkte, Gemüse, Kräuter, Stauden, Jungpflanzen, Pflege- und Mäharbeiten, Heckenschnitt, Pflasterarbeiten, Aufbau Spielgeräte), Holz- und Metallwerkstatt, Werkstatt Küstenfischerei, Kreatives Büro, Fahrräder, Haustechnik, Keramik, Malerarbeiten, Medienwerkstatt (Video, Grafik, Internet, Druck), Textilwerkstatt, Haushaltsnahe Dienstleistungen, Fliesen/Mauern/Trockenbau, Verkauf Einzelhandel.

Die Kernmomente von Produktionsschule: Reale Waren herstellen. Subjektive Möglichkeiten, Fähigkeiten, Kenntnisse, Fertigkeiten verknüpfen sich im objektiven Produkt. Das Produkt wird genauso „hergestellt“ wie die Erweiterung der subjektiven Kenntnisse. In diesem Lernprozess sind Ahnungskraft und Möglichkeitssinn ebenso – strengstens – erwünscht wie Eigeninitiative und Verantwortungsübernahme. Beharrlich werden im Produktionsprozess nicht wegrationalisiert: Spracherwerb und Landeskunde; die Werkstatt, die Produktionsschule kann zur neuen Heimat werden für die, die sich vielfach unbehaust fühlen.

bild1mertensIÖ:
Produktionsdidaktik: reicht da nicht eine ganz normale Schul- oder Fach-Didaktik?

Produktionscurriculum: Arbeit und Beziehungen; Technik und Jugendkultur?

Ganz schön viel auf einmal: Überforderung gerade für Lehrer, aber sicher auch für die Werkstattpädagogen in der Produktionsschule.

Außerdem sprecht ihr auch noch von Beziehungen im Arbeitsprozess, das Soziale und Emotionale?

PP:
Produktionscurriculum, z.B. historische Entwicklung und Gebrauch von Werkzeugen. Wie will man mit Werkzeugen und Materialien umgehen, wenn man die richtigen Namen nicht kennt? (Die Produktionsschule versucht es immerhin, Spracherwerb als Instrument und Produktionswerkzeug.) Z.B. Handys als Werkzeug und Unterrichtsmittel. Wer kann denn das und will es überhaupt?

Eine junge Frau, türkischstämmig, wollte auf’s Gymnasium: „Herr S., da wollten die Lehrer mit mir kommunizieren, ich wollte nur lernen.“

Produktionsdidaktik: Funktionierende Produkte hingegen, wie sie für den Auftraggeber in der Produktionsschule hergestellt werden, benötigen keine weiteren – angstmachenden – Sanktionen als Lernmittelersatz. In der Regel! Funktionierende Produkte setzen funktionierende Werkzeuge voraus.

Die richtige Sprache, der richtige Fachbegriff. Das funktionierende Produkt, Ergebnis meiner praktischen Arbeit, flößt mir keine Angst ein, sondern macht mich stolz und generiert Erfolgs-Gefühle. Und wenn die Schweißnaht schief ist und – blasig – aufgeworfen und wenn die Schaltung Kurzschlüsse erzeugt, stellt mich keiner in die Ecke zum Schämen, sondern ich höre, „sieh mal zu, dass du das Ding ans Laufen bringst!“….“Beweg deinen Arsch“. Wenn ich nämlich in der Ecke stehe bewegt sich gar nichts, weder mein Arsch noch irgendein Rad oder Werkzeug. Trotz und Angst, meist erst durch Scham und Sanktion erzeugt, gibt es möglicherweise nur bei nicht Produkt- beziehungsweise Gegenstandsbezogem, also „Objektlosem Lernen“. Kein Objekt, nichts zum Anfassen, Fehlersuche ist schwer möglich. Das lässt die jungen Lernenden oft orientierungslos und hilflos. Die Angst findet keinen Gegenstand außer sich selbst, wird frei flottierend. Und dann, wer gibt schon gerne zu, dass er orientierungslos ist und deshalb Angst hat? Dann kommt schnell die „Lösung“: „Wofür muss ich das überhaupt lernen? Es nützt mir ja nichts!“ – Angst, bisschen verkürzt gesagt, findet ihr Ventil in Trotz und Widerstand. „Error“, Abbruch, Beziehungs-Abbruch… Versagen, schließlich Schulversagen, gleichermaßen von Subjekt und Institution.

Da hat es Produktionsschule besser, weil sie primär nicht Verfügung über die Person und Befehlsansage zum richtigen Verhalten will, sondern Gegenstandsaneignung, korrekte Produkt-Funktion, halt das Ding ans Laufen bringen! Ein Werkzeug ist ein Werkzeug, ist eben ein Werkzeug, auch wenn jemand „tool“ sagt. English, die lingua franca benutzt.

Also unpräzise inhaltliche und didaktische Vorbereitung ohne Berücksichtigung von zum Beispiel ethnischer Herkunft, Sprachentwicklung und Bildungsstand, symbolisch gesehen „Fehlersuche“ macht auf allen Seiten Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und Angst. Kann am Produkt sofort durch Plan-, Ziel-, Inhaltslosigkeit erkannt werden. Folge ist oft „Disziplinlosigkeit“. Ein planloser Polier wird auch keine Disziplin am Bau haben. Schlechte Theorie macht auch schlechte Praxis. Gute Arbeit, gute Didaktik benötigt planvolle präzise Vorbereitung, Produktionsstruktur. Aber na klar, das weiß doch jeder, in der Produktionsschule gibt es nur sanftmütige gut didaktisch moralisierte Engel! Auch hier gibt es auf allen Seiten die Moral-Fraktion: „Du musst nur wollen und gib‘ es, jetzt das schöne Händchen!“

Vermutlich sind Orientierungslosigkeit und depersonalisierende Sanktionen wesentliche Ursache von psychischen Beeinträchtigungen und allerlei emotionalen Störungen mit Angst als Grundstörung. Schulschwänzen als ihr Symptom, was wiederum die Instrumente der Schwarzen Pädagogik nach sich zieht.

Zwischeneinwurf:
Also: Alles ohne Sanktionen?

Gruppenarbeit-finalPP:
…..Oh, lala, kalt erwischt……Natürlich gibt es in der Produktionsschule auch so was wie Sanktionen, aber mehr so, was willst du Kuss oder dicken Apple? Diese Sanktionen sind tendenziell eher auf die Arbeit den Produktionsprozess selber bezogen und weniger auf Verhalten, weil auch Sozialverhalten am schlecht funktionierenden Produkt ablesbar ist. Zitat: „Kollegen muss man pflegen.“ (Anmerkung eines russischstämmigen Kollegen) Zeige mir wie es funktioniert und ich sage dir, wer du bist, auch in der Gruppe der Kollegen.

Aber immerhin gibt es die pädagogische Grundrechts-Charta „Standards“ des Bundesverbandes Produktionsschulen mit Umgangs-Empfehlungen wie Wohlwollen und Respekt. Und außerdem gilt hier in der Regel das Arbeitsrecht und es herrscht kein rechtsfreier Raum, wie in bekanntermaßen nur wenigen Schulen. Auch ohne Latein weiß man, was habeas corpus und in dubio pro reo bedeuten?

IÖ:

Jetzt mal ernsthaft …. Das funktioniert doch vielleicht im Fachleistungskurs auf dem Gymnasium!? Oder auf dem Kolleg. Neue Medien, Digitalisierung, wissenschaftlich technische Revolution im Unterricht? Funktionaler Handy-Gebrauch als Unterrichtsmittel und didaktisches Instrument, sind das nicht pädagogische Phantasien im Reich des Zukünftigen? Illusionen? In der Produktionsschule …keine Angst und natürlich Sanktionslosigkeit. – Na klar, wer glaubt denn das? Aber für die Resteschüler des Übergangsystems reicht doch eh eine Resteschule zur Einübung von Gehorsam und Ordnung?

Also dann: Produktionsschule als Klippschulen-Schonraum? Eine Art von Werkunterricht für die Praktisch Bildbaren? Arbeitslehre, Polytechnik?

Deswegen, erstmal eine Zwischenantwort

Neue Schule für Lern-Vermittlung. Was ist dieses neue Paradigma: Struktur oder Subjektiver Faktor? Produktionsdidaktik als wesentliches Struktur-Merkmal von Produktionsschulen, das ist die Didaktik der umfassenden vollständigen Handlung im Lernprozess?, oder der Primat des subjektiven Faktors, die Bildung des co-operativen Individuums mit Verantwortung für sich und andere.

Unsere Stärke: der Umgang mit dem Sozial-Emotionalem. Und das auch noch nach Plan, voll im System des Arbeitens und Produzierens! Planvoll und fürsorglich, ganz nach Art der alten Jugendhilfe, und nicht nur hilflose bürokratische, zwar gut zu dokumentierende, aber für Jugendliche und ihre Eltern völlig unverständliche „Hilfeplangespräche“ mit dem Jugendamt.

240.000 im Übergang und keine Strategie? Kein Plan, kein vernünftiger Umgang mit diesem „aus allen Wolken und meistens auch Träumen Gefallenen“ Rest, wobei dieser Rest doch gerade guten Umgang lernen soll. Woran liegt das, dass z.B. Schule es nicht schafft? Es ist die Verhinderung der Verknüpfung des Objektiven– das heißt die Didaktik der Vermittlung von Lerninhalten – mit dem Subjektiven, den sozialen Beziehungen und ihren Emotionen.

noch mal eine Frage…
Gilt hier wie fast überall und immer die Ökonomie von Verwaltungen, Bürokratien: Es muss sich rechnen – oder – Ruhe im Karton?

PP:
Stimmt irgendwie! Alles!? Produktionsschule das essentiell Neue, weil Lernen und Produktion -immer und stets- als Einheit immer in Bezug auf Fachlichkeit und Beruflichkeit aufgehoben in lebendigen Persönlichkeiten steht! Das heißt mit konkreten Berufs- und Lebensperspektiven, gleich für Alle. Und nicht mehr wie in der allgemeinbildenden Schule primär geistige Arbeit und in der Berufsschule primär Handarbeit? Die Ingenieurwissenschaften dazwischen.

Aber auch soziale Lebensbewältigungsstrategien also Berufswahlentscheidungen. Heute vielleicht mit Informations-Technologie und Chemie und Biologie anders. Das heißt nicht nur „zünftiges“ Handwerk. Das heißt nicht nur neue Technik, sondern auch Entwicklungspsychologie. Keine Verführung von Lernern, noch Verfügung von Werkstattpädagogen durch digitale Maschinen, keine „Computer als Maschinenpolizei“, – Geräte machen uns gefügig – sondern Selbstermächtigung am PC und sogar am Handy zur Selbstbedienung der sozialen Medien! Facebook: Wir kommen! …Produzieren von Produkten für den realen Markt in Verantwortung der Produzenten Teilnehmer und Werkstattpädagogen. Das sind doch Perspektiven, ganz schön größenwahnsinnig, aber immerhin. Immer schön eins nach dem anderen, der Weg ist das Ziel oder vielleicht umgekehrt?

IÖ:
Meister, Lehrer, Sozialfuzzies, welche ganzheitlichen Allseitsgenies ohne moralisch-menschlichen Makel sollen das denn ins kooperative Werk setzen? Allumfassend? Das Ganze, den Schul-„betrieb“, die Bildungsanstalt umfassend und „ganzheitlich“ , allseitig vom Kopf auf die Füße stellen? Arbeiten in der Schule, gemeinsam handeln, gemeinsam produzieren, wie soll denn das gehen, da wird doch sowieso nur geschwätzt?

Ausbildung, inklusive Rezepte lesen lernen Bedienungsanweisungen, verstehen, das heißt Sprachfähigkeit, Spracherwerb, Flächenberechnung, Dreisatz, Berichtshefte schreiben also das ganze ABC von Berufsfähigkeiten und -fertigkeiten als Grundlage für weitere Bildungsanstrengungen? Wer soll das alles können? Und das soll auch noch Spaß machen?

PP:
Na ganz einfach, unsere Werkstattpädagogen, immer mit einem „fröhlichen Lachen“ im Gesicht. Diese brauchen natürlich eine besondere Ausbildung und auf jeden Fall prozessierende, begleitende Fortbildung? Also ganz einfach Meister ihrer Berufe.

Zusätzlich, aber inklusive sollten Sie noch Sprache-, Musik-, Theater-, Medien-Artisten sein, mit wissenschaftlichen Ambitionen in Ethnologie und Anthropologie, sowie natürlich Gesundheitsberater, Psycho-Männer und Psycho-Frauen, alles in allem, Lernvermittlungskünstler. Überhaupt Fachleute, Profis, Experten aller Couleur. Das sind dann Lernbegleiter, sogenannte Werkstattpädagogen. Man sieht und liest also alles „natürlich“ ganz einfach!

Dazu kooperativ, Sozial – und Beziehungsgestaltungsfachleute. Nicht despektierlich agierend, dafür wertschätzend und wohlwollend. Und auch miteinander kollegial umgehend. Direkt eindeutig und verbindlich in der Umgangsweise. Also überaus „verträglich“.

Über Teamarbeit an dieser Stelle ganz zu schweigen. – Man sieht, zurück zur Klosterschule! Das vorher genannte, können ja nur Heilige… Oder Menschen, die bereit sind, sich der Staatsbeamten-Bürokratie zu entziehen und der Pensionsberechtigung zu entsagen. Hier geht’s um Leidenschaft und nicht um Dienst nach amtlichen Stundentafeln im Dreivierteltakt!

Mit Herz und Hand und Haut und Haaren. Geht selbstverständlich nicht mit Beamten, geboren aus der üblichen Form der Schulverwaltung und Bürokratie.

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„Wir alle haben Liebe und Hass und Leidenschaft und das Bedürfnis, zu essen und zu schreien und zu vögeln, das sind Dinge die jeder Mensch hat. Aber Es gibt diese neue Mutation, diese Fähigkeit, sich zwischen einen Menschen und ein Mindestmaß an Gerechtigkeit zu stellen und das mit irgendeiner Vorschrift zu rechtfertigen. Zu sagen, dass das Formular nicht richtig ausgefüllt wurde.“

von Dave Eggers: Eure Väter, wo sind sie?

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Ja, Formulare, Formulare!

IÖ:
Wie soll das denn alles auf einmal gehen. Mit dem Hobel, dem Küchenlöffel, der Excel-Tabelle auch noch an den zwischenmenschlichen Beziehungen herum werkeln? Mit einem Plan?

PP:
Na, dann hat der Plan halt 3 Elemente. 1. Instrumentenbedürfnisse: Werkzeuge. 2. Lernbedürfnisse: Über-Lebens“mittel“. 3. Inhalte: soziale Bedürfnisse, Beziehungen und Gefühle.

IÖ:
Haben Werkstattpädagogen dafür einen Plan? Wie organisiert man den Plan, Curriculum und Didaktik in der Produktionsschule? Warum sollte das besser gehen als in der „normalen“, alltäglichen, herkömmlichen Lernschule?

PP:
Na klar, das funktioniert wie bei jeder andere „Web- und Form“-Arbeit auch, ob am Webstuhl, an der Werkbank, in der Gastro, Küche oder im Büro, in der Arbeit mit Neuen Medien oder am PC. Beim Lernen heißt der Plan eben Curriculum und die Kunst der Vermittlung von Inhalten, Didaktik. Es muss ein Auftrag und dazu passend ein Arbeitsplan, integriert in die Produktionsplanung, inklusive der benötigten Materialien und Werkzeuge erstellt werden. Dieser gesamte Plan kann nur funktionieren, wenn er proportional, rhythmisch, kontinuierlich und koordiniert den Verlauf des Arbeits- und Lernprozesses abbildet und antizipiert und gemeinsam kooperativ erstellt wird. Produktion geht nicht ohne Plan, Lernen genau auch nicht.

In der Produktionsschule kommt eben die Beziehungsarbeit, die Sozialpädagogik hinzu. Das ist Beratung in besonderen Lebenslagen, bei Brüchen in der Schullaufbahn, ebenso wie in der Berufsausbildung, das ist Familien-Beratung, ebenso wie Allgemeine Lebensberatung. Es ist doch so, das in Pubertät und Adoleszenz entwicklungspsychologische Fragen eine besondere Stellung haben. Psychische Beeinträchtigungen, Kränkungen und Krankheiten, Besonderheiten wie Legasthenie und Dyskalkulie, Kulturbrüche (oft verdeckte Psychosen) müssen im Arbeitsprozess berücksichtigt werden. Das heißt, ihr sogenanntes Störungspotenzial, aber auch ihr besonderes, wenn auch oft extremes Wahrnehmungspotential und daraus resultierendes „Kreativpotential“, muss immer mit eingeplant werden. Diese sozialen emotionalen Notwendigkeiten im Lernprozess einzuplanen, ist, bedingt durch das gehackte 45-Minuten-Zeitdiktat und den ständigen Personalwechsel im Regelschulsystem kaum möglich.

Die Produktionsschulen sind bereit, sich dieser Herausforderung gegenüber zu positionieren. Sie haben aber auch den immensen Vorteil, alle diese Störungen tendenziell vergegenständlicht im Produktionsprozess, im Lernprozess am fertigen Produkt erkennen und aneignen oder neu gestalten zu können. Das bringt die Kollegen zwar häufig an den Rand der Verzweiflung, aber schließlich werden alle belohnt im Stolz auf das perfekte Produkt.

Das alles funktioniert natürlich überhaupt nicht ohne vertrauensvolle kollegiale Einzelfallberatung. Oft nicht ohne Fach-und Lernbezogene für alle Teilnehmer.

IÖ:
Und der Sex? Ist das nicht das Beziehungs-Status-Thema Nummer 1? Sex gibt’s vermutlich genauso wie Drogen überhaupt nicht an Produktionsschulen. Erinnerungen an die Zeit der eigenen Pubertät? Oh mein Gott, viel zu gefährlich, weil oft experimentell und grandios schwirrsinnig. Spielen. Computer. Rollen, Theater, Liebe inszenieren? Sind das nicht die wirklichen Adoleszenzthemen? Ist dass das Drehbuch in den Werkstätten und Büros? Sind das die lebendigen Leib-Inhalte der Heimlichen Lehrpläne? Also: Aufklärung an der Sexfront und auch Verhütung?

freizeit3-finalPP:
Sex!
Der Unheimliche Lehrplan. Die Agenda des Zusammenpralls der 3 Galaxien: Individuum, Familie, Schule. Hier konstituiert sich biographisch Identität, jugendliche Persönlichkeit. In den Kämpfen zwischen biologischen und sozialen Reifungswidersprüchen und Reifemomenten. Sex und drugs and rock’n roll! Dies alles zählen wir zum Informelles Lernen, das sich natürlich im Lern-und Arbeitsprozess fortsetzt: peer-group-learning, Musik, Feiern und chillen und Beziehungslernen. Basis des Informellen außerhalb der Schule. Vorglühen, mein Gott, ist doch außerordentlich wirkmächtig. Das will aber keiner wahrhaben und hier „spielen“ Sex und das Soziale die tonangebende, Loopende Rolle….Backstage und auf der Rampe; Punk, Funk, Rap und Techno, die Scene und Entwicklungspsychologie. Müsste man kennen, statt Motivationsdreck im morgendlichen Schul- und Ausbildungsalltag zu sagen und zu fordern. Jugendkultur!

IÖ :
Und wie gestaltet sich der Zusammenhang planvoll zwischen den drei Bedürfnis-Ebenen oder wie oben gesagt Bedürfnis-Elementen? Wie wird das planvoll zu einer Handlungseinheit, zu einer vollständigen Handlung?

PP:
Na logisch, dafür braucht es eben auch Pläne. Gibt’s ja auch, Ausbildungspläne, Lehrpläne, Förderpläne, aber da steckt der Teufel im Detail. Über die Umsetzung streiten sich die gelehrten Didaktiker und Methodiker und die Werkstattpädagogen, wenn sie über die Notwendigkeit integrierter Sozialarbeit, Case Management, und eventuell therapeutischer Beratung reden. Pläne gibt es ja ganz professionell in allen Produktionsschulen, aber eben auch viele verschiedene Ansätze. Die Werkstatt-Subjekte handeln da ganz subjektiv, hoch differenziert, meistens mit viel Erfolg. Rätselhaft bleibt aber häufig das Lernen der Produktions-Inhalte als Moment des Beziehungslernens und Handelns, das sogenannte Informelle Lernen, der Heimliche Lehrplan! Wie kann man nun diese Lern-Strukturen, diese Bedürfnisebenen, für andere transparent und so auch nützlich machen?

Wir wissen es noch nicht! Wir ahnen nur! Die Werkstattpädagogen haben außerdem viel praktische Erfahrung und sie sind überhaupt gute Menschen! Das wollen wir jetzt mal betrachten und empirisch in Begleitforschung, das heißt Handlungsforschung untersuchen. Handlungsforschung, weil es ja auch in der Produktionsschule immer um die ganze Handlung geht.

IÖ:
Was heißt hier ganze Handlung, Spiegelfechterei? Und hinter den Spiegeln?
Wie kriegt man das raus? Der Plan und so, Didaktik? Die Geheimnisse der Unterweisung und des Unterrichts, unterschiedlich in jeder Produktionsschule?

PP:
Und wenn man nicht mehr weiter weiß, dann gründet man nen Arbeitskreis Didaktik und dann Wissenschaftsdiskurs so ein Forschungsprojekt „Planbar – Didaktische und curriculare Praxis an Produktionsschulen“! Empirisch ! Ethnoantropologisch! Handlungsforschung!

IÖ:
Und was ist das Paradigma dieser Handlungsforschung?

PP:
Na ganz einfach, Handlungsforschhhhhung! Soziologische Phantasie„, (Oskar Negt) Lernprozesse, Aneignung von Lern- und Produktionsmitteln, einfach indem man den Werkstattpädagogen beim Arbeiten und Beziehungshandeln auf die Finger und in die Augen guckt und mit allen redet. Prinzipiell Neues Paradigma….Produktionsschule ist keine Restschule, sondern an der Bruchstelle des Bildungssystems der Anreiz, die Chance eines neuen Lernstruktursystems: Kooperationslernen statt Unterwerfung und Anpassung. Wer immer nur kriecht, kann nicht stolpern. Motto beim Lernen: Fehler machen dürfen!

Kooperation im Lernprozess in allem der Schwerpunkt. Deswegen auch im Forschungsprozess: Partizipation und Selbstermächtigung. Merkmal und Paradigma: die Beteiligung aller am Forschungsprozess.

bildmertens2IÖ:
Wer kann das denn? Akademiker, Erziehungswissenschaftler, Sozialwissenschaftler und Werkstattmeister gemeinsam?

PP:
WOMAGUCKEN! etc. wir haben ja ein Forschungskonzept, sehr elaboriert!

Fachlichkeit und Beruflichkeit. Kein altes Zünftiges, sondern Digitales als Zukünftiges. Produktionsdidaktik und Produktionscurriculum im Alltag erforschen. Nicht am grünen Tisch. „Grau, teurer Freund ist alle Theorie und bunt ist des Lebens grüner Baum“.

Mit dem Ziel einer bundesweiten Einheitlichkeit? Verallgemeinerungsfähigkeit und Übertragbarkeit!

IÖ:
Jetzt zum Schluss nochmal zurück zu den Werkstattpädagogen.

Wo lernen die Werkstattpädagogen das Produktionsschulsystem? Wo und wie kann man sich mit den “ Standards “ vertraut machen? Wie kann man die Aneignung der „Standards“ mit Leben erfüllen? Können neue Werkstattpädagogen Hospitationen bei Veteranen der Werkstätten machen? Braucht die Produktionsschulbewegung ein eigenes Fortbildungsinstitut bzw. Entwicklungszentrum (E. Schulte)?

PP:
Bundesverband Produktionsschulen: Fortbildung braucht auch Erfahrungsaustausch, in technischer, produktiver Kooperation, nicht Drop down, sondern Growing up, vor allem in Hinsicht auf die institutionellen Lernbeeinträchtigungen mit den psychischen und sozialen Besonderheiten in den Biographien der Teilnehmer. Kenntnisse jugendlicher Entwicklungspsychologie sind kein Seelengedöns und entstehen nicht bei der Verdauung als Bauchgefühl. Mit allen Formen von Kataster-Psychologie sind wir eben so in der Auseinandersetzung, wie mit der schwarzpädagogischen Anspruchsaussage: „Man muss nur wollen!“
In den Landesverbänden des Bundesverbandes finden lebendige und ertragreiche Veranstaltungen zum Erfahrungsaustausch statt.

Außerdem veranstaltet der Bundesverband die „Fortbildungsreihe für Fachkräfte in Produktionsschulen“ durchschnittlich einmal pro Jahr.

IÖ:
Lernen mit Systemgeschädigten und Bildungsentfernten? und Schulabbrechern? Bekommen etwa alle eine individuelle Betreuung und Begleitung, Therapie statt Selektionsbestrafung?

PP:
Ist doch besser als Medikamente oder Besserungsanstalt, oder? – Die Kollegen in den Produktionsschulen sind bereit, die jungen Leute nicht als böswillig oder bösartig zu begreifen. Ihre Störungen, also Schulabbruch, Ausbildungsabbruch und Schulverweigerung und ähnliches sind die Symbole und Symptome für die Störungen des Systems Schule und der Galaxie Familie selbst. In der Produktionsschule, behaglich und beharrlich, die Fallen der Heimlichen Lehrpläne gemeinsam enttarnen, ihre exotische Komik entdecken und gemeinsam lachen. Überhaupt gemeinsam lachen lernen. Das ist das Rezept gegen Schuldgefühle, Angst und Verzweiflung. Denn das sind die schrecklichsten Momente des Heimlichen Lehrplans. Lachen hilft, sich dieser Lernbarrieren zu entäußern. Die Erinnerung an die demütigenden Erlebnisse der Schule bannen. Über die Verantwortung in der Produktion und seiner technischen Notwendigkeiten kann man wieder lernen, Verantwortung für sich selbst in den sozialen Erfordernissen zu übernehmen.
Aneignungsprozesse und Produktionslernen entstehen immer aus der Verknüpfung der persönlichen Seiten und der sozialen Strukturen von Subjekten und Objekten. Nur so können die alten persönlichen Blockaden und sozialen Barrieren aufgehoben werden.

Vorurteile und Moral behindern alle Menschen beim Lernen.

Die Breite der Vorurteile ist hier so tief und dunkel wie das Universum. Unendlich und begrenzt, wie die Dummheit und die Ignoranz. Dagegen hilft nur trotzen und motzen. Sich backstage hinter dem Heimlichen Lehrplan, dem persönlichen Drehbuch des eigenen Lebens-Lern-Entwurfs zu verstecken.


Was hilfst und wo gehst hin?

PP:
Kooperative Verortung in Zeit und Raum mit der Ästhetik produktiven Lernens, Produktionscurriculum und -didaktik für die jungen Menschen als Heilmittel gegen persönliche Orientierungslosigkeit und soziale Erschöpfung; Unbestimmtheiten, Widersprüche erleben lernen!