Christen sind politisch oder gar nicht

Von: Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach (Sozialethiker)

Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach

Sozialethiker

Pof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ (* 15. Juli 1937 in Dortmund) ist ein deutscher Jesuit und zählt zu den bekanntesten Sozialethikern in Deutschland. Nach dem Abitur trat er 1957 als Zwanzigjähriger in den Jesuitenorden ein und studierte 1959 bis 1962 Philosophie in München, später Theologie und Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt am Main bzw. Bochum. Er promovierte zur Frage der Assoziierung afrikanischer Staaten an die Europäischen Gemeinschaften und habilitierte 1982 über Arbeitsethik. 1967 wurde er zum Priester ...
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„Sie haben eine politische Predigt gehalten.“ Meine Antwort: „Na, und“? „Aber das darf nur der Bischof“.

Im Frühjahr 1981 – die OPEC hatte zum zweiten Mal die Rohölpreise drastisch erhöht, die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland war auf die Zwei-Millionenmarke angestiegen, Papst Johannes Paul II. hatte sein denkwürdiges Rundschreiben über die menschliche Arbeit veröffentlicht – wurde ich von der KAB zu einer Fastenpredigt in die Hauptkirche der oberbayrischen Stadt Weilheim eingeladen. Kaum hatte ich im ersten Satz meiner Predigt auf die Massenarbeitslosigkeit hingewiesen, erhob sich der Oberbürgermeister in der ersten Bank und strebte durch den Mittelgang dem Ausgang zu. Als ein wenig später seine Frau bemerkte, dass der Platz neben ihr leer war, sprang sie auf, um ihrem Mann zu folgen, stockte auf halbem Weg, drehte um und lief zurück, um ihre Handtasche zu holen, die sie in der Bank hatte liegen lassen. Dann eilte sie zielstrebig dem Ausgang zu.

Nach dem Gottesdienst stürmte ein junger Kaplan auf mich zu und warf mir vor, ich hätte die soziale Marktwirtschaft und das Unternehmertum abgewertet. Ich wäre dafür eingetreten, dass die menschliche Arbeit nicht wie eine Ware behandelt werden dürfe, dass ihr Wert vielmehr von der Würde der arbeitenden Person abzuleiten sei, und dass die Belegschaften eines Unternehmens an den wirtschaftlichen Entscheidungen über Produktikon und Verteilung der kollektiv hergestellten Güter beteiligt sein sollten. „Sie haben eine politische Predigt gehalten.“ Meine Antwort: „Na, und“? „Aber das darf nur der Bischof“. „Wenn sie das nur öfter tun würden“, habe ich ihm entgegnet.

Wer nach dem Kern des Glaubens fragt, findet in der frohen Botschaft der Gottesherrschaft, die Jesus verkündet hat, eine eindeutige Antwort: Glauben ist in erster Linie Handeln, Praxis. Und zwar nicht die nach innen gerichtete mystische Vertiefung oder das dramatische Spiel der Liturgie, sondern das Tun und Lassen in der alltäglichen Lebenswelt, indem ich auf die Herausforderung, die der Nächste für mich bedeutet, einfühlsam und gerecht reagiere. Wegen seiner Treue zu dieser öffentlich-politischen und zugleich persönlichen Option ist Jesus von den religiösen und politischen Eliten in Jerusalem hingerichtet worden.

Papst Franziskus hat die öko-soziale Frage des 21. Jahrhundert in das Zentrum seines ersten Rundschreibens „Laudato si´“ gestellt, das er an alle Menschen guten Willens richtet. Die weltweit überwiegend positive Resonanz auf das Dokument belegt, wie sehr sein rundum politisches und religiöses Anliegen verstanden worden ist. In der Tat hat er das Dokument zeitlich in den umweltpolitischen Kontext des G7-Gipfeltreffens im Juni 2015 in Elmau, der Verabschiedung der Ziele nachhaltiger Entwicklung im September in New York und der UN-Klimakonferenz im Dezember in Paris geschrieben. Ein religiös-politisch inspirierter Papst bittet darum, dass sich Christen und viele Menschen von dieser Botschaft berühren lassen. Deren Profil will ich in sieben Positionen nachzeichnen.

1. Die persönliche Handschrift

Überraschend ist die klare, eindringliche und kantige Sprache, die manche Adressaten nervt. Aber ebenso erstaunlich ist das einfühlsame und hoffnungsvolle Werben um eine Kooperation der politisch Verantwortlichen und die persönliche Konversion der Einzelnen, um die unheilvolle Katastrophe, auf welche die Menschheit zusteuert, abzuwenden. Dieses Rundschreiben hat Franziskus weithin selbst geschrieben. Sensationell ist, dass es mit einem Lied beginnt und mit einem Gebet des Papstes endet, in das er die ganze Schöpfung einbezieht. Das Dokument klingt absolut nicht wie ein Kompromisspapier, das vatikanische Bürokraten und Kirchenbeamte im Ringen um en ausgewogenes „Sowohl-Als auch“ zusammengebastelt haben.

2. Der Schrei der Erde und der Armen

Die Diagnose des Papstes, wie der blaue Planet, das gemeinsames Haus der Menschheit zerfällt, wirkt erschütternd: Luftverschmutzung, schlechtere Boden- und Wasserqualität, kostbare Ressourcen, die verschwendet werden, eine Wegwerfgesellschaft, welche die Erde zu einer Mülldeponie verunstaltet, Verlust der biologischen Vielfalt, Monokulturen ausschließlich zum Nutzen der Reichen, die in den tropischen Regenwald und das Amazonasbecken vordringen, Megastädte ohne Grün, die im Smog, Lärm und Autoverkehr ersticken, sowie die dramatische Veränderung des Weltklimas.

wahlkampfhartDer Papst erblickt eine enge Verbindung zwischen der Verletzung der natürlichen Umwelt und dem Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Der Schrei der Erde, der „Pacha Mama“ ist zugleich der Schrei der Armen und Unterdrückten. Die soziale Katastrophe wachsender Ungleichheit und gesellschaftlicher Polarisierung und die ökologische Katastrophe sind zwei Seiten extremer Verantwortungslosigkeit der gegenwärtigen Generation. Umgekehrt ist die Sorge für den Umweltschutz untrennbar mit dem Interesse am Mitmenschen, insbesondere an den Armen und Schwachen dieser Erde verbunden.

Katholische Kreise in den USA haben wiederholt gefordert, dass der Kampf gegen die globale Armut den Vorzug gegenüber dem Klimaschutz verdiene. Zuerst sollten alle Energien darauf konzentriert werden, dass Investitionen in die medizinische Versorgung, in Bildung und den Zugang zu sauberem Wasser fließen. Dann könnten nachfolgende Generationen, die über bisher nicht bekannte technische Möglichkeiten und mehr finanzielle Mittel verfügten, sich der Klimapolitik widmen, die ein Luxusprojekt wohlhabender Länder sei. Doch in dem Rundschreiben werden Bischöfe aus Afrika, Asien und Lateinamerika zitiert, die bestätigen, dass die Klimaveränderungen die mühsam erzielten Fortschritte der Armutsbekämpfung wieder zunichtemachen. Deshalb hält der Papst unbeirrt an der Diagnose fest, dass der Klimawandel und die globale Armut gleichzeitig das gemeinsame Haus des Lebens auf der Erde zerstören.

3. Ungleich verteilte Ursachen und Folgen

Die wechselseitigen Schuldzuweisungen der Industrieländer und der weniger entwickelten Länder auf den globalen Klimakonferenzen wirken ermüdend. Der weltwirtschaftliche Norden macht das ungebremste Bevölkerungswachstum, eine extensive Landwirtschaft, das Verbrennen von Holz und die Abholzung der Wälder für die Umweltkrise verantwortlich. Der Papst tritt als Anwalt der Armen auf und macht darauf aufmerksam, dass die Armen als erste und am härtesten unter den Folgen des Klimawandels leiden, sich jedoch nur unzureichend gegen Überschwemmungen, Dürreperioden und Wasserknappheit schützen können.

Wo sauberes Trinkwasser fehlt, fruchtbare Böden knapp werden und die Gesundheit von Kindern bedroht ist, befürchtet der Papst militärische Konflikte und Flüchtlingsbewegungen. Gleichzeitig weist er darauf hin, wie eine Minderheit von 20 Prozent der Weltbevölkerung, die über die technischen Mittel und die wirtschaftliche Macht verfügt, willkürlich und unbefugt das Recht des Stärkeren beansprucht, einen Lebens- und Konsumstil aufrecht zu erhalten, welcher derart verschwenderisch mit den Ressourcen der Erde umgeht, dass deren Belastbarkeit längst überschritten ist.

4. Radikaler Protest

Der Papst bestreitet, dass die globalisierte kapitalistische Wirtschaft unter der Hegemonie der Finanzmärkte moralisch gerechtfertigt sei. Seine Argumente spüren die tiefer liegenden Ursachen der doppelten Katastrophe von Umweltzerstörung und sozialer Ungleichheit auf. Mit dem sehr plakativen und vagen Begriff des „technokratischen Paradigmas“ benennt er die irrige Verheißung der wirtschaftlichen Machteliten in den Agro-, Industrie- und Finanzkonzernen im Verbund mit den Regierenden, dass allein der technische Fortschritt und ein stetiges Wirtschaftswachstum in der Lage wären, sowohl das Umweltproblem als auch das Problem des Hungers und der Unterdrückung zu beseitigen.

Dieser Traum ist dabei zu platzen. Ebenso ergeht es jenem verzerrten Selbstbild des modernen Menschen, der sich in einer grenzenlosen Machtfülle als Herrscher des Universums aufspielt und alle nichtmenschlichen Lebewesen sowie die leblose Natur ausschließlich dazu benutzt, um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, dabei jedoch deren Eigenwert völlig außer Acht lässt.

5. Globale Gemeinschaftsgüter

demobndeswehrDem Papst ist es gelungen, im Hinblick auf die natürliche Umwelt und das Klima die römische Sozialverkündigung innovativ zu erweitern. Diese hatte sich bereits seit dem 2. Vatikanischen Konzil aus der Geiselhaft der liberalen Eigentumslehre befreien können und dem privaten Eigentumsrecht den Grundsatz vorgeordnet, dass die Güter der Erde für alle bestimmt sind, und dass jeder Mensch berechtigt ist, auf dieser Erde das zu finden, was er zum Leben braucht. Das Recht auf Privateigentum ist kein absolutes Recht. Insbesondere das Eigentum an Produktionsmitteln, das nur mit Hilfe fremder Arbeit rentabel verwertet werden kann, unterliegt dem Zweck, der Arbeit zu dienen. Deshalb soll es dafür zugänglich sein, dass die Arbeitenden an der Entscheidungsmacht über die Produktion und Verteilung der Güter beteiligt werden.

Papst Franziskus wendet diesen Grundsatz auf das Klima, die Atmosphäre, die Ozeane, die Wälder sowie die in der Erde ruhenden fossilen Energien: Kohle, Gas und Erdöl an. Er erklärt sie zu Gemeinschaftsgütern, deren Nutzung durch ein globales Regelwerk geordnet und geschützt werden müsse. Dies wird darauf hinauslaufen, dass ein Großteil der in der Erde und in den Ozeanen noch vorhandenen Ressourcen um des Klimaschutzes willen voraussichtlich ungenutzt bleibt und infolgedessen monetär an Wert verliert. Die Rechte der bisherigen Eigentümer werden weltweit öko-sozialpflichtig. In der Frage, ob dies durch eine Klimasteuer oder ein quasi-marktförmiges Zertifikate-Regime zu erfolgen hat, gibt das Rundschreiben der Klimasteuer den Vorzug.

6. Handlungsoptionen

Wenngleich die Diagnose ernsthaft klingt und eindringlich vorgetragen ist, entdeckt der päpstliche Anwalt des geschändeten Planeten und der gesellschaftlich Benachteiligten weltweit zahlreiche Zeichen der Hoffnung, dass der bedrohliche Trend einer klimatischen und sozialen Katastrophe aufgehalten und gewendet werden kann. Er ermutigt zu einem aufmerksamen Blick auf das Gute und Schöne, das sich an der Wegscheide der Menschheit abzeichnet, nämlich die verbindlichen politischen Absprachen auf internationaler Ebene, die zivilgesellschaftlichen Umweltinitiativen im regionalen und kommunalen Raum, das Aufkeimen einer ökologischen Spiritualität und das erzieherische Engagement, Kinder und Jugendliche den Eigenwert aller Lebewesen zu lehren.

Einige konkrete Handlungsvorschläge werden vermutlich von Ökonomen und Umweltbewegten unterschiedlich beurteilt, etwa eine wirtschaftliche Rezession in wohlhabenden Ländern zuzulassen, um in ärmeren Ländern das wirtschaftliche Wachstum zu steigern, oder die vorrangige Option für eine globale Klimasteuer oder das negative Urteil über die Nutzung der Kernenergie und die Vorbehalte gegen einen Handel mit Umweltzertifikaten, der Finanzspekulationen auslöst, oder das aufmerksame Interesse daran, die Energieeffizienz und den Einsatz erneuerbarer Energien zu fördern und innovative Techniken einzusetzen, um beispielsweise die Erträge der Landwirtschaft zu verbessern, oder das Anliegen, eine Weltautorität zu gründen, die mit starker Durchsetzungsmacht ausgestattet ist. Aber der Papst unterscheidet deutlich den verschiedenen Geltungsgrad, den moralische Argumente, pragmatische Anleitungen und konkrete Empfehlungen, wie etwa die Umweltbelastung den Bilanzen der Unternehmen einzufügen sei, beanspruchen können.

7. Natur-Mystik?

Mit dem wiederholten Bezug auf den Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi, des „Poverello“ setzt sich der Papst dem Risiko aus, dessen lyrische Sprachspiele, mit denen er die Geschwisterlichkeit von Sonne, Mond, Feuer, Wasser, Erde, Wind, Wolken und jeglichem Wetter besingt, sowie dessen grenzenloses Staunen über die zauberhafte Schönheit des unendlichen Universums und der großen wie der kleinsten Lebewesen zu übernehmen, die ausnahmslos eine zärtliche Liebkosung Gottes erfahren. Aber der euphorische Überschwang des Sonnengesangs, der den faszinierenden Glanz der Schöpfung in eine klingende Melodie einfließen lässt, droht die Ambivalenz der Natur auszublenden, die in Waldbränden, Überschwemmungen, Erbeben und Tsunamis, deren destruktive Gewalt Menschen, Küstenstreifen und Bergregionen heimsucht. Und der religiöse Überschwang, der in dem Rundschreiben die empirischen und theologischen Begriffe der natürlichen Umwelt und der Schöpfung oft nahtlos, „ungetrennt aber vermischt“ ineinander übergehen lässt, sind wohl nicht jedem Adressaten und jeder Adressatin des Dokuments zugänglich, selbst bei gutem Willen nicht.

Wer vom plötzlichen Tod einer jungen Freundin betroffen ist, die ein metastasierender Krebs aus dem Leben reißt, oder junge Eltern, die den Tod eines neu geborenen Kindes beklagen, werden solche Ereignisse nur schwer als Gottes gute Schöpfung begreifen, es sei denn, dass jenes Urteil Gottes am Morgen der Schöpfung, dass sein Werk sehr gut sei, lediglich die Funktionsfähigkeit eines evolutionären sozio-ökologischen Systems etikettiert, das für Menschen unverständliche, aber systemisch unvermeidbare Kollateralschäden einschließt. Es könnte sein, dass der Autor des Rundschreibens angesichts der ökologisch und gesellschaftlich destruktiven Dynamik jener Versuchung erlegen ist, die menschliche, gesellschaftliche und kulturelle Sphäre durch einen starken ökologischen Imperativ zu kolonisieren.