Möglichkeiten und Grenzen des Breitensports für die politische Bildung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Durch Fußball ein geistig flexibler, solidarisch handelnder und politisch interessierter Mensch?

Von: Gerhard Labusch (Ausbilder und Betriebsrat)

Gerhard Labusch

Ausbilder und Betriebsrat

Gerhard Labusch-Schönwandt, geb. 1952, war Betriebsrat und als Ausbilder im technischen, kaufmännischen und Dienstleistungsbereich, sowie in der Qualifizierung von Ausbildungspersonal tätig. Heute arbeitet er als Bildungsplaner für die Qualifizierung von Ausbildungspersonal und als Berater in Fragen der beruflichen Erstausbildung. Seit vielen Jahren Sachverständiger in Neuordnungsverfahren verschiedener Berufe für ver.di und IG Metall; Mitglied in Prüfungsausschüssen bei der Handelskammer für Fortbildungs- und Erstausbildungsberufe; Mitglied in Fachausschüssen der AKA. Mitglied im Fachausschuss für die Geprüften Berufspädagogen und ...
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SPORT GEGEN SPALTUNG Ich habe erlebt und erlebe es noch, dass Menschen ausgegrenzt und gemobbt werden, wenn sie kulturell, sozial oder auf Grund von Behinderungen nicht ins System passen, egal ob im Fußball, Schule, Sport, der Freizeit oder im Betrieb. Sie werden gehänselt, ausgelacht und auf fiese Art und Weise gepiesackt und das auch z.T. unter Beteiligung der Trainer und Betreuer. Hier gilt es Flagge zu zeigen und gegen an zu gehen.

Meine These ist: Der Fußball oder auch andere Mannschaftssportarten können bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen dazu beitragen, sie über die Förderung von Bewegung und Teamfähigkeit für gesellschaftspolitische Themen zu sensibilisieren. Durch die wertschätzende Förderung und Vermittlung sozialer Kompetenzen, wie z.B. den Teamgedanken, „nur gemeinsam sind wir stark“, werden die Jugendlichen darin unterstützt, die eigene Haltung zu reflektieren, vielfältige Perspektiven einzunehmen sowie Beteiligungsformen und Handlungsoptionen zu entwickeln, um somit Verantwortung für sich zu übernehmen. Dies bedeutet, über den Fußball und den Sport Wege zu eröffnen, Jugendliche und Jung-Erwachsene ‚fit zu machen‘, an der Gesellschaft aktiv und reflektiert teilzuhaben. Es gilt ihre Urteilsfähigkeit und Selbstverantwortung zu stärken, damit sie ihre Welt selbstbestimmt gestalten können.

Dazu gehört auch die Erkenntnis, das Bewegung entspannend und gesundheitsfördernd wirkt.

Durch meine lange Tätigkeit als ehrenamtlicher Trainer und Betreuer im Bereich von Fußballmannschaften von der G-Jugend bis zu den Herren beim HEBC Hamburg habe ich das selbst erlebt.

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Schon vergessen? Bewegung entspannt und wirkt gesundheitsfördernd.

Was der Mannschaftssport darüber hinaus auch im späteren Berufsleben für einen Beitrag zur Teambildung und das soziale Verhalten leisten kann, wurde durch den Betriebssport bestätigt.

Ich habe aber auch erlebt und erlebe es noch, dass Menschen ausgegrenzt und gemobbt werden, wenn sie kulturell, sozial oder auf Grund von Behinderungen nicht ins System passen, egal ob im Fußball, Schule, Sport, der Freizeit oder im Betrieb. Sie werden gehänselt, ausgelacht und auf fiese Art und Weise gepiesackt und das auch z.T. unter Beteiligung der Trainer und Betreuer. Hier gilt es Flagge zu zeigen und gegen an zu gehen.

Was bedeutet dies und wie muss es umgesetzt werden?

Sport muss gesellschaftlich als Lernzeit anerkannt und gefördert werden. So ist der Trend nicht nach zu vollziehen, dass Sport in Beruflichen Schulen weitgehend nicht mehr angeboten wird, um Lernzeit für andere wichtigere „Fächer“ bzw. Lernstoffe zu schaffen. Damit wird Sport zu einer inhaltsleeren und rein körperlichen Aktivität degradiert. Ihm wird die soziale, gesellschaftliche Komponente abgesprochen. Die pädagogische Relevanz des Sports und insbesondere des Mannschaftssports also auch des Fußballs wird nicht erkannt.

Außerhalb der sportwissenschaftlichen Fachdiskussion gilt Sporttreiben nicht selten als „Freizeitbeschäftigung“ und damit reiner körperlicher Betätigung ohne besondere pädagogische Qualität.

Dieser Widerspruch taucht auch in der Wissenschaft als normative Unterscheidung zwischen unverbindlichem „Sporttreiben“ und pädagogisch gehaltvoller „Jugendarbeit“ auf. Er basiert auf  der Unterstellung, „dass es eine Grenzlinie gebe zwischen einer „rein sportlich orientierten Arbeit“ ohne pädagogische Qualität einerseits und einer‚ eigentlichen’ Jugendarbeit mit pädagogischem Anspruch anderseits“ (Baur & Braun, 2000, S. 378). Eine solche Grenze allerdings ist gar nicht gegeben – wer wollte den Unterschied zwischen dem Fußballspiel der Jugendabteilung eines Sportvereins und dem Fußballspiel auf dem Jugendcamp der Gewerkschaft definieren?[1]

Hieraus folgt, dass neben dem organisierten Sport in Schule und Beruf, der Ausbau von Sportstätten sowie Sportvereine in ihrer gesellschaftlichen und pädagogischen Funktion stärker zu fördern sind. Daneben muss es aber auch Sportstätten geben, die ohne eine Bindung an Vereine oder andere Organisationen für sportliche Aktivitäten zur Verfügung stehen, um dem unorganisierten Freizeitsport, der ja ebenfalls eine pädagogische Funktion hat, Rechnung zu tragen. Anzustreben wäre, dass zur Unterstützung und Betreuung zumindest zeitweise pädagogisch geschultes und geeignetes Personal zur Verfügung steht.

Dass Bewegung und sportliche Betätigung nicht nur für Jugendliche und Jung-Erwachsene wichtig ist, sondern auch eine Hilfe zur Prävention und Gesundheitsförderung unabhängig vom Alter ist, ist inzwischen eine allgemeingültige Erkenntnis. Durch die Veränderung der Arbeitswelt durch Industrie 4.0 und der Digitalisierung wird das nach meiner Auffassung noch verstärkt zur Geltung kommen.

Fittness-Center sind keine Alternative

Die Verlagerung hin zu den kommerziell betriebenen Fitness-Centern und die dadurch geförderte Individualisierung und Ausgrenzung von Menschen, die sich die Mitgliedschaft aus finanziellen Gründen nicht leisten können, ist in meinen Augen keine Alternative.

Das Ganze muss mit einer Trainingsarbeit verbunden sein, die nicht das Siegen, und das Prinzip „Höher-Weiter-Besser“ in den Vordergrund stellt. Das spielerisch handlungsorientierte Erlernen von Kenntnissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten (Kompetenzen) muss wie beim beruflichen Lernen im Vordergrund stehen. So müssten dringend die mehr oder weniger wissensbasierten Trainingsmethoden durch handlungsorientierte Trainingsmethoden abgelöst werden. Handlungsorientiertes Training stellt das Spiel in den Vordergrund und nicht das reine erlernen durch Vormachen und Nachmachen von bestimmten Spielsystemen sowie das dozieren über Taktik und Spielsysteme. Das Lernen muss Spaß bringen und passiert über das Tun. Durch das Spiel sowie die dafür notwendigen Regeln und notwendigen „Kompetenzen“ werden auch soziale Kompetenzen wieTeamfähigkeit, Flexibilität, situative Handlungsfähigkeit u. ä. informell, also in nicht organisierter Form erlernt.

„Handeln und Handlungskompetenzen kann man nur dadurch lernen, dass man tatsächlich handelt, selbst Erfahrungen macht, sie aufarbeitet, daran wächst und sich schließlich selbst verändert und erzieht. Sollen Handlungskompetenzen gebildet werden, müssen Lernsituationen geschaffen werden, in denen nicht nur aufgenommen und gedacht, sondern in denen lernend gehandelt werden muss! Diese Handlungssituationen müssen diejenigen Anforderungen an Fähigkeiten enthalten, die in und an ihnen gelernt werden soll.“ [2]

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Dabeisein ist alles: Das Ganze muss mit einer Trainingsarbeit verbunden sein, die nicht das Siegen, und das Prinzip „Höher-Weiter-Besser“ in den Vordergrund stellt.

Dieser Grundsatz gilt für die schulische und berufliche Bildung ebenso wie für den Sport und das Erlernen des Fußballspiels. Und diese Ansicht korrespondiert im Übrigen auch mit meinen 30jährigen Erfahrungen als Ausbilder für Jung-Erwachsene und Erwachsene in der Berufsbildung sowie mit meinen kurzen Erfahrungen in der Berufsschule als Referendar für das Gewerbelehramt.

Zu hinterfragen ist in diesem Zusammenhang, ob eine Benotung oder andere Bewertungen der reinen Leistung insbesondere im Sportunterricht zielführend sind und nicht das Gegenteil von dem bewirken, was man erreichen möchte. Individuelle Verbesserung und Stabilisierung von Fertigkeiten, Kenntnissen und Fähigkeiten (Kompetenzen) lässt sich nicht an Noten festmachen oder beschreiben.

Lange Vorträge ziehen nicht an

Das reine wissensbasierte vermitteln von Lerninhalten geprägt von langen Vorträgen der Lehrer, was wir vom Schulunterricht kennen, ist auch beim Fußballtraining häufig vor zu finden. Das schreckt insbesondere Jugendliche und Jung-Erwachsene ab, die schlechte Erfahrungen in der Schule machen oder gemacht haben. Das gilt nicht nur für den Sport sondern z.B. auch das Lernen in der Berufsbildung.

Das Spiel und das gemeinsame Handeln, dass auch den Schwächeren mit einbezieht und zum vollwertigen Mitglied des Teams macht, muss die Leitlinie des Trainings sein.

Ein gemeinsamer Erfolg ist nicht nur gegeben, wenn ein Sieg erreicht wird, sondern auch dann, wenn man gemeinsam ein schönes und gutes Spiel geschafft hat. Erfolg ist, wenn man sich gegenüber dem vorigen Spiel oder der Vorsaison spielerisch als Team und individuell verbessert hat. Dabei sind auch Misserfolge möglich und müssen gemeinsam aufgearbeitet werden.

Das ist nicht immer leicht durchzusetzen, da es einen nicht unerheblichen Einfluss von außen gibt. Da sind die Eltern, die häufig ehrgeiziger sind als die eigenen Kinder, sie sollen einmal besser werden als man selbst. Am besten wäre es, wenn die Kinder Nationalspieler aber mindestens Bundesligaspieler werden. Da sind die Ansprüche des Vereins, des Trainers und auch die gesellschaftliche Norm, die den Gewinn über Alles stellt. Gegen diese Ansprüche zu Arbeiten ist nicht leicht und ist von Konflikten begleitet.

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Mehr als ein Grundsatz: Niemand darf wegen seiner Hautfarbe, seines Glaubens, seiner Kultur, seiner Sexualität und seiner sozialen Stellung ausgegrenzt werden.

Dann kommen noch die kulturellen Gegensätze dazu, die nach meiner Erfahrung auch in der Regel außengesteuert sind. Es gilt empathisch auf diese Konflikte zu reagieren. Der Teamgedanke steht im Vordergrund und nicht das Trennende, dass gilt auch für die kulturellen Differenzen. Angemessen auf Konflikte und Auseinandersetzungen zu reagieren stellt hohe Ansprüche an einen selbst und man kommt an seine Grenzen. Das ist auch mir so ergangen und so waren auch Rückschläge zu verzeichnen. So kam es immer wieder zu Konflikten und z.T. handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Türken und Kurden, Serben und Kroaten und zwischen den Deutschen. Jugendliche wurden von den Eltern abgemeldet, der Verein wollte Erfolge und es war nicht leicht finanzielle Unterstützung für Trainingsanzüge usw. zu bekommen, wenn die Mannschaft nicht im Sinne der Norm erfolgreich war.

Aber es lohnt sich, hier gegen den Strom zu schwimmen. Nach meinen eigenen Erfahrungen kann es gelingen unterschiedliche Kulturen, Persönlichkeiten und Fähigkeiten so zu verbinden, dass die Mannschaft zu einem Team wird und das nicht nur auf dem Fußballplatz. So ist zum Beispiel das sozial und kulturell bunt gemischte Team der G-Jugend das ich über die A-Jugend bis zur Herrenmannschaft trainiert und betreut habe, noch heute zum größten Teil miteinander befreundet und unternimmt auch gemeinsame Aktivitäten außerhalb des Fußballs. Man hilft sich untereinander, fährt z.T. noch gemeinsam in Urlaub und vieles mehr.

Da der Gemeinschaftsgedanke aber auch von rechten Kräften genutzt und missbraucht wird, muss die Vielfalt im Vordergrund stehen. Niemand darf wegen seiner Hautfarbe, seines Glaubens, seiner Kultur, seiner Sexualität und seiner sozialen Stellung ausgegrenzt werden. Das bedeutet auch, dass die im Fußball typischen Sprüche wie, „du brauchst dicke Eier“, „schwule Schwuchtel“, „stell dich nicht so mädchenhaft an“, „Weichei“ und ähnliche immer wieder problematisiert werden müssen.

Jeder im Team sollte sich damit auseinandersetzen, was es für ihn selbst bedeutet, wenn er mit so einem Spruch tituliert wird. Hier liegt noch viel Arbeit vor uns. Aber so kann der Fußball seinen Beitrag gegen die weitere Spaltung der Gesellschaft leisten.

Fussnoten

[1] Vgl.: Golenia M., Neuber N. (2010) Bildungschancen in der Kinder- und Jugendarbeit – eine Studie zum informellen Lernen im Sportverein. In: Neuber N. (eds) Informelles Lernen im Sport. VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 190 [2]Quelle: Bauer, Brater u.a. Lern(prozess)begleitung in der Ausbildung, Bielefeld 2010, S. 45