Wozu eine wirtschaftliche Dynamik, die Ressourcen verschleißt und gesellschaftliche Risse erzeugt?

Von: Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach (Sozialethiker)

Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach

Sozialethiker

Pof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ (* 15. Juli 1937 in Dortmund) ist ein deutscher Jesuit und zählt zu den bekanntesten Sozialethikern in Deutschland. Nach dem Abitur trat er 1957 als Zwanzigjähriger in den Jesuitenorden ein und studierte 1959 bis 1962 Philosophie in München, später Theologie und Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt am Main bzw. Bochum. Er promovierte zur Frage der Assoziierung afrikanischer Staaten an die Europäischen Gemeinschaften und habilitierte 1982 über Arbeitsethik. 1967 wurde er zum Priester ...
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Wirtschaftliche Dynamik

  • Sie wird gemessen an der Veränderungsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP), der wirtschaftlichen Leistung einer Volkswirtschaft innerhalb eines Zeitraums. „Bruttowertschöpfung“ ist der Wert der im Inland hergestellten Güter (monetär, real) abzüglich der Vorleistungen.
  • Prozessverlauf in der Konzeption der Schulökonomie: Der Mensch ist von Natur aus ein Mängelwesen, das eine unbegrenzte Menge materieller, vitaler, mentaler und kultureller Bedürfnisse zu befriedigen sucht. Das Mittel dazu ist in einer funktionsfähigen Geldwirtschaft die erworbene Kaufkraft. Öffentliche und private Unternehmen reagieren auf die kaufkräftige Nachfrage mit einem marktförmigen Güterangebot.
  • Prozessverlauf in einer kapitalistischen Marktwirtschaft, die als Funktionssystem gesellschaftlicher Machtverhältnisse real existiert: Eine Minderheit verfügt über die Produktionsmittel, während eine Mehrheit der Bevölkerung ihren Lebensunterhalt bestreitet, indem sie ihr Arbeitsvermögen an die Eigentümer der Produktionsmittel verkauft und sich deren Willen unterwirft. Das Bankensystem hat die Macht der Geldschöpfung, vergibt Kredite an Unternehmen, die damit Arbeiter entlohnen, Zulieferer auszahlen und Produktionsprozesse organisieren, deren Ergebnisse sie mit Hilfe offensiver Werbung vermarkten.
  • Das ausschließliche Interesse des kapitalistischen Unternehmens: die Vermehrung des Geldvermögens. Nachdem Arbeiter entlohnt, Zulieferer bezahlt, Forderungen der Banken bedient und Re-Investitionen gesichert sind, kann ein Restgewinn für Nettoinvestitionen verwendet und ein Vermögenszuwachs in der folgenden Periode erwartet werden. Die wirtschaftliche Dynamik resultiert aus dem Zusammenspiel von Geldschöpfungsmacht des Bankensystems und der Vermehrung des Geld- und Realvermögens der Kapitaleigner. Während die Realwirtschaft weiterhin an physischen Faktoren verankert ist, hat sich die Finanzsphäre weithin davon gelöst und basiert auf subjektiv geteilten Erwartungen einer entfernten Zukunft.
  • Der Staat beteiligt sich an dieser Dynamik als „Komplize“ durch Subventionen, Wettbewerbsvorteile der Industrie gegenüber dem Ausland sowie das Einhegen von Gewerkschaften und zivilen Bewegungen.

Ressourcenverschleiß

  • Das Arbeitsvermögen wird nicht angemessen an dem Produktivitätsfortschritt beteiligt, an Stelle einer kollektiven Verkürzung der Arbeitszeit (Einstieg in die 35-Stundenwoche) ist diese individuell im Interesse der Betriebe flexibilisiert. Technikbedingte Arbeitslosigkeit wird hingenommen, auch als Druckmittel angedroht. Unsichere Arbeit sei besser als sichere Arbeitslosigkeit. Was Arbeit schafft, wird als sozial propagiert, ohne Rücksicht auf deren Qualität. Seit Mitte der 1990er Jahre wurde die wöchentliche Arbeitszeit verlängert. Das Zeitregime (Nacht-, Schicht-, Sonntagsarbeit) ist rigider geworden. Neben das Normalarbeitsverhältnis ist atypische Beschäftigung getreten. Pendlermobilität ist mit verlängerten Fahrtzeiten und nervlicher Belastung verbunden. Personalabbau und Arbeitsverdichtung vermehren die Fälle psychosomatischer Krankheiten. Erwerbsarbeit wird entgrenzt, die Privatsphäre durchlöchert. Angeblicher Facharbeitermangel und betriebliches Werben um Auszubildende existiert gleichzeitig mit der Perspektivlosigkeit einer nachwachsenden Generation. Ihr droht weiterhin ein Paralleluniversum von Warteschleifen, Praktika, Probearbeit, befristeter und prekärer Arbeit, niedrigem Lohn, der aufgestockt werden muss.
  • Das Naturvermögen wird durch rücksichtslose Eingriffe in die „Sparbüchse der Erde“ (W. Sombart) quasi zum Nulltarif ausgebeutet. Der „homo faber“ beansprucht das Herr-Sein über den blauen Planeten, über alle nichtmenschliche Lebewesen und die unbelebte Natur, anstatt sich als Hüter des gemeinsamen Hauses zu begreifen. Inzwischen wird das Ausmaß der durch Menschen verursachten Umweltzerstörung, lokaler und globaler Veränderungen national und international erkannt – vom Smog in den Städten, der Verschmutzung von Luft, Flüssen, Binnenseen. Meeresstränden, der Bodenerosion, Trinkwasserknappheit, der verlorenen Artenvielfalt, dem Eindringen von Monokulturen in den tropischen Regenwald und das Amazonasbecken, den extremen Wetterverhältnissen bis zum Klimawandel und der Erderwärmung durch den weiterhin übermäßigen CO2-Ausstoß.

Foto: Gerhard Endres

Gesellschaftliche Risse

  • Der Armutsbericht 2018 des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes stellt eine aktuelle Rekordarmutsquote von 16,8 Prozent der Bevölkerung fest, das sind 13,7 Millionen Menschen. Die Armutsberichte der Bundes­regierung zeigten, dass nach 2005 die Armutsrisikoquote nur moderat anstieg. aber trotz Rekord­beschäfti­gung nicht sank. Aktuell auffällig ist, dass neben den Menschen am Rand der Gesellschaft, den Arbeits­losen, Alleinerziehenden, Familien mit mehreren Kindern und Migranten auch Erwerbstätige und Rentner zu den Armen zählen. Armut macht krank, mindert Bildungschancen und gesellschaftlichen Aufstieg. Die Demontage solidarischer Sicherung ließ sich durch politische Appelle, privat vorzusorgen, nicht ersetzen.
  • „Deutschland geht es gut“. Diese Aussage bezieht sich auf die gesellschaftliche Mitte sowie auf die höher- verdienende Bevölkerung, die der Staat steuerlich begünstigt, aber untätig bleibt, um Erben, Vermögende und Spitzenverdiener an der Finanzierung öffentlicher Aufgaben zu beteiligen. Nur wenigen mächtigen Gewerkschaften gelang eine faire Verteilung der kollektiv erwirtschafteten Wertschöpfung.
  • Angebote der Produzenten zielen wegen der offenen Schere der Einkommens- und Vermögens­verteilung auf wohlhabende Haushalte und deren Neigung zum Statuskonsum und zur Distinktion: Sie füllen die Märkte mit PS-starken Autos, Erlebnisgütern, Anschlussgütern, verkürzten Modezyklen und Gütern mit eingebautem Verschleiß. So inszenieren sie eine Spirale konsumtiven Vorlaufens und Nachrennens.
  • Dem privaten Vermögensreichtum steht ein maroder Zustand der öffentlichen Infrastruktur gegenüber. Zügige Mobilität auf den Straßen und auf der Schiene ist derzeit eine Wunschvorstellung. Städtischer Wohnraum für arme Haushalte oder Familien mit Kindern ist unbezahlbar. Arme Erwachsene und Kinder bleiben von den kulturellen Angeboten in öffentlichen Räumen nahezu ausgeschlossen.
  • Regionale Ungleichgewichte zwischen Ost- und Westdeutschland bestehen weiterhin, das Gefälle zwischen den städtischen Ballungszentren im Westen und den entleerten Räumen im Osten verfestigt sich.
  • Für gleiche Arbeit am gleichen Ort gilt gleicher Lohn, aber wohl nicht für Männer und Frauen. Bezahlte Erwerbsarbeit und unbezahlte Arbeit in der Privatsphäre sind unter ihnen extrem ungleich verteilt.
  • Mit permanenten Exportüberschüssen der deutschen Industriewirtschaft entstehen in den übrigen Ländern Außenhandelsdefizite, Deutschland bildet Vermögen, monetäre Forderungen gegenüber dem Ausland, die kaum in voller Höhe eingelöst werden. Arbeiter in Deutschland schuften zum Teil umsonst.
  • Die politische Industriepräferenz verhindert einen gleichwertigen Respekt vor dem Sektor personennaher Dienste, der Care-Arbeit. Die Ausbildung für die Berufe der medizinischen und geriatrischen Pflege sowie der sozialen Begleitung ist nicht gleichwertig. Das Entgelt, das für die Arbeit des Heilens, Helfens, Begleitens, Ermutigens und Aufrichtens bereitgestellt wird, erreicht nicht den Grad der Entlohnung im industriellen Sektor. Dabei wächst die Nachfrage nach der Arbeit an und mit den Menschen überdurch­schnittlich, um Krankheiten zu heilen, Jugendliche zu ermutigen, Pflegebedürftige zu begleiten, kulturelle Talente zu fördern. Diese Dienste zeichnen sich durch charakteristische Merkmale aus, die sich von denen der Industrie unterscheiden. Sie sind nicht speicherfähig, setzen voraus, dass diejenigen, die sie nachfragen, mit denen, die sie anbieten, kooperieren, sind langfristig angelegt und häufig auf Dauer gestellt. Deshalb scheitern die Versuche, jene in der Industrie bewährten Kennziffern steigender Produktivität, erhöhter Effizienz oder sinkender Kosten auf die personennahen Dienste zu übertragen. Die Wertsteigerung personennaher Dienste wird überwiegend durch die Kompetenz der Anbietenden und die Resonanz der Nachfragenden erzielt. Die Meinung, nur der Industriesektor sei produktiv, ist widersinnig.

Gelingendes Leben

  • Das BIP ist ein untaugliches Maß, menschlich und gesellschaftlich gelingendes Leben zu ermitteln. Was keinen Preis hat, oder wie sich die Verteilung oder die Güterqualität verändert, kommt darin nicht vor. Gesundheits- und Umweltschäden werden nicht herausgerechnet.  Aber es gibt bereits alternative Konzepte.
  • Die Beteiligung an der Erwerbsarbeit ist wohl ein herausragender, aber nicht der einzige Weg sozioökonomischer Integration. Arbeit in der Privatsphäre und ziviles Engagement behalten ihren Eigenwert.
  • Gelingendes Leben setzt voraus, persönliche und gemeinsame Zeitsouveränität zurück zu gewinnen.
  • Um die gesellschaftliche Rolle des Sektors personennaher Dienste angemessen zu respektieren, sollten kommerzielle Geschäftsmodelle zugunsten des öffentlichen Mandats zurückgedrängt und allgemein­verbindliche Tarifverträge mit Gewerkschaften vereinbart werden unter Einschluss von Diakonie und Caritas.