Editorial

Von: Dr. Bernd Kaßebaum (Gewerkschaftssekretär)

Dr. Bernd Kaßebaum

Gewerkschaftssekretär

War bis Ende 2016 Gewerkschaftssekretär beim IG Metall Vorstand im Ressort Bildungs- und Qualifizierungspolitik. Seine Arbeitsfelder umfassten Themenstellungen aus Schule und Arbeitswelt; Hochschulpolitik und Bildungsforschung. Aktuell arbeitet er zur Fragen der Beruflichkeit im Studium und zu Aspekten der Bildungsreform, Mitarbeit im Wissenschaftlichen Beraterkreis von ver.di und IG Metall.


Sollen wir von einer Revolution sprechen oder uns doch lieber am Begriff der Reform orientieren?

Der Philosoph und Publizist Richard Precht hält in seinem Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ eine „Bildungsrevolution“ für notwendig. Er spricht von einem „Verrat“ des Bildungssystems an den Kindern und strebt radikale Veränderungen von einem „tayloristischen“ Schulsystem hin zu einer „guten Schule“ an.

Eine gute Schule sei für ihn eine Schule, welche die „intrinsische Motivation“ der SchülerInnen pflege statt zerstöre, individuelles Lernen fördere, an die Stelle von Stoffvermittlung das „Verstehen von Sinn und Sinnlichkeit“ (S. 290) setze, Gemeinschaft, „Beziehungs- und Verantwortungskultur“ (S. 291) sowie die „Werte und Wertschöpfung“ (S. 292) fördere. Benötigt wird eine lernfreundliche Schularchitektur in einer integrativen und auf gemeinsames Lernen angelegten Ganztagsschule.

Zur Beschreibung dieser aus seiner Sicht notwendigen Veränderungen erscheint Precht der Revolutionsbegriff angemessen, denn – so begründet er eher publizistisch – „für jede große Veränderung in der Gesellschaft wird zunächst eine aufgeregte Debatte gebraucht.“ (S. 327).

Dass Bildung, sei es in den Konzepten und Institutionen der allgemeinen oder der beruflichen Bildung, Defizite aufweist, ist quer durch die Gesellschaft bei vielen Akteuren unbestritten. Es gibt auch weitreichende, zum Teil sich widersprechende Vorschläge zur Reform der Bildung – sei es in Bezug auf Aus- und Weiterbildung, Schule und Hochschule oder in Bezug auf das Gesamtsystem.

Aber lässt sich deswegen von Revolution sprechen oder sollte man sich nicht auch in Zukunft am Begriff der Reform orientieren?

Der Begriff der Revolution beinhaltet beide Dimensionen: er impliziert eine bestimmte Radikalität der für notwendig erachteten Veränderungen und er verspricht einen Weg des radikalen, eruptiven Wandels.

Der Begriff der Reform (das Wort wird gebildet aus lat. re: zurück und formare: bilden, gestalten; zusammengesetzt etwa: Wiederherstellung) bezeichnet nach wikipedia „eine planvolle Umgestaltung bestehender Verhältnisse, Systeme, Ideologien oder Glaubenslehren in Politik, Religion, Wirtschaft oder Gesellschaft“. Mit der Bildungsreform verbindet man in aller Regel noch immer die Maßnahmen in Berufsbildung, Schule und Hochschule in den sechziger und siebziger Jahren, die für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen und mehr junge Menschen in Berufe und zu höherer Bildung führen sollten. Lange Zeit galten politische und soziale Reformen als Teil einer Politik für sozialen Fortschritt.

Längst nutzen auch der Konservatismus und der Neoliberalismus den Begriff für sich. Bildung habe ihren Beitrag zur Selbstoptimierung der Menschen zu leisten, neue – wettbewerbliche – Steuerungsinstrumente sollen die Institutionen effektiver machen. Bildungsreform in diesem Sinn orientiert sich an dem Grad der Öffnung für Ökonomisierung und Selbstoptimierung. Es ist noch nicht vergessen und heute aktueller denn je, dass ein sog. Hochschulfreiheitsgesetz als Inbegriff der Hochschulreform galt.

Eine weitere Dimension ergibt sich aus der Technik bzw. wird aus der Technikdebatte abgeleitet. So erscheint die Digitalisierung einerseits als Anforderungen an neue Bildungsinhalte; die Digitalisierung der Bildung geht andererseits einher mit dem Versprechen neuer Lehr- und Lernmethoden. Lernorte und Lernortkooperationen werden infrage gestellt.

Steht der Reformbegriff für schrittweise Veränderung in den bestehenden Strukturen, meint der Begriff der Revolution (im Wortsinn: revolvere – umkehren) einen abrupten, grundlegenden, nachhaltigen und strukturellen Wandel. Im sozialen und politischen Sinn strebt eine Revolution auf die Umkehrung der Verhältnisse und drückt damit auch aus, dass die Akteure einer Revolution selten Angehörige politischer, wirtschaftlicher oder sozialer Eliten sind. Mit anderen Worten: die sozialen Träger einer Revolution sind selten die, die in einer Gesellschaft an den Hebeln der Macht sitzen. Man denkt also eher an Akteure wie die Schüler-, Studenten- oder Lehrlingsbewegungen vergangener Zeiten oder an das Eintreten von Lehrergewerkschaften für einen radikalen Wandel in der Bildung.

Der Begriff der Bildungsrevolution (educational revolution) wurde Anfang der siebziger Jahre von dem amerikanischen Soziologen Talcott Parsons in die soziologische Debatte eingeführt, um einen grundsätzlichen und weitreichenden Modernisierungsbedarf von allgemeiner und beruflicher Bildung in Richtung Akademisierung und „Wissensgesellschaft“ zu reklamieren. In der deutschen Debatte spielt der Begriff der Bildungsrevolution unter BildungsforscherInnen keine dominante Rolle. Hier waren und sind Begriffe wie die der Wissensgesellschaft oder der Informationsgesellschaft prägend, um die von Parsons genannten Anforderungen zu bezeichnen.

Aber dieser Hinweis macht auf die inhaltliche Dimension aufmerksam. Missstände in der Bildung oder technologische, soziale bzw. ökonomische Anforderungen an Bildung können radikale Veränderungen notwendig erscheinen lassen.

In der Geschichte der Bundesrepublik wurden Ende der 60er Jahre die „Bildungskatastrophe“ (Picht) und die daraus abgeleiteten Anforderungen einer im Vergleich zu anderen Industriegesellschaften notwendigen und nachholenden Modernisierung im Bildungsbereich zum Kompass einer umfassenden Bildungsreform. Die Bildungsexpansion und die Durchsetzung von mehr Chancengleichheit („Aufstieg durch Bildung“) waren für lange Jahre die umstrittenen, gleichwohl über die politischen Lager hinweg gemeinsam verfolgten Ziele von Bildungspolitik. Angesichts einer tiefen Kluft zwischen von dem von Vielen reklamierten Veränderungsbedarf und den tatsächliche Ergebnissen stellte sich aber bereits in den siebziger Jahren die Frage, ob und mit welchen Strategien eine bessere Bildung zu erzielen ist und welche sozialen Voraussetzungen mit ihr zu verknüpfen sind.

Bemerkenswert ist, dass die von Precht vorgeschlagenen „revolutionären“ Maßnahmen zu großen Teilen deckungsgleich mit Vorschlägen eher „reformerisch“ auftretender gesellschaftlicher Gruppen, wie z.B. den Gewerkschaften, Elternverbänden oder Studierendengruppen, sind.

Der Einigungsprozess nach 1989 brachte keine grundsätzlichen Änderungen. Im Gegenteil. Bis auf wenige Ausnahmen im Bereich der Kindertagesstätten und im schulischen Bereich übernahmen die ostdeutschen Bundesländer die Strukturen der alten Bundesrepublik. Der sog. PISA-Schock und nachfolgende Schulvergleichsstudien schreckten die Republik kurz auf, weil die sozialen Benachteiligungen eines gegliederten Bildungssystems offensichtlich wurden und im Vergleich zu anderen Schulsystemen große Leistungsdefizite erschienen.

Versucht man die aktuellen Anforderungen, den Zustand von Bildung und den Veränderungsbedarf zu skizzieren, so kommt man durchaus auf bekannte, größtenteils strukturell zu verortende Missstände, Defizite und Herausforderungen.

1. Die bestehende Bildungsungerechtigkeit drückt sich u.a. aus durch die nach wie vor skandalös hohe Zahl von jungen Menschen, die keinen Schulabschluss und keinen Ausbildungsplatz erhalten. Noch immer bestimmt die soziale Herkunft maßgeblich den Bildungserfolg. Das gegliederte Schulsystem und die nach wie vor strikte Trennung von allgemeiner und beruflicher Bildung zementieren diesen Zustand. Die soziale Durchlässigkeit z.B. in Gestalt des Dritten Bildungsweges oder in Form der Anrechnung und oder Anerkennung beruflich erworbener Kompetenzen im Studium ist trotz einer Reihe von Verbesserungen noch weit davon entfernt als realisiert zu betrachten.

2. Noch immer ist die Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung eher Gegenstand von Sonntagsreden denn wirklich Realität. So wichtig der DQR für eine bildungssystemübergreifende Diskussion über die allgemeine und berufliche Bildung ist, ist er doch in Folge politischer und sozialer Kräfteverhältnisse bisher bestenfalls nur ein Transparenz- und kein Gestaltungsinstrument. Noch immer gelten Abitur und Studium als der Königsweg für den sozialen Aufstieg, wofür allerdings auch die ungleiche Verteilung von Beschäftigungschancen, Entgelten und Arbeitsmarktrisiken zwischen AbsolventInnen beruflicher und hochschulischer Bildungsgänge sprechen.

3. In der sog. Akademisierungsdiskussion wurde das Verhältnis von beruflicher und allgemeiner Bildung umfassend diskutiert ohne das es bisher einen gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, ob und in welcher Weise das historisch gewachsene Verhältnis von allgemeiner und beruflicher Bildung zu ändern ist. So wird sowohl aus Perspektive wichtiger Repräsentanten des Hochschulbereichs wie auch der Berufsbildung an dem bestehenden System der zwei Säulen festgehalten, allenfalls durch zusätzliche Möglichkeiten der sozialen und beruflichen Durchlässigkeit ergänzt. Andere wie z.B. Wissenschaftsrat und Bertelsmann-Stiftung sehen eine Erweiterung des bestehenden Systems in einem dritten „hybriden“ Bildungsangebot. Wenige wie der Wissenschaftliche Beraterkreis von ver.di und IG Metall diskutieren weniger die „Systeme“ als die Bildungsbegriffe. Sie sehen die Zukunft in einem integrativen Modell von allgemeiner und beruflicher Bildung.

4. Die neue Qualität der Digitalisierung von Arbeit, Bildung und Gesellschaft erfordert die Reflexion notwendiger und möglicher Bildungsinhalte. Gegen den Versuch der weiteren Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse und in der Tendenz auch gegen das Berufskonzept, das in den neuen Verhältnissen des Crowd-Working bestenfalls noch als Individualberuf zu denken ist, setzen Teile des Arbeitgeberlagers und die Gewerkschaften auf die Weiterentwicklung der Beruflichkeit als Basis der beruflichen Qualifizierung in einer digitalen Arbeitswelt. Die vorhandenen Berufe (in der Metall- und Elektroindustrie) werden als entwicklungsfähige Basis begriffen. In den Verhältnissen von Erfahrungs- und Wissenschaftsorientierung, Maschinen- und Prozesskompetenz sowie in den Anforderungen an biografische und Gestaltungskompetenzen stellt sich auch das Verhältnis von beruflicher und allgemeiner Bildung neu. Medienkompetenz ist weit mehr als Anwendung, sondern umfasst immer auch Reflexion und Gestaltung. Digitale Medien drängen auf den Ersatz von realen Erfahrungen in der Lehrwerkstatt, am Arbeitsplatz oder in der Lerngruppe. Sie sprengen das Zusammenhangswissen, sie stellen vorhandene Lernwege und Lernmethoden in Frage.

5. Mit der Föderalismusreform, die bisher leider nur für den hochschulischen Bereich korrigiert wurde, und der Dualität von Bundes- und Landesregelungen in der beruflichen Bildung kennen wir in Deutschland trotz der über Qualitätsstandards auf Harmonisierung drängenden Kultusministerkonferenz real einen Flickenteppich an Zuständigkeiten, Strukturen und Konzepten. Der Wettbewerbsföderalismus setzt sich auf der internationalen Ebene fort. Ein europäischer Bildungsraum ist noch immer Utopie. Ansätze wie der sog. Kopenhagen-Prozess in der beruflichen Bildung oder der sog. Bologna-Prozess in der hochschulischen Bildung sind real voller Defizite und Widersprüche.

6. Die Ökonomisierung von Bildung umfasst verschiedene Aspekte. Bildung wird immer mehr zur Ware, während zugleich die strukturelle Unterfinanzierung durch öffentliche Haushalte bestehen bleibt. Während das sog. Verschuldungsverbot bei gleichzeitig bestehender Schieflage im Steuersystem an den Mängeln im öffentlich finanzierten Bildungssystem strukturell nichts ändern lässt, wächst stetig die Zahl von privatwirtschaftlich agierenden Bildungsanbietern von der frühkindlichen Bildung über Berufsbildung und Hochschule bis zur Weiterbildung. Dazu kommt, dass der Privatwirtschaft entlehnte Steuerungskonzepte in öffentlichen Bildungsinstitutionen kaum mehr in Frage gestellt werden. Der durch den Föderalismus geschaffene „Flickenteppich“ wird durch die gewollte Konkurrenz zwischen den Bildungsanbietern auf die Spitze getrieben. Die ca. 16.000 Bachelor- und Masterangebote im Hochschulbereich sind ein Beispiel hierfür. Und zu guter Letzt ist eine Ökonomisierung der Bildungsinhalte zu befürchten, darstellbar z.B. an der Auseinandersetzung um das Fach Wirtschaft und seine Inhalte, an der affirmativen Ausgestaltung der Studiengänge z.B. in den privaten Hochschulen, aber auch in den Kernfächern der Ökonomie selbst, in denen ein Mainstream unkritisch den Neoliberalismus lehrt und erforscht.

Dies hier skizzierten Prozesse und Strukturen werfen die Frage auf, ob und wie Bildung verändert werden kann. Bereits in und auf der Ebene der bestehenden Systeme, etwa im Bereich der Berufsbildung mit der zumindest für den Augenblick gescheiterten grundsätzlichen Reform des Berufsbildungsgesetzes oder in der Weiterbildung das noch immer fehlende Weiterbildungsgesetz, zeigt sich, wie schwierig das Unterfangen und wie langatmig Prozesse angelegt sein müssen. Die dem Neoliberalismus entstammende Botschaft, dass das Prinzip der Vermarktlichung noch immer leistungsfähiger sei als staatliche Regulierung und Rahmensetzung, hat sich auch im Bildungsbereich vielfach durchgesetzt.

Auf der nationalen Ebene verfängt sich Veränderung in den Zuständigkeiten von Bund und Ländern. Auf der europäischen Ebene sind die Institutionen der EU (und wie im Bologna-Prozess auch darüber hinaus) dabei, einen europäischen Bildungsraum zu schaffen. Nachdem die GATS-Verhandlungen gescheitert sind, ist Bildung transnational eine von vielen Dienstleistungen und Gegenstand in den Freihandelsabkommen, in denen große Dienstleister von Bertelsmann bis Google die Marktliberalisierung durchsetzen wollen.

In dieser Online-Ausgabe von DEK-doch-MAL.de wollen wir folgenden Fragen nachgehen:

  1. Welche Missstände und welche Herausforderungen machen Veränderungen notwendig und möglich?
  2. Wie sehen einzelne Akteure aus Wissenschaft, Verbänden und Betrieben diesen Veränderungsbedarf?
  3. Welche Veränderungen in Bildungskonzeptionen und Bildungsstrukturen scheinen dabei erfolgversprechend?
  4. Wie sollen/können die Veränderungen in Politik und Gesellschaft herbeigeführt werden?

Dass Bildung, sei es in den Konzepten und Institutionen der allgemeinen oder der beruflichen Bildung, Defizite aufweist, ist quer durch die Gesellschaft bei vielen Akteuren unbestritten. Es gibt auch weitreichende, zum Teil sich widersprechende Vorschläge zur Reform der Bildung – sei es zur Aus- und Weiterbildung, Schule und Hochschule oder für das Gesamtsystem. Aber lässt sich deswegen von Revolution sprechen oder sollte man sich nicht auch in Zukunft am Begriff der Reform orientieren? Im Editorial geht Dr. Bernd Kaßebaum, DENK-doch-MAL.de-Redaktionsmitglied und verantwortlicher Koordinator für diese Ausgabe, dieser Frage nach. Dabei beschreibt er die aktuellen Anforderungen und kommt auf sechs durchaus bekannte, größtenteils strukturell zu verortende Missstände, Defizite und Herausforderungen.

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn, setzt bewusst einen Gegenpol zu skeptischen Einschätzungen zur (Berufs-)Bildung in Deutschland. Für ihn ist das duale System nach wie vor ein sehr leistungsfähiges Qualifizierungs-, Bildungs- und Erziehungssystem. Dennoch gibt es Schwachstellen, beziehungsweise Anschlusspunkte für Verbesserungen und Weiterentwicklungen des Systems. Wichtige Stichworte hierzu sind für Esser Übergänge, Inklusion und Durchlässigkeit. Um die Trends zu verstehen, könne man nicht ausschließlich auf die Bildungsseite schauen. Ebenso wichtig sind die Beschäftigungsperspektiven. „Nur wenn beide Seiten zusammen attraktiv sind, ist die Berufsausbildung vor allem für junge Menschen mit Hochschulzugangsberechtigung eine echte Alternative zum Studium.“ Mit konkreten bildungs- und beschäftigungspolitischen Maßnahmen will der BiBB-Präsident nachjustieren.

Der Reiz dieses Online-Magazins besteht auch darin, dass die ReferentInnen sowie zwei Teilnehmer (Daniel Friedrich, IG Metall, und Evelyne Gottselig, Daimler) der Tagung von IG Metall, Akademie für politische Bildung und KAB Bildungswerk zum Thema „Krise des Bildungssystems. Brauchen wir eine Bildungsrevolution?“ vom 26. bis 28. Juli 2017 an der Akademie in Tutzing bereit waren, ihre Vorträge bzw. Diskussionsbeiträge für DENK-doch-MAL.de zu Beiträgen auszuarbeiten.

Daimler-Betriebsrätin Evelyne Gottselig aus Mannheim ist davon überzeugt, wenn junge Menschen ausschließlich theoretisch lernen, werden sie sich künftig in der Arbeitswelt nicht zu Recht finden. In den dualen Ausbildungsberufen brauche man keine Angst vor der Digitalisierung zu haben. Die meisten Berufe hätten eine „Neuordnung“, heißt Umgestaltung, erfahren. „Diese sind gut gerüstet, um flexibel auf neue Anforderungen reagieren zu können.“ Aber Schule und Hochschule? Da sieht es nach Einschätzung der Betriebsrätin nicht so gut aus.

Der IG Metall Chef von Lübeck-Wismar, Daniel Friedrich, bringt es auf den Punkt: „Eine Bildungsrevolution ist – gerade für alle außerhalb des „inner circle“ der Bildungsexperten – so attraktiv wie ein trockener Toast auf dem Kuchenbuffet.“ Obwohl die Materie manchmal zäh ist, trotzdem braucht es Veränderungen, damit es gerechter und zukunftssicherer zugeht. „Seien wir ehrlich, das Bildungssystem – ob in der Schule, Studium oder im Betrieb – manifestiert die Klassenunterschiede. Grundlegende „Reformen“ würden diese aufbrechen und damit mehr Chancen für „die da unten“ schaffen. Die Kräfte der Oberklasse werden alles dafür tun, dass die Unterschiede erhalten bleiben. Deswegen braucht es einen enormen Kraftakt.“

Die Bundestagswahl hat es gezeigt: Viele Menschen erwarten sich von den Rechtspopulisten keine Lösungen ihrer Probleme – aber wählen sie trotzdem. „Der radikale Wandel wird zum Selbstzweck, das Ziel ist zweitranging. Diese Entwicklungen sind Anzeichen einer ernsten Krise politischer Repräsentanz“, schreibt Matthias Anbuhl, Bildungschef beim DGB in Berlin, in seinem Beitrag. Die Unterschicht gehe nicht in die Oper, sondern allenfalls in ein Helene-Fischer-Konzert. Sie schaue nicht Arte und höre nicht Deutschlandfunk, sondern interessiere sich für RTL II und das Dschungelcamp. Sie esse nicht Bio, sondern Fast Food. Diese Menschen seien an ihrem Schicksal selbst schuld, so gängige Denkmuster. Anbuhl: „Diese Konflikte zeigen sich konkret in unserem Bildungswesen.“ Mit dem Eintritt in das Bildungssystem höre die Toleranz vieler Eltern auf. „Bereits die breite Mittelschicht grenzt sich massiv nach unten ab. Man könnte hier beinahe von einer Art Kontaktsperre sprechen“, schreiben Bildungsanalysten. Die Folge: Unterschiedliche Milieus sprechen mehr über- als miteinander. „Diese Tendenzen bergen sozialen Sprengstoff.“ Dabei zählen Kitas, Schulen, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen zu den wenigen Orten, an denen sich die verschiedenen Schichten unserer Gesellschaft begegnen können. Nur: Wie will Anbuhl aus dem Dilemma herauskommen? Vielleicht mit seinen Eckpunkten für eine gesellschaftliche Bildungsstrategie.

Die Veränderungen sind in vollem Gang. Führen sie zu „revolutionären“ Umbrüchen? Nein, sagt Jörg Lorz, Betriebsrat bei Daimler im Werk Kassel. Am Rande der Tagung in Tutzing ein Gespräch geführt, dass wir in einem Bericht zusammenfassen. Die duale Berufsausbildung – da ist er sich sicher – ist auch in den Zeiten zunehmender Digitalisierung „das richtige Mittel, um den Fachkräftebedarf zu decken“. Zudem böten die Berufsbilder auch genügend Flexibilität. In der betrieblichen und beruflichen Weiterbildung sieht das allerdings anders aus. „Da müssen die Weichen schnellstmöglich zu einer agilen Weiterbildungskultur gestellt werden“. Dazu bedarf es neuer betrieblicher und tariflicher Grundlagen. Aber wie sollen die aussehen?

Prof. Dr. Werner Widuckel fordert in seinem Beitrag eine digitale Bildungsagenda, die das gesamte Bildungssystem einbezieht, die erforderlichen Kompetenzen und Ressourcen entwickelt und zur Verfügung stellt. Diese Bildungsagenda muss auf einem Bildungsauftrag basieren, der die Digitalisierung als Gestaltungsfeld in den Vordergrund rückt, indem über gesellschaftliches Zusammenleben und die hiermit verbundenen Werte sowie Macht und Herrschaft ganz wesentlich entschieden wird und zu entscheiden ist. Der an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) lehrende Professor warnt vor einer Verteufelung der Digitalisierung. „Aber im Sinne eines demokratischen Gestaltungsanspruchs erfordert sie die Befähigung zur kritischen Hinterfragung und Reflexion.“

DENK-doch-MAL-Redakteur, Dr. Bernd Kaßebaum, zeichnet in seinem historischen Beitrag die Geschichte der Bildungsreformdebatte nach: vom Bildungsgesamtplan bis zur Bildungsreformkommission. Für ihn steht fest: Die Debatte über die Zukunft der Bildung steht jetzt auf der Agenda. Dennoch ist der Autor skeptisch, wenn er an bestimmte Leitideen denkt, die in die Debatte einfließen. „Zumindest fragwürdig ist, ob sich das Neue über den Wettbewerb zwischen und in den Institutionen herstellen lässt oder ob es nicht einer zu bestimmenden und auszuhandelnden zusätzlichen Qualität an Regulation und Kooperation bedarf. Dennoch, mit Blick auf  die „funktionierende Konsenskultur in den Institutionen der Berufsbildung“, erscheint ihm eine Reformdebatte nicht mehr ganz so fern.

Die Beiträge sind aus unterschiedlicher Sicht und mit unterschiedlichen Interessen verfasst worden. So sind Widersprüche und Differenzen naheliegend. Wir wünschen eine angeregte Lektüre.

Diese Online-Ausgabe von DENK-doch-MAL.de ist zugleich auch Dokumentation der Tagung von IG Metall, Akademie für politische Bildung und KAB Bildungswerk zum Thema „Krise des Bildungssystems. Brauchen wir eine Bildungsrevolution?“ vom 26. bis 28. Juli 2017 in der Akademie in Tutzing.

Literatur

 

Precht, Richard (2015), Anne, die Schule und der liebe Gott. Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern, München