Editorial

Von: Gerhard Endres (Freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, München)

Gerhard Endres

Freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, München

Gerhard Endres ist freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, er lebt in München. Er ist erster Vorsitzender des Netzwerks für Gesellschaftsethik.


Die Ökonomisierung der Gesellschaft schreitet zum Teil schleichend und verborgen, zum Teil mit erstaunlicher Offenheit voran. Der digitale Kapitalismus gibt dieser Entwicklung einen zusätzlichen Schub. Soziale Medien wie Facebook, Instagram, Suchmaschinen wie z.B. Google, Online-Händler wie Amazon oder Softwarefirmen wie Microsoft erscheinen wie die lange ersehnten Heilsbringer einer neuen Prosperität. Die betriebswirtschaftlichen Konzepte der großen Internetplattformen sind für Außenstehende nur schwer erkennbar: „Das Kapital“, so titelt Timo Daum, „sind wir“, womit er darauf aufmerksam machen will, dass der von den Usern produzierte ‚Traffic‘ und die von ihnen gelieferten Informationen die Basis des Geschäfts der großen Internetgiganten bilden. Je mehr Informationen, desto besser, nicht Qualität, sondern Quantität entscheiden, oder mit den Worten Timo Daums: „Lüge und Wahrheit sind eins – einzig relevant Algorithmus, Ranking und Wahrscheinlichkeit.“ (ebd. S. 80) [1]

Angesichts dieser Entwicklungen stellen sich viele Fragen neu (und bedürfen doch vielfach Antworten, die in der Sozialgeschichte und Sozialethik durchaus bekannt sind). In der Debatte um die Entgrenzung der Arbeit taucht die Frage auf, ob neue Formen der digitalen Tätigkeiten schon oder noch mit dem Begriff der Arbeit oder der Erwerbsarbeit zu fassen sind. Damit einher geht ein weiterer Diskurs. Sind diese Tätigkeiten der Plattformökonomie Teil einer neuen Taylorisierung und entleeren sie Arbeit damit ihrer Sinnhaftigkeit oder bilden sich in ihnen neue Möglichkeiten der Sinnbildung ab?

Foto: Gerhard Endres

Von Karl Marx und wichtigen „Klassikern“ vor ihm kennen wir die Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert. Der Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft besteht demnach darin, über die Verausgabung von Arbeitskraft einen Mehrwert zu schaffen. Dieser lässt sich im Kapitalismus nur über den Gebrauchswert eines geschaffenen Produkts oder einer Dienstleistung realisieren. Der Gebrauchswert eines Produktes, humane Arbeitsbedingungen und sozial gestaltete Rahmenbedingungen geben Erwerbsarbeit Sinn.

Arbeit – so ist eine der Deutungslinien der Überschrift dieses Heftes – macht Sinn, genauer: es ist um die Sinnhaftigkeit von Arbeit zu streiten. [2] Aus der Geschichte der Arbeit wissen wir, dass dies in einem ambivalenten und interessebesetzten Umfeld geschieht. Die Höhe der Löhne ist genauso umstritten wie die Länge der Arbeitszeit, die Qualifikation oder der Arbeitsinhalt. Arbeit, Macht und Sinn bilden ein enges soziales Bezugsverhältnis, weil ökonomische, politische und soziale Macht die Verhältnisse, in denen gearbeitet wird, maßgeblich beeinflussen. Als persönliche, institutionelle, politische oder ökonomische Macht von Eigentümern wird die Arbeit geprägt oder gar in verschiedener Weise bestimmt und beherrscht. Andererseits: Ohne die Macht von Beschäftigten und ihrer politischen und sozialen Organisationen hätten sich in der Geschichte der Arbeit nicht zentrale Möglichkeiten der Mitwirkung oder der Gestaltung von Arbeitsverhältnissen durchsetzen lassen. Ohnmächtig standen und stehen Beschäftigte oft genug Interessen und Entscheidungen großer Konzerne gegenüber. Ihre Macht verbirgt sich nicht selten hinter dem im Neoliberalismus wieder populär gewordenen Marktradikalismus oder den undurchsichtigen Strukturen multinationaler Digitalkonzerne. Macht kann zu etwas Gutem und Sinnvollen eingesetzt werden. Viel häufiger werden die verschiedenen Formen von Macht als unangenehm, bedrückend und nicht selten als Ausbeutung der Arbeit erlebt.

Ausgehend von der Überzeugung, dass Arbeit und Gesellschaft fundamental von den ökonomischen Prozessen und ihrer sozioökonomischen Deutung bestimmt werden, sind an den Anfang des Heftes zwei Beiträge gestellt worden, die sich mit wichtigen Teilaspekten dieses Themas befassen.

Foto: Gerhard Endres

Michael Wendl befasst sich mit der ungebrochenen Bedeutung des Marktfundamentalismus und der zugrunde liegenden Theorie Hayeks. Eine besondere Note bekommt dieser Aspekt dadurch, dass Teile des sog. Rechtspopulismus eine Verbindung zwischen Marktradikalismus und nationalistischer Wirtschaftspolitik herzustellen versuchen. Wichtige Mitglieder der einflussreichen Hayek-Gesellschaft wie Alice Weidel, Beatrix von Storch, Peter Boehringer haben auch wichtige Funktionen in der AfD inne. „Nichts hasste Hayek mehr“ – so Michael Wendl – „als eine politische Mehrheit, die sich erdreistete, in die Marktgesetze einzugreifen, um sich vor den zerstörerischen Kräften des Marktes zu schützen.“

Die umfassende sozioökonomische Krise, der naturzerstörende Verbrauch der Umwelt, Armutsstrukturen innerhalb und zwischen den Gesellschaften, die enorme Konzentration von Reichtum und Vermögen in den Händen weniger machen ein Umsteuern und damit eine gestaltende Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik geradezu zur Notwendigkeit. Friedhelm Hengsbach gibt uns vier Anregungen mit auf den Weg: eine alternative Berechnung des Bruttoinlandsprodukts (um auch den Ressourcenverbrauch sichtbar zu machen); ein anderes, erweitertes Verständnis von Arbeit; mehr Zeitsouveränität für die Einzelnen; größere Räume für alternative Formen des Wirtschaftens.

Erwin Helmer, Betriebsseelsorger und damit einerseits täglich mit belastenden Folgen von Erwerbsarbeit konfrontiert, andererseits politisch, sozial und in seiner Weltanschauung wie Friedhelm Hengsbach geprägt von den Vorstellungen der katholischen Soziallehre, setzt sich in seinem Beitrag mit den negativen Auswirkungen prekärer Arbeit auseinander. Prekäre Arbeit kann man mit Blick auf die Entwicklung der Erwerbsarbeit in den letzten Jahrzehnten als eine Erscheinung des modernen Kapitalismus deuten. Sie greift als Leiharbeit, als befristete Arbeit, als Werksvertragsarbeit, als Niedriglohnarbeit zunehmend um sich.  Auf diese Arbeitsformen trifft zu, was Papst Franziskus in einer prägnanten Botschaft 2013 zum Ausdruck brachte: „Diese Wirtschaft tötet.“ (Evangelii Gaudium, vom 24.11.2013). Deshalb gebe es nur den Weg der Überwindung der negativen Auswüchse dieser Arbeitsformen.

Im Januar dieses Jahres gab es auf SPIEGEL ONLINE eine anregende Debatte über das größere Selbstbewusstsein von Handwerkern. Auslöser war die Meldung über einen Fliesenleger aus Bayern: „Weil ihn das Verhalten einiger seiner Kunden verärgerte, ist ein Fliesenleger einen ungewöhnlichen Weg gegangen: Bei seinem Betrieb aus der Region um Ingolstadt müssen sich bestimmte Berufsgruppen mit Auftragswünschen nicht mehr melden“ (SPIEGEL ONLINE.de, Abruf vom 12.1.2019). Gemeint sind hier vorrangig Menschen mit einem akademischen Berufsabschluss, die nach seiner Meinung ihm gegenüber nicht selten arrogant aufträten und seine Tätigkeit, seine berufliche Qualifikationen und seine Erfahrungen selten zu schätzen wüssten. So skurril diese Meldung anmutet, so grundsätzlich ist die Frage der Wertschätzung von handwerklicher Facharbeit in Gesellschaft und Arbeitswelt. An dem Problem der mangelnden Kooperation zwischen Ingenieurinnen und Ingenieuren einerseits und beruflich ausgebildeten Fachkräften im Betrieb andererseits anknüpfend, spüren in einem Gespräch Fritz Böhle und Gerhard Endres der Bedeutung der beruflichen Bildung und des Erfahrungswissens in der Arbeitswelt der Zukunft nach.

In den beiden nachfolgenden Beiträgen steht die politische Gestaltung im Vordergrund. Für Klaus Barthel, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen in der SPD, stellt sich die Frage, wie angesichts der durch die Entwicklung auf den Finanzmärkten, durch Globalisierung und Digitalisierung verursachten Eingriffe in Arbeitsmarkt- und Arbeitspolitik wieder mehr Gerechtigkeit hergestellt werden könne. Zentral ist ihm, dass in der Arbeitswelt durch solidarisches Handeln die Machtfrage gestellt werden müsse. Zentrale Handlungsfelder sind für ihn eine solidarische Arbeitsmarktpolitik, die Schaffung einer Arbeitsversicherung, ein auch weiterhin auf Erwerbsarbeit beruhendes und an einer ausreichenden Grundsicherung orientiertes Sozialversicherungssystem, die Stärkung des Flächentarifvertrags und der Verhandlungspositionen der Gewerkschaften sowie die umfassende soziale Gestaltung von Arbeit und Arbeitsbedingungen.

Neue Formen der Arbeit drängen nach neuen Ansätzen der Organisation von Arbeitenden und die Regulation von Arbeit. Hierbei gibt es Traditionslinien, die aus der Vergangenheit in Gegenwart und Zukunft reichen. Eine dieser Linien bildet die Konzeption der Wirtschaftsdemokratie. Als zentralen Ansatzpunkt der Gestaltung von Arbeit beschäftigt sich Gerhard Endres mit der Bedeutung der Wirtschaftsdemokratie für die soziale Gestaltung von Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft. Jede Wirtschaftsordnung beeinflusst die Bildung und Bildungspolitik, in dem sie finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellt, aber auch die Inhalte der Bildungspolitik. Ein Beispiel: Der Stellenwert einer gesellschaftspolitischen Bildung in allen Schulen hängt davon ab, welchen Stellenwert eine emanzipatorische Bildungspolitik hat, die auch die jeweilige Ausprägung einer Wirtschaftsordnung kritische befragt. Duale Ausbildung, Bildung in den Schulen und Hochschulen und Weiterbildung braucht personale und finanzielle Ressourcen, um die nach wie vor vorherrschende Ungleichheit der Bildungschancen zu verkleinern. Finanzielle Ressourcen hängen auch vom Steueraufkommen und der Verteilung von Steuern ab. Steuerpolitik ist Ausdruck einer Wirtschaftsordnung. Die Ausrichtung der Wirtschaftspolitik beeinflusst die Ausgestaltung jeder Form von Bildung.

In dem Beitrag werden einige Aspekte, die für eine Weiterentwicklung der bisherigen Formen von Mitbestimmung bedenkenswert sind, ausgeführt. Aufgrund der Komplexität und Vielschichtigkeit der Debatte können die Ausführungen nur ein persönlicher Impuls für eine Diskussion, die kürzlich Hans-Jürgen Urban, Hauptvorstandsmitglied der IG Metall mit seinem Buch

Den Abschluss bildet eine Buchbesprechung: Gerhard Endres bespricht Felix Rauner, Der Weg aus der Akademisierungsfalle, Die Architektur paralleler Bildungsgänge, Berlin, 2018, 155 Seiten,

Noch ein Hinweis in einer anderen Sache: Die Diskussion über das Prüfungswesen in der beruflichen Bildung, namentlich die Auseinandersetzung mit dem Projekt der kompetenzorientierten Prüfung hat DENK-doch-MAL einen weiteren lesenswerten Beitrag zu diesem Thema beschert. Hans Borch und Gerd Labusch-Schönwandt, die den Artikel zum kompetenzorientierten Prüfen verfasst haben, haben darin sich darin mit dem Positionspapier der „Sachverständigen des Beraterkreises des ver.di-Projektes ‚Prüf mit‘“ befasst und zu den aus ihrer Sicht kritischen Punkten Stellung genommen. Dieser Beitrag vervollständigt diese Ausgabe von DENK-doch-MAL.

Aufgrund der Komplexität und Vielschichtigkeit der Debatte können die Ausführungen nur ein persönlicher Impuls für eine Diskussion sein, der kürzlich Hans-Jürgen Urban, Hauptvorstandsmitglied der IG Metall mit seinem Buch „Gute Arbeit in der Transformation“ einen wichtigen Anstoß gegeben hat.

Wir wünschen zu allen Beiträgen eine spannende Lektüre.

Gerhard Endres
DENK-doch-MAL – Redaktion

 

 

[1] Daum, Timo, Das Kapital sind wir. Zur Kritik der digitalen Ökonomie, Hamburg 2017

[2] Bei der Titelsuche und auch bei der Konzeption haben wir uns von einem Antrag aus der Katholischen Arbeitnehmerbewegung leiten lassen: Arbeit.Macht.Sinn. Leitantrag des KAB Bundesverbandstags 2017