Ein Berufsbild aus der modernen Erlebnisgesellschaft

Von Thomas RauDanny L., Auszubildender im TV-Studio.

INTERVIEWER: Junge Leute haben’s ja heute wahnsinnig schwer, einen Job zu finden. Aber hier ist einer, der gleich das große Los gezogen hat: Ein richtiger, echter, deutscher Ausbildungsplatz. Wie fühlst Du Dich Danny?

DANNY L.: (In der linken Hand ein Lolli, in der rechten Hand eine Cola-Dose) Super. Echt Super. Einfach megacool.

INTERVIEWER: Erzähl und doch mal was von Deiner Ausbildung, Danny. Wie bist Du eigentlich auf die Idee gekommen, eine Ausbildung zum Auftragsmörder zu machen?

DANNY L.: Na, ich wollte schon immer ’n Beruf, wo ich was mit Menschen zu tun hab‘.

INTERVIEWER: Und Deine Eltern – wie finden die das?

DANNY L.: Die sind total happy, dass ich endlich ’n Job hab‘. Und sie sind auch mächtig stolz, dass ich bei Gutenberg bin. Die ham ja’n super Namen hier in Hamburg. Herr Gutenberg, also mein Chef, ist sogar Präsident der Landesinnung der Auftragsmörder.

INTERVIEWER: Stimmt – und allseits anerkannter Unternehmer, der sich rührend für das Berufsimage einsetzt. Was ja auch Not tut, denn mit dem Image der Auftragsmörder ist ja nicht zum Besten bestellt. Ist das eigentlich ein Problem für Dich, Danny?

DANNY L.: Da wer‘ ich echt stinkig, wenn die Leute uns Killer nennen. Die ham doch Null Ahnung. Killer sind die Hirnis ohne Ausbildung. Die können bloß rumballern und machen jede Menge Murks. Schön blöd, wer so’n Knallkopp engagiert. – Mein Chef sagt immer: Qualität gibt’s nur vom Fachmann. Und das stimmt auch. Bei uns kann niemand meckern – alles cool: Beratung, Termin, Preis-Leistungsverhältnis – und sechs Monate Garantie gibt’s auch.

INTERVIEWER: Die Ausbildung ist ja anspruchsvoll, wie ich am Lehrplan gesehen habe.

DANNY L.: Oh ja, die ist derbe kompliziert. Also Ballistik zum Beispiel: Oder Giftstoffkunde. Oder Zerlegen mit dem Messer. Na ja – auch Buchführung und Steuerrecht. Nächste Woche hab‘ ich Theorieblock an der Berufsschule. Da geht’s dann um Anatomie, Waffenkunde und Umweltschutz. Entsorgung und so.

INTERVIEWER: Entsorgung?

DANNY L.: Ja, klar: Leichen dürfen ja heute nicht mehr einfach so liegen bleiben. Sonst kommt ganz fix die Umweltbehörde. Zum Beispiel Amalgam aus den Zähnen oder Herzschrittmacher – die müssen als Sondermüll entsorgt werden, sonst gibt’s Riesenärger.

INTERVIEWER: Das leuchtet ja auch irgendwie ein. – Kommen wir zu einem anderen Thema: Wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor?

DANNY L.: Die Ausbildung dauert drei Jahre. Dann würde ich gerne noch’n Jahr ins Ausland gehen. Zum Beispiel nach Sizilien – an die Mafia-Akademie! Wenn ich die Prüfung mit „eins“ mache, krieg‘ ich vielleicht n‘ Stipendium für die USA. Das wär‘ obergeil: Ein Jahr Texas. Die sind Weltklasse in Sachen staatlicher Liquidationstechnik.

INTERVIEWER: Ach so, verstehe – Du willst in den Staatsdienst – na ja, Henker ist auch ein krisenfester Job.

DANNY L.: Bäh, bloß nich‘ Beamter! Ich mach mich lieber selbstständig! ‚Ne coole Idee hab‘ ich schon: Die Leute warten heut‘ ja ewig, bis sie endlich mal was erben. Das is’n Riesenmarkt. ‚N geilen Spruch hab‘ ich auch schon: „Willst Du morgen früh was erben, lass den Papi heut‘ noch sterben“.

INTERVIEWER: Tja, was soll man dazu sagen: Einen richtig erfrischend dynamischer, junger Mensch – mit Ideen und mit Unternehmergeist. Und man sieht, dass es einfach nicht stimmt, dass alle jungen Leute abhängen und Drogen nehmen. Sie wollen sich engagieren und sinnvoll in unsere schöne Gesellschaft eingliedern. – Danny, noch eine Frage zum Abschluss: Hast Du denn schon Deinen ersten Auftrag erledigt?

DANNY L.: Nö, noch nicht so richtig. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, sagt Herr Gutenberg. Ich darf höchstens mal die Pistole nachladen oder das Messer rausziehen. Und trotzdem: Ich hätte nicht gedacht, dass mein Beruf so abwechselungsreich und interessant ist.

INTERVIEWER: Beneidenswert, wenn man sagen kann: Mein Beruf macht mir Spaß.

DANNY L.: Und wie. Mordsspaß – echt!

(aus: Thomas Rau, Die Weihnachts-Razzia, Eine Sammlung von 31 satirischen Minidramen aus Programmen ddes Hamburger Lesetheaters HamLeT. Von frech über skuril bis rabenschwarz)