Soll der Staat sich aus allem heraushalten – das Subsidiaritätsprinzip als Legitimation für Neoliberalismus?

Von: Gerhard Endres (Freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, München)

Gerhard Endres

Freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, München

Gerhard Endres ist freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, er lebt in München. Er ist erster Vorsitzender des Netzwerks für Gesellschaftsethik.


Das Subsidiaritätsprinzip in der Interpretation von Oswald von Nell-Breuning

Eine Hinführung

Das Subsidiaritätsprinzip wird häufig als Begründung verwendet, warum sich der Staat nicht einmischen sollte, warum der Staat die „kleineren Einheiten“ in Ruhe lassen sollte. Doch die Vertreter dieser individualistischen Staatstheorie übersehen dabei, dass die Grundlage auf die sich berufen – Enzyklika Quadragesimo Anno – genau diese Interpretation nicht hergibt, im Gegenteil: Prof. Dr. Oswald von Nell-Breuning SJ schrieb die wesentlichen Teile der Sozialenzyklika und hat später immer wieder deutlich gemacht, was aus seiner Sicht und damit auch aus der Sicht des Papstes das Subsidiaritätsprinzip gesagt. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Quelle des Subsidiaritätsprinzips in der Interpretation von Oswald von Nell-Breuning.

Die Grundsätzliche Bedeutung des Subsidiaritätsprinzips
Grundsätzliche Bedeutung des Subsidiaritätsprinzips aus der Sicht von Oswald von Nell Breuning -Die Grundlagen und das Umfeld für das Subsidiaritätsprinzip in der Sozialenzyklika Quadragesimo Anno
In der Enzyklika Quadragesimo Anno ist für Nell-Breuning das 5. Kapitel Die neue Gesellschaftsordnung „das Kern-und Herzstück der ganzen Enzyklika“1 Hier verbreitet sich der Papst Pius XI nicht nur über die Ordnung der Wirtschaftsgesellschaft, sondern über die Ordnung der menschlichen Gesellschaft insgesamt.2

Der Papst will sowohl eine Zuständereform und eine Sittenbesserung erreichen: „Keine erfolgreiche Zuständereform Gesinnungspflege und Arbeit an der Sittenbesserung; keine wirksame Sittenbesserung ohne gleichzeitige Schaffung der Voraussetzungen durch entsprechende Zuständereform und ohne wohltätige Rückstrahlung wiederum auf das Zuständliche oder, wie man zu sagen liebt, das „Institutionelle““.3

DER PAPST-_ vertritt deutlich die Gleichgewichtigkeit von Zuständereform und Sittenbesserung, an keiner Stelle – so Nell-Breuning – gäbe es eine Textstelle, „das der Sittenbesserung oder sittlichen Erneuerung eine entscheidendere Bedeutung als der Zuständereform zuschriebe.“4

Beides zusammen sind Mittel um zu einer „Gesellschaftsordnung“ zu gelangen.5 Schon Nell-Breuning hat festgestellt, dass das Subsidiaritätsprinzip im politischen Tagesstreit in zwei zutreffenden Versionen gehandelt wird.6

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Die Fehldeutung „knüpft sich an den Wortsinn, um nicht zu sagen: den Beigeschmack, der dem in der deutschen Übersetzung gebrauchten Fremdwort „subsidiär“ anhaftet; behelfs- oder ersatzweise. Sie will die Gemeinschaft überhaupt nur als „Lückenbüßer“ einspringen lassen, wenn das Gemeinschaftsglied (Einzelmensch oder Gliedgemeinschaft) aus irgendeinem Grund (schuldhafterweise oder ohne Verschulden) versagt, auf seine Leistung jedoch nicht verzichtet werden kann.“7

Dieses Eintreten ist nicht subsidiär, also helfend; sondern hier tritt die Gemeinschaft als Ersatz auf – auch gegen den Willen des Mitgliedes der Gemeinschaft.8

Ein häufiges Missverständnis liegt in dem Gebrauch des Wortes „subsidiär“als Quelle des Subsidiaritätsprinzips.9 Nell-Breuning weist darauf hin, dass in der klassischen Formulierung in der Enzyklika ‘Quadragesimo Anno’ nicht von einem Prinzip, sondern einer Pflicht gesprochen wird: „‘subsidiarium officium’. Damit allein sollte schon hinreichend klar sein: die Grundlage, die Voraussetzung, der Boden, auf dem alles weitere dieses Textes steht, ist die Pflicht der Gemeinschaft, ihren Gliedern hilfreich zu sein.“10 Das Subsidiaritätsprinzip übersetzt Nell-Breuning auch mit dem ‚Grundsatz des hilfreichen Beistands‘.11

Für Nell-Breuning wird das Prinzip „der Subsidiarität der Gesellschaftstätigkeit auch Prinzip der Kollektivitäten genannt“12 Mit diesem Prinzip unterscheidet sich die christliche Gesellschaftslehre auch in wesentlichen Grundzügen von kollektivistischen wie auch einseitig überspannt universalistischen Gesellschaftsauffassungen.13 Dieses Prinzip ist daher entscheidend für das ganze gesellschaftswissenschaftliche System daß jemand Vertritt.“14 Es gehört sozialphilosophisch zu den „ewigen Wahrheiten“ und hat einen positiven Gehalt.15

DIE MENSCHLICHE PERSON _  als Ursprung des Subsidiaritätsprinzips
„Alles gesellschaftliche Leben, selbstverständlich also auch jede Wirtschaft, geht vom einzelnen aus und ist darum letztes Endes wieder um des einzelnen willen da.“16 Der einzelne Mensch wird nicht absolut gesehen und als gesellschaftlich veranlagt.17

Die Wechselwirkung von Individuum und Gesellschaft wird klar herausgearbeitet, denn „das Individuum selber wird eben nicht richtig gesehen, wenn wir nicht gleichzeitig die Gesellschaft im Auge haben, der es als Glied angehört.“18

Das Individuum wird als Gesellschaftswesen betrachtet im Rahmen „der christlichen Gesellschaftslehre, dem Solidarismus“19 Für Nell-Breuning ist der Mensch da, um seine Persönlichkeit zu entfalten. Der Mensch wachse darin zum wahren Menschtum: „Durch nichts anderes aber entfaltet sich der Mensch eine Persönlichkeit als durch das, was er tut.“20 Der Mensch ist für Nell-Breuning Subjekt „und darum ist für ihn alles helfreich, was ihm ermöglicht oder erleichtert, sich als Subjekt zu betätigen und dadurch zu entfalten.“21 Umgekehrt ist dann für den Menschen alles zum seinem Nachteil, was ihn abhält sich als Subjekt zu betätigen. Das versetze ihn auf die Stufe des Objekts. Der Mensch ist immer Subjekt und auch Objekt: „Ebendarum ist der Mensch auch niemals vollständig selbstbestimmt, sondern immer auch fremdbestimmt.“22

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Ausdrücklich bezieht sich Nell-Breuning in diesem Absatz auf die Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes über Unantastbarkeit der Menschenwürde und der Entfaltung der Persönlichkeit. Doch der Mensch kann nicht alles aus eigener Kraft und Vollkommenheit schaffen. Die Gemeinschaft hat dabei den Menschen unter Respektierung der Menschenwürde und der Persönlichkeit auch zu helfen, doch „echte Hilfe ist es nur, wenn es Hilfe von dieser Art ist.“23

Gesellschaftliches Leben und Subsidiarität
Kleinere Gebilde entfalten ein unmittelbareres Leben als Großgebilde und Riesenorganisationen, in denen der einzelne zur Anonymität herabsinken kann. Die Personen, die in einem Lebenskreis miteinander verbunden sind, stehen sich näher und sind unmittelbarer beteiligt als in Großorganisationen.24

Einrichtungen, die von direkt Beteiligten initiiert und errichtet worden sind, bieten meist Möglichkeiten der Mitwirkung als hoheitlich erstellte.25 Für das Subsidiaritätsprinzip ist nicht entscheidend, ob errichtet wird. Es kommt „nicht auf die formale Unterscheidung öffentlich-rechtlich oder ‘frei’ gleich privat an, sondern auf den tatsächlichen Sachverhalt; was ist den Beteiligten und/oder Betroffenen menschlich näher?“26

Gemeinwohl und Subsidiarität

Das Gemeinwohl ist oberster Leitstern einer Soziallehre, die eine andauernde Philosophie vertritt. Auch hinsichtlich der Soziallehre als kirchenamtliches Dokument ist ihre Langlebigkeit schon impliziert. Das Gemeinwohl, im lateinischen mit „bonum commune“ ausgedrückt, ist daher auch Wurzel des Subsidiaritätsprinzips. Für Nell-Breuning muss eine grundsätzliche Betrachtung „notwendig von der positiven Seite des Subsidiaritätsprinzips ausgehen, um die negative gewissermaßen im Weg des Umkehrschlusses zu gewinnen.“27

Das Gemeinwohl besteht aus dem, was das Subsidiaritätsprinzip verlangt: die Gemeinschaft leistet ihren Bürgern die rechte Hilfe, die sie ihnen schuldet. Sie drängt aber keine unrechte Hilfe auf und gewährt auch keine Hilfe, die unrecht ist; auch wenn der Bürger danach verlangt. So kommt der Bürger oder ein anderes Glied der Gemeinschaft dazu seine eigenen Kräfte anzuregen und zu entfalten. Dies entwickelt sich im Rahmen der Gemeinschaft und in Ausrichtung auf deren Wertziel.28

Verankerung des Subsidiaritätsprinzips

Das Subsidiaritätsprinzip kann nur dort eine Antwort geben, wo es um Gemeinschaften handelt, die in einem Verhältnis Ganzem und Glied zueinander stehen.29 Das Subsidiaritätsprinzip ist ein sozialphilosoophisches Prinzip das eine alte Wahrheit der Menschheit ausdrückt. Nell-Breuning bezieht sich mehrmals auf den Abraham Lincoln, den ehemaligen Präsidenten der USA: “Die Regierung hat für die Bevölkerung das zu besorgen, wonach die Leute ein Bedürfnis haben, was sie aber selbst überhaupt nicht tun können oder doch, auf sich selbst gestellt, nicht ebenso gut tun können. In all das, was die Leute ebenso gut selber tun können, hat die Regierung sich nicht einzumischen.“30

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Der notwendige konforme Ansatzpunkt eines Gesellschaftssystems für die Verwirklichung des Subsidiaritätsprinzips

In einem Rechtsstaat darf die freie Betätigung und ihrer Vereinigungen weder einschränket noch verboten werden – die Ausnahmen sind vielfältig gesetzlich geregelt.31

Das Subsidiaritätsprinzip verbietet dem Staat sogar, mit einem überlegenen materiellen Mitteleinsatz die Zusammenschlüsse der Bürger zu verdrängen.32 Umgekehrt schuldet die Gesellschaft seinen Bürgern den hilfreichen Beistand, es „stellt sich die Frage: was schuldet das Ganze, das im allgemeinen über größere Möglichkeiten verfügt, dem Teil oder Glied“.33 Das Mitglied einer Gewerkschaft ist deswegen einem größeren Gebilde, wie es nun eine Gewerkschaft darstellt, beigetreten, da es auf die Hilfe des größeren Ganzen angewiesen ist.34 Es geht immer um einen hilfreichen Beistand auch im Verhältnis eines Bundesstaates zu den Gliedstaaten.35

Der Staat und der Einzelne

Papst Pius XI greift in „Quadragesimo Anno“ die Staatslehre Leo XIII aus Rerum Novarum auf und kritisiert wie dieser die liberale Staatslehre: „Dieser Staatslehre, die im Staat nur den Wächter der Rechtsordnung erblicken will, setzte Leo unbeirrt die Lehre vom Rechts- und Wohlfahrtsstaat entgegen: durch richtige Gestaltung des gesamten gesetzlichen und sachlichen Einrichtungen müssten allgemeine Wohlfahrt wie auch Wohlfahrt der einzelnen als natürliches Ergebnis der Verfassung und Verwaltung des Staates sich einstellen.“36

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Der Staat hat die Aufgabe des Schutzes des Volkes, seiner Gliederungen und der Bürger., besonders der Schwachen und Mittellosen.37 In der Enzyklika „Quadragesimo Anno“ wird im Abschnitt über die Funktionen des Eigentums die Rolle des Staates näher ausgeführt. Unter der Überschrift „Befugnisse des Staates“, wird die „ Doppelseitigkeit des Eigentums mit seiner Indiviual- und Sozialfunktion“38 betont.

Der Staat kann den Eigentümern vorgeben, wie sie ihr Eigentum verwenden dürfen und was ihnen der Staat untersagt – dies immer im Rahmen der irdischen und göttlichen Gesetze. Kriterium des Eingreifens sind die Erfordernisse des allgemeinen Wohls.39 Die Enzyklika formuliert einen starken Staat mit klaren Rechten. Doch damit nicht genug: Reformen werden eingefordert und eine „neue Gesellschaftsordnung“40 betont die Notwendigkeit einer Zuständereform und einer Sittenbesserung.

Im nächsten Satz wird – bei neuem Absatz – der Staat als Träger von Reformen: „Bei der Zuständereform denken Wir zunächst an den Staat.“41 Dabei erwartet die Enzyklika nicht alles Gute vom Staat. Doch angesichts der „Auswirkung des individualistischen Geistes ist es so weit gekommen, dass das einst blühend und reich gegliedert in einer Fülle verschiedenartiger Vergemeinschaftungen entfaltete menschliche Gesellschaftsleben derart zerschlagen und nahezu ertötet wurde, bis schließlich fast nur noch die Einzelmenschen und der Staat übrigblieben – zum nicht geringen Schaden für den Staat selber.“42

DIE GESCHWÄCHTE GEMEINSCHAFT _ konnten die Lasten nicht mehr tragen, der Staat musste ihre Aufgaben übernehmen, bis er selbst von der Übernahme der ursprünglichen Pflichten der gesellschaftlichen Gemeinschaften erdrückt wurde.43

Nell-Breuning unterscheidet den „individualistischen Geist“ vom Individuum: Der individualistische Geist löst den Menschen aus seinen Bindungen, nimmt seine Stütze und „raubt ihm damit geradezu seinen Eigenwert.“44 Der Mensch ist als Persönlichkeit ein gesellschaftliches Wesen, dass der Gesellschaft etwas gibt und von ihr daher auch empfangen kann. So entsteht menschliches Zusammenleben, Zivilisation und Kultur.45

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Der Mensch, der sich aus den Gemeinschaften löst, geht zumeist in der Masse unter. Die Rücksichtslosen, auch manche große begabte Menschen erhalten ein größeres Maß an Freiheit. Doch am Ende sieht Nell-Breuning den autoritären Staat, der dazu vorgibt, die einzige Quelle des Rechts zu sein.46

Dazu kommt „der Staat reißt immer mehr an sich, er wird auch immer mehr von allen Seiten zu Hilfe gerufen und in Anspruch genommen.“47 Selbsthilfe könnte hier Abhilfe schaffen: In „Quadragesimo Anno“ wird der Gedanke der Selbsthilfe aus „Rerum Novarum“ erneut aufgegriffen und bestärkt: Papst Leo XIII unterstützte damit die Arbeiter gegen die „herrschenden Kreise, noch ganz erfüllt von den liberalen Ideen“48, die diese Vereinigungen der Selbsthilfe der Arbeiter zum Teil sogar verfolgten. Er benannte auch deutlich, dass Vereinigungen anderer Volksschichten diese Schwierigkeiten nicht hatten.49

Nell-Breuning weist auf die Notwendigkeit der organisierten Selbsthilfe hin, denn „die Selbsthilfe des einzelnen vermag natürlich zur Lösung der sozialen Frage so gut wie nichts beizutragen.“50 Durch Selbsthilfeorganisationen wird der Mensch Teil eines größeren Ganzen und kann von dort auch Hilfe erhalten. Nell-Breuning greift den Grundsatz des Genossenschaftssozialismus auf „es gibt keine bessere Hilfe als die Gemeinschaftshilfe zur Selbsthilfe.“51

Das ist für ihn die Aussage des Subsidiaritätsprinzips und ergänzt: “was der Selbsthilfe Abtrag tut, sie beeinträchtigt, hindert oder stört, das ist eben darum überhaupt keine Hilfe.“52 Denn der Mensch entfaltet sich durch sein Tun.

Unterscheidung von Gesellschaft und Staat

Die Gesellschaft fächert sich in verschiedene Gliedgesellschaften 53 auf, z.B. den Staat, die Gemeinde und die Familie. Der Staat 54 hat die Aufgabe, die Voraussetzungen für das Leben der politischen Gemeinden zu schaffen.55 Im Staat drückt sich die Allgemeinheit der Gesellschaft aus. Die Gesellschaft soll den Menschen die Möglichkeit geben, sich entfalten zu können. Sie soll dem einzelnen Bürger zur „sozialen Sicherheit“ verhelfen.56

Das „Staatswesen als Gesellschaft „ ist gut „verfasst“ wenn die gesetzlichen Einrichtungen des Staates nicht nur existieren, sondern auch richtig gestaltet sind.57 Der Staat soll nicht mit Flickwerk soziale Schäden reparieren, sondern seine Aufgabe ist die Kräfte zu bündeln und wirken zu lassen, „dass ganz von selbst gesellschaftlich und wirtschaftlich wohlgeordnete und befriedete Zustände erblühen.“58

Sie werden durch eine richtige Tätigkeit geschaffen; für Nell-Breuning eine, die den Menschen „zu höherer Wertverwirklichung oder Werterfüllung verhilft.“59 Alle Werte finden ihre Ausdruck und Verwirklichung im Menschen, daher muss jede gesellschaftliche wie staatliche Initiative an die richtige Entwicklung des Menschen gebunden sein.

DIE FUNKTIONSTRÄGER _  des Gemeinwohls in der Gesellschaft
Jedes Glied in der Gesellschaft hat die Aufgabe und Pflicht an der Verwirklichung der Werte mitzuwirken; „insoweit besteht daher auch ein Anspruch jedes Mitglieds auf die Mitwirkung aller anderen.“60 An diese Mitwirkung ist im Sinne des Subsidiaritätsprinzips nicht gedacht, stattdessen an eine globale Mitwirkung des Sozialgebildes als solches.61

Funktionsträger ist jeder einzelne Mensch als Person und gesellschaftliches Wesen, sei es als Mitglied einer Familie oder einer Organisation. Vorrang haben die kleinen Lebenskreise, denen wiederum von den größeren sozialen Gebilden bei ihrer Aufgabe in richtiger Weise geholfen werden kann bzw. muss.62

Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften, (katholische) Verbände, Pfarreien, politische Gemeinden etc. sind Träger des Gemeinwohls. Im Rahmen der Diskussion des Subsidiaritätsprinzips ist die wertorientierte Zielsetzung und Haltung der Funktionsträger wichtig.

Fußnoten

1  O. VON NELL-BREUNING, Die soziale Enzyklika, Erläuterungen zum Weltrundschreiben Papst Pius’ XI. über die gesellschaftliche Ordnung, Köln 1932, 137. Nell-Breuning hat in diesem Kommentar die gesamte Enzyklika erläutert. In vielen Einzelbeiträgen nahm er zu aktuellen Diskussionen zum Subsidiaritätsprinzip Stellung.
2  Vgl. NELL-BREUNING 1932, a.a.O. 137.
3  A.a.O. 139.
4  A.a.O. 140.
5  Vgl. a.a.O. 140.
6 Vgl. OSWALD VON NELL-BREUNING, Subsidiaritätsprinzip: in Staatslexikon, Hrsg. Görre-Gesellschaft Freiburg, 1962, sechste, völllig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Siebter Band, Sp 827.
7 Ebenda.
8  Vgl. ebenda
9  Vgl. OSWALD VON NELL-BREUNING, ein katholisches Prinzip ? in: HEINZ WILHEM BROCKMANN (HRSG), Kirche und moderne Gesellschaft, Düsseldorf 1976, 62. Nell-Breuning führt seine Stellungnahme noch genauer aus: „Wer sich darauf versteift, seinem Namen zufolge müsse das Subsidiaritätsprinzip von ‘subsidiär’ in dem Sinn, wie dieses Wort in unserem Sprachgebrauch umläuft,herkommen und könne infolgedessen gar nicht anders als die Staatstätigkeit, die Gmeinschaftshilfe zum bloßen ‘Ersatz’ oder ‘Notbehelf’ herabwürdigen und deren Bereich auf das unvermeidlich Notwendige einschränken, mit dem kann man sich zwar sehr wohl über dieses sein Prinzip unterhalten, aber dann ist man nicht bei dem, wovon in dem Text die Rede ist, der in aller Welt als die klassische Formulierung des Subsidiaritätsprinzips gilt.“ (a.a.O.62/63)
10  A.a.O. 63.
11  A.a.O. 63.
12  A.a.O. 145. Nur Nell-Breuning spricht von einem „Prinzip der Subsidiarität der Kollektivitäten“ Der Begriff Kollektiv ist durchaus überraschend in diesem Zusammenhang, wurde doch das Subsidiaritätsprinzip vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren der Bundesrepublik von katholischer Seite häufig als Abwehrprinzip gegen den Staat und gegen sozialistische Tendenzen verwendet.
13  Vgl. a.a.O. 145.
14  A.a.O. 146-?
15  Vgl. Oswald von Nell-Breuning, Zum Subsidiaritätsprinzip, Stimmen der Zeit, 81.Jahrgang 1995/56, 1.Heft, 10 Nell-Breuning wendet sich hier scharf gegen die einseitige Betonung der nur negativen Seite des Subsidiaritätsprinzips. Damit sei dem Subsidiaritätsprinzip nicht gedient.
16  NELL-BREUNING 1932, 145.
17  Vgl. a.a.O. 145.
18  A.a.O. 145; vgl. auch: „Die Doppelbeziehung des Individuums auf die Gesellschaft und der Gesellschaft wieder zurück auf das Individuum ist im Sachverhalt, wie ihn der Schöpfer gesetzt hat, gegeben und ist von uns nicht bloß anzuerkennen, sondern zur Grundlage auch der wissenschaftlichen Verfahrensweise zu machen.“ (S145/146) Weder ein alleiniges Ausgehen vom Individuum wie von der Gesellschaft ist daher wesenwidrig.
19  A.a.O. 146. Über die Solidaristen schreibt Götz Briefs: „Die mit Heinrich Pesch … die Notwendigkeit sowohl sozialer Gesetzgebung als auch –und zwar jetzt mehr als zuvor – einer grundlegenden und umfassenden Reorganisation von Gesellschaft und Wirtschaft nach berufsständischen bzw. leistungsgemeinschaftlichen Grundsätzen anerkannten.“ (Götz Briefs, Kirche und Industrialismus, Osnabrück 1971. 195 f. zitiert nach: Oswald von Nell-Breuning, Wie sozial ist die Kirche? Leistung und Versagen der katholischen Soziallehre Düsseldorf 1972, 131. Für Nell-Breuning war 1932 die christliche Gesellschaftslehre noch gleichbedeutend mit dem Solidarismus. Mittlerweile wird das Wort so gut wie nicht mehr gebraucht.
20  OSWALD VON NELL-BREUNING, ein katholisches Prinzip? in: HEINZ WILHEM BROCKMANN (HRSG), Kirche und moderne Gesellschaft, Düsseldorf 1976. 64.
21  A.a.O. 64.
22  A.a.O. 64.
23  A.a.O. 65.
24 Vgl. OSWALD VON NELL-BREUNING, Das Subsidiaritätsprinzip in: Theorie und Praxis der sozialen Arbeit, 27.Jahrgang 1976, Heft 1, 9.
25 Vgl. OSWALD VON NELL-BREUNING, Ein katholisches Prinzip ? in: HEINZ WILHEM BROCKMANN (HRSG), Kirche und moderne Gesellschaft, Düsseldorf 1976. 70.
26  A.a.O. 71.
27  OSWALD VON NELL-BREUNING, Subsidiaritätsprinzip: in Staatslexikon, Hrsg. Görre-Gesellschaft Freiburg, 1962, sechste, völllig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Siebter Band, Sp 828.
28  Vgl. a.a.O. 829.
29  Vgl. OSWALD VON NELL-BREUNING, Ein katholisches Prinzip ? in: HEINZ WILHEM BROCKMANN (HRSG), Kirche und moderne Gesellschaft, Düsseldorf 1976. 68
30  OSWALD VON NELL-BREUNING, Subsidiaritätsprinzip: in Staatslexikon, Hrsg. Görres-Gesellschaft Freiburg, 1962, sechste, völllig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Siebter Band, Sp 828 (auf englisch: The legitimate object of government is to do for a community of people whatever they need to have done but cannot do at all, or cannot so well do for themselves in their separate and individual capacities. In all that the people an individually do als well for themselves, government ought not to interfere.“).
31  Vgl. OSWALD VON NELL-BREUNING, Ein katholisches Prinzip ? in: HEINZ WILHEM BROCKMANN (HRSG), Kirche und moderne Gesellschaft, Düsseldorf 1976, 73.
32  Vgl. ebenda.
33  OSWALD VON NELL-BREUNING, Das Subsidiaritätsprinzip in: Theorie und Praxis der sozialen Arbeit, 27. Jahrgang 1976, Heft 1, 7.
34  Vgl. ebenda.
35  Vgl. ebenda.
36  „Quadragesimo Anno“: in: Die sozialen Rundschreiben der Päpste und andere kirchliche Dokumente/mit Einf. Von Oswald von Nell-Breuning; Johannes Schasching. 7. Erw. Auflage 1989, 98.
37  Vgl. a.a.O. 99. In Quadragesimo Anno wird direkt anschließend daran Rerum Novarum Ziffer 29 übernommen: „Bedürfen doch die besitzenden Kreise, selber stark genug, sich zu schützen, weniger des staatlichen Schutzes; die Masse der Enterbten dagegen, aller eigenen Hilfsmittel entblößt, sieht sich ganz auf die Hilfe des Staates angewiesen. Der Lohnarbeiterschaft, dieser Hauptmasse der Enterbten, schuldet der Staat daher ein ganz besonderes Maß von Obsorge und Fürsorge“ (ebenda).
38  „Quadragesimo Anno“: in: Die sozialen Rundschreiben der Päpste und andere kirchliche Dokumente/mit Einf. Von Oswald von Nell-Breuning; Johannes Schasching. 7. Erw. Auflage 1989, 108.
39  Vgl. ebenda An dieser Stelle ist sehr deutlich die Aufgabe des Staates dargestellt. Gerade beim sensiblen Thema Eigentum verdeutlicht die Enzyklika die Pflichten der Funktionsträger eines Staates.
40  „Quadragesimo Anno“ a.a.O. 120. Die Überschrift des 5. Abschnittes heißt „neue Gesellschaftsordnung“
41  Ebenda.
42  Ebenda. Die Ablehnung zu einer starken Individualisierung wird sehr deutlich. Gleichzeitig werden die Folgen für die Gemeinschaft benannt.
43  Vgl. ebenda Zuerst wurde die Individualisierung des Menschen gefördert. Das Ergebnis: die Vereinigungen usw. werden geschwächt. Wenn diese ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen können, muß der Staat einspringen. Doch der gerät im Laufe der Zeit immer mehr unter Druck durch die ansteigenden Lasten. Die Passagen in der Enzyklika lesen sich wie Auszüge aus Begründungen für die aktuelle Kürzung der Sozialausgaben.
44  OSWALD VON NELL-BREUNING, Die soziale Enzyklika, Erläuterungen zum Weltrundschreiben Papst Pius’ XI. über die gesellschaftliche Ordnung, Köln 1932, 141.
45  Vgl. ebenda.
46  Vgl. a.a.O.142. Die Beschreibung des Individualismus und seiner Folgen wirken überraschend aktuell.
47  Ebenda Der Staat hat den individualistischen Geist nicht geschaffen: „Der Staat fand vielmehr den ungeheuren Hohlraum vor, der durch die Auflösung all dieser Gebilde entstanden war.“(ebenda) Nell-Breuning erinnert z.B. daran, daß die verfassungsgebende Nationalversammlung der französischen Revolution alle bestehenden Körperschaften auflöste (vgl. a.a.O. 143) Auch das Verhältnis der örtlichen politischen Gemeinden zu den Ländern untersucht hier Nell-Breuning. Zumindest im Jahr 1932 hatten sie nur abgeleitete Rechte. Ihr Selbstverwaltung bezeichnet er als „Auftragsangelegenheiten besonderer Art“ (a.a.O. 144).
48  A.a.O. 101.
49  Vgl. ebenda.
50  OSWALD VON NELL-BREUNING, Die soziale Enzyklika, Erläuterungen zum Weltrundschreiben Papst Pius’ XI. über die gesellschaftliche Ordnung, Köln 1932, 38.
Selbsthilfe ist ein wesentlicher Aspekt des Subsidiaritätsprinzips. In der katholischen und sozialistischen Arbeiterbewegung gab es vielfältige Organisationen der Selbsthilfe: von den Einkaufsgenossenschaften. Wohnungsbaugenossenschaften bis hin zu vielfältigen Kulturvereinen und Sportvereinen. Im katholischen Bereich gab es zusätzlich noch Arbeitervereine zur religiös-sittlichen Bildung.
51  .OSWALD VON NELL-BREUNING, Das Subsidiaritätsprinzip in: Theorie und Praxis der sozialen Arbeit, 27.Jahrgang 1976, Heft 1, 8.
52  Ebenda.
53  Vgl. OSWALD VON NELL-BREUNING, Zum Subsidiaritätsprinzip, Stimmen der Zeit, 81.Jahrgang 1995/56, 1.Heft, 2.
54  vgl .a.a.O. 5.
55  Vgl. a.a.O. 2.
56  Vgl. ebenda.
57  Vgl. OSWALD VON NELL-BREUNING, Die soziale Enzyklika, Erläuterungen zum Weltrundschreiben Papst Pius’ XI. über die gesellschaftliche Ordnung, Köln 1932, 34.
58  A.a.O. 35. Nell-Breuning verdeutlicht hier die Unterschiede zwischen einem Staat als Reparaturbetrieb und dem von ihm bevorzugten, der in eine „staatsverbundene Gesamtkraft“ (G. Gundlach) wirkt. (ebenda; Begriff von G. Gundlach zit. Nach: Staatslexikon der Görresgesellschaft 8 III, Sp. 395).
59  OSWALD VON NELL-BREUNING, Zum Subsidiaritätsprinzip, Stimmen der Zeit, 81.Jahrgang 1995/56, 1.Heft, 6. Nicht jede Tätigkeit ist für den Menschen und die Gesellschaft sinnvoll, daher sollte bei staatlichen Initiativen auf die Werthaltigkeit der Tätigkeiten geachtet werden.
60  OSWALD VON NELL-BREUNING, Subsidiaritätsprinzip: in Staatslexikon, Hrsg. Görre-Gesellschaft Freiburg, 1962, sechste, völllig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Siebter Band, Sp 829.
61  Vgl. ebenda.
62  Vgl. OSWALD VON NELL-BREUNING, Zum Subsidiaritätsprinzip, Stimmen der Zeit, 81.Jahrgang 1995/56, 1.Heft, 6.