Der vorenthaltene Lohn schreit zum Himmel - Erfahrungen mit Leiharbeitern

Von: Erwin Helmer (Betriebsseelsorger in Bayern)

Erwin Helmer

Betriebsseelsorger in Bayern

Diakon Erwin Helmer ist Ansprechpartner der Betriebsseelsorge in Bayern und in der Bundeskommission der Betriebsseelsorge. Theologe und Diakon in der Betriebsseelsorge in der KAB und CAJ (Katholische Arbeitnehmerbewegung und Christliche Arbeiter/Innen-Jugend) der Diözese Augsburg, beschäftigen. Erwin Helmer geht in Firmen, wenn’s kriselt. Der 54jährige Diakon aus Weilheilm in Bayern betreut die Angestellten von Firmen in vier Landkreisen im Großraum Augsburg. Helmer war auf Seiten der Beschäftigten, als es um verlängerte Ladenöffnungszeiten ging, er ist jetzt ...
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„Leiharbeit – die Arbeit der Zukunft! Zweistellige Wachstumsraten! Leiharbeitsbranche schafft neue Arbeitplätze!“ So tönt es uns allerorten ans Ohr. Tatsächlich boomt die Leiharbeit in Deutschland. Innerhalb von 10 Jahren stieg die Zahl der Leiharbeiter von 250 000 auf heute 730 000. Leiharbeit, früher einmal als Ausnahmefall gedacht, wird für junge Menschen mehr und mehr zur Regel – mit allen Folgen für die Zukunft. Denn Leiharbeiter bekommen im Durchschnitt 30 Prozent weniger Lohn als das Stammpersonal. Sie sind die Letzten, die in den Betrieb kommen und meist die Ersten, die abgebaut werden. Sie haben keine Sicherheit für die Zukunft, zumeist keine Mitbestimmung und trauen sich am allerwenigsten, ihre wenigen Rechte auch durchzusetzen. Und, ihnen droht heute schon die Altersarmut. Sie sind so etwas wie die „modernen Sklaven“ und die „Nomaden unserer Tage“, denn ihre Arbeitsbedingungen sind in der Tat oft entwürdigend.

Als katholischer Betriebsseelsorger bin ich seit Jahren mitten drin in den Kämpfen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, der Arbeiterinnen und Arbeiter um Mitsprache im Betrieb, um Beteiligung, um Gerechtigkeit – und heute mehr und mehr – um das Überleben. Dabei waren sie bei uns in Deutschland schon weitgehend abgeschafft, die Hungerlöhne, die Armutslöhne, die Löhne, die zum Himmel schreien.

Aber man hat sie wieder eingeführt. Biblisch gesprochen schreien diese Löhne zum Himmel, so wie es im Jakobusbrief (Jak 5,4) des Neuen Testaments schwarz auf weiß beschrieben ist: „Der Lohn, den ihr euren Arbeitern vorenthalten habt, dringt zu den Ohren des Herrn.“ Andere Übersetzungsmöglichkeit: „schreit zum Himmel.“ Ja, himmelschreiende Zustände erleben wir heute oft, vor allem in der modernen Sklaverei – der Leih- und Zeitarbeit. Einige denkwürdige Begegnungen mit Leiharbeit will ich nun schildern.

Leo, der Anwalt der Leiharbeiter

Einer meiner Betriebsseelsorger-Kollegen in Augsburg ist im Hauptberuf Industriemeister. Er verkörpert eine interessante Kombination von Berufen und Berufungen. Leo ist gewählter Betriebsrat, engagierter IG Metaller, katholischer Diakon und eben auch noch Betriebsseelsorger. Leo hat es als seine Aufgabe erkannt, für Leiharbeiter besonders ein zu stehen.

Neulich berichtete er von einem Leiharbeiter, der sagte: „Ich bin jetzt 58 Jahre alt und muss eventuell noch 9 Jahre arbeiten. Ich weiß nicht, wie ich mein Leben und das meiner Frau bestreiten soll. Aus meinen guten Arbeitsjahren, bevor ich Leiharbeiter wurde, habe ich noch ein paar Euro auf die Seite gebracht. Dieses Geld ist jetzt aufgebraucht. Ich habe keine Reserven mehr, um das monatliche Defizit für Miete plus Lebensunterhalt auszugleichen.“ Leo berichtet, dass er rein zufällig als Betriebsrat mitbekommen habe, dass einige Leihkräfte schon seit 3 Jahren keinen Urlaub machten: „Das ist für mich der Beweis, dass die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, immer noch in den Gliedern steckt.“ Vier Jahre sind vergangen, seit Leihkräfte, meist die gleichen Personen, in seiner Firma tätig sind. Für den Arbeitgeber haben sich damit viele Möglichkeiten aufgetan. Ein Leiharbeiter ist flexibel und vielseitig verwendbar.

Für Leihpersonal gibt es keine Krankheitstage, denn bezahlt wird nur bei Anwesenheit. Die Personalverantwortung liegt beim Verleiher. Leo freut sich darüber „dass etwa 10% der Leihkräfte einen befristeten Arbeitsvertrag auf dem ersten Arbeitsmarkt erhielten. Das ist zwar eine kleine Ausbeute, aber immerhin etwas.“ Mit der IG METALL kämpft er nach dem Grund-prinzip: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ für Verbesserungen – in seinem Betrieb und mit der IG Metall auf mehreren Ebenen.

Betriebsversammlung der Leiharbeiter

Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, mit einer ausgegliederten Abteilung von 40 Leiharbeitern auf einer Betriebsversammlung zu sprechen. Sie verdienten alle in etwa gleich – 7 Euro die Stunde. Hinzu kommt die Auslöse, die in etwa die Fahrtkosten deckt. Der Betriebsrat der Stammfirma hatte sich dafür eingesetzt, dass die Leiharbeiter mittags in eine benachbarte soziale Einrichtung zu einem warmen Essen gehen konnten. Nun fragte er die Leiharbeiter, warum niemand dieses günstige Angebot angenommen hatte – ein warmes Mittagessen mit allem Drum und Dran für 4,80 Euro.

Nach einem kurzen Schweigen meldete sich einer und sagte: „Für 4,80 Euro kann ich mir für 5 Tage mein Mittagessen selber mitbringen. Deshalb geh ich da nicht hin. Das ist mir zu viel.“ Ich versuchte, seine Rechnung zu verstehen. Kann ich mir ein warmes Mittagessen für 96 Cent überhaupt herstellen? Ja, wenn er sich täglich seine Nudeln mit Soße oder Kartoffeln mit Butter, also einfaches billiges Essen mitbringt, kann er viel Geld sparen. Aber viel Vitamine und nahrhafte Fette und Mineralien wird er dann nicht zu sich nehmen. Klar, mit 7 Euro Stundenlohn machst du keine großen Sprünge. Ein etwa 25-Jähriger sagte es klipp und klar: „Ich kann von dem Geld hier nicht leben. Ich jobbe nach der Arbeit.“ Dabei ist die Arbeit hier kein Zuckerschlecken. Es ist laut und anstrengend, der Druck ist überall zu spüren und die Angst der Beschäftigten auch, vor allem die Angst, dass sie schon bald hier wieder weg sind..

Ein junger Leiharbeiter sagte mir: „Ich schau, dass ich so bald wie möglich den Techniker machen kann. Dazu brauch ich noch Kohle.“ Ich frage ihn, wie er die 100 Kilometer Weg zur Arbeit zurücklegt. Seine Antwort: „Mit einem eigenen Auto ist als Leiharbeiter nichts mehr drin. Ich bin auf die Öffentlichen angewiesen.“ Schorsch, der Betriebsrat der Stammfirma, hat ein Ohr für sie. Sein Betriebsrat hat erreicht, dass der Konzern die Leiharbeiterquote nach unten korrigiert hat. Nicht mehr als 7 Prozent sollen es im Jahresschnitt werden. Er erklärt mir: „Wir waren schon erheblich höher in der Leiharbeiterquote. Darum sind 7 Prozent für uns ein Erfolg. Außerdem verhandeln wir jedes Jahr neu, dass Leiharbeiter in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen werden. Ich freu mich über jeden, der das Glück hat.“

Schorsch berichtet aber auch, dass der Betriebsrat auch von einer anderen Seite in Schwierigkeiten kommt: „Wir haben uns jetzt öfter auf Betriebsversammlungen dafür eingesetzt, dass Leiharbeiter fest angestellt werden. Aber jetzt kommen auch schon Stammarbeiter zu uns und sagen: wenn wir zu viele Leiharbeiter in der Stammbelegschaft haben, sind bei der nächsten Entlassungswelle auch wir dran.“

Der Spaltpilz mit Namen „Leiharbeit“ funktioniert – die Arbeitnehmerschaft wird auseinander dividiert. Dem versucht ein sehr gut aufgestellter Betriebsrat, mit der IG METALL im Rücken entgegen zu wirken. Schorsch jedenfalls hat immer ein offenes Ohr für Leiharbeiter und freut sich, wenn sie mit ihren Fragen zu ihm kommen: „Die rennen uns manchmal im Betriebsratsbüro die Bude ein.“

„Christliche Gewerkschaften“ gegen Leiharbeiter

Ein für uns sehr unangenehmes Kapitel ist die Rolle der so genannten „Christlichen Gewerkschaften“. Im Tarifvertragswerk spielen sie eine sehr ungute Rolle. Sie versuchen sich über Tarifverträge zu profilieren und verkaufen sich und die Arbeiter zum billigsten Preis an die Arbeitgeber.

Der jüngste Beweis dafür, die vor einem Jahr vom CGB abgeschlossenen Tarifverträge für Zeitarbeitnehmer/innen, die deutlich schlechtere Arbeitsbedingungen vorsehen. Während verschiedene Verbände von Zeitarbeitsfirmen Tarifverträge mit der DGB-Tarifgemeinschaft abgeschlossen hatten, hat sich der Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP) mit der Tarifgemeinschaft Christliche Gewerkschaften Zeitarbeit und PSA (CGZP) auf einen Tarifvertrag geeinigt. Dieser Tarifvertrag mit der „Un-Christlichen Gewerkschaft“ sieht im Vergleich zu den DGB-Tarifverträgen für die ohnehin mies bezahlten Zeitarbeitnehmer/innen eine deutlich schlechtere Bezahlung vor.

Dies hat zur Folge, dass Zeitarbeitsfirmen nun drohen, zum für die Arbeitgeberseite günstigeren Tarifvertrag zu wechseln. Wir haben uns als Betriebsseelsorge entschieden von dieser Form des Lohndumpings – zu Lasten der Schwächsten in unserer Gesellschaft – distanziert: „Die Kath. Betriebsseelsorge der Diözese Augsburg wendet sich gegen die allgemein verbreitete Lohndrückerei und will den gesetzlichen branchenspezifischen Mindestlohn. Unter anderem halten wir untertarifliche Lohn- und Manteltarifverträge für sehr schädlich, wie sie vor kurzem die „Christliche Gewerkschaft“ für Leih- und Zeitarbeiter abgeschlossen hat. Schlechtverdienende Zeitarbeitnehmer noch schlechter zu bezahlen ist unmoralisch.“

Prompt schickte mir der CGB wieder einmal eine Klagedrohung über 10 000.- EURO zu. Vor kurzem kam uns zu Ohren, dass auch einige kirchliche Träger nicht davor zurückscheuen, die schmutzigen Tarife des CGB anzuwenden. Wir haben bereits protestiert und werden dieses skandalöse Verhalten weiter verfolgen und brandmarken.

„Wir wollen heiraten“

Kürzlich so geschehen. Ein junges Paar kommt in die Beratungsstelle. Die beiden haben sich für einander entschieden. Ist doch schön, wenn junge Menschen sich bewusst für eine Ehe entscheiden, wenn sie Familie gründen wollen und sich auf Kinder freuen. Wo liegt also das Problem? Das Problem liegt darin, dass der junge Mann sagt: „Ich habe einen befristeten Arbeitsvertrag, der läuft nächstes Jahr aus. Und meine Freundin ist bei einer Leihfirma beschäftigt – für 7 Euro die Stunde. Wir wollen aber jetzt heiraten!“ Ja, wie soll das gehen? Kann dieses Paar guten Gewissens heiraten, wenn auf die nächsten Jahre nicht mit festen Einkommen zu rechnen ist? Kann es sich Kinder leisten, die Geld kosten, sogar viel Geld? Ja klar, viele sagen, es geht schon – irgendwie – und riskieren das „Projekt Familie“. Aber, dieses Paar, das ist heute kein Einzelfall mehr.

Es ist die existentielle Frage für viele junge Paare. Das junge Paar wollte nun wissen, ob es mit staatlichen Hilfen für die Gründung einer Familie rechnen kann: „Wir wollen heiraten. Aber wie können wir als Familie überleben?“ Die Antwort: „Die staatliche Unterstützung für Familien ist sehr mager und lückenhaft.“ Trotzdem wird dieses Paar das Wagnis einer Familie eingehen, weil es sich auf Kinder freut. Das Beispiel zeigt auch, dass Familienförderung und Familienpolitik sehr viel mit Betriebspolitik und mit den Strukturen in der Arbeitswelt zu tun hat.

San Precario und Santa Precaria

Ja, tatsächlich, es gibt diese beiden Heiligen. Zwar nicht wirklich, aber zumindest virtuell und als Symbolfiguren. Sie wurden vor kurzem in Italien erfunden, um auf das Elend der Prekären dieser Welt hinzuweisen – auf das Elend der befristet Beschäftigten, der Leiharbeiter/innen, der Niedriglöhner/innen, der Hungerlöhner/innen, der ungesichert Arbeitenden. Und es gibt sogar einen sehr „prekären Gedenktag“ dieser beiden modernen Heiligen, einen Tag, den es nur in diesem Jahr gibt und dann 3 Jahre nicht mehr – den 29.Februar. Die Bewegung um die Heiligen Precarius und Precaria hat einen ironischen Fürbittruf an den Heiligen Precarius entwickelt, der zum Abschluss dieses Artikels recht gut passt.

„ O heiliger Precarius, Beschützer der Prekären dieser Erde, Gib uns heute bezahlte Mutterschaft, Schütze die Abhängigen der Handelsketten, die Engel der Call-Center, Die Mitarbeiter, die an einem seidenen Faden hängen. Gib ihnen bezahlten Urlaub und eine sichere Rente, Ein fixes Einkommen und Sozialleistungen, Und bewahre sie vor kläglicher Entlassung. O heiliger Precarius, der du uns vor der Tiefe im sozialen Netz beschützt, Bete für uns armen Seelen mit befristeten Verträgen, Gequält von heidnischen Gottheiten des freien Marktes und der Flexibilität, Die unsicher herumlungern ohne Zukunft noch Haus, ohne Pension und Würde. Erleuchte mit Hoffnung die Arbeiter im Dunkeln. Gib ihnen Freude und Gloria. Jetzt und in Ewigkeit. Amen.“