ERFAHRUNGEN UND ÜBERLEGUNGEN EINES BERUFSSCHULLEHRERS

Wie gehen die Berufsschulen mit schwierigen Jugendlichen um?

Von: Gerhard Endres (Freier Journalist und Berufsschulehrer, München)

Gerhard Endres

Freier Journalist und Berufsschulehrer, München

Gerhard Endres ist freier , Berufsschullehrer und Theologe, er lebt in München. Er ist erster Vorsitzender des Netzwerks für Gesellschaftsethik.


„Ich halte das duale berufliche Ausbildungssystem mit der Berufsschule als wichtigen Partner nach wie vor für geeignet, um gerade verunsicherten, frustrierten und aktuell dem dualen Ausbildungssystem fernbleibenden jungen Menschen eine Perspektive zu geben.“

Eine notwendige Vorbemerkung: Berufsschulen sind der Partner der Betriebe in der dualen Berufsausbildung. Die Auszubildenden sind verpflichtet die Berufsschule zu besuchen. An diesen Rahmenbedingungen setzen meine Kollegen und ich als Lehrer an der Förderberufsschule St. Zeno in Kirchseeon (Landkreis Ebersberg in Oberbayern) an. Die Schule in Kirchseeon ist eine staatlich anerkannte Förderberufsschule am Berufsbildungswerk in Kirchseeon der Stiftung St. Zeno. In meinem Beitrag gehe ich zwei zentralen Fragen nach: Wie gehen die Berufsschulen mit schwierigen Jugendlichen um? Welche Perspektiven bieten sie?

Das sind meine Ausgangsüberlegungen

Ein Teil der Jugendlichen („Jugendliche ohne Ausbildungsvertrag“) besucht die berufliche Schule nur, weil er muss. Damit erfüllen diese Jugendlichen ihre Berufsschulpflicht. Ein anderer Teil besucht berufsvorbereitende Klassen (BVJ), und das aus ganz unterschiedlicher Motivation.

Darüber hinaus ist bekannt, dass nicht alle Jugendlichen dieser Altersstufe in einer Ausbildung oder berufsbildenden Schule ankommen, d.h. einige fallen komplett aus dem Ausbildungs- und (Arbeits-) markt heraus. Sie landen entweder in der Arbeitslosigkeit d.h. bei der Arbeitsagentur, dem Jobcenter oder halten sich außerhalb dieser ‚Systeme‘ auf, in dem sie entweder jobben oder sich auf andere Weise ihren Lebensunterhalt verdienen. Tatsache ist, dass es gar nicht so wenige Jugendliche sind, die weder über die Ausbildung, noch die Berufsschule erreichbar sind.

Mein Standpunkt                                                                                                                                                          

Aus meiner Sicht ist es aber wichtig, diese Jugendliche nicht einfach zu vergessen, sondern zu überlegen, wie sie für „Bildung“ und „Ausbildung“ erreichbar sind. Meine Erfahrung ist, dass Jugendliche am ehesten über persönliche Beziehung, interessante Angebote, die auch Spaß machen und sie fordern erreicht ansprechbar sind. Dazu gehört handwerkliches Arbeiten, Fußball, Musik, Events etc. Wichtig sind Menschen, die zu den Jugendlichen Vertrauen haben, die Jugendliche wertschätzen, achten und respektieren. Nur so können Jugendliche selbst Vertrauen gewinnen.

Hier zeigt die Elisabeth Selbert-Berufsschule, die gerade den Deutschen Schulpreis bekommen hat, mit ihrem umfassenden begleitenden Angebot, was passgenaue Begleitung leisten und erreichen kann.

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Ausbildung für alle: Jugendliche sollen spüren, dass es niemandem gleichgültig ist, ob sie eine Ausbildung absolvieren.

Und so denken wir in der Berufsschule St. Zeno in Kirchseeon

In der Förderberufsschule St. Zeno in Kirchseeon mache ich gute Erfahrungen im BVJ. Jugendliche wählen unter schulischen beruflichen Kursangeboten aus, von denen sie drei im Laufe des Schuljahres verbindlich und zuverlässig belegen müssen. Wichtig erscheint mir, dass Jugendliche von Anfang aufgefordert sind, ihre Wünsche, Interessen und Ideen zu äußern. Nur zu sagen, was sie nicht wollen, reicht nicht.

Schule ist keine therapeutische Einrichtung sondern ein Bildungsangebot, das die Jugendlichen in ihrem Suchen, Ausprobieren und ihrer Neugier auf das Leben und die Arbeitswelt ernst nimmt. Das bedeutet, dass wir in der Berufsschule St. Zeno Kirchseeon die Jugendlichen gezielt fördern und aber auch freundlich, nachhaltig fordern. Jeder einzelne Jugendliche ist wichtig und wertvoll. Wir als Lehrer wollen, dass die Jugendlichen ihren eigenen Lebens-und Berufsweg finden.

Ein Blick in die Zukunft

Im Gespräch mit Ministerialdirigent German Denneborg vom Bayerischen Kultusministerium, in dieser Ausgabe von DENK-doch-MAL.de, wird deutlich, dass durch die Veränderung der Arbeitswelt (Arbeit 4.0) weitere und neue Anstrengungen notwendig sind, um für möglichst alle Jugendlichen eine passende Vorbereitung auf eine Ausbildung, eine zur Person stimmige Berufsentscheidung und ein begleitendes Angebote während der Ausbildung zu entwickeln. Beim jetzigen und zukünftigen Arbeitsmarkt ist es notwendig, mit möglichst vielen Jugendlichen eine zukunftsgerichtete Berufs-und Lebensperspektive zu entwickeln und zu erarbeiten. Dabei sind alle gefordert: Eltern, Lehrer, Jugendarbeit, Jugendverbände, Arbeitsagentur und Jobcenter, natürlich auch die Betriebe. Einfach alle, die mit Jugendlichen zu tun haben. Jugendliche sollen spüren, dass es niemandem gleichgültig ist, ob sie eine Ausbildung absolvieren. Sie müssen erfahren, dass die Unterstützung bekommen.

Klar steht das in Konkurrenz zu manchen Jobs, die das schnelle, Geld versprechen. Klar ist aber auch, dass die Komplexität der jetzigen und zukünftigen Arbeitswelt eher zunimmt und deshalb vielfältige Kompetenzen notwendig sind, um in dieser Arbeitswelt zu bestehen und einigermaßen leben zu können. Im Mittelpunkt der Arbeit mit Jugendlichen sollte deshalb die Förderung der Verantwortung für sich selbst und anderen stehen. Denn eins ist auch klar: Sich seiner selbst bewusste und gemeinschaftsorientierte Jugendliche sind in unterschiedlichen betrieblichen Situationen leichter einsetz- und integrierbar.

Zukunftsangebot oder: Wie gewinnen wir mehr junge Menschen für eine Ausbildung?

Ich halte das duale berufliche Ausbildungssystem mit der Berufsschule als wichtigen Partner nach wie vor für geeignet, um gerade verunsicherten, frustrierten und aktuell dem dualen Ausbildungssystem fernbleibenden jungen Menschen eine Perspektive zu geben. Ein entscheidender Faktor sind Menschen, die Jugendliche schätzen und bereit sind, wirklich Zeit in diese Arbeit zu investieren. Bei aller Verbesserung von Methoden und Konzepten brauchen wir Menschen, die dafür „brennen“ Jugendliche zur, in und eventuell auch kurzzeitig nach der Ausbildung zu begleiten.

Grundlage ist eine wertschätzende, respektvolle Beziehungsarbeit, mit einer ganzheitlichen Gruppenarbeit in einem Gesamtkonzept. In der Berufsschule St. Zeno in Kirchseeon leisten wir das, z.B. in der Jugendleiterausbildung, „Pack mas-Zivilcouragekonzept“ oder Schulsanitätsdienstausbildung. Die Lehrer kombinieren persönlichkeitsentwickelnde Methoden mit handlungsorientiertem Inhalten. Ausgangspunkt ist eine ganzheitliche Potenzialanalyse, ergänzt durch vollständige oder ausgewählte Inhalte aus dem Profilpass, um möglichst alle, auch informelle Kompetenzen wahrzunehmen und festzustellen. Ziel ist es, jeweils auch in den Betrieben anerkannte Basisqualifikationen zu vermitteln, die anschlussfähig sind.

Aufbauend auf diese Ergebnisse gibt es beruflicher Kursangebote (Wahlmöglichkeiten) aus technischen, kaufmännischen, gestalterischen, sozialen und pflegerischen Berufen. Die Kurse sind im engem Austausch mit externen Fachkräften, Auszubildenden und erfahrenen Jugendlichen entstanden.

An den individuellen Begabungen und Neigungen setzen die Lehrer an. Dabei geht es auch um die Steigerung des Selbstwertes der Jugendlichen, damit sie wieder Freude an einem produktiven Leben erlangen. Gerade für diese Jugendlichen ist es wichtig, von Anfang praktisch, handwerklich zu arbeiten. Pädagogisch geschulte Ausbilder, Sonderpädagogen und Sozialpädagogen müssen sie begleiten sie als Team in den Werkstätten eines Berufsbildungswerks.

In diesem Zusammenhang könnte die Idee, die Förderberufsschulen als Teil der Berufsschullandschaft zu integrieren und damit die Kommunikation und die Fachlichkeit im Hinblick auf Förder-und Sonderpädagogik zu stärken, hilfreich sein.

Bedeutsam: Wie verringern wir die Abbrecherquote?

Zu Beginn sollte eine möglichst passgenaue Berufswahl stehen. Die sollte mit einem ganzheitlichen Blick auf den und mit dem Jugendlichen erfolgen. Denn je genauer die Wünsche, Fähigkeiten und Kompetenzen des Jugendlichen mit dem gewählten Berufsprofil übereinstimmen, desto größer die Wahrscheinlichkeit des Durchhaltens.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Begleitung während der Ausbildung. Seit einiger Zeit sind ‚ehrliche Zahlen‘ über Ausbildungsabbrüche z.B. bei der Handwerkskammer München und Oberbayern bekannt. Die Arbeitsagenturen haben Module entwickelt, in denen eine Früherkennung von Ausbildungsabbrüchen leichter möglich ist und wollen dabei auch Berufsschulen als Kooperationspartner gewinnen. Auch die Weiterentwicklung bisheriger Anforderungsprofile und entsprechender Tests für verschiedene Berufe sind in der Erprobung.

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…oder Ausbildung: Dabei geht es auch um die Steigerung des Selbstwertes der Jugendlichen, damit sie wieder Freude an einem produktiven Leben erlangen.

Entscheidend wird allerdings sein, zusätzlich zu den Fachkräften, niedrigschwellige intensive Begleitangebote weiterzuentwickeln und fähige und willige Personen vorzubereiten, auszubilden und zu begleiten (z.B. Mentoren, die selbst Ausbilder waren, ehrenamtliche Berufstätige etc.).

Neben Fach-und Fallkonferenzen in der Berufsschule sind auch viele informelle Abstimmungen und ein zeitnaher Austausch zwingend notwendig. Auch wenn die pädagogischen Modelle „Vater“ und „Mutter“ als tendenziell altmodisch und aus der Zeit gefallen erscheinen, vielen Jugendlichen fehlen gerade diese „Vorbilder“ und Bezugspersonen. Dieser Aspekt ist bei der Personalgewinnung ein nicht zu unterschätzender Faktor.

So steigern wir den Prozentanteil der erfolgreichen Kammerabschlüsse

Einfache Lösungen gibt es nicht. Wichtig erscheint mir, dass der Veränderungsprozess kritisch begleitet und notwendige Weiterentwicklungen als „roter Faden“ immer mit gedacht werden. Jeder Jugendliche, jede Schulklasse oder Gruppe hat ihre Eigenheiten auf die es – auf der Basis des vorherbeschriebenen Rahmens – spezieller Antworten bedarf. Ist es für die eine Gruppe Musik ein wesentlicher Motivator und Faktor der eigenen Identität, kann es für die andere der Fußball sein.

Welche Bedingungen müssen wir beachten, um die Integration in den Arbeitsmarkt zu verbessern?

Ein erfolgreicher Berufsabschluss ermöglicht ein eigenständiges, selbstverantwortliches Leben. Um dies zu erreichen, ist es sinnvoll, den Berufsschulunterricht zusätzlich durch die Förderung der „Berufssprache Deutsch“ für Benachteiligte, Asylsuchende und Flüchtlinge zu ergänzen. Schon während der Ausbildung in einem Betrieb oder in einem Berufsbildungswerk ist es sinnvoll, in der Berufsschule begleitende oder integrierende Angebote zu entwickeln.

Das kann während der regulären Schulzeit, aber auch in der „Freizeit“ der Jugendlichen geschehen. Die „überfachlichen“ Kompetenzen werden vielfach betont, sind aber in der pädagogischen Praxis noch lange nicht überall in den Alltag integriert. Notwendig ist, dass die Berufsschullehrer sich weiterbilden und für ihre Arbeit Konzepte entwickeln.