Der Staat und das Gemeinwohl in der kirchlichen Sozialverkündung

Von: Prof. Heiner Ludwig (Honorarprofessor für christliche Soziallehre)

Prof. Heiner Ludwig

Honorarprofessor für christliche Soziallehre

Er arbeitet beim Institut für Theologie und Sozialethik der Technischen Universität Darmstadt, Honorarprof. für Christliche Soziallehre und Religionssoziologie am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt; langjährige hauptamtliche Tätigkeit in der Betriebsseelsorge und der politischen Bildung.


Kirche und Staat, Staat und Gemeinwohl sind Beziehungsgeflechte, die in einer demokratischen Gesellschaft nicht so einfach zu verstehen sind. Der Sozialethiker Prof. Dr. Heiner Ludwig stellt in seinem Beitrag die Entwicklung des Verständnisses vom Staat und des Gemeinwohls in der Geschichte der katholischen Sozialverkündigung dar. Der Gemeinwohlbegriff, so wie er hier verwendet wird, zeigt sich in seiner ganzen Differenziertheit. Ein wichtiger Anstoß für die Veränderung des Verständnisses von Staat, Gesellschaft und Mensch kam durch die verschiedenen Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils. Sie sind die Grundlage für die moderne katholische Soziallehre (Die Red.)

1.

Ein auch außerhalb Deutschlands renommierter Sozialphilosoph, Jürgen Habermas, hat im Kontext der aktuellen Kapitalmarktkrise in einem großen Interview ganz selbstverständlich und lapidar, aber unmissverständlich daran erinnert: „Die Politik macht sich lächerlich, wenn sie moralisiert, statt sich auf das Zwangsrecht des demokratischen Gesetzgebers zu stützen. Sie (also die Politik – H.L.) und nicht der Kapitalismus ist für die Gemeinwohlorientierung zuständig“.

Die Überschrift zu diesem Interview lautet: „Nach dem Bankrott. Der Privatisierungswahn ist an sein Ende gekommen. Nicht der Markt sondern die Politik ist für das Gemeinwohl zuständig: Ein Gespräch mit dem Philosophen Jürgen Habermas über die Notwendigkeit einer internationalen Weltordnung“ .(DIE ZEIT vom 6.11.2008, S53)

Wir sind offensichtlich mit der Formulierung „Staat und Gemeinwohl“  ganz aktuell und in guter Gesellschaft. Das Zweite Vatikanische Konzil formulierte vor mehr als 40 Jahren  ebenso nüchtern, lapidar und unmissverständlich: Den Staat gibt es um des Gemeinwohl willen (vgl. die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes Nr.74) und die Konzilsväter entschieden sich dann für eine damals etwas überraschende Definition dessen, was sie unter Gemeinwohl verstehen und verstanden wissen wollen: Es umfasst in sich die Summe aller jener Bedingungen, die es den einzelnen, den Familien und gesellschaftlichen Gruppen ermöglichen, ihre eigene Vervollkommnung voller und ungehinderter zu erreichen gestatten.(vgl.GS 74).

Gemeinwohl definiert also nicht inhaltlich, nicht materialiter, was das konkrete Wohl einer politischen Gemeinschaft konkret ist (also nicht bonum commune als Gemeingut, als das Ziel oder der Zweck eines Zusammenschlusses von Menschen, hier eines Staates). Bonum commune als Gemeinwohl meint also eher und formal die Verfassung eines Gemeinwesens, wie es organisiert sein muss, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit es das angestrebte oder anzustrebende Gut, das bonum commune als Gemeingut erreichen kann.

Das ist nicht nur eine veränderte Begrifflichkeit. Darin wird der epochale Wandel deutlich, der in der Pastoralkonstitution dieses Konzils, aber nicht nur dort, zum Ausdruck kommt.

2.

Die Sozialenzyklika Quadragesimo anno (QA), von 1931 ( in der Weltwirtschaftskrise verfasst) hatte noch in der deutschen Übersetzung die Überschrift: „Über die gesellschaftliche Ordnung und ihre Wiederherstellung und ihre Vollendung nach dem Heilsplan der Frohbotschaft.“

Darin wird der jahrhundertealte Anspruch der Kirche aufrechterhalten –nicht im Einzelnen aber im Wesentlichen und grundsätzlich – das Ganze formulieren, benennen und schlussfolgernd Verbindliches formulieren und historische Entwicklungen als Fehlentwicklungen konkret kritisieren zu können. Quadragesimo anno ist die letzte Sozialenzyklika, die imponierend naturrechtlich durchkomponiert ist; Sie sei der Höhepunkt und gleichzeitig das Ende dieser Art des Argumentierens sagen Kritiker.

Andererseits ist die Kirchliche Sozialverkündigung gleichzeitig ein imponierendes Ergebnis des Lernprozesses, den die Kirche (und mit ihr die verschiedenen Spielarten der mitteleuropäischen Katholizismen) im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts durchlaufen hat. Die nachdrückliche Beschäftigung mit der „Sozialen Frage“ ließ alle daran Beteiligten zwischen der staatlichen Autorität und den Staatsbürgern (mit denen sich bisher vornehmlich die kirchliche Tradition beschäftigte) immer mehr und immer konkreter und differenzierter „die Gesellschaft“ entdecken. Industrialisierung und Demokratisierung, Öffentlichkeit und Alltag von zunehmend mehr Katholiken „funktionierten“ anders.

Sie erfuhren immer deutlicher, dass sie in der industriegesellschaftlichen Form der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit  immer mehr einer anderen Logik gehorchen mussten. Die Soziale Frage „erzwang“ ein Denken und Handeln und eine andere Reflexion ihres politischen und sozialen Handeln als Christen.

3.

Gaudium et spes (GS), die Pastoralkonstitution des Konzils über die Kirche in der Welt von heute betrachtet die Welt nicht mehr vornehmlich als mundus intelligibilis, als von Gott wohlgeordneten und vom Menschen prinzipiell zu erkennenden Kosmos, dessen normativen Grundstrukturen der Mensch mit Hilfe seiner Vernunft erkennen kann.

In  Quadragesssimo Anno (=QA) aus dem Jahr 1931 ist dieser neuscholastische Hintergrund noch mehr als deutlich formuliert. (z.B in den Nummern 41-43). Nachdem der Papst dargestellt hat, dass schon bei den Wirtschaftsgesetzen „die menschliche Vernunft mit voller Bestimmtheit das von Gott, dem Schöpfer, der Wirtschaft als Ganzem vorgesteckte Ziel erkennen kann“, fährt er in Nr. 43 bezogen auf das Sittengesetz fort: „Wir brauchen nur diesem Gesetz zu gehorchen, um alle Einzelziele wirtschaftlicher Art, die Sozial- und Individualziele in die große Gesamtordnung der Ziele sich einreihen zu sehen, womit sie für uns ebenso viele Stufen werden, auf denen wir hinaufsteigen bis zum letzten Ziel und Ende aller Dinge, zu Gott, dem höchsten, unendlichen Gut“.

Für Gaudium et spes  ist die Welt nicht mehr  dieser statische mundus intelligibilis (diese von Gott geprägte Welt GE). Neu scheint zu sein, dass Gaudium et spes nicht mehr von einem statischen Weltverständnis geprägt sei, sondern von einem dynamischen, Weltverständnis. Kenner sagen, Teilhard de Chardin habe hier Pate gestanden.

Jedenfalls ist der Einfluss der französischen Theologie groß. Die zentralen Begriffe „Socialisatio“ und „Personalisatio“ sind ohne Bezug zu den berühmten „sémaines sociales de France“ nicht zu verstehen. Sozialisatio meint dort wie hier „die Zunahme der gesellschaftlichen Verflechtungen“ und damit nehme die Zerrissenheit der Person zu, sei die „Personalisatio“ gefährdet. Schon Johannes XXIII. hatte 1961 in Mater et magistra (MM) ähnlich formuliert.

Er hatte die deutschen Berater von Pius XII., die eher weiterhin sozialmetaphysisch argumentierten durch andere ersetzt, die aus den geschilderten französischen Zusammenhängen dachten und argumentierten und das wird – auch bezogen auf das internationale Gemeinwohl – in seiner Sozialenzyklika Mater et Magistra (MM) vor dem Konzil schon deutlich.

Die Begriffe „socialisatio“ und „personalisatio“ erinnern mehr als deutlich an Begrifflichkeiten, die inzwischen zum Standard gesellschaftlicher Analyse gehören, wie „funktionale Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften“ oder „Individualisierung“ und an die damit geprägten Zugänge zu dem, was heute im weitgehenden Konsens „die Konstitutionsbedingungen der Moderne“ genannt wird.

4.

Lassen Sie mich noch mal zum Gemeinwohlbegriff zurückkommen.„Die Menschen fühlen“, heißt es in dem Konzilsdokument Gaudium et Spes, „die Notwendigkeit einer größeren Gemeinschaft, in der sie ständig alle ihre Kräfte beitragen zur Verwirklichung des Gemeinwohls.

Die politische Gemeinschaft besteht also um dieses Gemeinwohl willen; in diesem hat sie ihren letztgültigen Rechtfertigungsgrund und leitet aus ihm ihr unveräußerliches Eigenrecht ab“ (74).

Der Konzilstext fährt dann fort: „Ebenso ergibt sich, dass sich die Ausübung der politischen Gewalt in der Gemeinschaft als solcher oder in den für sie repräsentativen Einrichtungen immer nur im Rahmen der sittlichen Ordnung vollziehen darf, und zwar im Dienste der Verwirklichung eines dynamisch verstandenen Gemeinwohls und entsprechend einer legitimen juridischen Ordnung, die bereits besteht oder noch geschaffen werden soll“ (ebd.).

Nachdrücklich wird eine positive Rechtsordnung gefordert, zusammen mit einer sinnvollen „Aufteilung der Ämter und Funktionen der öffentlichen Gewalt in Verbindung mit einer wirksamen und unabhängigen Rechtsinstanz“.

Zusammen mit den wichtigen Passagen der konziliaren Erklärung über die Religionsfreiheit zu Fragen der Glaubens,- Gewissens- und Meinungsfreiheit (Dignitatis humanae)  besagen die Aussagen zum Gemeinwohl, dass dem Staat nicht einfach die Herrschaft über die Gesellschaft obliegt, sondern die Verwirklichung des Gemeinwohls. Aufgabe des Staates ist also die Ordnung der menschlichen Gesellschaft durch Ausgleich und Zusammenführung der auseinanderstrebenden gesellschaftlichen Einzel- und Gruppeninteressen mit der Möglichkeit letztverbindlicher Entscheidung, die ja das Wesen der staatlichen Autorität ausmacht.

Die Gewalt des Staates beschränkt sich auf das äußere menschliche Zusammenleben und kann keine einheitlichen Ordnungsvorstellungen im sittlich-ethischen Bereich erzwingen. Er muss, was gar nicht einfach ist, begründen können, was gelten soll.

5.

Wie kann unter diesen pluralistischen Bedingungen oder Voraussetzungen nun das Gemeinwohl in einer Gesellschaft konkret organisiert werden, damit das Gemeingut angemessen erreicht werden kann?

Im Nachkriegsdeutschland hat Ernst Fraenkel sich dem Thema wie folgt genähert. (Vgl. zum folgenden G. Lindgens, Katholische Kirche und moderner Pluralismus. Dr neue Zugang zur Politik bei den Päpsten Johannes XXIII. Und Paul Vi. und dem Zweiten Vatikanischen Konzil, Stuttgart 1980, S. 179ff).

Er schreibt: „Die Theorie eines jeden Antipluralismus ist auf das engste mit der Vorstellung verbunden, dass erstens der konkrete Inhalt dessen, was als Gemeinwohl anzusprechen sei, vorgegeben ist und dass zweitens der begnadete Staatsmann es auf mysteriöse Weise zu entdecken vermag und dass drittens er allein dazu ausersehen sei, es zu verwirklichen“.(Ernst Fraenkel, Der Pluralismus als Strukturelement, zit. nach ebd.)

Da er das aber in großen und komplexen Gesellschaften nicht allein vermag, gehört es zu dieser vor- oder antipluralistischen Vorstellung, dass ein solcher Staatsmann auch bestimmen kann, wo der jeweilige Platz der Menschen sei, auf dem sie ihren Beitrag zur Erreichung des Gemeinwohls zu leisten hätten. Entgegen einer solchen „Vorwegdefinition von Gemeinwohl“, so Ernst Fraenkel,  kann in pluralistischen und demokratischen Gesellschaften  das Gemeinwohl nur bestimmt und erreicht werden unter aktiver Mitwirkung der autonomen Gruppen einer Gesellschaft.

Als Zwischenergebnis unserer bisherigen Betrachtung sind seine beiden zentralen Forderungen wichtig: Einmal ist Gemeinwohl die Resultante aus dem Kräfteparallelogramm einer Gesellschaft. Das setzt voraus, dass die Interessen einer Gesellschaft organisiert sind und dass damit Interessenkonflikte in juristischen Bahnen ausgetragen werden und zu einem gemeinsamen Ziel gelangen können.

Aber das jeweilige Gemeinwohl einer Gesellschaft kann nicht nur Resultante aus dem Kräfteparallelogramm sein – das wäre bloß Herrschaft des Stärkeren. Daher müssen zweitens die gesellschaftlichen Kräfte beim Austragen ihrer Interessenkonflikte sich öffentlich verantworten vor dem „Gemeinwohl als regulativer Idee“.

Der jeweils gefundene Kompromiss muss öffentlich verantwortbar sein vor dieser regulativen Idee „Gemeinwohl“ in den Köpfen oder Herzen der Bürger, der gesellschaftlichen Subjekte, wenn Sie so wollen vor dem Gemeinsinn. Die gesellschaftlichen Gruppen oder Kräfte müssen öffentlich nachweisen können, dass das erreichte Ergebnis nicht bloß Gruppeninteresse ist oder bleibt, nicht nur mehrheitlich durchgesetzt ist, sondern öffentlich und argumentativ verantwortet werden kann vor dem, was in der Gesellschaft als „das gemeine Wohl“ verstanden wird und gelten kann.

Die konziliare Definition von Gemeinwohl und die Notwendigkeit formal zu formulieren, wird so verständlicher. Ich zitiere es noch einmal: „Das Gemeinwohl aber begreift in sich die Summe aller jener Bedingungen gesellschaftlichen Lebens, die den einzelnen, den Familien und gesellschaftlichen Gruppen ihre eigene Vervollkommnung voller und ungehinderter zu erreichen gestatten.“(74).

6.

Verschärft wurde auf dem Konzil die Notwendigkeit, sich für eine solche eher formale Definition dessen, was wir unter Gemeinwohl verstehen sollen, zu entscheiden u.a. besonders dadurch, dass im Text  unter der Nr. 26 bereits vom internationalen Gemeinwohl gesprochen wurde, also davon, dass eben das Gemeinwohl „heute mehr und mehr einen weltweiten Umfang annimmt und deshalb Rechte und Pflichten in sich begreift, die die ganze Menschheit betreffen.

Jede Gruppe muss den Bedürfnissen und berechtigten Ansprüchen anderer Gruppen, ja dem Gemeinwohl der ganzen Menschheitsfamilie Rechnung tragen“.

Ganz grundsätzlich formulieren die Konzilsväter dann: „Die Ordnung der Dinge muss der Ordnung der Personen dienstbar werden und nicht umgekehrt“ (ordo personarum und ordinatio rerum!).

Vor allem „will das Konzil die Achtung vor dem Menschen einschärfen: Alle müssen ihren Nächsten ohne Ausnahme als ein anderes Ich ansehen, vor allem auf sein Leben und die notwendigen Voraussetzungen eines menschenwürdigen Lebens bedacht“ sein (Nr.27).

7.

Das Gemeinwohl besteht also – auch bevor es als internationales Gemeinwohl begriffen wurde – aus einem komplexen Geflecht von Werten, Traditionen, technischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen, rechtlichen und politischen Einrichtungen, einem Geflecht, das schwer zu überblicken ist, das aber in seiner Gesamtheit die Voraussetzungen personaler Entfaltung und damit auch individuellen Wohls ist.

Vornehmlich ist der Staat durch das Gemeinwohl in die Pflicht genommen. Er hat aufgrund seines Gewaltmonopols und seiner Gesetzgebungsfunktion die Aufgabe, durch die Ordnung der sozialen und politisch-administrativen Verhältnisse jedem seiner Staatsbürger und kleineren Gemeinschaften eine eigenverantwortliche Gestaltung ihres individuellen Lebens in Freiheit und Sicherheit zu ermöglichen.

Das Gemeinwohl ist in diesem Sinne vorstaatlich, es ist die erste Legitimitätsbedingung des Staates. Da die Welt sich in einem ständigen Wandlungsprozess befindet, gehört es ganz zentral zur Gemeinwohlfunktion des Staates, die technischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Initiativkräfte des Volkes im Interesse einer Mehrung der Wohlfahrt zu fördern und gleichzeitig darauf zu achten, dass alle Staatsbürger an der materiellen und geistigen Wohlfahrtsteigerung teilhaben.

Neben dieser Wohlfahrtfunktion kommt dem Staat insbesondere die Friedensfunktion zu. Der Staat hat Störungen des Zusammenlebens der Menschen in seinem Herrschaftsbereich abzuwehren.

Die Unabhängigkeit der Justiz, eine effiziente Polizei und eine leistungsfähige Verwaltung, die an Recht und Gesetz gebunden sind und die Durchsetzung des Rechts gewährleisten, gehören genau so dazu wie verlässliche unabhängige politische Institutionen, die einseitigen Pressionen von Interessengruppen nicht nachgeben, sondern eine Politik im Sinne des Gemeinwohls machen. Korruption und Vetternwirtschaft widersprechen dem Gemeinwohl ebenso, wie etwa Versuche, z.B. durch gezielte Personalbesetzungen die Staatsmacht einem einseitigen Parteiwillen untertan zu machen und sich so als Staatspartei zu etablieren mit dem Ziel, die eigene Macht autoritär abzusichern  und das dann zum Gemeinwohl zu erklären!

8.

Gegenüber einem solchen autoritären Verständnis des Gemeinwohls sind Konzeptionen eher anfällig, die von einer organischen oder organismischen Ordnugsvorstellung ausgingen . In der Katholischen Soziallehre hat es darüber in den 40er Jahren eine heftige Debatte gegeben (vornehmlich zwischen Jesuiten und Dominikanern), in der sich die sogenannten „Personalisten“ durchgesetzt haben.

Das Ergebnis fasst B. Sutor so zusammen: „Wir sind als individuelle Personen nicht Teil eines uns übergeordneten Ganzen. Vielmehr bringen wir in sozialer Kooperation das erst hervor, was man oft ungenau ‚das Ganze’ nennt. Wohl gehört zum Personsein Sozialität; wir brauchen die anderen und die soziale Kooperation. Aber die Ordnung…zielt letztlich nicht auf das Wohlergehen eines Ganzen, sondern auf das der Person“. (Zit. nach:  Remele, Kurt, Das Wohl aller und eines jeden. Gemeinwohl und Individualwohl nach der katholischen Sozialethik; in: Ethica. Wissenschaft und Verantwortung 13(2005), S. 115-134.)

An dieser Stelle wird ersichtlich, wie konsequent es war, dass Papst  Johannes XXIII. sich von der eher naturrechtlichen Argumentation der Bedeutung der Person zu einer strikter menschenrechtlichen Sichtweise hingewendet hatte.

Damit ist die geschilderte Entwicklung zur Gemeinwohlkonzeption des Zweiten Vatikanischen Konzil vorbereitet und abgeschlossen und damit  wird die komplexere Darstellung in GS möglich.

9.

Das Konzilsdokument Gaudium et Spes stellt in Nr.5 den tiefgreifenden Wandel in der Sicht der Welt dar: „So vollzieht die Menschheit einen Übergang von einem mehr statischen Verständnis der Ordnung der Gesamtwirklichkeit zu einem mehr dynamischen und evolutiven Verständnis. Die Folge davon ist eine neue, denkbar große Komplexität der Probleme, die wiederum nach neuen Analysen und Synthesen ruft.“.

In Nr. 6 konzentriert sich der Text auf die „Wandlungen in der Gesellschaft“ und resümiert: „So nehmen unablässig die Verflechtungen der Menschen untereinander zu und führt die „Sozialisation“ zu immer neuen Verflechtungen, ohne aber immer eine entsprechende Reifung der Person und wirklich personale Beziehungen („Personalisation“) zu fördern“.

Immer wieder erinnert der Text an diese beiden Grunddimensionen, z.B. in Nr. 25: „In unserer gegenwärtigen Zeit mehren sich beständig aus verschiedenen Ursachen die gegenseitigen Verflechtungen und Abhängigkeiten, und so entstehen mannigfache Verbindungen und Institutionen öffentlichen oder privaten Rechts.

Obschon dieser Vorgang, den man als „Sozialisation“ bezeichnet, gewiss nicht ohne Gefahren ist, bringt er doch viele Vorteile für die Festigung und Förderung der Eigenschaften der menschlichen Person und für den Schutz ihrer Rechte mit sich“.

In Nr. 26 heißt es dann folgerichtig: „Aus der immer engeren und allmählich die ganze Welt erfassenden gegenseitigen Abhängigkeit ergibt sich als Folge, dass das Gemeinwohl, d.h. die Gesamtheit jener Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, die sowohl den Gruppen als auch deren einzelnen Gliedern ein volleres und leichteres Erreichen der eigenen Vollendung ermöglichen, heute mehr und mehr  einen weltweiten Umfang annimmt und deshalb auch Rechte und Pflichten in sich begreift, die die ganze Menschheit betreffen..

Jede Gruppe muss den Bedürfnissen und berechtigten Ansprüchen anderer Gruppen, ja dem Gemeinwohl der ganzen Menschheitsfamilie Rechnung tragen“.
„Allen sei es ein heiliges Gesetz“, heißt es dann in Nr. 30, „die Forderungen aus der gesellschaftlichen Verflochtenheit unter die Hauptpflichten des heutigen Menschen zu rechnen und sie als solche zu beobachten. Je mehr nämlich die Welt zusammenwächst, desto offenkundiger greifen die Aufgaben der Menschen über die Sondergruppen hinaus und erhalten allmählich eine Bedeutung für die Welt als ganze.

Das wird nur dann zur Auswirkung kommen, wenn die Einzelnen und ihre Gruppen die sittlichen und gesellschaftlichen Tugenden bei sich selbst pflegen und in der Gesellschaft zur Geltung bringen; dann werden sie mit der notwendigen Hilfe der göttlichen Gnade wahrhaft neue Menschen und Erbauer einer neuen Menschheit.“

Die Konzilsväter beharren darauf: „Ebenso ist alles, was die Menschen zur Erreichung einer größeren Gerechtigkeit, einer umfassenderen Brüderlichkeit und einer humaneren Ordnung der gesellschaftlichen Verflechtungen tun, wertvoller als der technische Fortschritt. Dieser technische Fortschritt kann nämlich gewissermaßen die Basis für den menschlichen Aufstieg bieten; den Aufstieg selbst wird er von sich allein aus keineswegs verwirklichen“(35).

10.

Der Gemeinwohlbegriff ist zentral für das Verständnis der Kirchlichen Sozialverkündigung überhaupt. Das zeigt sich in deren verändertem Selbstverständnis. Papst Johannes Paul II. weist immer wieder darauf hin, z.B. in Solicitudo Rei Sociales (=SRS) 42: „Die kirchliche Soziallehre ist kein ‚dritter’ Weg zwischen liberalistischem Kapitalismus und marxistischem Kollektivismus und auch keine mögliche Alternative zu anderen, weniger weit voneinander entfernten Lösungen: Sie ist vielmehr etwas Eigenständiges.

Sie ist auch keine Ideologie, sondern die genaue Formulierung der Ergebnisse einer sorgfältigen Reflexion über die komplexen Wirklichkeiten menschlicher Existenz in der Gesellschaft und auf internationaler Ebene, und dies im Lichte des Glaubens und der kirchlichen Überlieferung. Ihr Hauptziel ist es, solche Wirklichkeiten zu deuten, wobei sie prüft, ob diese mit den Grundlinien der Lehre des Evangeliums über den Menschen und seine irdische und zugleich transzendente Berufung übereinstimmen oder nicht, um daraufhin dem Verhalten der Christen eine Orientierung zu geben“.

Ganz ähnlich in der Enzyklika Centesimus Annus (CA), Nr. 43: „Die Kirche hat keine eigenen Modelle vorzulegen. Die konkreten und erfolgreichen Modelle können nur im Rahmen der jeweils verschiedenen historischen Situationen durch das Bemühen aller Verantwortlichen gefunden werden, die sich den konkreten Problemen in allen ihren eng miteinander verflochtenen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Aspekten stellen.

Diesem Bemühen bietet die Kirche als unerlässliche geistige Orientierung ihre Soziallehre an.“