Die erste Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI hat es in sich

Von: Erwin Helmer (Betriebsseelsorger in Bayern)

Erwin Helmer

Betriebsseelsorger in Bayern

Diakon Erwin Helmer ist Ansprechpartner der Betriebsseelsorge in Bayern und in der Bundeskommission der Betriebsseelsorge. Theologe und Diakon in der Betriebsseelsorge in der KAB und CAJ (Katholische Arbeitnehmerbewegung und Christliche Arbeiter/Innen-Jugend) der Diözese Augsburg, beschäftigen. Erwin Helmer geht in Firmen, wenn’s kriselt. Der 54jährige Diakon aus Weilheilm in Bayern betreut die Angestellten von Firmen in vier Landkreisen im Großraum Augsburg. Helmer war auf Seiten der Beschäftigten, als es um verlängerte Ladenöffnungszeiten ging, er ist jetzt ...
[weitere Informationen]


Es hat etwas gedauert, bis sie fertig war – die neueste Sozialenzyklika der Kirche für die ganze Welt. Seit 1891 greifen Päpste „die soziale Frage“ der jeweiligen Zeit auf, sie benennen die Sorgen der Menschen, sie urteilen im Licht des Evangeliums und regen zum Handeln an. Die Enzyklika „Caritas in veritate“ beschreibt hoch aktuelle Probleme unserer Zeit – Finanzkrise, Lebensschutz, Armut, Klimawandel – und versucht, Lösungswege zu vermitteln. Richtschnur dabei ist und bleibt die Frohe Botschaft, angereichert mit Zitaten aus der bisherigen Soziallehre der Kirche. Die Enzyklika trägt deutlich die Handschrift von Papst Benedikt XVI, der schon in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ die Liebe zum Hauptthema gemacht hat, und nun „Die Liebe in der Wahrheit“ zum Leuchten bringt. Wie ein roter Faden durchzieht die Vision von „Liebe und Wahrheit“ das Rundschreiben. Benedikt wollte der Welt eine Orientierung in der Krise und Hilfen aus der Krise geben. Ich habe „Dreizehn päpstliche Wege aus der Krise“ in der Enzyklika ausgemacht, die ich hier im Überblick darstelle.

I. Mit Liebe und Wahrheit aus der Krise

„Nur in der Wahrheit erstrahlt die Liebe und kann glaubwürdig gelebt werden. Die Wahrheit ist ein Licht, das der Liebe Sinn und Wert verleiht.“ (Nr.3)

Die Kombination von Liebe und Wahrheit spiegelt das bisherige Wirken von Papst Benedikt XVI gut wieder. Seine erste Enzyklika lautete „Gott ist die Liebe“. Der Titel seiner ersten Sozialenzyklika, „Die Liebe in der Wahrheit“, durchzieht die gesamte Botschaft des Schreibens wie ein roter Faden. Mit dem Wort Liebe ist nicht ein individuelles Gefühl gemeint, sondern Liebe meint das durchgängige Prinzip allen guten Lebens, hier allen sozialen und wirtschaftlichen Lebens. Sie ist das soziale Grundprinzip des gesellschaftlichen Lebens und braucht die Orientierung an der Wahrheit.

II. Die Investoren in die soziale Verantwortung nehmen

„Eine der größten Gefahren ist sicher die, dass das Unternehmen fast ausschließlich gegenüber den Investoren verantwortlich ist und so letztendlich an Bedeutung für die Gesellschaft einbüßt.“ (Nr.40)

showbjugen3

Was wir heute unter dem Namen „shareholder value“ kennen, also der Kapitalanteil der Aktionäre an einem Unternehmen, stellt einerseits eine wichtige Investition für ein Unternehmen dar und schafft Liquidität. Eine alleinige Ausrichtung der Ziele des Unternehmens an dem materiellen Wert aber, an Profit und Renditesteigerung,  richtet sich letztlich gegen die Arbeitnehmer, gegen die Menschlichkeit und gegen das Gemeinwohl. Der Papst warnt vor der einseitigen Bestimmung wirtschaftlicher Entscheidungen durch die Interessen der Investoren. Er betont mehrmals, dass Investitionen immer gleichzeitig die Beschäftigten und ihre Familien im Blick haben müssen, aber auch die Kunden, die Zulieferer, die öffentlichen Einrichtungen, die Gemeinwohlinteressen.

III. Die Manager auf das Gemeinwohl verpflichten

„In den vergangenen Jahren war eine Zunahme einer kosmopolitischen Klasse von Managern zu beobachten, die sich oft nur nach den Anweisungen der Hauptaktionäre richten, bei denen es sich normalerweise um anonyme Fonds handelt, die de facto den Verdienst der Manager bestimmen.“ (Nr.40)

Ohne in eine Managerschelte zu verfallen, wird Benedikt XVI hier konkret und benennt die „kosmopolitische Klasse der Manager“, die allein den Aktionären dient. Vor allem die Finanzmanager und Fondsmanager haben die „Heuschreckenplage“ befördert und brauchen in Zukunft klare Regeln und enge Begrenzungen. So manche hoch riskante „Innovation“ am Finanzmarkt, die sich zum „Giftpapier“ entwickeln kann, gehört verboten. Der „Klasse der Manager“ ist anzuraten, an ihrem Berufsethos zu arbeiten, das momentan schwer beschädigt wurde.

IV. Kurzfristiges Gewinndenken und Spekulation eindämmen

„Man muss vermeiden, dass die finanziellen Ressourcen zur Spekulation verwendet werden und man der Versuchung nachgibt, nur einen kurzfristigen Gewinn zu suchen und nicht auch den langfristigen Bestand des Unternehmens, den Nutzen der Investition für die Realwirtschaft und die Sorge für die angemessene und gelegene Förderung von wirtschaftlichen Initiativen in Entwicklungsländern.“ (Nr.40)

Zwei wichtige Ursachen der Finanzmarktkrise macht Benedikt in der Spekulation aus und im Streben nach kurzfristigem Gewinn. Der Konsens darüber scheint im Moment groß zu sein, die Exzesse der Finanzwirtschaft zu regulieren. Man ist sich weitgehend einig, dass die Eindämmung der wilden Spekulation, das Verbot von „Leerverkäufen“ und die Regulierung von Derivaten auf der politischen Agenda ganz oben stehen. Allerdings wurden die Regulierungspläne noch zu wenig in wirksame Maßnahmen und Regelungen umgesetzt.

V. Sicherheit für Arbeitnehmer statt „prekärer Arbeit“

„Wenn jedoch die Unsicherheit bezüglich der Arbeitsbedingungen infolge von Prozessen der Mobilität und der Deregulierung um sich greift, bilden sich Formen psychologischer Instabilität aus, Schwierigkeiten, eigene konsequente Lebensplanungen zu entwickeln, auch im Hinblick auf die Ehe.“ (Nr.25)

Im Oktober 2008 brandmarkte Benedikt XVI anlässlich der Sozialen Wochen in Italien die starke Zunahme der so genannten „prekären Arbeit“, das sind: Leiharbeit, lang dauernde Befristung, Hungerlöhne und menschenunwürdige Arbeitsbedingungen. Benedikt erklärte: „Prekäre Arbeit ist ein echter ethischer und sozialer Notstand.“ Er rief dazu auf, vor allem den jungen Menschen die Chance zu geben eine Familie zu gründen. Dazu reiche prekäre Arbeit eben nicht und deshalb sei die Gesellschaft hier in der Pflicht zur Solidarität.

P1020671

VI. Eine weltweite Koalition für würdige Arbeit

Am 1. Mai 2000 rief P. Johannes Paul II zu einer „weltweiten Koalition für würdige Arbeit“ auf und unterstützt damit aktiv die Strategie der Internationalen Arbeitsorganisationen:  „Es bedeutet eine Arbeit, die in jeder Gesellschaft Ausdruck der wesenseigenen Würde jedes Mannes und jeder Frau ist: eine frei gewählte Arbeit, die die Arbeitnehmer, Männer und Frauen, wirksam an der Entwicklung ihrer Gemeinschaft teilhaben lässt; eine Arbeit, die auf diese Weise den Arbeitern erlaubt, ohne jede Diskriminierung geachtet zu werden; eine Arbeit, die es gestattet, die Bedürfnisse der Familie zu befriedigen und die Kinder zu Schule zu schicken, ohne das diese selber gezwungen sind zu arbeiten; eine Arbeit, die den Arbeitnehmern erlaubt, sich frei zu organisieren und ihre Stimme zu Gehör zu bringen; eine Arbeit, die genügend Raum lässt, um die eigenen persönlichen, familiären und spirituellen Wurzel wieder zu finden; eine Arbeit, die den in die Rente getretenen Arbeitnehmern würdige Verhältnisse sichert.“ (Nr.63)

Papst Benedikt greift die Initiative seines Vorgängers auf und unterstützt die Verankerung der so genannten „Kernarbeitsnormen“ der Internationalen Arbeitsorganisation in allen Ländern. „Gute Arbeit“, so lauten mehrere Kampagnen von Gewerkschaften und Sozialverbänden bei uns. Sie zielen auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, den Abbau von Diskriminierung und auf eine vernüntige Mitbestimmung. Entscheidendes Kriterium jeder Arbeit ist der Mensch. Der einzigartige, originelle, unersetzbare Mensch muss immer im Mittelpunkt stehen, denn er ist es, der die Arbeit verrichtet, er allein ist Person.

VII. Wirtschaft und Moral gehören zusammen

„Der Bereich der Wirtschaft ist weder moralisch neutral noch von seinem Wesen her unmenschlich und antisozial. … (Nr.36)
So hat jede wirtschaftliche Entscheidung eine moralische Konsequenz.“ (Nr.37)

Neu ist, wie stark der Papst den Fokus auf die innere Bezogenheit von Markt und Moral betont. Zu lange hatte sich die deregulierte Marktwirtschaft ungehemmt entfalten dürfen. Die Folge: die Marktwirtschaft, die immer mehr zu brutalem Kapitalismus wurde, ist an die Wand gefahren. Die Lösung liegt in der Wandlung des inneren Kerns der Marktwirtschaft: Markt und Moral gehören in allen Phasen der Entwicklung zusammen.

VIII. Mehr Umverteilung und Bereitschaft zum Teilen

„Ebenso sind jedoch gerechte Gesetze, von der Politik geleitete Mechanismen zur Umverteilung und darüber hinaus Werke, die vom Geist des Schenkens geprägt sind, nötig.“ (Nr.37)

Benedikt setzt auf stärkere politische Regelungen; er vertraut dabei nicht nur auf den Staat, sondern auch auf die Zivilgesellschaft. Er scheut sich nicht, mehrmals die „Umverteilung“ zu fordern, durch die die Spaltung zwischen Arm und Reich bearbeitet werden kann. Schließlich ruft er dazu auf, im Geist selbstloser Liebe das Schenken und Spenden zu praktizieren.

IX. Für eine Wirtschaft der Unentgeltlichkeit und Brüderlichkeit

(P. Johannes Paul II) „In der Zivilgesellschaft sah er den geeignetsten Bereich für eine Wirtschaft der Unentgeltlichkeit und der Brüderlichkeit“ (Nr.38).

Papst Benedikts XVI  Vision beschreibt eine Gesellschaft der Liebe und der Barmherzigkeit, die mehr ist als nur Wettbewerb und Konkurrenz. Er will eine Wirtschaft, die eben nicht ihr ganzes Wirken an Gewinn und Wettbewerb ausrichtet, sondern an der Geschwisterlichkeit, an Unentgeltlichkeit und an der Errichtung einer menschlichen Kultur. Er unterstützt die Entstehung von Unternehmen, die nicht in erster Linie am Profit orientiert sind, sondern an menschlichen, sozialen und ökologischen Zielen.

X. Die Macht der Konsumenten sozial nutzen

„Die weltweite Vernetzung hat eine neue politische Macht aufsteigen lassen, und zwar jene der Konsumenten und ihrer Verbände. … Es ist gut, dass sich die Menschen bewusst werden, dass das Kaufen nicht nur ein wirtschaftlicher Akt, sondern immer auch eine moralische Handlung ist. Die Konsumenten haben daher eine klare soziale Verantwortung…“ (Nr.66)

„Der Kunde ist König!“ sagt ein verbreitetes Motto. Deshalb besitzt „der König“ auch große Macht, wenn er sie denn auch einsetzen kann. Der „faire Handel“ stellt nur ein Beispiel unter vielen dar. Wenn der Kunde – entweder als Einzelner oder auch in einer Organisation – die Produktionsbedingungen unserer Güter im fernen Asien oder Afrika in Protesten aufgreift, reagieren die Konzerne. Ein einziger Fernsehbericht kann dem Unternehmen dann einen Millionenschaden bringen. Die Verbrauchermacht will der Papst stärker einsetzen.

XI. Den Reichtum neu verteilen

„Die angemessen geplanten und ausgeführten Globalisierungsprozesse machen auf weltweiter Ebene eine noch nie da gewesene große Neuverteilung des Reichtums möglich …“ (Nr.42)

Die Chancen der Globalisierung liegen auf der Hand, sie gilt es zu nutzen. Benedikt sieht die Möglichkeit einer „Neuverteilung des Reichtums“ in der Zukunft. Dazu will er die Vereinten Nationen, den IWF, die Weltbank und die WTO in die Pflicht nehmen. Eine „Weltautorität“ wäre sinnvoll, die als politische und moralische Autorität handelt.

shwa

XII. Gewerkschaften stärken

„Die Gesamtheit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen bewirkt, dass die Gewerkschaftsorganisationen bei der Ausübung ihrer Aufgabe, die Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten, auf größere Schwierigkeiten stoßen, auch weil die Regierungen aus Gründen des wirtschaftlichen Nutzens oft die gewerkschaftlichen Freiheiten oder die Verhandlungsmöglichkeiten der Gewerkschaften selbst einschränken. Der Vorschlag seitens der Soziallehre der Kirche …, Arbeitnehmervereinigungen zur Verteidigung der eigenen Rechte ins Leben zu rufen, sollte darum heute noch mehr nachgekommen werden als früher…“ (Nr.25).

Benedikt stellt die Aufgabe der Gewerkschaften, die im Zuge der Globalisierung stark unter Druck gekommen sind, in ein neues Licht. Und er fördert die Arbeit der Arbeitnehmervereinigungen und Gewerkschaften, die „heute noch mehr“ Unterstützung nötig haben. Er weist ihnen neben den traditionellen einige neue Aufgaben zu: die berechtigten Interessen der Arbeitnehmer – ob Gewerkschaftsmitglied oder nicht – zu vertreten; die Verbrauchermacht zu organisieren; als Gewerkschaften weltweit zusammen zu arbeiten und mehr als bisher  ethische und kulturelle Verantwortung zu übernehmen.

XIII. Die Schöpfung bewahren

„Der Schutz der Umwelt, der Ressourcen und des Klimas erfordert, dass alle auf internationaler Ebene Verantwortlichen gemeinsam handeln und bereit sind, in gutem Glauben, dem Gesetz entsprechend und in Solidarität mit den schwächsten Regionen unseres Planeten zu arbeiten.“ (Nr.50)

Der Papst will den Menschen gegenüber sich selbst schützen, wenn jener seine Lebensgrundlagen so beschädigt, dass die „Selbstzerstörung“ droht. Die Kirche hat hier eine große Aufgabe, der sie sich noch zu wenig bewusst ist. Es geht um die Bewahrung der Schöpfung und um den Schutz der Armen, die die ersten Opfer der Umweltzerstörung sind – durch Wassernot auf der einen Seite und verheerende Überschwemmungen auf der anderen Seite, durch Mega-Stürme und Klimawandel.