Editorial

Von: Dr. Roman Jaich (Wissenschaftlicher Mitarbeiter von ver.di und der Regiestelle weiter bilden, Berlin)

Dr. Roman Jaich

Wissenschaftlicher Mitarbeiter von ver.di und der Regiestelle weiter bilden, Berlin

Dr. Roman Jaich, Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, danach Erwerb der Hochschulreife und Studium an der Universität Kassel im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften mit volkswirtschaftlicher Ausrichtung. Im Anschluss an das Studium wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel im Fachgebiet Wirtschaftsrecht von Prof. Bernhard Nagel. Mitarbeit an verschiedenen Forschungsprojekten, z.B. zur „Konstituierung Europäischer Betriebsräte“ und zur „Finanzierung von Bildung in Deutschland“. Arbeitsschwerpunkte: Ökonomische Analyse des Rechts, Ökonomische Analyse des Arbeitsrechts, Mitbestimmungsforschung und Bildungsökonomie. Promotion zum Thema „Globalisierung und ...
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PHÄNOMEN Löst das duale Studium die duale betriebliche Berufsausbildung ab? Das neue Format legt jedenfalls gerade eine richtig tolle Karriere hin. Die Beiträge dieser Ausgabe von DENK-doch-MAL.de beschäftigen sich damit und klären wie Betriebe, Hochschulen und Gewerkschaften darauf reagieren.

Berufsbildung, insbesondere die duale Berufsausbildung, war immer schon durch Herausforderungen gekennzeichnet, die oft auch als massive Bedrohungszenarien beschrieben wurden. Seien es die Schwierigkeit der Wirtschaft (Unternehmen) ausreichend Ausbildungsplätze bereit zu stellen, die Probleme bei der Integration lernschwache Schulabgänger oder jetzt eben die Akademisierung. Auf einmal heißt es, die Betriebe haben kein Interesse mehr an der Berufsausbildung, da sie ihren Fachkräftebedarf auch durch die große und wachsende Zahl von Hochschulabsolventen decken können. Oder anders herum die Schulabsolventen verlieren das Interesse an einer Berufsausbildung und wollen lieber studieren.

Die Fakten vermitteln zumindest dieses Bild: Im Wintersemester 2016/2017 immatrikulierten sich knapp 510.000 Studierende erstmals an einer Hochschule. Und bei der Berufsausbildung? Im September 2016 gab es nur etwas mehr, nämlich 520.000 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge. Im Vergleich dazu betrug die Zahl der Studienanfänger im Jahr 1995 noch ca. 262.000 und die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge lag bei 573.000. Der Daten zeigen: Die Anzahl der Studienanfänger hat sich nahezu verdoppelt, während bei den Ausbildungsverträgen eine Halbierung festzustellen ist.

Zwar prägt nicht mehr der Begriff Akademisierungswahn die Diskussion um die Zukunft der (dualen) Berufsausbildung. Aber im Gewand der Digitalisierungsdebatte wird dann auch schon mal die Forderung nach einer wissensintensiven Ausbildung – also Studium – laut. So befinden wir uns in einer Situation, in der in wissenschaftlichen und auch bildungspolitischen Debatten kaum jemand vergisst, die duale Berufsausbildung zu loben, das ändert aber nichts daran, dass diese stagniert, da Schulabgänger sich in einem stärkeren Maße entschließen, ein Hochschulstudium aufzunehmen.

Zudem gewinnen Mischtypen – vor allem das duale Studium – zunehmend an Bedeutung. Die Folge ist naheliegend, man nennt es dann nicht mehr Verdrängung, sondern Substitution. So auch Dieter Euler und Eckart Severing, in ihrer Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung „Welche Berufsausbildungen sind durch akademische Bildungsangebote gefährdet? Indikatoren für eine Verschiebung von der Berufsausbildung in akademische Studienangebote“. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass für die kaufmännischen Berufe sowie für die Gesundheitsberufe ein sehr hohes Substituierungspotential besteht.

Allerdings ist die Substitution, akademische Bildungsgänge ersetzen beruflicher Bildung, nur ein mögliche Entwicklung. Denkbar ist auch, dass Akademisierung nicht zu einer Verdrängung der dualen Berufsausbildung führt, sondern eher die  Arbeitslosenquote der Akademiker in die Höhe treibt oder zu unterwertiger Beschäftigung führt (vgl. Bosch 2012, S. 25 f.). So könnte mittelfristig die Bildungsrendite eines akademischen Studiums sinken und duale Ausbildung auch für leistungsstarke Jugendliche wieder an Attraktivität gewinnen. Der Autorengruppe Bildungsberichterstattung konstatierte in ihrem 2014 erschienen Bildungsbericht zur Frage der Substitution noch ein hohes Maß an Ungewissheit: „Unklar ist noch, in welchem Maße der Bachelorabschluss einer Universität in berufliche Positionen führt, für die bislang kein Hochschulabschluss erforderlich war“ (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2014, S. 6). Mehr Klarheit gab es in den darauffolgenden Jahren allerdings aber auch nicht.

Akademisierung betrifft aber nicht nur die Bedeutung der dualen Berufsausbildung, auch die Hochschulen verändern sich. Das fängt an bei steigenden Studierendenzahlen, bezieht sich aber auch auf ihre Rolle und Selbstverständnis als Bildungseinrichtung. Zu fragen ist, wie die Hochschulen ihre Aufgabe als Ausbildungseinrichtung wahrnehmen, wenn es den Studenten möglicherweise nicht mehr um Erkenntnis und Wissenschaft geht, sondern um gute Startpositionen in das Erwerbsleben. Sind Hochschulen darauf vorbereitet?

Das thematisiert auch die Arbeitsmarktchancen der Hochschulabsolventen. Wie sind zum Beispiel die Möglichkeiten auf einen ausbildungsadäquaten Arbeitsplatz eines „traditionellen“ Bachelorabsolventen (der ohne Praktika und sonstige Berufserfahrung von der Hochschule kommt) einzuschätzen, wenn Unternehmen sich verstärkt für das duale Studium interessieren? Sind dessen Arbeitsmarktchancen womöglich sogar schlechter als die eines Absolventen der dualen Berufsausbildung?

Wir wollen mit dieser Ausgabe den Blick auf die einige Facetten dieses Phänomens richten. Was ist dran am Untergang der dualen Berufsausbildung?

Nach Einschätzung von Prof. Dr. Rita Meyer, Hochschullehrerin an der Leibniz Universität Hannover, sind angesichts veränderter Qualifikationsanforderungen sowie eines anderen Bildungsverhaltens junger Menschen am oberen Rand des Berufsbildungssystems neue „hybride“ Bildungswege entstanden. Als Referenzpunkt für die Bewertung dieser neuen Bildungsformate legt sie dar, was Beruflichkeit bzw. die berufsförmige Organisation von Arbeit ausmacht. Sie kommt zu dem Schluss, dass weder duale Studiengänge, noch ein berufsbegleitendes Studium, aus bildungspolitischer wie auch individueller Perspektive Mängel aufweisen. Notwendig ist aber nach ihrer Einschätzung, die neuen hybriden Bildungsformate in das Konzept der Beruflichkeit zu integrieren, was in erster Linie heißt, sie gemessen an den Qualitätsstandards der Berufsbildung zu regulieren.

Prof. Dr. Uwe Elsholz und Ariane Neu, beide arbeiten an der Fernuni Hagen, gehen in ihrem Beitrag „Akademisierung: Wie (re)agieren die Betriebe?“ der Frage nach, wie sich betriebliche Qualifizierungsstrategien vor dem Hintergrund steigender Studierendenzahlen verändern. Sie referieren den Zwischenstand aus einem von der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) gefördertem Projekt, in dem in drei Branchen (IT, Metall/Elektro und Einzelhandel) Gespräche mit betrieblichen Akteuren geführt wurden. Einen Akademisierungswahn oder auch –druck sind sie dabei nicht begegnet. Allerdings weisen sie darauf hin, dass so ganz spurlos der Trend zu höheren Bildungsabschlüssen auch an den Unternehmen nicht vorbeigeht.

Kommt es im deutschen Hochschulwesen zu einer Verberuflichung von Studium und Lehre?. Im Unterschied zu den Fachhochschulen zeigen sich die Universitäten weitgehend unbeeindruckt von der Diskussion um eine Akademisierung der Berufsbildung sowie einer Verberuflichung der akademischen (Aus-)Bildung. Sieben Aspekte der Akademisierung, die zu einer möglichen „Verberuflichung akademischer Bildung“ führen könnten, betrachtet Dr. Ulf Banscherus näher: (1) die massive Expansion der Studienanfängerzahlen, (2) die steigende Durchlässigkeit zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung, (3) die Anrechnung von außerhochschulischen Kompetenzen, (4) das verstärkte Angebot flexibler Studienformate, (5) die Hochschulen als Akteure der (beruflichen) Weiterbildung, (6) den Ausbau dualer Studiengänge und  (7) die Ausweitung des Fächerspektrums der (Fach-)Hochschulen. Seine Ergebnisse sind ernüchternd…

„Wie lassen sich Aus- und Fortbildungsordnungen attraktiver gestalten?“ danach fragt Dr. Hannelore Mottweiler, aus dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Ihr geht es um die Zukunft der Berufsausbildung in Zeiten der Akademisierung. Sie beobachtet Verschiebungen in der Bildungslandschaft, hervorgerufen durch veränderte Bildungsentscheidungen von Schulabsolventen und -absolventinnen mit (Fach-)Hochschulzugangsberechtigung, die zu Herausforderungen für die Gestaltung beruflicher Aus- und Fortbildungswege führen. Darüber hinaus plädiert sie für eine Gleichwertigkeit zwischen beruflichen und akademischen Qualifizierungswegen auf den jeweils äquivalenten Stufen des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR), eine gerade auch im Hinblick auf Fachkräftesicherung eminent wichtige politische Aufgabe.

Das duale Studium im Kontext der Akademisierung beschreibt Dr. Sirikit Krone, Wissenschaftlerin an der Universität Duisburg Essen. Die zugrunde gelegten Befragungsergebnisse wurden im Rahmen des von der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) geförderten Forschungsprojektes ‚Karrierewege dual Studierender‘ erhoben. Dr. Sirikit Krone kommt zu dem Ergebnis, das vom Konzept her die Durchlässigkeit zwischen den Sektoren der hochschulischen und betrieblich-beruflichen Bildung, unter Annäherung und gegenseitiger Wertschätzung der beiden Systeme, gelungen ist. So genügt das duale Studium nach ihrer Einschätzung zum einen dem steigenden Bedarf an Hochschulbildung bzw. Hochschulabschlüssen und zum anderen werden die zentralen arbeitsmarktpolitischen Merkmale der dualen Berufsausbildung mit einer langen, erfolgreichen Tradition in Deutschland auf ein tertiäres Niveau übertragen.

Prof. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn (BIBB), erklärt im Interview, warum das BIBB sich mit dem dualen Studium beschäftigt. Die vielfältigen Modelle von dualen Studiengängen ermöglichen es den Betrieben, ein genau für sie passendes Modell zu finden oder zusammen mit den Hochschulen auf ihre Bedarfe zuzuschneiden. Wichtig sei es jedoch, dass bei dualen Studiengängen klare Qualitätskriterien definiert und eingehalten werden.

In Baden-Württemberg hat das duale Studium mit der früheren Berufsakademie Baden-Württemberg eine über 40-jährige Tradition. Im Interview beschreibt Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, warum die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBV) so wichtig ist und das duale Studium weder die duale Berufsausbildung noch das traditionelle Studium ersetzen. Ihre These: Die Duale Hochschule trägt zur Bereicherung der Bildungslandschaft bei.

Uta Kupfer und Thomas Ressel, aus den Berufsbildungsabteilungen von ver.di und IG Metall, fragen nach den Herausforderungen für die Gewerkschaften, wenn es um Akademisierung geht. Nachdem sie detailliert der Frage nachgegangen sind, welche Bildung unsere Gesellschaft braucht, treten sie für eine bildungsbereichsübergreifende Reformdiskurs ein. Sie sprechen sich dabei für eine ganzheitliche Perspektive aus, die nicht einzelne Bildungssäulen in den Blick nimmt, sondern einerseits Berufsbildung und Hochschulbildung und andererseits auch Ausbildung und Weiterbildung gemeinsam gestaltet. Für die berufliche Bildung ist nach ihrer Einschätzung ein Monitoringverfahren zu entwickelt und zu etablieren, um so frühzeitig Veränderungsbedarf zu erkennen.

Literatur

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2014): Bildung in Deutschland 2014. Bielefeld

Bosch, Gerhard (2012): Gefährdung der Wettbewerbsfähigkeit durch zu wenige Akademiker: Echte oder gefühlte Akademikerlücke? In: Kuda, Eva/Strauß, Jürgen/Spöttl, Georg/Kaßebaum, Bernd (Hg.)(2012): Akademisierung der Arbeitswelt. Zur Zukunft der beruflichen Bildung, Hamburg, S. 20-35

Euler, Dieter, Dieter/Severing, Eckhart (2017): Welche Berufsausbildungen sind durch akademische Bildungsangebote gefährdet? Indikatoren für eine Verschiebung von der Berufsausbildung in akademische Studienangebote, Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh

Krone, Sirikit (2015): Dual Studieren im Blick. Entstehungsbedingungen, Interessenlagen und Umsetzungserfahrungen in dualen Studiengängen. Wiesbaden

Severing, Eckart/Teichler, Ulrich (Hg.)(2013): Akademisierung der Berufswelt? Verberuflichung der Hochschulen?, in: Severing, Eckart/Teichler, Ulrich (Hg.): Akademisierung der Berufswelt?, Bielefeld, 7-18