Genossenschaften sollen Mitgliedern dienen

Von: Prof. Dr. Günther Ringle (Wirtschaftswissenschaftler)

Prof. Dr. Günther Ringle

Wirtschaftswissenschaftler

Professor Dr. Günther Ringle hat das Studium der Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Saarbrücken und Hamburg absolviert. Er promovierte zum Dr.rer.pol. in Hamburg, Habilitation an der Universität Freiburg/Schweiz. Er ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Genossenschaftsbetriebslehre an der Universität Hamburg sowie langjähriger Leiter des Arbeitsbereichs Genossenschaftswesen. Ringle ist Mitherausgeber der Zeitschrift für das gesamte Genossenschaftswesen. Er lebt in Bönningstedt.


A. Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen

Leitideen wie „Soziale Verantwortung der Wirtschaft“ oder „Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen“ sind heute weit verbreitet. Die lokale und regionale Dimension der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility – CSR) ist als Corporate Citizenship (CC) bekannt geworden. Als „gute Unternehmensbürger“ (Corporate Citizens) erbringen zahlreiche Unternehmen über ihre eigentliche Geschäftstätigkeit hinaus freiwillige Leistungen zwecks Mitgestaltung des Gemeinwesens ihres räumlichen Aktionsfeldes. Typische Teilstrategien sind:

  • Unterstützung gemeinwohlorientierter oder sozialer Einrichtungen, kultureller Veranstaltungen, Bildungseinrichtungen und bedürftiger Personengruppen durch Geld-, Sach- oder Dienstleistungen (Corporate Giving),
  • Gründung gemeinnütziger Unternehmensstiftungen (Corporate Foundations) sowie
  • Engagement für soziale Zwecke unter direktem Einbezug von Mitarbeitern des Unternehmens (Corporate Volunteering).

Die Unterstützung gesellschaftsnützlicher Aufgaben auf lokaler und regionaler Ebene, die öffentliche Institutionen nicht mehr oder nur noch teilweise wahrnehmen können, wird zunehmend zu einem subsidiären Ziel und Handlungsbereich von Privatwirtschaften. Von wirtschaftlich gesunden, wettbewerbsfähigen Unternehmen wird künftig mehr verlangt als bedarfsgerechte Produkte und Dienstleistungen zu marktgerechten Preisen. Die Bürgergesellschaft erwartet, dass diese Unternehmen im Rahmen ihrer Möglichkeiten gesellschaftliche (z. B. soziale, ethische, kulturelle und/oder ökologische) Mitverantwortung für den Zustand und die künftige Entwicklung der Kommune und Region, in der sie tätig sind, übernehmen.

B.  Cooperative Citizenship-Engagement im Genossenschaftssektor

Vorab sei ins Gedächtnis gerufen, dass Genossenschaften ihren Mitgliedern dienen sollen. Als Miteigentümer, Kapitalgeber und zugleich Geschäftspartner des Kooperationsunternehmens haben sie Anspruch darauf, durch direkte und indirekte Vorteile wirtschaftlicher, kultureller und/oder sozialer Art unterstützt zu werden. Darauf richtet sich das gemeinsame Interesse. Die Erwartung aktueller und künftiger Förderung ist der Motor, die Menschen zum Beitritt zur Genossenschaft, zur Zusammenarbeit mit dem gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb und zum Verbleib im Mitgliederkreis bewegt. Eine gesicherte Rechtfertigung findet die Fokussierung genossenschaftlicher Arbeit auf die Mitgliederbelange durch den in § 1 des Genossenschaftsgesetzes (GenG) vorgeschriebenen Zweck einer Genossenschaft.

Wie steht es vor diesem Hintergrund mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Genossenschaften, die ein spezielles Segment ihrer komplexen sozialen Verantwortung gegenüber organisationsinternen Anspruchsgruppen und nach außen bildet? Im „Internationalen Jahr der Genossenschaften 2012“ wurde verstärkt auf die wirtschaftliche Relevanz, die soziale und gesellschaftliche Bedeutung von Genossenschaften, mithin deren Andersartigkeit gegenüber shareholder-basiertem Wirtschaften aufmerksam gemacht. Damit bekannte sich der Genossenschaftssektor zu gemeinnützigem Handeln. Maßnahmen, die zur gesellschaftlichen Wohlfahrt beitragen, sind in mehreren Genossenschaftssparten anzutreffen. Je nach den unterstützten Projekten und Einrichtungen kann ein Engagement zur Stärkung des Gemeinwohls in einem begrenzten geografischen Gebiet (z. B. in einer Stadt oder einer Region) unterschiedlich vielen Bürgern der Zivilgesellschaft, darunter auch Mitgliedern der fördernden Genossenschaft, zugute kommen, was jedoch nicht der Erfüllung des originären genossenschaftlichen Förderauftrags zuzurechnen ist. Denn eventuell aus einem gemeinnützigen Beitrag für Mitglieder erwachsende Vorteile lassen sich weder mit der im GenG verlangten „Förderung über Leistungsbeziehungen“ zwischen Genossenschaft und Mitglied in Zusammenhang bringen noch den Mitgliedern als Individualnutzen zuordnen.

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Erwerbswirtschaftlich orientierte Konzerne und Großunternehmen kommen mit Nutzenstiftung für die Gesellschaft leicht in den Verdacht eines publikumswirksam kommunizierbaren Versuchs einer Abschwächung des in die Kritik geratenen Strebens nach Shareholder Value. Demgegenüber verfolgen Genossenschaften als oberste Leitmaxime, „Mitgliederwert“ (Member Value) zu schaffen, was nahelegt, den allgemeinen Ausdruck „Corporate Citizenship“ zu „Cooperative Citizenship“ abgewandelt in den genossenschaftlichen Sprachgebrauch zu überführen. Da wirtschaftliche Stärke nicht nur Voraussetzung für gesellschaftliches Engagement ist, sondern gewissermaßen auch dazu verpflichtet, erwartet die umgebende Zivilgesellschaft insbesondere von im Markt erfolgreichen Genossenschaften mit entsprechend hoher Förderkapazität einen Beitrag zur Beseitigung bürgerschaftlicher Problemlagen. Aufgrund ihrer Verankerung im lokalen oder regionalen Aktionsraum, aus dem ihre Mitglieder und sonstigen Kunden stammen, ist Genossenschaften in besonderer Weise menschliche Nähe und Verbundenheit mit den Belangen ihres direkten Umfeldes eigen. Als Ausdruck „gelebter“ Solidarität mit dem jeweiligen Gemeinwesen entsteht daraus Bereitschaft, gesellschaftliche Verantwortung mitzutragen.

Cooperative Citizenship ist im Grunde nichts Neues. Seit ihren Ursprüngen befinden sich Genossenschaften inmitten der Zivilgesellschaft. Darin, soziale Verantwortung zu übernehmen, sahen und sehen sie eine wichtige Aufgabe. Die Gründerväter der modernen Genossenschaften entwickelten mit ihren Konzepten zur Unterstützung der Mitglieder zugleich Lösungen der damals drängenden „sozialen Frage“. Kollektive Selbsthilfe war für sie ein Instrument zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Mitglieder und darüber hinaus ein Weg zur Überwindung der um die Mitte des 19. Jahrhunderts herrschenden wirtschaftlichen Nöte und sozialen Missstände. Darauf zurückgreifend könnte das aktuelle Mitwirken an der Nutzenstiftung für die Gesellschaft als Erneuerung eines alten sozialethischen Anliegens der Genossenschaften gedeutet werden. Da der Grundauftrag zur Mitgliederförderung im Zentrum ihres Handelns als Leistungsgemeinschaft steht, kann eine freiwillige Selbstverpflichtung zur Unterstützung sozialer, kultureller oder anderer externer Bestrebungen nur von nachrangiger Bedeutung sein.

Gemeinnütziges Engagement finden wir heute bei zahlreichen Genossenschaften der Primärstufe je nach Geschäftsgebiet mit geografisch unterschiedlicher Wirkungsreichweite vor. Typisch für die bankgenossenschaftliche Sparte sind:

  • Förderung von lokalen und regionalen Projekten in den Bereichen Jugend, Bildung und Umwelt (auch aus Erträgen treuhänderisch verwalteter Stiftungen),
  • finanzielle Zuwendungen an Sportvereine, Organisationen der Wohlfahrtspflege und des Gesundheitswesens,
  • Unterstützung lebendiger Bürgergesellschaft mit dem Schwerpunkt Kunst- und Kulturförderung und
  • Begleitung gemeinnütziger Initiativen für bürgerschaftlich nützliches Engagement (z. B. Integration von Spätaussiedlern und anderen Einwanderern).

Als konkretes Beispiel sei die von der Volksbank Hellweg eG gegründete Bürgerstiftung Hellweg-Region genannt, die bisher zahlreiche Kulturprojekte, Kunstausstellungen, Operninszenierungen sowie die städtische Musikschule förderte. Weitere Förderbereiche sind Wissenschaft und Forschung, Erziehung und Bildung sowie Umwelt und Landschaftsschutz, Jugendpflege und Jugendfürsorge.

Primärgenossenschaftliche Bankinstitute arbeiten lokal- oder regionalorientiert. Auf fusionsbedingte Größenexpansion in den letzten Jahrzehnten zurückgehend erstreckt sich ihr Aktionsfeld vielfach über mehrere Gemeinden. Dennoch sind infolge ihres dichten Geschäftsstellennetzes die Überschaubarkeit und lokale Marktkenntnis gewährleistet. Unter solchen Umständen bestehen für bürgerschaftliche Aktivitäten günstige Erfolgsaussichten.

Beispiele aus der wohnungsgenossenschaftlichen Praxis zeigen auch bei dieser Sparte vielfältige Formen eines Cooperative Citizenship. Die Aktivitäten reichen von

  • Unterstützung der Nachbarschaftshilfe unter den Bewohnern (z. B. Bereitstellung von Räumen für Familienfeiern, Kinder- und Seniorenbetreuung oder Gästewohnungen) über
  • Integrationsprojekte im Wohnquartier bis hin zu
  • Initiativen zur Bewältigung städtebaulicher Aufgaben (Stadtteilentwicklung, Stadtsanierungsarbeit) und
  • Neubauanstrengungen zur Eindämmung der Wohnungsknappheit in den nächsten Jahren.

Diese und weitere Engagements zu Gunsten der Bürgergesellschaft belegen: Als dem jeweiligen Gemeinwesen zugehörige Wirtschaftseinheiten widmen sich Genossenschaften der Aufgabe, neben der Verfolgung ihrer betrieblichen Belange und der mitgliedergerichteten Förderverpflichtung nach Möglichkeit auch das Gemeinwohl durch Leistungen von öffentlichem Interesse zu unterstützen.

C.  Potenzieller Nutzen für Genossenschaften

Cooperative Citizenship wird nicht ohne jeden Wertzuwachs für die fördernde Genossenschaft bleiben. Dazu gibt es bislang nur wenige Aussagen, weshalb hier nur von „potenziellem Nutzen“ gesprochen werden soll. Auf welche Art könnten Genossenschaften von ihrem Einsatz für bürgerschaftliche Belange „profitieren“? Die nachstehend angeführten denkbaren Effekte zeigen, wie gesellschaftsbezogenes Engagement für die Region, in der eine Genossenschaft tätig ist, den für die Bürger/innen unmittelbar erkennbaren Gemeinnutz mit den Interessen des Genossenschaftsunternehmens und seiner Eigentümer verbinden und für alle Beteiligten eine „Win-win“-Situation entstehen kann.

Für die Genossenschaft mögliche Positiveffekte im örtlichen bzw. regionalen Umfeld sind:

  • Erhöhung der Bekanntheit als Unternehmen und Leistungsgemeinschaft,
  • Sicherung des Geschäftsfeldes durch Intensivierung der Beziehungen zur Öffentlichkeit,
  • Zuwachs an positiver Einstellung und Vertrauen der unterstützten Institutionen bzw. Bürger/innen zur Genossenschaft,
  • Heranführung neuer Kunden an das Genossenschaftsunternehmen und
  • Erweiterung des „Mitgliederzuwachspotenzials“ und Akquisition neuer Mitglieder.

Als Effekte im Innenbereich der Genossenschaft denkbar sind:

  • Engere Bindung in den bestehenden Kundenbeziehungen – weitgehende Billigung der CC-Aktivitäten durch die Mitglieder vorausgesetzt,
  • stärkere Identifikation, Entwicklung sozialer Kompetenz und Motivation der Mitarbeiter sowie
  • Verbesserung der Bedingungen für die eigene Unternehmensentwicklung am Standort, insbesondere der Wettbewerbsfähigkeit.

Diese Übersicht über möglichen Nutzen eines Cooperative Citizenship für die Genossenschaft liefert gute Argumente für eventuell notwendig werdende informierende Kommunikation und Überzeugungsarbeit des Genossenschaftsmanagements zur Mitgliederseite hin.

D.  Mitgliedereinstellungen zu Cooperative Citizenship

Unter Genossenschaftsmitgliedern wird die Bereitschaft, der Förderung zivilgesellschaftlicher Belange beizupflichten, unterschiedlich ausgeprägt sein. Deren Befragung zu einer bürgerschaftlichen Selbstverpflichtung dürfte vermutlich selbst innerhalb einer Sparte kein einheitliches Meinungsbild ergeben. Darauf weisen die im Folgenden skizzierten Einstellungsmuster hin.

Befürwortende Haltung: Mitglieder der wirtschaftlich relativ starken Genossenschaften werden eher dazu neigen, die Unterstützung der umgebenden Zivilgesellschaft durch ihre Genossenschaft als selbstverständliches Element der Unternehmenspolitik aufzufassen und diese wie andere Marketingstrategien (z. B. Sponsoring, Event-Marketing oder Public Relations) einem heutzutage üblichen betrieblichen Kommunikations-Mix zurechnen. In ihre Einschätzung beziehen sie ein, dass es ihre Genossenschaft zu Cooperative Citizenship drängt, wenn diese sich durch vergleichbare Aktivitäten ihrer direkten Konkurrenten unter Anpassungszwang gestellt sieht und im Unterlassungsfall mit Wettbewerbsnachteilen zu rechnen ist. Doch sie erwarten auch eine positive Resonanz in der Öffentlichkeit auf geleistete Gemeinwohlbeiträge sowie im weitesten Sinn einen Nutzen für ihre Genossenschaft. Dadurch kommt aus ihrer Sicht die Übernahme bürgerschaftlicher Verantwortung in Einklang mit der genossenschaftlichen Unternehmensziel-Ebene.

Abwägende Haltung: Darauf, dass Corporate Social Responsibility nicht immer und überall auf ungeteilte Zustimmung trifft, deuteten schon vor einigen Jahren einschlägige Headlines in der Wirtschaftspresse hin: „CSR sucht das rechte Maß“, „Ein Unternehmen ist kein Sozialamt“ oder „Wenn Verantwortung zum Werbegag verkommt“ In weniger gut im Markt positionierten Genossenschaften wird sich vermutlich eine Mitgliederteilgruppe gegenüber einem freiwilligen Engagement für das Wohl der umgebenden Gesellschaft zwar nicht dezidiert ablehnend verhalten, jedoch eine Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung in Abhängigkeit von der Fähigkeit der Genossenschaft, ihrem eigentlichen Auftrag zufriedenstellend nachzukommen, beurteilen. Der Standpunkt ist klar: Bürgerschaftliche Beteiligung einer Genossenschaft darf keine Vernachlässigung des unternehmensform-typischen Zwecks, „den Erwerb oder die Wirtschaft ihrer Mitglieder … zu fördern“ (§ 1 GenG), nach sich ziehen. Da die Mitglieder mit ihren Interessen im Mittelpunkt des Unternehmens stehen, hat die Aufgabe, dieser internen Anspruchsgruppe größtmöglichen Nutzen zu verschaffen, absoluten Vorrang vor allen anderen Zielen und Bestrebungen.

Zur abwägenden Haltung trägt bei, dass Cooperative Citizenship mitunter einen nachhaltigen Einsatz erheblicher finanzieller und personaler Ressourcen verlangt, die dann nicht zur Stärkung des genossenschaftsbetrieblichen Leistungspotenzials und zur Mitgliederförderung verfügbar sind. Verständlicherweise wird daher bürgerschaftliches Engagement in dem Maße plausibel erscheinen und Mitglieder auf Zustimmungskurs bringen, wenn gewisse „Anreize“ zugunsten der Genossenschafts- und Mitgliederbelange zu gewärtigen sind. Für eine breite Akzeptanz von Cooperative Citizenship-Aktionen im Mitgliederkreis wird es auf eine in Relation zur Finanzkraft der Genossenschaft vertretbare Größenordnung, die Erwartung eines Gelingens geförderter Projekte und positiver Zielerfüllungseffekte für die Genossenschaft, insofern auf Verträglichkeit mit dem Zielsystem des Genossenschaftsunternehmens ankommen. Diese Aspekte ausklammern zu wollen würde der Realität nicht gerecht.

E.  Folgerungen

Welche Schlüsse lassen die bisherigen Überlegungen zu? Zumindest bei der Kerngruppe aktiver und informierter Mitglieder (z. B. Aufsichtsräte, Beiräte), von denen die Unternehmenspolitik ihrer Genossenschaft aufmerksam verfolgt wird, dürfte bei geplanten extern gerichteten Förderaktivitäten Erklärungsbedarf hinsichtlich Erwünschtheit in der Öffentlichkeit oder Dringlichkeit, angemessener Größenordnung und des angestrebten Ergebnisses sowie eines Transfereffektes (z. B. Imageverbesserung) bestehen. Auf der Prioritätenliste von Genossenschaften haben zwar Probleme, Wünsche und Bedürfnisse der Mitglieder eine Sonderstellung, denn Genossenschaften sind privatwirtschaftliche Unternehmen ihrer Mitglieder, doch können und wollen sie sich in Zeiten zunehmender Überforderung öffentlicher Versorgungssysteme und des Rückzugs des Staates aus diversen Handlungsfeldern vom Geschehen ringsum in der Gesellschaft nicht abschotten. Weitgehende Zustimmung der Mitglieder dürfte solchen Projekten sicher sein, deren Unterstützungswürdigkeit in der umgebenden Gesellschaft außer Frage steht. Davon sind positive Rückwirkungen zu erwarten. Allerdings wäre es ein Missverständnis, würde aus gemeinnützigem Handeln gefolgert, Genossenschaften seien dem gemeinwirtschaftlichen Sektor zuzurechnen oder gleichzustellen.

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Investitionen der Genossenschaft in Cooperative Citizenship-Maßnahmen bewirken zwangsläufig eine Minderung der mitgliederbezogenen Förderkraft und es lässt sich nicht bestreiten, dass Prognosen deren Wirksamkeit mit Unsicherheit behaftet sind. Zudem wird nicht selten darauf hingewiesen, dass sich eine Genossenschaft mit ihrem Engagement auf die Ebene der Gemeinwirtschaftlichkeit und damit auf fremdes Terrain begibt, was ihrem Wesen als Vorteilsgemeinschaft der Mitglieder nicht entspricht. Dergleichen Bedenken kann das Management abschwächen, indem es bürgerschaftliches Engagement zu einem modernen Instrument der Marktentwicklung erklärt, das bei vorhandenem Ressourcenpotenzial eingesetzt werden sollte, weil es aller Voraussicht nach – wie Abschnitt C aufzeigt – die Erreichung wichtiger Unternehmensziele unterstützt. Schließlich gehört zu einer zeitgemäßen Unternehmensphilosophie, an der Gestaltung des gesellschaftlichen Umfeldes aktiv mitzuwirken, und Genossenschaften können sich dem, was ihre Konkurrenten auf diesem Gebiet vergleichbar leisten, nicht mit dem Rückzug auf ihre Mitgliederzentrierung verweigern.

Mitunter wird in der Übernahme zivilgesellschaftlicher Verantwortung für das Wohl der umgebenden Allgemeinheit eine Ergänzung des Grundauftrags einer Genossenschaft durch einen „öffentlichen Auftrag“ gesehen. Diese Sicht ist völlig unberechtigt, denn Cooperative Citizenship folgt nicht einer naturgemäßen Pflicht, sondern entstammt freiwilliger Selbstverpflichtung. Eine zur Formel „Mitgliedernutz plus Gemeinnutz“ erweiterte Strategie muss nicht auf Altruismus beruhen und sollte auch nicht – ähnlich dem Sponsoring, zu dem eine enge Verwandtschaft besteht – den gegenteiligen Gedanken an ein „Geschäft auf Gegenseitigkeit“ aufkommen lassen. Einerseits werden durch CC-Beiträge regionale Wirtschaftsräume belebt, die Lebensbedingungen verbessert und die Daseinsfürsorge erhöht; andererseits dürfen Genossenschaftsunternehmen, die ihren Mitglieder und im Prinzip nur diesen zu dienen haben, ganz selbstverständlich hoffen, dass ihr Ressourceneinsatz zu Gunsten der Zivilgesellschaft ihren eigenen Interessen nutzt. Wenngleich nicht annähernd genau messbar, können von einer Unterstützung etwa sozialer und kultureller Einrichtungen in der Region auch Mitglieder profitieren. In strategischer Perspektive wird durchaus eine indirekte Mittel-Zweck-Beziehung zur Erfüllung des arttypischen privatwirtschaftlichen Förderauftrags zu erwarten sein.

F.  Zur „Genossenschaftseignung“ bürgerschaftlichen Engagements

Im Meinungsbild zu Cooperative Citizenship zeigen sich Parallelen zu früheren Einschätzungen der Leistungsbeziehungen zu Nichtmitglieder-Kunden. Dieses „Fremdgeschäft“ war in der Vergangenheit den Kredit- und Konsumgenossenschaften zeitweise gesetzlich verboten. Das Nichtmitgliedergeschäft galt und gilt auch heute noch im Empfinden vieler Mitglieder, vor allem aber nach herrschender Genossenschaftslehre nur dann als vertretbar, wenn es in begrenztem Umfang durchgeführt wird (ergänzender Nebenzweck), in einer Komplementärbeziehung zur Mitgliederförderung steht (Förderzweckbindung) und der Werbung neuer Mitglieder dient. Die darin durchscheinenden Bedenken wurden von den Genossenschaftsleitern, vor allem, was den zulässigen Umfang der Geschäftsbeziehungen zu Nur-Kunden betrifft, nicht in allen Sparten des Genossenschaftssektors geteilt. Vor allem im kreditgenossenschaftlichen Zweig geriet die Mitgliedschaft als der ideelle Kern des Genossenschaftlichen für längere Zeit in den Hintergrund.

Ein solcher Verfremdungseffekt geht von Cooperative Citizenship sicherlich nicht aus. Aber es stellt sich die Frage nach der Entscheidungskompetenz für gesellschaftliche Initiativen der Genossenschaften. Die in § 27 Abs. 1 GenG dem Vorstand einer Genossenschaft eingeräumte eigenverantwortliche Leitung schließt die Befugnis ein, auf dem Handlungsfeld „Gemeinwohlförderung“ aktiv zu werden, die Empfänger von Förderleistungen auszuwählen, Art und Umfang der Unterstützung festzulegen und die konkreten Maßnahmen zu gestalten. In den durch § 34 GenG gesetzten Grenzen ist das Management darin frei, unter verfügbaren Optionen zu wählen. Das kann nur heißen: Die Führungsebene hat mit „der Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Geschäftsleiters einer Genossenschaft“ zu prüfen, ob ein beabsichtigtes bürgerschaftliches Engagement zur Genossenschaft passt und es sich um ein stimmiges Element ihrer Unternehmensstrategie handelt.

Freilich garantiert die Gesetzeslage nicht das Mittragen einer vom Management intendierten Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch die Mitglieder, wie die Hinweise auf unterschiedliche Einstellungen zu Cooperative Citizenship in Abschnitt D gezeigt haben. Was aber sollte die Führung einer Genossenschaft daran hindern, die Mitglieder einzubinden und sich von ihnen einen zivilgesellschaftlichen Auftrag erteilen zu lassen? Dies erschiene opportun, um gegen Widerspruch aus den Reihen der Trägerschaft gewappnet zu sein, etwa gegen den Einwand, der öffentlichen Anerkennung und Werbewirkung einer Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung stünde „vorenthaltene Mitgliederförderung“ gegenüber.

Letztlich sollte als Leitlinie gelten: Wenn es heute zum „guten Ton“ der Unternehmensphilosophie gehört, Verantwortung für das gesellschaftliche Umfeld zu übernehmen, kann von einem erfolgreichen, im Markt gut positionierten Genossenschaftsunternehmen erwartet werden, zur Bewältigung kommunal- oder regionalpolitischer Engpassprobleme beizutragen.