Gute Arbeit und Arbeitszeit

Von: Berthold Huber (Vorsitzender der IG Metall, Frankfurt/M.)

Berthold Huber

Vorsitzender der IG Metall, Frankfurt/M.

Berthold Huber, seit November 2007 Erster Vorsitzender der IG Metall. Geboren am 15. Februar 1950 in Ulm/Donau. 1969 Abitur am Humboldt-Gymnasium in Ulm/Donau, 1970 Zivildienst, 1971 Eintritt in die IG Metall, 1971 Ausbildung zum Werkzeugmacher und Tätigkeit bei der Firma Kässbohrer (heute Evo-Bus) in Ulm, 1978 Betriebsrats- und Gesamtbetriebsratsvorsitzender, 1985 Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Frankfurt, ab 1990 Hauptamtliche Tätigkeit bei der IG Metall in Ostdeutschland, 1991 bis 1993 Abteilungsleiter Erster Vorsitzender ...
[weitere Informationen]


„Gute Arbeit“ ist in einer älter werdenden Gesellschaft, die zugleich Hochleistungsökonomie ist, eine Existenzfrage. „Gute Arbeit“ ist wie nie zuvor die Bedingung für wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Zu einem anständigen Leben – so wie wir es verstehen – gehört neben anderen Dingen auch eine „Gute Arbeit“. Damit unsere Kolleginnen und Kollegen gerne und nicht schon mit Magengrimmen zur Arbeit hingehen und dabei etwas Sinnvolles und nichts Stupides machen. Dazu gehört auch materielle und immaterielle Anerkennung für die geleistete Arbeit.

Wir leben in einer modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft, die gemeinhin als erfolgreich gilt; das trifft allemal auf die Metall- und Elektroindustrie zu. Allerdings fällt der Blick auf die Qualität der Arbeit eher nüchtern aus: schlechte Zeiten für „Gute Arbeit“. Der Trend zur Entgrenzung von Arbeitszeit und Leistung hält unvermindert an. Stress, Arbeitshetze und überlange Arbeitszeiten bestimmen bei vielen Beschäftigten den Arbeitsalltag. Gleichzeitig erleben wir die Rückkehr zu traditionellen Arbeits- und Produktionskonzepten. In den Betrieben geht die Entwicklung wieder stärker hin zu kurzzyklischen Tätigkeiten, qualifizierte Gruppenarbeit ist die Ausnahme. Taktzeiten von unter 30 Sekunden sind keine Seltenheit. Diese Veränderungen stellen für die Beschäftigten Zumutungen dar. Eine neue Maßlosigkeit bei den Anforderungen an Arbeit hat in den Betrieben Einzug gehalten.

Die Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen sind offensichtlich die Kehrseite einer hochproduktiven Exportindustrie. Wegen des weltweiten Wettbewerbsdrucks, teilweise aberwitzigen Renditeerwartungen von Unternehmen und Finanzmärkten und verschärfter Standortkonkurrenz geraten die Arbeits- und Leistungsbedingungen der Beschäftigten unter Druck. Der aktuelle Befund des jährlich veröffentlichten DGB-Index „Gute Arbeit“, dem Maßstab für die Qualität von Arbeit aus Sicht der Betroffenen, nämlich der Beschäftigten, ist eindeutig: Schlechte Arbeit hat zugenommen. Dazu gehören nicht nur die Arbeitsbedingungen selbst, sondern auch die Zunahme prekärer Beschäftigungsformen, wie befristeter Jobs und Leiharbeit zu teilweise hanebüchenen Bedingungen.

Wir wollen die Qualität der Arbeit zu einem gesellschaftlichen Thema machen, prekäre Formen der Arbeit zurückdrängen und besser regulieren. Wir wollen Maßstäbe für „Gute Arbeit“ setzen. Dazu verfolgen wir den strategischen Ansatz der „Guten Arbeit“ und starten Kampagnen wie „Gleiche Arbeit – Gleiches Geld“ mit dem Ziel der fairen Gestaltung von Leiharbeit. Wir wenden uns gegen eine Strategie, mit der die deutsche Wirtschaft einseitig auf Kostensenkung und Leistungsverdichtung setzt und bei der die Beschäftigten das Nachsehen haben. Dem stellen wir eine Strategie entgegen, die auf möglichst qualifizierte Arbeit, ganzheitliche Arbeitsgestaltung, faire Beteiligung und tarifvertraglichen Schutz, also auf „Gute Arbeit“ setzt. Kurz gesagt: Dem Motto „länger-schneller-härter“ stellen wir unsere Alternative „besser-intelligenter-qualifizierter“ entgegen.

UhrEine Arbeitspolitik, die der Arbeit mehr Qualität einräumt und ein gesundes Maß gibt, wird immer schwieriger. Gleichzeitig müssen wir den unterschiedlichen Anforderungen unserer Mitglieder Rechnung tragen. Unsere Arbeitswelt ist heute hochgradig differenziert. Die Arbeits- und Leistungsbedingungen am Band einerseits und in den Entwicklungsabteilungen andererseits unterscheiden sich gravierend. Die Bedürfnisse und Erwartungen, die aus diesen Arbeiten resultieren, sind sehr verschieden. Deshalb müssen wir unsere Mitglieder beteiligen und sie nach ihrer Meinung fragen, damit wir in den Kernfragen der Arbeitszeit- und Leistungspolitik als IG Metall wieder stärker sichtbar werden.

Der tariflichen Wochenarbeitszeit von 35 Stunden steht eine durchschnittliche effektive Arbeitszeit von mehr als 39 Stunden gegenüber. Die Differenz ist so groß wie noch nie. Die IG Metall hat mit der „35″ einen Markstein für eine menschengerechtere Arbeitszeit gesetzt. In der Arbeitszeitfrage müssen aber heute differenzierte Lösungen hinzukommen. Die Arbeitszeit muss vor allem dort wirksam begrenzt werden, wo jede Minute zusätzlicher Arbeitszeit eine Zumutung ist. Das ist etwa bei taktgebundener Arbeit der Fall. Für Tätigkeiten mit überdurchschnittlich kreativem Anteil müssen neue Arbeitszeitregelungen entwickelt werden. Gerade in den hochqualifizierten Bereichen stoßen die klassischen, arbeitszeitpolitischen Regelungsinstrumente an Grenzen. Beschäftigte fordern dort vor allem mehr Zeitsouveränität. Und sie wollen, dass geleistete Arbeitszeit nicht einfach verfällt. Wir können – etwa mit tariflichen Regelungen zu Arbeitszeitkonten – Möglichkeiten eröffnen, Arbeitszeit und Freizeit stärker nach individuellen Bedürfnissen zu gestalten.

Die Arbeitgeber stellen immer häufiger arbeits- und leistungspolitische Standards in Frage oder verweigern sich Lösungen zur „Guten Arbeit“, wie die aktuelle Auseinandersetzung um eine tarifliche Nachfolgeregelung für die Altersteilzeit verdeutlicht. In den betrieblichen Auseinandersetzungen, aber auch mit unserer Tarifpolitik wollen wir der neuen Maßlosigkeit in der Arbeitswelt Grenzen setzen. Hier können wir an unsere Erfolge, wie etwa an die Regelung der Leistungsbedingungen im Entgeltrahmenabkommen für Arbeiter und Angestellte, an den Tarifvertrag zur Qualifizierung oder den Tarifvertrag zu Gestaltung des demografischen Wandels in der Stahlindustrie anknüpfen. Gleichzeitig haben wir die Arbeitspolitik als wichtiges Handlungsfeld der IG Metall etabliert.