AUF ZWEI BILDUNGSSTRÄNGE FOKUSSIEREN

Die berufsbildenden Schulen nur beliebig, vielfältig und intransparent?

Eine flächendeckende Neuausrichtung ist notwendig

Von: Prof. Dr. Georg Spöttl (Wissenschaftler)

Prof. Dr. Georg Spöttl

Wissenschaftler

Prof., Dr. phil., Dr. h. c., Dipl.-Ing, M.A., Georg Spöttl war Leiter des Institut Technik und Bildung (I-TB) der Universität Bremen.  Jetzt ist er Direktor des Zentrums für Technik, Arbeit, Berufsbildung (TAB) an der Uni Bremen Campus GmbH. Außerdem arbeitet er für das Steinbeis-Transferzentrum InnoVET in Flensburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Didaktik der Metalltechnik; Internationale Berufsbildung; Berufswissenschaftliche Forschung in Aus- und Weiterbildung; Arbeitsprozessforschung; Curriculumentwicklung; Lehr- und Lernprozesse; Forschung im Kfz-Service.


„Berufliche Schulen dürfen nicht mehr als Notlösung für Schüler gesehen werden, die in allgemeinbildenden Schulen gescheitert sind. Vor allem: Die Berufsschule darf nicht mehr nur als Anhängsel des dualen Systems gesehen werden.“

Das berufsbildende Schulsystem wird als Berufsbildungseinrichtung und Teil des Schulwesens verstanden (vgl. Pahl 2007, S. 130 f.) und damit auch als Teil des Bildungssystems. Charakteristisches Merkmal des berufsbildenden Schulsystems ist in erster Linie das Angebot einer hohen Vielfalt an Berufsbildungsgängen. Nach wie vor spielt die Berufsschule eine wichtige Rolle, weil dort die Schülerinnen und Schüler beschult werden, die an der dualen Berufsausbildung teilnehmen[1]. Daneben gibt es für alle Herausforderungen, die von Gesellschaft und Arbeitsmarkt definiert werden, Antworten in Form eines beruflichen Bildungsganges. Das führt zu einer hohen Vielzahl möglicher Berufsbildungswege mit dazugehörigen Bildungsgängen und Schulformen. Als relevante Schulformen nennt Pahl (ebd., S. 136)

  • das Berufsgrundbildungsjahr (ohne betrieblichen Ausbildungsplatz),
  • die Berufsvorbereitungsschule bzw. das Berufsvorbereitungsjahr (ohne betriebliches Ausbildungsjahr),
  • die Berufsfachschule (unabhängig von einem betrieblichen Ausbildungsplatz),
  • die Berufsschule (Partner der dualen Berufsausbildung),
  • die Fachschule (Weiterbildungseinrichtung),
  • die Fachoberschule (Klasse 11-12, in Einzelfällen bis 13),
  • die Berufsoberschule (Klasse 12-13, nicht in allen Bundesländern),
  • das Berufliche Gymnasium (allgemeinbildende Hochschulreife),
  • (ab August 2017 Berufsabitur in mehreren Bundeländern).

Im Extremfall können also bis zu neun verschiedene Schulformen unter einem Dach einer berufsbildenden Schule vereinigt sein. Hinzukommen können noch Flüchtlingsklassen, besondere Maßnahmen zur Ausbildungsvorbereitung, Beteiligung am Schulberufssystem, besondere Angebote in Kooperation mit Unternehmen und allgemeinbildenden Schulen und anderes.

Diese zahlreichen Schulformen in Verbindung mit den jeweiligen Berufsbildungsgängen führen zu einer außerordentlich hohen Komplexität. Die damit verbundenen vielfältigen Vernetzungen mit und innerhalb der beruflichen Schulformen lassen sich mit all den möglichen Sonderwegen kaum darstellen. Jeder Bildungsgang, jeder Sonderweg steht auch in Verbindung mit einem spezifischen Profil, was dazu führt, dass die Angebote des berufsbildenden Schulsystems unübersichtlich sind. Deshalb muss die Frage gestellt werden, ob die vorherrschenden Strukturen des berufsbildenden Schulsystems überlebensfähig sind und mit der notwendigen Dynamik auf nationale und europäische Herausforderungen reagiert werden kann.

Bewertung des berufsbildenden Schulsystems

Die beschriebene Vielzahl von Bildungsgängen in Kombination mit einzelnen Schulformen lässt sich wie folgt illustrieren: Es ist „der Weg von der Berufsvorbereitungsschule, in das Berufsgrundbildungsjahr und danach in die Berufsschule, von dort in die Berufsaufbauschule und in die Fachoberschule sowie vielleicht sogar in das Berufliche Gymnasium möglich.“ (ebd. S. 135)

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Berufsbildende Schulen: Die Vielfalt macht das berufsbildende Schulsystem sehr unübersichtlich.

Die hohe Ausdifferenzierung in einzelne Schulformen, das Angebot weiterer, vielzähliger und besonderer Maßnahmen, ist darauf zurückzuführen, dass sich berufliche Schulen als ein sich ständig weiterentwickelndes Subsystem des Bildungsgesamtsystems verstehen. Die Veränderungen in beruflichen Schulen werden sehr stark vom Aufgabenwandel, den regionalen Bedürfnissen, den bildungspolitischen Entscheidungen, den Vorgaben durch das Berechtigungswesen, wirtschaftlichen Entwicklungen im Umfeld und Veränderungen im allgemeinbildenden Schulwesen motiviert. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Einführung des Berufsabiturs auf Initiative des Handwerks. Damit wird zumindest formal betrachtet neben die drei bereits existierenden weiterführenden Schulformen zum Abitur eine vierte gestellt, ohne die Gesamtstruktur diesbezüglich zu bereinigen.

Diese Sachlage führt auch dazu, dass sich jede einzelne berufsbildende Schule sehr unterschiedlich entwickelt, organisiert und strukturiert. Vor allem gibt es große Unterschiede zwischen beruflichen Schulen in großen Städten, die oft fachlich oder nach Branchen organisiert sind und ländlichen berufsbildenden Schulen, die als Kreisberufsschulen oder Berufsbildungszentren zahlreiche Schulformen unter einem Dach vereinen und auch noch zahlreiche Sondermaßnahmen betreiben. Letztlich verfolgt jede berufliche Schule ihre je eigene Variante von beruflichen Schulformen und anderen besonderen Maßnahmen. Diese Vielfalt (in Problemlösebeiträgen, Stundenplänen, Förderaktivitäten usw.) macht das berufsbildende Schulsystem sehr unübersichtlich. Gleichzeitig ist es oft ein regionalspezifisches Erfolgsrezept in Verbindung mit hoher Anerkennung auf einem sehr hohen Niveau.

Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Profile der einzelnen Schulformen oft nicht ausreichend voneinander abgrenzen und auch vertikal eine überzeugende Stufung für Durchlässigkeit trotz Vernetzung einzelner Subsysteme häufig nicht sichtbar ist. Das Ergebnis ist dann, dass Durchläufe von Schülern mehr Zeit in Anspruch nehmen, als bei optimierten Zuständen nötig wäre. Ein anderer kritischer Punkt ist, dass in diesem komplexen Gebilde die Berufsschule, der Partner im dualen System (vgl. Spöttl 2016, S. 159 ff.), oft keine besondere Aufmerksamkeit erfährt und nicht mit der notwendigen Überzeugung weiterentwickelt wird. Das birgt das Risiko, dass die Berufsschule bei allen wichtigen Entscheidungen gegenüber anderen Schulformen wie beispielsweise dem Beruflichen Gymnasium, der Berufsoberschule, der Fachoberschule, zurückfällt und zu einer Randerscheinung generiert.

Das berufsbildende Schulwesen und die Berufsschule werden oft nicht als einheitliches System wahrgenommen. Grund dafür ist, dass die einzelnen Schulformen, falls überhaupt, eher vereinzelt und unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung agieren.

Herausforderungen für die berufsbildenden Schulen

Die berufsbildenden Schulen erfahren heute vielfältige Herausforderungen auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Das ist

… die Diskussion um die Akademisierung

Hierbei werden die beruflichen Schulen an den Rand gedrängt, weil es um den scheinbaren Gegensatz von Abitur und Studium auf der einen und betrieblicher Ausbildung auf der anderen Seite geht (vgl. Blaß/Himmelrath 2016, S. 16 ff.). Besonders für die Berufsschule bleibt bei diesem Streit oft nur die Nebenrolle als Anhängsel der dualen Ausbildung ohne erfolgreichen Beitrag zur Akademisierung. Vertreter der Berufsschulen und berufsbildenden Schulen akzeptieren diese Rolle allzu oft widerspruchslos. Damit gerät die Berufsbildung in ein soziales Stigma und wird zum Bildungsweg der „Schwachen“ und „Dummen“ (vgl. Strahm 2014, S. 6).

… die Diskussion um Diversität und Integration unterschiedlicher Schülerinnen und Schüler

Hierbei geht es darum, Schüler und Schülerinnen unterschiedlicher schulischer, nationaler und internationaler Herkunft zu integrieren und zu fördern. Es gilt hier, dass berufsbildende Schulen regional sehr unterschiedlich aber gezielt mit spezifischen Stundenplänen, mit ausgewählten Kursen und Programmen reagieren. Diese, einerseits positiven Aktionen ziehen es nach sich, dass die vielfältigen Maßnahmen nicht transparent genug wirken, um von der Öffentlichkeit wahrgenommen und akzeptiert zu werden.

… die Diskussion darüber, ob Universitäten Berufe aufnehmen und akademisieren sollen

Derartige Maßnahmen, die beispielsweise im IT-Bereich bereits stattgefunden haben und im Gesundheitsbereich aktuell vonstattengehen, schwächen das berufliche Bildungswesen und die beruflichen Schulen, weil dabei Paradedisziplinen „abgefischt“ werden. Zugleich verstärkt dieses den Trend hin zu akademischen Studien.

… die Diskussion um die geringen Chancen für Hauptschüler und solcher ohne Abschluss

Hauptschulabsolventen beginnen nur rund zur Hälfte direkt nach dem Schulabschluss eine betriebliche Lehre oder vollzeitschulische Ausbildung. Von Bundesland zu Bundesland schwanken die Zahlen erheblich. Die Spanne lag 2015 bei 71 % in Bayern und bei nur 37 % in Schleswig-Holstein. Personen, denen der Zugang zu Lehrstellen verwehrt bleibt, wandern in der Regel in das Übergangssystem, was deren Chancen nicht verbessert. Betriebe setzen jedoch nach wie vor auf Bestenauslese, so dass berufsbildende Schulen oft als einziges Auffangbecken für schwächere Absolventen übrigbleiben. Die Schullaufbahn der Betroffenen wird damit verlängert und die Chancen auf einen Ausbildungsplatz wird nur begrenzt verbessert.

… die Diskussion um die geringe Durchlässigkeit der Bildungswege

Berufliche Schulen sind einerseits auf Durchlässigkeit angelegt, wenn es um Schulformen wie Fachoberschule, Berufliches Gymnasium oder Berufsoberschule geht. Diese Schulformen vermitteln auch zahlreiche Absolventen beispielsweise in Fachhochschulstudiengänge (rund 45 % der Fachhochschüler kommen aus diesen Schulformen oder haben eine Berufsausbildung absolviert). Andererseits gibt es für die Absolventen der anderen Schulformen trotz formal möglicher Zugänge zu Hochschulen erhebliche Hemmnisse, weil diese Schulformen inhaltlich und von der Zielsetzung her nicht auf ein Studium vorbereiten.

… die Diskussion um die Rolle der Berufsschule bei einem geringen Ausbildungsplatzangebot

Die jüngere Krise der Berufsbildung hat mit der ständig weitergehenden Entwicklung des Übergangssystems zu tun. Dieses berufspädagogisch unterstützte Warteschleifensystem vermittelt keine Zertifikate und ist eine Reaktion auf die ständig anhaltende Unterversorgung mit Ausbildungsplätzen, weil Betriebe immer weniger ausbilden und zu wenig attraktive Ausbildungsplätze anbieten. Berufsschulen machten sich auf der Basis des Berufsbildungsgesetzes vom Ausbildungsplatzangebot der Betriebe unabhängig und werben mit eigenen, vollschulischen oder kooperativen Schulberufsbildungsgängen für eine schulisch gesteuerte Berufsausbildung.

… die Diskussion um mangelnde europäische Fokussierung der beruflichen Bildung

Inzwischen gibt es zwar einzelne berufliche Schulen die sich an europäischen Bildungsprogrammen oder Mobilitätsprogrammen beteiligen, insgesamt scheinen jedoch europäische Instrumente für das Bildungswesen in der beruflichen Bildung kaum eine Rolle zu spielen. Sehr verhalten reagierte die Bildungsadministration auf der Einführung des Deutschen und Europäischen Qualifikationsrahmens und es hat einige Jahre gedauert, bis es einen Hinweis in den Zeugnissen gab, auf welchem Niveau ein Berufsbildungsabschluss eingeordnet ist. Andere Instrumente spielen in der Berufsbildung eine untergeordnete Rolle. Auch Sprachangebote werden nicht mit der Intensität vorangetrieben, wie dieses aufgrund der verstärkten Europäisierung angemessen wäre.

Die Diskussionspunkte umfassen längst nicht alle Facetten der aktuellen Diskussion um die berufsbildenden Schulen, geben aber einen Einblick in Kernpunkte und die noch zu meisternden Herausforderungen.

Reformansätze für die beruflichen Schulen mit dem Ziel der Modernisierung

Das berufsbildende Schulwesen und allen voran die Berufsschule haben bei den Herausforderungen der Vergangenheit Gestaltungsmacht bewiesen. Beispielsweise wurde bereits nachfolgend zur Neuordnung der handwerklichen und industriellen Metallberufe 1989/90 der Bildungsauftrag für die Berufsschule mit der „Entwicklung von Handlungskompetenz“ festgelegt und auch zum Gegenstand von Prüfungen gemacht.

Das ist das Ziel

Um die Kompetenzen der beruflichen Schulformen einschließlich der Berufsschule zu verdeutlichen, ist einerseits ein radikaler Imagewandel notwendig und andererseits müssen die beruflichen Schulen vom Nischendasein befreit werden. Berufliche Schulen dürfen nicht mehr als Notlösung für Schüler gesehen werden, die in allgemeinbildenden Schulen gescheitert sind. Vor allem die Berufsschule darf nicht mehr nur als Anhängsel des dualen Systems gesehen werden. Die Überwindung dieses Dilemmas gelingt jedoch nur, wenn die berufsbildenden Schulen

  • als gleichberechtigte Partner auf der Grundlage berufsbildender Prozesse verstanden werden,
  • ein bundesweites, überzeugendes, klar strukturierte Profil aufweisen und
  • weiterhin regionale Bedürfnisse befriedigen.

Als wichtige Voraussetzung dafür muss sichergestellt werden, dass alle Bundesländer

  • eine einheitliche, gleich lange Berufsschulpflicht verfolgen,
  • die in den Lehrplänen ausgewiesene Studentenzahl bundeseinheitlich geregelt ist und
  • berufspraktische Lernprozesse generell nicht ohne schulische Beteiligung möglich sind.

Übergreifend betrachtet muss der beruflich und damit gesellschaftlich handelnde Mensch im Zentrum aller Bemühungen stehen und nicht an der Peripherie eines komplexen Systems.

Fünf Reformschritte sind notwendig

Die oben durchgeführte Analyse zeigt, dass bei Überlegungen zur zukünftigen Positionierung der Berufsschule die anderen berufsbildenden Schulformen nicht außen vorgelassen werden können. Grund dafür ist, dass diese strukturbestimmend sind. Um das berufliche Schulwesen zu innovieren, ist als Erstes eine (vgl. Spöttl 2016, S. 159 ff.)

  • institutionelle und
  • organisatorische Revision

notwendig. Diese muss das Ziel verfolgen,

  • die unübersichtliche Vielzahl der Berufsbildungswege, die zu sehr langem Verbleib, zu Warteschleifen und zu wenig zielführenden Abschlüssen führen, außer Kraft gesetzt werden.

Reformziel 1 muss also heißen: Überwindung der intransparenten Berufsbildungswege, soweit diese nicht zielgerichtet zu weiterführenden Abschlüssen oder zur Berufsbefähigung führen.

Ein sehr langwieriger Weg von der Berufsvorbereitung über das Berufsgrundbildungsjahr in die Berufsschule und von dort in die Fachoberschule und womöglich noch in das Berufliche Gymnasium, darf allein schon institutionell gar keine Option sein.

Grundsätze für diesen Reformschritt: Transparente, institutionelle Strukturen schaffen, durch

  • Reduzierung der Zahl der Schulformen: die drei weiterführenden Schulformen wie Fachoberschule, Berufliches Gymnasium und Berufsoberschule sind in einer einzigen, beruflich geprägten Schulform zusammenzuführen.[2]
  • Zusammenzuführen sind auch Berufsgrundbildungsjahr, Berufsvorbereitungsschule und Berufsfachschulen zu einer einzigen Schulform, genannt „Berufsfachschule“. Als Zielsetzung soll die Inklusion und Förderung schwächerer Schüler verfolgt werden.
  • Die Berufsschule ist so zu strukturieren, dass sie vollwertiger Partner im dualen System ist, gleichzeitig jedoch eine zentrale Rolle in der schulischen Berufsbildung spielt.

Reformziel 2 muss heißen: Überwindung der zahlreichen Sondermaßnahmen und Warteschleifeneinrichtungen für Schwächere sowie besondere Lösungen für Personen mit Migrationshintergrund.

Grundsätze für diesen Reformschritt: Beschulung dieser Zielgruppen in der Berufsfachschule, die auf kontinuierliche Kompetenzentwicklung ausgerichtet ist. Das erfordert den Einsatz von Verfahren von sich wiederholenden Kompetenzfeststellungen und von Lehrkräften, die in der Lage sind, gezielte Förderung zu betreiben. Die Betroffenen sind soweit zu qualifizieren, dass sie entweder direkt in eine Berufsausbildung wechseln können oder die Berechtigung erwerben können, um in eine weiterführende Schulform zu wechseln.

Reformziel 3 muss heißen: Angebote für regionale Anforderungen sicherstellen.

Grundsätze für diesen Reformschritt:

  • Um regionale Anforderngen zu bewältigen, muss an erster Stelle die vorhandene Berufsschule und die neu geformte Berufsfachschule genutzt werden.
  • Kommt es dabei auf Inhalte an, die in diesen beiden Schulformen nicht angeboten werden, dann soll keine weitere und besondere Schulform neben die existierenden gestellt werden, sondern es sollen eingebettet in die vorhandenen Strukturen (also von einer der verbliebenen Schulformen) „neue Inhalte“ angeboten werden.

Die oben angesprochene organisatorische Reform dient der Ergänzung der institutionellen. Sie ist als Organisationsentwicklung zur Sicherstellung der transparenten Profilbildung der Berufsschule und der Berufsfachschule zu verstehen und zu betreiben.

Reformziel 4 muss heißen: Weiterentwicklung der Fachschule (zum Beispiel für Technik) zu einer exzellenten Spitzeneinrichtung für die Qualifizierung von Fachkräften für Betriebe und Vorbereitung auf Hochschulstudiengänge.

Diese Schulform ist zu einer lukrativen Karrierestufe auszubauen, so dass sie al Alternative zu einem Studium Akzeptanz findet.

Grundsätze für diesen Reformschritt:

  • Ausgestaltung der Fachschule so, dass sie in der Lage ist, Top-Fachkräfte für anwendungsbezogene Aufgaben in Industrie und Handwerk in Hightech-Feldern zu qualifizieren.
  • Ausgestaltung der Fachschulen als Vorbereitungseinrichtung für ein Hochschulstudium nach einer Berufsausbildung.

Als Zweites geht es um eine grundlegende

  • Revision der curricularen Strukturen.

Bisher gibt es für jede Schulform eigene Curricula bzw. Lehrplänen, die sich in der Struktur und inhaltlichen Schwerpunktbildung von Land zu Land und oft von Schule zu Schule erheblich unterscheiden.

Reformziel 5 muss heißen: Über alle Schulformen hinweg ist eine curriculare Struktur zu schaffen, die auf eine fortschreitende, entwicklungslogische Kompetenzentwicklung setzt und auf aufeinander aufbauende Qualifikationen ausgerichtet ist. Die einzelnen Ausbildungsgänge, die zu bestimmten Qualifikationsniveaus führen, sind als Stufen eines umfassenderen beruflichen Bildungswesens zu verstehen.

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Berufsbildende Schulen: Curricula sind in mehrfacher Hinsicht hoch relevant für eine erfolgreiche Reform des beruflichen Bildungswesens.

Grundsätze für diesen Reformschritt:

  • Für die Schulformen Berufsschule, Berufsfachschule, regionale Angebote und Fachschule ist zu prüfen, welche der Stufen mit einheitlichen Curricula oder Teilen davon ausgestattet werden können.
  • Für alle Curricula ist als Bezugspunkt die Beruflichkeit sicher zu stellen.
  • Die Curricula haben eine doppelte Funktion zu erfüllen: Einerseits muss garantiert werden, dass das für die jeweilige Schulform relevante Niveau erreicht wird, andererseits muss abgesichert werden, dass keine Doppellungen stattfinden.
  • Es muss sichergestellt werden, dass dann, wenn einzelne curriculare Schwerpunkte in der einen Schulform absolviert wurden, diese in einer anderen nicht mehr erneut absolviert werden müssen.
  • Sichergestellt werden muss auch, dass über alle Schulformen hinweg die Curricula so gestuft werden, dass bei einem Wechsel der Schulform in der Kompetenzentwicklung kontinuierlich fortgeschritten werden kann.
  • Alle Curricula sind kompetenz- und outcomeorientiert zu definieren.
  • Assessments zur Feststellung des Lernfortschritts müssen fester Bestandteil der Curricula werden.
  • Die Curriculumstruktur muss sich an den Niveaus des Deutschen Qualifikationsrahmens orientieren, weil dadurch die Korrespondenz zum europäischen Qualifikationsrahmen sichergestellt ist.
  • In den Curricula sind für alle Zielgruppen und vor allem in der Berufsschule Fremdsprachenkenntnisse mit vorzusehen und der Wissenschaftsbezug ist zu stärken.

Curricula sind in mehrfacher Hinsicht hoch relevant für eine erfolgreiche Reform des beruflichen Bildungswesens:

  • Curricula schaffen die Grundlage für die Qualität, die in der Berufsbildung erreicht werden soll.
  • Curricula mit einer Ausrichtung auf den Deutschen Qualifikationsrahmen erleichtern das erfolgreiche sammeln von Erfahrungen in anderen Ländern bereits während einer Ausbildung. Grund dafür ist, dass wesentlich gezielter in anderen Ländern ausgebildet werden kann, wenn der curriculare Rahmen und das verfolgte Niveau bekannt sind.
  • Curricula sind die Grundlage für Investment in Lehrkräfte, Ausstattung und didaktische Konzepte. Zudem werden Lehrkräfte für das berufliche Schulwesen werden mit Blick auf die Anforderungen der Curricula ausgebildet.

Ein weiteres Reformfeld ist die Didaktik zur Sicherstellung zielgruppengerechter Lernprozesse. Für dieses Feld sind an erster Stelle weitergehende Forschungserkenntnisse erforderlich. Dazu zählt die Klärung, wie auf der Basis der neugestalteten Curricula Lernprozesse für verschiedene Zielgruppen zu konfigurieren sind, um erfolgreich zu sein. Dabei handelt es sich um einen langwierigen Prozess. Die Thematik kann an dieser Stelle nicht weiterverfolgt werden. Es wird dazu eine eigene Darstellung empfohlen.

Zum Schluss: Flächendeckende Neuausrichtig ist notwendig

Die Ausführungen zu der Frage, ob die europäische Bildungspolitik ein anderes berufsbildendes Schulsystem erforderlich macht, lässt sich in erster Linie durch eine national ausgerichtete Analyse beantworten:

  • Das berufsbildende Schulsystem in Deutschland und dessen Subsysteme in Form von einzelnen Schulformen sind hochgradig individuell strukturiert und organisiert, und nicht mit anderen Modellen in anderen Ländern vergleichbar.
  • Bisher wird auch kaum ein intensiver Bezug zu einem Kategoriengerüst wie beispielsweise dem Deutschen Qualifikationsrahmen, der mit dem europäischen korrespondiert, hergestellt. Dieses Instrument wird also noch nicht für Vergleiche genutzt.
  • Auch andere europäische Instrumente wie das Kreditkonzept (ECVET) oder die Mobilitätsinitiativen in Erasmus spielen bisher eher eine randständige Rolle.

Um die Bildungsmöglichkeiten und Bildungsdurchläufe in den zeitlichen Abläufen, in der inhaltlichen Schwerpunktsetzung und dem angestrebten Niveau transparent und zielgerichtet zu gestalten, ist die Umsetzung der fünf Reformschritt erforderlich.

Diese bedeuten einen erheblichen Eingriff in das berufliche Schulwesen. Sie sollen dazu beitragen, eine flächendeckende Neuausrichtung der berufsbildenden Schulen einschließlich der Berufsschule zu erreichen. Dadurch soll erreicht werden, dass das Profil des beruflichen Schulwesens auch auf europäischer Ebene nachvollziehbar ist. Gleichzeitig muss die regionale Verankerung weiterhin garantiert werden. Das ist kein Widerspruch, weil ein klar strukturiertes Gesamtkonzept immer auch regionale Optionen garantiert, ohne das Gesamtkonzept infrage zu stellen.

Der bisherige Wildwuchs, der über mehrere Jahrzehnte durch partielle Reformen entstanden ist (ein aktuelles Beispiel ist die Einführung des Berufsabiturs), muss aufgrund der Veränderungen in der nationalen Arbeitswelt und der immer intensiver werdenden Kooperation mit europäischen Ländern überwunden werden. Die beliebige, vielfältige und intransparente Vernetzung einzelner Schulformen ist durch

  • zwei Bildungsstränge, nämlich die Berufsschule als dualer Partner und Akteur für eine vollschulische Berufsausbildung (Ziel: Berufsabschluss) und
  • eine einzige Form der „Berufsfachschule“ vom Einstieg in das Berufsbildungssystem bis zum Ausstieg mit Studienberechtigung oder Berufsabschluss (Ziel: Studienberechtigung oder Berufsabschluss) abzulösen.

Weiterhin

  • soll als exzellente Karriereoption (Niveau 6 des Qualifikationsrahmens) der Fachschulabschluss möglich sein, der sich durch die Kombination von Anwendungsbezug mit wissenschaftlicher Untermauerung auszeichnet. Diese Abschlüsse sollen helfen, das Vakuum in der Arbeitswelt zu schließen, das die Verwissenschaftlichung der Fachhochschulen gerade entsteht bzw. in einzelnen Regionen schon existiert.
  • soll ein horizontaler Wechsel zwischen den beiden Bildungssträngen Berufsschule und Berufsfachschule möglich sein, wobei in der curricularen Struktur Wechseloptionen zu berücksichtigen sind.
  • gilt es, alle Bildungs- und Ausbildungsgänge curricular so zu gestalten, dass wenigstens das Niveau 3 des Qualifikationsrahmens erreicht wird und ein Berufsbildungsabschluss mit Niveau 4 entweder im Rahmen der drei oder dreieinhalbjährigen Berufsausbildung gewährleistet ist und bei Bedarf auch erst nach vier oder viereinhalb Jahren.

Es ist deutlich, dass die aufgeführten Vorschläge einen erheblichen Eingriff in das berufliche Schulwesen nach sich ziehen werden. Waren es in den vergangenen 25 Jahren vor allem punktuelle Veränderungen, die die berufsbildenden Schulen immer mehr in eine komplexere und unübersichtlicher werdende Struktur führten, so geht es jetzt darum, klare und überzeugende Profile zu schaffen, die zum einen ein qualitativ hohes Niveau in den berufsbildenden Schulen schaffen und zum anderen transparent gestaltete Bildungswege sicherstellen. Es muss möglich sein, dass Personen bis zu einem Abschluss Bildungsstränge durchlaufen können, die entweder eine Berufsbefähigung gewährleisten oder weiterführende Studien erlauben.

 

Literatur

Blaß, K.; Himmelrath, A. (2016): Berufsschulen auf dem Abstellgleis. Wie wir unser Ausbildungssystem retten können. Edition Körber-Stiftung, Hamburg.

Pahl, J.-P. (2007): Berufsbildende Schule. Bestandsaufnahme und Perspektiven. Bertelsmann Verlag, Bielefeld.

Spöttl, G. (2016): Das Duale System der Berufsausbildung als Leitmodell. Peter Lang, Frankfurt am Main.

Strahm, R. H. (2014): Die Akademisierungsfalle. hep der Bildungsverlag, Bern.

Fussnoten

[1] In zahlreichen Schulen sind etwas weniger als die Hälfte der Schüler/-innen in der Schulform „Berufsschule“ eingeschult.

[2] In diesem Zusammenhang ist auch die zukünftige Einordung des als Pilotprojekt eingeführten Berufsabiturs zu klären.