Das Leitbild erweiterte moderne Beruflichkeit der IG Metall in der Diskussion – was soll und kann es leisten?

Von: Eva Kuda (Soziologin)

Eva Kuda

Soziologin

Eva Kuda war langjährig im Ressort Bildungs –und Qualifizierungspolitik als Gewerkschaftssekretärin beim IG Metall Vorstand in Frankfurt mit den Arbeitsschwerpunkten Europäische Berufsbildungspolitik, Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, Qualifizierung älterer ArbeitnehmerInnen beschäftigt. Sie ist Diplomsoziologin und Mitherausgeberin der Buchveröffentlichungen „Arbeitnehmer als Unternehmer? Herausforderungen für Gewerkschaften und berufliche Bildung“ und „Akademisierung der Arbeitswelt? Zur Zukunft der beruflichen Bildung“.  


Die ablehnende Haltung der HochschulvertreterInnen gegen ein Leitbild von Beruflichkeit, das (fälschlicherweise) als Instrumentalisierung für den Arbeitsmarkt verstanden wird, muss aufgebrochen werden.

I

m folgenden Beitrag wird zunächst die Besonderheit des konzeptionellen Ansatzes des Leitbilds erweiterte moderne Beruflichkeit dargestellt (1). Es folgt ein zusammenfassender Überblick über Zustimmung, Einwände und wichtige Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Leitbildes erweiterte moderne Beruflichkeit (2). Auf die Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse des von der IG Metall organisierten Diskussionsprozesses schließt sich die Frage nach den Perspektiven der Umsetzung aus gewerkschaftlicher Sicht an (3).

DER KONZEPTIONELLE ANSATZ DES LEITBILDES

Das Leitbild der „erweiterten modernen Beruflichkeit“ der IG Metall ist der – für sich genommen keineswegs neue – Versuch, für berufliche und hochschulische Bildung eine gemeinsame Reformperspektive aufzuzeigen. Damit greift das Leitbild die langjährige gewerkschaftliche Forderung nach der Integration von allgemeiner und beruflicher Bildung, nach Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit innerhalb des Bildungssystems auf.

Der konzeptionelle Ansatz des Leitbildes geht jedoch über die rhetorische Bekräftigung bekannter gewerkschaftlicher Bildungsprogrammatik hinaus. Im Unterschied zu traditionellen Ansätzen der Integration von allgemeiner und beruflicher Bildung wird ein Bildungskonzept vorgestellt, das gemeinsame Maßstäbe und Prinzipien des Lernens für die betrieblich-duale und hochschulische Berufsbildung beinhaltet. Im erweiterten Leitbild gilt die Verknüpfung der Dimensionen beruflichen Lernens – auch der Lernorte Betrieb und Arbeitsplatz – als grundlegende Voraussetzung für Durchlässigkeit und Gleichwertigkeit zwischen Institutionen der allgemeinen und der beruflichen Bildung. Es dürfte unmittelbar einleuchten, dass erfolgreiche Übergänge zwischen betrieblicher Berufsbildung und Studium vor allem dann möglich sind, wenn zwischen Studierenden und betrieblich-dual Lernenden an ein gemeinsames Verständnis der Berufs- und Arbeitswelt und an gemeinsame Lernerfahrungen angeknüpft werden kann.

Die Lernprinzipien orientieren sich am Verständnis moderner Beruflichkeit. Bestehende Unterschiede zwischen den Bildungsbereichen werden keineswegs geleugnet. Allerdings werden Wechselwirkungen zwischen den Institutionen der allgemeinen und der beruflichen Bildung und die Bereitschaft und Möglichkeit gegenseitigen Lernens für notwendig und möglich gehalten.

IMG_3068Das Leitbild erweiterter moderner Beruflichkeit ist ein Entwicklungskonzept. Mit dem Bildungskonzept wird ein Rahmen für die didaktische Aufbereitung der Lehr- und Lernpläne in beiden Bildungsbereichen vorgezeichnet.

Ein wesentliches Kriterium ist die (jeweils unterschiedliche) Verknüpfung von Erfahrungs- und Wissenschaftsorientierung in der betrieblichen-dualen Ausbildung und im Studium.

„Ein bloß kognitiver/wissensbasierter Zugang reicht nicht aus, um berufliche Handlungskompetenz zu erlernen. Er muss angereichert sein …um die im beruflichen Handeln erworbenen Einsichten.“ Ebenso ist “Berufliche Bildung darauf angewiesen, dass Praxis durch Wissenschaft erklärt wird“. ( Leitbild These 12)

Im Verständnis von moderner Beruflichkeit sind Theorie und Praxis kein Gegensatzpaar. Wissensvermittlung findet in Hochschule und betrieblicher Bildung im Wechsel zwischen praktischem Handeln und theoriegeleitetem Wissen statt. „Wechselspiel soll heißen: Beides wird aufeinander bezogen. Praktisches Handeln kann durch theoretisches Verständnis begründet und noch wirksamer werden.“ Und ebenso ist „praktisches Handeln bedeutsam für theoretisches Wissen: Es wird angereichert und weiterentwickelt.“ (Leitbild These 13).

Bei  Veröffentlichung des Leitbildes hat die IG Metall zur Diskussion aufgefordert und betont: Die kritische Prüfung ist erwünscht.

Die folgende Darstellung der Diskussionsergebnisse bezieht sich auf schriftliche Stellungnahmen im Berufsbildungsnetz der IG Metall. Berücksichtigt wurden darüber hinaus Kritik und Anregungen aus Workshops der IG Metall, der Hans-Böckler-Stiftung und Verdi, die projektbegleitend zum Austausch zwischen betrieblicher Praxis, Wissenschaft und Gewerkschaft durchgeführt wurden.

Die Auswertung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und verzichtet auf eine namentliche Zuordnung der Beiträge. Die schriftlichen Stellungnahmen können jedoch nachgelesen werden unter :https://wap.igmetall.de/leitbild-statements-9280.htm).

ZUSTIMMUNG, KRITIK UND WEITERFÜHRENDE EMPFEHLUNGEN  – EIN ÜBERBLICK

Wie lässt sich die Diskussion zum Leitbild zusammenfassen und bewerten?

Wie zu erwarten stößt das erweiterte Leitbild moderner Beruflichkeit auf Zustimmung und Kritik. Zum einen treffen damit verbundene Ziele auf Widerstände, zum anderen führt der notgedrungen verkürzte und zugespitzte Charakter von Leitbildformulierungen zu Missverständnissen. Beides sollte bei der konzeptionellen Weiterentwicklung des Leitbildes und in der politisch–praktischen Gremienarbeit berücksichtigt werden.

Dabei sind unseres Erachtens folgende Gesichtspunkte aus den Diskussionsbeiträgen von besonderem Interesse:

Handlungsorientiertes Lernen als  Bildungsauftrag der Hochschule – eine Provokation?

IMG_3028Mit der Orientierung an Beruflichkeit wird handlungsorientiertes Lernen, der Erwerb beruflicher Handlungskompetenz zur normativen Zielsetzung schulischer und hochschulischer Bildungsprozesse. Das berührt das traditionelle Selbstverständnis von Hochschulen „…dass zum Studium auch der Lernort Betrieb gehöre …ebenso wie das Lernziel Reflexion und Gestaltung von Arbeit stellt für manche Hochschul–Verantwortliche eine Provokation dar.“ (Strauß 2015).

Das Ziel ist richtig – die Wirklichkeit sieht anders aus

Die Initiative der IG Metall für eine Bildungsreform „aus einem Guss“ wird sowohl von der Wissenschaft als auch von den befragten Betriebsexperten generell begrüßt. Die mit den bildungspolitischen Reformdebatten vertrauten   WissenschaftlerInnen äußern sich dazu relativ ausführlich. Es handele sich um eine „sinnvolle Initiative zur Überwindung der Konkurrenz der Systeme“ und sei wichtig   zur „Überwindung der Unverbundenheit von beruflicher Bildung und Hochschulbildung“. Das Leitbild verbessere die „Chancen der Annäherung“ und biete insgesamt eine „Chance der Erhöhung von Durchlässigkeit und Gleichwertigkeit“. Es wird gewürdigt, dass es sich um einen „guten Anstoß der IG Metall“ und mehr noch um „eine überfällige Initiative“ handele.

Es wird allerdings darauf hingewiesen, dass in den Hochschulen und Universitäten keine aktuelle Debatte über ein neues Leitbild stattfindet. Der Humboldt-Mythos bestehe fort. Die Universitäten sehen mehrheitlich wenig Anlass, ihre eigenen Perspektiven zu hinterfragen. Wobei allerdings auch eingeräumt wird: „Das Leitbild stellt der Praxis der Bildungsverknappung auf Wirtschaftsinteressen ein normatives Konzept gerechter Bildung gegenüber“.

Qualitätsverbesserung und Verdrängungsprozesse gehen Hand in Hand

Betriebsräte und Ausbilder verstehen das Leitbild erweiterter Beruflichkeit als Hilfe und Anregung zur qualitativen Verbesserungen der beruflichen Ausbildung. Es könne auch dazu beitragen, einen wachsenden Anteil dual Studierender in das betriebliche Ausbildungssystem zu integrieren. Skeptisch betrachtet wird dagegen die Entwicklung, dass der Ausbau dualer betrieblicher Studiengänge parallel zum Abbau betrieblich dualer Ausbildung stattfindet. Beobachtet wird auch ein unterwertiger Einsatz der Absolventen dualer Studiengänge, der bei den Berufsanfängern zu Unzufriedenheit führt.

Gemeinsame Qualitätskriterien werten das Studium ab und gefährden hochschulische Traditionen

Es wird mehrheitlich bezweifelt, dass die Qualitätsmerkmale des Leitbildes von den Hochschulen als Leitkriterien anerkannt werden. Auch wenn sich die angeführten Gründe unterscheiden, so wird doch überwiegend eingewandt, dass die Hochschulen ein anderes Selbstverständnis über ihren Bildungsauftrag haben und sich nicht mit den Zielsetzungen des Leitbildes identifizieren können. Das wird vor allem darauf zurückgeführt, dass das Leitbild „keinen Bezug zu hochschulischen Traditionen herstellt“.

Es wird eingewandt, dass das Leitbild wohl eine Brückenfunktion zwischen Berufsbildung und professionsbezogenen Studiengängen an Fachhochschulen darstelle, aber nicht zur Hochschule.

Ein gemeinsames Leitbild wird für sinnvoll gehalten, wenn es gemeinsame Ziele gibt. Die Hochschulen hätten jedoch auch andere Ziele als die Berufsbildung. Dazu gehöre vor allem der „Anspruch der Hochschule auf die Freiheit von Wissenschaft und Lehre“. Wohin gegen das Leitbild als Versuch verstanden werden könne, die Hochschulen für (niedere) Zwecke der beruflichen Ausbildung zu instrumentalisieren. Die Überzeugung von der Überlegenheit der Hochschule sei bei akademischen Vertretern fest verankert.

Positive Impulse für eine veränderte Hochschuldidaktik

Davon abweichend werden in den Qualitätskriterien des Leitbildes auch positive Impulse und Anknüpfungspunkte für die didaktisch-curriculare Ausgestaltung der Lehrinhalte an Hochschulen gesehen. Genannt werden vor allem:

  • die breite Qualifizierung,
  • der Blick auf die Realität von Arbeit,
  • die Ziele der Nachhaltigkeit und Selbstreflexivität,
  • die Fähigkeit zur Biografiegestaltung.

EMPFEHLUNGEN ZUR WEITERENTWICKLUNG DES LEITBILDES

  1. Die ablehnende Haltung der HochschulvertreterInnen gegen ein Leitbild von Beruflichkeit, das (fälschlicherweise) als Instrumentalisierung für den Arbeitsmarkt verstanden wird, muss aufgebrochen werden. Dazu sollte vor allem der Dialog zwischen VertreterInnen der beruflichen und universitären Bildung ausgebaut und organisiert werden. Er sollte institutionell angebunden werden an den Akkreditierungsrat und/oder Initiativen zur Öffnung der Hochschulen.
  2. Notwendig ist es, das Leitbild bzw. die Qualitätskriterien auf stärker forschungsorientierte universitäre Studiengänge zu erweitern. Wissenschaftsinteressen müssen aufgenommen und konkretisiert werden. Auch geht es darum, die Schnittstellen, an denen zwischen Lernorten und Denkmustern gewechselt werden muss, konkret zu benennen.
  3. Bezogen auf Reichweite und Anwendung des Leitbildes sind Differenzierungen notwendig. In beiden Bildungseinrichtungen muss das Verhältnis von Praxis und Reflexion geklärt werden.
  4. Das Konzept der Kompetenzentwicklung in Berufsbildung und Universitäten erfordert eine jeweils eigene theoretische Fundierung.
  5. Aus Sicht der betrieblichen Interessenvertretung müssen Auswirkungen der Globalisierung im Bildungskonzept des Leitbildes stärker berücksichtigt werden. Auslagerungen und/oder Betriebsschließungen im In- und Ausland sind Teil betrieblicher Alltagserfahrungen. Aus gewerkschaftlicher Sicht ist ein kritisches Verständnis globaler Wirtschaftsbeziehungen eine wichtige Voraussetzung für grenzüberschreitendes solidarisches Handeln von Facharbeitern und Akademikern.

ZUR PERSPEKTIVE DER UMSETZUNG DES LEITBILDES

IMG_2901Die zuvor genannten Empfehlungen werden von der IG Metall als Auftrag zur Weiterentwicklung des Leitbildes verstanden. Wie eingangs erwähnt, ist das erweiterte Leitbild ein Entwicklungskonzept, es lebt von der schrittweisen Umsetzung. Auch das ist eine Wechselbeziehung. „Die Erprobung und Umsetzung des Leitziels bedarf neuer Formen der Koordination von theoretisch –systematischer Ausbildung und berufspraktischer Erfahrung“ (Kutscha  2016). Für die am Prozess der Umsetzung Beteiligten(Studierende, Hochschullehrer, Betriebsräte und betriebliches Bildungspersonal, Fachexperten usw.) wird erkennbar, was abstrakte Begriffe wie Leitbild  und Beruflichkeit mit ihrem jeweiligen Handeln zu tun haben.

Wenn die IG Metall auf der Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz für alle Lernenden in allen Bildungsbereichen besteht, ist sie sich durchaus bewusst, dass sich Lern- und Handlungslogiken in betrieblich-dualer und hochschulischer Bildung unterscheiden. Die Unterschiede herauszuarbeiten und in konkrete Bildungspläne umzusetzen, ist eine wichtige anstehende Aufgabe. Sie sollte nicht durch Beharren auf gestrigen Denkstrukturen behindert werden.

Das neue Leitbild ist kein Wunder- und Allheilmittel. Der ganzheitliche Ansatz des Leitbildes bezieht sich auch auf Impulse für politische und gesellschaftliche Reformen. Bleibt es bei unverbundenen Modernisierungen in Teilbereichen des Bildungssystems, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass die über Bildungsstrukturen vermittelten Ungleichheiten festgeschrieben und stabilisiert werden. Trotz aller Innovationen in der betrieblich-dualen Berufsbildung ist es zum Beispiel nicht gelungen, vom Privileg des vorrangigen Hochschulzugangs über Abitur und Gymnasium grundsätzlich abzuweichen.

Letzten Endes beziehen das erweiterte Leitbild von Beruflichkeit und die Forderung nach der Integration von allgemeiner und beruflicher Bildung ihren Sinn daraus, dass sie dazu beitragen, scheinbar in Stein gemeißelte (und über Bildung legitimierte) Privilegien, die ungleiche Verteilung von Arbeit und Einkommen sowie die unterschiedliche Teilhabe an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen entschieden zu bekämpfen und in Frage zu stellen. Das erfordert – wie könnte es anders sein – eine stärkere Verzahnung der gewerkschaftlichen Politikbereiche.

Literatur

IG Metall Vorstand Ressort Bildungs-und Qualifizierungspolitik, (Hrsg.) (2014): Erweiterte moderne Beruflichkeit. Ein gemeinsames Leitbild für die betrieblich-duale und die hochschulische Berufsbildung. Diskussionspapier. Frankfurt am Main

Eckert, Manfred (1995): Berufsausbildung, Berufstätigkeit und Hochschulausbildung - Einschätzungen aus der Sicht der Berufsbildungsforschung, In: Ruhr-Universität Bochum, Industriegewerkschaft Metall (Hrsg.) Bildung für die Zukunft. Durchlässigkeit im Bildungssystem - ein altes Thema in neuer Qualität? Chancen und Perspektiven der Gestaltung von Schul-, Hochschul- und Berufsbildung, Bochum 1995

Günter Kutscha (2016): Thesen zum Forum: Wissenschaftlichkeit und Erfahrungsorientierung – ein Widerspruch? 8. Hochschulpolitisches Forum der Hans Böckler Stiftung. Berlin (vgl. http://www.boeckler.de/veranstaltung_62360.htm)

Jürgen Strauß (2015) Erfahrungs- und Wissenschaftsorientierung – Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Prinzipien des Lernens in betrieblich-dualer Ausbildung und im Studium. In: Denk-doch Mal.de, Heft 1/2015