Das Projekt Prüf_mit

Wer gestalten möchte, der muss mitarbeiten

Prüf_mit ein Projekt, von ver.di, IG BCE und IG Metall, dass unter dem Motto „Wir brauchen Sie als Prüferin und Prüfer“ das, unterstützt von Bundesministerium für Forschung, Bildung und Wissenschaft (BMBF), die Gewinnung und Qualifizierung von Prüferinnen und Prüfern fördert.

Über 300.000 ehrenamtliche Ausbildungsprüfer in Deutschland machen einen wichtigen Job: Zweimal im Jahr nehmen sie die Prüfungen der Auszubildenden und der Kolleginnen und Kollegen, die sich einer beruflichen Aufstiegsfortbildung gestellt haben ab und bewerten diese. Umso wichtiger ist es, dass Prüfer aus der betrieblichen Praxis kommen. Die Prüfungsausschüsse der regionalen Kammern sind zu zwei Dritteln mit qualifizierten Beschäftigten aus den Betrieben besetzt, das dritte Drittel mit Berufsschullehrern. Die Bereitschaft zu fördern hier mitzuwirken, sich zu qualifizieren und sich auszutauschen, ist das Ziel von prüf_mit.

Über dieses Projekt hat DENK-doch-MAL mit Ute Schmoldt-Ritter, die als Beraterin im Rahmen des Projektes prüf_mit bei der IG Metall mitarbeitet und sich schon seit vielen Jahren im Prüfungswesen engagiert, gesprochen.

 

Dreh- und Angelpunkt ist die Prüferkompetenz und die damit verbundene Bereitschaft zur Fort- und Weiterbildung

Interview mit Ute Schmoldt-Ritter

Ute, du bist nun schon mehr als 37 Jahren in der beruflichen Bildung aktiv und hast an der Neuordnung von Berufen mitgewirkt. Zuletzt an der Neuordnung zum Technischen Produktdesigner und Technischen Systemplaner.

SCHMOLDT-RITTER Mit den Neuordnungen haben wir uns als Gewerkschaften auf die Fahne geschrieben, dass die Ausbildung prozess- und handlungsorientiert gestaltet werden muss.

Du bist aber nicht nur an der Neuordnung beteiligt, sondern arbeitest aktiv in mehreren Prüfungsausschüssen mit und arbeitest als Beraterin bei Prüf_mit . Kannst du kurz beschreiben worin deine Arbeit als Beraterin besteht?

SCHMOLDT-RITTER Ziel ist es Prüfer bei ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen und neue Prüfer zu gewinnen. Die Demografie macht auch bei den Prüfern nicht Halt. Wir brauchen von daher Nachwuchskräfte, die sich in der Prüfungspraxis engagieren. Es hat sich ein Arbeitskreis von erfahrenen Bildungsexperten zusammen gefunden. Wir sind alle langjährig als Prüfer tätig und einige von uns sind auch Sachverständige in dem jeweiligen Beruf. In diesem Arbeitskreis tauschen wir uns aus und diskutieren Anregungen für unsere Beratungstätigkeit. Es ist immer spannend zu erfahren, was in den einzelnen Regionen unseres Landes in Sachen Bildung los ist. Wir haben uns zu einem regelrechten Fachforum entwickelt. Wir diskutieren aktuelle Fragestellungen aus der Verordnungsarbeit und geben uns Impulse für unsere Gewerkschaftsarbeit im Rahmen der beruflichen Bildung und natürlich im Prüfungswesen.

Ich selbst habe ein Seminarmodul zum Thema Kommunikation in der Prüfung entwickelt und führe auch Seminare zu diesem Thema durch. Hier geht es vor allem drum, wir man in Prüfungen so kommuniziert, dass sich Prüfling und Prüfer auf gleicher Augenhöhe bewegen und damit tatsächlich ein Prüfungsgespräch zustande kommt und nicht eine reine Wissensabfrage.

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Wer ist Ute Schmoldt-Ritter?

Von 1969-1972 Ausbildung als Technische Zeichnerin in der HAUNI in Hamburg-Bergedorf. DanaUteSchmoldtRitterch folgte ein Studium auf dem zweiten Bildungsweg zum Dipl. Ing. Maschinenbau mit Stipendium durch den Ausbildungsbetrieb. 1977 Dann Wiedereinstieg in der Ausbildungsfirma als Ausbilderin für Technische Zeichner (Fachrichtung Maschinenbau und Elektrotechnik) und ab 2000 zusätzlich verantwortliche Ausbilderin für Duale Studenten im Maschinenbau, ab 2006 Technische Produktdesigner als Ersatz für Technische Zeichner. Im gleichen Jahr nahm sie auch ihre Prüfertätigkeit für Technische Zeichner auf. 2011 kam die Mitarbeit als Prüfer für den Fortbildungsberuf Gepr. Berufspädagoge dazu. Sie war Sachverständige für Technische Zeichner/ Technische Produktdesigner beim BiBB als AN-Vertreter. Zeitweilig war sie auch bei der Entwicklung des Produktionstechnologen eingeschaltet. Aufgabenerstellerin bei der PAL für den Beruf Technische Zeichner. Sie war außerdem 19 Jahre lang Betriebsrätin bei HAUNI. Seit 2012 passive ATZ’-lerin und Beraterin beim Prüf_Mit Projekt der IG Metall.

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Die Mitarbeit im Prüfungsausschuss bringt viel Spaß, ist aber doch auch mit vielfältigen Problemen behaftet. Kannst du kurz darstellen, was das hauptsächlich für Probleme sind, wo du als Beraterin aktiv wirst.

SCHMOLDT-RITTER Die meisten Probleme habe ich in den Seminaren vor Ort erleben können. Die die Probleme sind sehr vielschichtig. Diejenigen die Prüfer werden wollen möchten etwas über Inhalte der Arbeit und Aufgaben eines Prüfers erfahren. Wie sieht es mit der Freistellung von der Arbeit aus? Kann ich das so einfach, welche Voraussetzungen muss ich erfüllen?

Ist er schon länger als Prüfer tätig ist rücken andere Fragestellungen in den Vordergrund. Hat er als Prüfer z.B. noch keine Prüfung mit einem Betrieblichen Auftrag abgenommen, werden Handlungshilfen dafür erwartet. Wie kann ich den beurteilen, da es ja keine vorgefertigten Lösungshinweise gibt? Woher weiß ich, dass der Prüfling den Auftrag selbst durchgeführt hat?

Viele Prüfer möchten Checklisten und Unterlagen zur Durchführung einer prozessorientierten Prüfung erhalten. Sie wünschen sich Unterlagen, Formulare und verbindlich formulierte Abläufe zur Umsetzung eines Fachgespräches und zum Bewerten eines Betrieblichen Auftrages. Diese Prüfer benötigen Rahmenrichtlinien bzw. Standards zur Orientierung. Diese Bedürfnisse versuchen wir im Rahmen unserer Beratung und unserer Seminare soweit wie möglich zu befriedigen.

IMG_2147Es gibt den Vorwurf, dass die Prüfung nichts mit der Realität der Ausbildung zu tun hat? Wie siehst du das?

SCHMOLDT-RITTER Das höre ich auch, kann es aber zum Teil nicht verstehen. Neue Prüfungsinstrumente, wie der Betriebliche Auftrag sind sehr prozessorientiert und damit realitätsnah. Wir müssen diese Instrumente nur mehr nutzen und inhaltlich füllen. Wenn solche Aussagen gemacht werden, vermute ich, dass die fachsystematische Ausbildung im Fokus der Ausbildung steht und dann ist Aufklärung notwendig.

Allerdings muss ich schon einräumen, dass bei den schriftlichen Prüfungen noch eine große Arbeit vor uns liegt. Hier muss ich dem Vorwurf dann durchaus zustimmen. Diese passen häufig nicht mit der betrieblichen Realität zusammen und sind rein wissensorientert.

Was müsste sich aus deiner Sicht an der Gestaltung der Prüfung ändern, damit sie den Anforderungen der Ausbildungsverordnungen entspricht?

SCHMOLDT-RITTER An der Gestaltung der Prüfung muss aus meine Sicht eigentlich nichts ändern. Es müssen aber die Prozesse zur Durchführung einer Prüfung und zur Entwicklung einer Prüfungsaufgabe verbessert werden. Aufgabenersteller und Prüfer müssten enger und besser bei der Abstimmung zusammenarbeiten. Evaluierung von Prüfungen, ein qualifiziertes Feedback und mehr Kooperation zwischen den Prüfungsausschüssen sind notwendig, damit sich die Qualität des Prüfungswesens verbessert. Nur so können wir unseren Anspruch von handlungs- und prozessorientierten Prüfungen erfüllen. Dann stellt sich die Frage nach der optimalen Gestaltung einer Prüfung nicht mehr. Hier muss die Abstimmung zwischen uns Gewerkschaftern noch erheblich verbessert werden.

Viel wird inzwischen von Kompetenzen gesprochen. Kompetenzorientierte Prüfungen soll es zukünftig geben. Wie müsste so etwas deiner Meinung nach aussehen?

SCHMOLDT-RITTER Der Betriebliche Auftrag ist aus meiner Sicht der richtige Weg zu einer Kompetenz-orientierten Prüfung. Wie schon erwähnt, erfordert die Bewertung eines betrieblichen Auftrages gute Kenntnisse der Prüfer über die betriebliche Realität und damit über die berufstypischen Abläufe sowie dafür notwendigen Fähigkeiten. Kompetenzorientierte Prüfungen verlangen insofern in erster Linie Kompetenzen bei den Aufgabenerstellern und Prüfern. Hier für sind Schulungen notwendig und natürlich auch eine ausreichende Zahl von Prüfern. Das wiederum erfordert die Bereitschaft der Betriebe kompetente und geeignete Prüfer für die  Prüfungstätigkeit aber auch für die Schulungen und Weiterbildungen freizustellen. Mit dieser Bereitschaft hätten wir dann die nötigen Ressourcen für die Ausgestaltung und Umsetzung von Kompetenzorientierten Prüfungen. Der Dreh- und Angelpunkt ist an dieser Stelle die Prüferkompetenz und die damit verbundene Bereitschaft zur Fort- und Weiterbildung.

Welche Qualifikationen benötigen dafür die Prüferinnen und Prüfer? Hast du da Ideen?

SCHMOLDT-RITTER Dazu gibt es viele Ideen. Wir haben in unserem Beraterkreis einige Seminareinheiten zu den Themen: Praxisaustausch, Betrieblicher Auftrag, Kommunikation, kompetenzorientiert Prüfen und Gesprächssimulation entwickelt. Ziel ist es eine prozessorientierte Ausbildung zu erreichen, die in eine prozessorientierte Prüfung zur Folge hat. Hierzu gehört die Fähigkeit Fachgespräche zu führen. Regeln der Kommunikation sowie Einfühlungsvermögen sind dabei ebenso wichtig, wie die Kompetenz zum Bewerten und Beurteilen einer Prüfungsleistung. Es geht um die Reflexion der eigenen Prüfertätigkeit. Meine Vision: Ein Leitbild für Prüfer!

LerngruppeEs geht nicht darum, dass wir Wissen abfragen, es geht darum, die berufliche Handlungskompetenz zu prüfen und dafür müssen die Prüfer selbst über diese Handlungskompetenz verfügen.

Wenn du heute auf deine 37 Jahre Erfahrungen zurückblickst. Was hat dir da meisten Spaß gemacht und was möchtest du auf gar keinen Fall missen?

SCHMOLDT-RITTER Die Zusammenarbeit mit den Kollegen. Die Chance mich weiterentwickeln zu kön-nen. Missen möchte ich auf gar keinen Fall den Kontakt zu den jungen Facharbeitern (Azubis), die mich immer geerdet haben.

Ute, zum Schluss noch eine letzte Frage. Warum sollte sich ein Gewerkschafter für die berufliche Bildung und hier insbesondere für die Mitarbeit im Prüfungsausschuss und bei der Gestaltung von Prüfungen engagieren?

SCHMOLDT-RITTER Weil Bildungsarbeit immer noch die größte Möglichkeit bietet, sich einzumischen und mitgestalten zu können. Von der Entwicklung eines Berufsbildes bis hin zur Umsetzung und Mitgestaltung der Prüfung, von der Gestaltung und Umsetzung der betrieblichen Aus- und Fortbildung über die Betriebsratstätigkeit bis hin zur Bildungsarbeit in der Gewerkschaft. Die Mitwirkung in einem Prüfungsausschuss ist eine gute Möglichkeit sich fachlich und persönlich zu engagieren und sich gleichzeitig selbst weiter zu bilden. Bildungsarbeit bietet viele Plattformen an. Es geschieht nichts Gutes – außer man tut es.

 

Wir möchten uns ausdrücklich bei Ute für ihre Bereitschaft bedanken, hier Rede und Antwort zu stehen. Wir wünschen ihr noch viel Erfolg bei ihrer tollen Arbeit und hoffe, dass noch viele Prüfer und Interessierte die Möglichkeit zu einer Schulung nutzen.

 

Hier die Internetseiten des Projekts:

Prüf mit bei ver.di

Berufene Prüfer/innen und am Ehrenamt interessierte Kollegen und Kolleginnen können sich auf der Homepage selbst registrieren.

Prüfen bei WAP

PRÜF´ MIT ist die freie Informationsseite der IG Metall für Prüferinnen & Prüfer. Das Projekt wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Prüfungswesen »Prüf mit! – IG BCE

Prüf mit! Warum sollte ich Prüfer werden? Viele Gründe sprechen dafür, Prüfer zu werden. Wie kann ich Prüfer werden?