DIE BERUFSSCHULE MUSS RAUS AUS DER ABSEITSFALLE

Editorial

Von: Gerhard Endres (Freier Journalist und Berufsschulehrer, München), Dr. Klaus Heimann (Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin)

Gerhard Endres

Freier Journalist und Berufsschulehrer, München

Gerhard Endres ist freier , Berufsschullehrer und Theologe, er lebt in München. Er ist erster Vorsitzender des Netzwerks für Gesellschaftsethik.


Dr. Klaus Heimann

Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin

Dr. Klaus Heimann, arbeitet als Freier Journalist, Moderator und Berater in Berlin. Er war bis Ende 2012 Ressortleiter Bildung beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt/M.. Er war Mitarbeiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung und im Bundesinstitut für Berufsbildung. Seine Berufsausbildung absolvierte er als Maschinen-Schlosser. Er studierte an der Ruhr-Universität Berufs- und Wirtschaftspädagogik in Bochum und promovierte dort. Er war viele Jahre Aufsichtsratsmitglied bei der MAN AG in München und als Berater in dieser ...
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Das war ein guter Mai 2017 für die berufsbildenden Schulen: Die Elisabeth-Selbert-Berufsschule in Hameln ist Deutschlands als beste Schule 2017 ausgezeichnet. In Stuttgart, auf dem Bildungskongress „Berufliche Bildung – Analysen, Trends und Perspektiven“ der Kultusministerkonferenz, legten die KMK, BDA und DGB ihre gemeinsame Erklärung für starke Berufsschulen in der digitalen Welt vor. Und das soll so weitergehen: Für das Ende der Präsidentschaft von Baden-Württemberg 2017 strebt die KMK sogar einen Beschluss „Bilanz und Perspektiven zur beruflichen Orientierung an Schulen“ an. Auf einmal reden alle über die Aschenputtel-Schule.

Und warum ist die Berufsschule in Hameln was Besonderes? In der Elisabeth-Selbert-Schule muss keiner Angst haben, niemand wird aufgegeben, es gibt beste Beratung auch außerhalb des Unterrichts. Und: Keiner wird zurückgelassen. Die Schul-Jury lobte insbesondere die exzellente Betreuung von minderjährigen Müttern, Flüchtlingen und straffällig gewordenen Jugendlichen. Die Leiterin der Berufsschule, Gisela Grimme, jubelt: „Wir haben das tollste Kollegium und die tollsten Schüler. Vielen Dank an alle, die uns immer unterstützt haben.“ Besonders freue es sie, dass es auch einmal eine Berufsschule ins Rampenlicht geschafft habe. DENK-doch-MAL.de gratuliert und holt in ihrer neuen Ausgabe die beruflichen Schulen aus der Abseitsfalle. Also: Spotlight on!

Immer öfters versteht auch die Öffentlichkeit, dass die Berufsschule als Partner der dualen Berufsausbildung von zentraler Bedeutung für Bildung und Ausbildung von Fachkräften ist. Es hat sich herumgesprochen, was in der jetzigen und zukünftigen Arbeitswelt ob 4.0, 5.0 oder 8.0 notwendig ist: eine gute Bildung. Die berufsbildenden Schulen können ein Baustein für gute Bildung sein.

Wir brauchen Menschen, die tiefe Kenntnis, Anwendungswissen und Handlungsfähigkeiten haben im Umgang mit Maschinen, aber auch kommunikative und soziale Fähigkeiten mit dem Kollegen und den Kolleginnen. Das Gespür, die Erfahrung ist nach wie vor zentraler Bestandteil, auch einer virtuellen Arbeitswelt. (Prof. Fritz Böhle, Arbeitsforscher in München und Augsburg, hat das „Hightech-Gespür“ genannt: Der Umgang mit Unwägbarkeiten). Der Bedarf an einem direkten, persönlichen Austausch nimmt eher zu – trotz der sozialen Medien.

Natürlich gibt es Online viele Güter zu kaufen, doch die Beratung und das ausprobieren von Geräten, Kleidungsstücken etc. ist weiterhin gefragt. Selbst Amazon baut mittlerweile ein stationäres Geschäftsmodell auf. Selbst Messen, wie die ‚bauma‘ die größte Baumaschinen-Messe der Welt – scherzhaft auch die größte Spielwarenmesse genannt -, sind gefragt. Wo können schon 600.000 Menschen live mit einen Bagger oder einen Riesen-LKW spielen? Auch heute ist wichtig, dass technische Entwicklungen kompatibel mit dem Verhalten und den Lebensgewohnheiten der Menschen bleiben.

Der permanente Einsatz von Handys, Tablets etc. vermitteln bestenfalls rudimentäre Grundlagenkenntnisse der Digitalisierung der Arbeitswelt, aber jedenfalls keine Programmierkenntnisse oder gar die Fähigkeiten zur Reflexion und Einordnung dieser Technik in das menschliche und berufliche Leben. Hierzu braucht es Bildung. Eine Berufsschule, die bei aller Partnerschaft zur betrieblichen Ausbildung gerade auch in den allgemeinbildenden Fächern Deutsch, Sozialkunde, Ethik/Religion und Sport eine reflektierte Distanz zur konkreten Erfahrung erlebbar machen kann. Die berufliche Schule will ihre Besucher darin begleiten, eine selbstbewusste, solidarische und kritische Haltung und Verhaltensweise zur Veränderung der Arbeitswelt einzunehmen. Das ist wirklich ein wichtiges Ziel.

Trotz dieser großen Aufgaben steht die berufsbildende Schule aktuell eher am Rande der Bildungspolitik. Soviel Beachtung wie im Mai 2017 hat diese Bildungseinrichtung selten. Warum ist das so? Warum ist sie in der schulpolitischen Debatte ohne Stimme? Warum steht sie im Abseits? Die Beiträge dieser Ausgabe von DENK-doch-MAL.de wollen einen Einblick geben, wie die berufsbildenden Schulen sich heute aufstellen, wohin die Reise geht, welche Reformperspektiven notwendig sind.

DENK-doch-MAL.de startet mit Professor Georg Spöttl, ein langjähriger, kritischer wissenschaftlicher Begleiter der Berufsschulen. Er legt den Fokus auf die Herausforderungen, mit der sich die Schule konfrontiert sieht. Er entwickelt fünf Reformziele, die jetzt anstehen. Spöttl macht deutlich, dass es mit kleinen Kurskorrekturen nicht getan ist. „Waren es in den vergangenen 25 Jahren vor allem punktuelle Veränderungen, die die berufsbildenden Schulen immer mehr in eine komplexere und unübersichtlicher werdende Struktur führten, so geht es jetzt darum, klare und überzeugende Profile zu schaffen, die zum einen ein qualitativ hohes Niveau in den berufsbildenden Schulen schaffen und zum anderen transparent gestaltete Bildungswege sicherstellen“, so seine Überlegung. Und dann ist da noch was: „Berufliche Schulen dürfen nicht mehr als Notlösung für Schüler gesehen werden, die in allgemeinbildenden Schulen gescheitert sind. Vor allem: Die Berufsschule darf nicht mehr nur als Anhängsel des dualen Systems gesehen werden.“

Die IG Metall setzt sich für einen radikalen Neustart bei den rund 9.000 Berufsschulen in Deutschland ein. Gleich mit einer Reihe von Programm sollen die Schulen raus aus der Abseitsfalle: Unter dem Dach einer „Investitionsoffensive Berufsschule“ soll es ein Bundesprogramm „Berufsschule der Zukunft“ geben. Damit sollen Länder und kommunale Schulträger die Chance bekommen, den vorhandenen Sanierungsstau zu beheben. Das Programm „Digitale Medien in der beruflichen Bildung“ gilt es aufzustocken. Zusätzlich ist ein Bundesprogramm „Lernfabrik für die digitale Arbeitswelt“ zu schaffen. Die IG Metall fordert außerdem ein Bund-/Länderprogramm „Pro Lehramt Berufsschule“, um den Lehrerbedarf insbesondere in den technischen Berufsschulfächern abzudecken. Jährlich sollen bis zum Jahr 2025 jährlich zusätzlich 3.000 Lehrerkräfte in die Berufsschulen kommen.

Die IG Metall schlägt für die Regionen Runde Tische für eine „Qualitätsoffensive Berufsschule“ vor. Diese könnten z.B. bei den Berufsbildungsausschüssen der zuständigen Stellen angesiedelt sein. Ihre Funktion besteht darin, Aktivitäten zwischen Betrieben, Berufs- und allgemeinbildenden Schulen zu koordinieren, gemeinsame Weiterbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte und Ausbilder*innen zu organisieren und für das Lehramt an berufsbildenden Schulen zu werben.

Für German Denneborg, Chef der berufsbildenden Schulen im bayerischen Staatsministerium für Bildung, gibt es wenig Gründe zu klagen: „Ich sehe es nicht als Nachteil an, dass wir nicht ständig in der Zeitung stehen.“ Im Interview mit DENK-doch-MAL Redakteur Gerhard Endres gibt er zu Protokoll: „Die Fachoberschulen und die Berufsoberschulen verleihen mittlerweile nahezu die Hälfte aller Hochschulberechtigungen in Bayern. Sie sind für die Eltern und Schüler ein stabiler Faktor in der Bildungsplanung. Für viele Schüler und Eltern ist es ein erfolgreicher, planbarer Weg über die Realschule oder andere mittlere Schulangebote zur Hochschule für angewandte Wissenschaften oder zur Universität zu gelangen. Über die beruflichen Oberschulen verleihen wir mittlerweile sowohl das fachgebundene Abitur, wie auch die allgemeine Hochschulreife.“

Bayern hat viel getan, damit  möglichst frühzeitig junge Flüchtlinge in die Berufsschulen kommen. Dennoch muss der Berufsschul-Macher aus Bayern zugeben, dass die Bilanz nach den Ereignissen in Nürnberg inzwischen ‚Macken‘ hat. „Derzeit ist die Berufsschule destabilisiert durch die Diskussion über die Abschiebungen. Die reale Zahl derer, die betroffen sind, ist relativ gering, aber die Diskussion darüber löst viele Ängste aus und das macht die Schulsituation im Augenblick sehr schwierig.“ Insgesamt bleibt Denneborg aber optimistisch. „Die beiden Kammern in München, die ja die größten in Deutschland sind, haben mir informell signalisiert, dass die Flüchtlinge, die unser Vorbereitungssystem vollständig durchlaufen haben, nur 10 Prozent Punkte höher einem Ausbildungsabbruch zu vergleichbarer „deutscher“ Gruppen liegen, das ist eine sensationelle Zahl.“

Die Position der Berufsschulgewerkschaft GEW erläutert die dortige Führungs-Crew: Ansgar Klinger, Leiter des Vorstandsbereichs Berufliche Bildung und Weiterbildung, Ralf Becker, Vorsitzender des Bundesfachgruppenausschusses Gewerbliche Schulen und Christina Kunze, Mitglied des Vorstandsteams des Bundesfachgruppenausschusses Kaufmännische Schulen. Sie haben gemeinsam ihren Beitrag verfasst. Ihre Vision: „Die berufsbildenden Schulen wandeln sich zu auskömmlich ausgestatteten Häusern der Bildung im Medium des Berufs.“ Sie können sich gut vorstellen, dass die berufsbildenden Schulen vom Abstellgleis runterkommen und als Reformlokomotive richtig Fahrt aufnehmen.

In seiner Rezension stellt Denk-doch-Mal.de Redakteur Dr. Klaus Heimann ein neues Buch zum Thema vor: Katharina Blaß und Armin Himmelrath, Berufsschulen auf dem Abstellgleis, Wie wir unser Ausbildungssystem retten können. Die zwei Journalisten trauen sich was: Sie sezieren die Berufsschulen. Sie schauen genau hin, was mit der, ihrer Meinung nach, „ausgebremsten Schule“ passiert ist. Und sie stellen viele Fragen: Warum ist sie in der schulpolitischen Debatte ohne Stimme? Warum steht sie auf dem Abstellgleis? Und das alles mit dem Interesse: Wie können wir unser berufliches Ausbildungssystem retten? Es geht also nicht nur um die Berufsschule. Geht es den Kollegs gut, ist das System gerettet – so die dahinterstehende Logik der Autoren.

Der Bremer Professor Felix Rauner pocht in seinem Beitrag darauf, die Strukturen der berufsbildenden Schulen in Deutschland grundsätzlich zu verändern. „Da sich der Bund das KMK-Lernfeldkonzept nicht zu Eigen gemacht hat, liegt hier eine gravierende Schwäche der Lernortkooperation.“ Die Ursache ist aber primär nicht dem Lernort Berufsschule zuzurechnen, „sondern der fragmentierten Steuerung der dualen Berufsbildung der deutschen Variante der dualen Berufsbildung.“ Die neue Idee für eine bessere Steuerung findet der Bremer Rauner in der Schweiz. Folgt Deutschland diesem Vorbild, dann gibt es keinen Grund, „warum aus dem Juniorpartner ein Partner in der dualen Berufsausbildung werden sollte.“ Verfechter einer föderalen Bildungsverantwortung sollten diesen Beitrag mit besonderer Aufmerksamkeit lesen.

„Die Digitalisierung hält Einzug im Bildungsbereich und die Änderungen werden vermutlich ebenso gravierend sein wie im Bereich der Wirtschaft“, das schreibt Hans-J. Schmüser, Bereichsleiter Technik und Entwicklung, an der VIBOS in seinem Beitrag. Schon seit 2000 gehört die Virtuelle Berufsoberschule (VIBOS) zu den digitalen Bildungsangeboten in Bayern, seit 2012 ist sie als zum Fachabitur führender staatlicher Lehrgang an der Berufsoberschule Erlangen eingerichtet. Mit einem umfangreichen Angebot an interaktiven Lernmaterialien, einer digitalen Bibliothek für drei Ausbildungsrichtungen, qualifiziert die VIBOS ihre Teilnehmer für das Fachabitur, ohne dass sie eine reguläre Schule besuchen müssen. Der zweijährige Online-Lehrgang ist so angelegt, dass er neben der Berufstätigkeit abgerufen werden kann. Schmüser progostiziert: „Will man die Einschätzung folgen, dass die Digitalisierung eine wichtige Rolle im Bereich der Bildung spielen muss und wird, dann steht mit dem Angebot der Virtuellen Berufsoberschule Bayern ein erprobtes und attraktives Angebot bereit, das gerade für fortbildungswillige Berufstätige große Chancen eröffnet.“

Starke Lehrer gegen braune Gedanken, daran arbeitet ein Modellprojekt in Sachsen. Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit machen um berufsbildende Schulen keinen Bogen. Pädagogen sind mit der Situation oftmals überfordert. 30 Lehrer wollen das jetzt ändern. Über die harte politische Bildungsarbeit von Frank Böhme und Tom Matthes an zwei berufsbildenden Schulen berichtet der Beitrag von DENK-doch-MAL.de Redakteur Dr. Klaus Heimann. Beide Lehrer sagen, ja, es muss den Meinungsaustausch in der Klasse geben, aber es gibt Grenzen. Menschenverachtende Äußerungen, die lassen beide im Unterricht nicht zu.

Berufsschulen sind der Partner der Betriebe in der dualen Berufsausbildung. Die Auszubildenden sind verpflichtet die Berufsschule zu besuchen. An diesen Rahmenbedingungensetzt die Förderberufsschule St. Zeno in Kirchseeon (Landkreis Ebersberg in Oberbayern) an. Die Schule in Kirchseeon ist eine staatlich anerkannte Förderberufsschule am Berufsbildungswerk in Kirchseeon der Stiftung St. Zeno. Gerhard Endres, Lehrer an der Förderberufsschule und Redaktionsmitglied bei DENK-doch-MAL.de, geht in seinem Beitrag auf zwei zentralen Fragen ein: Wie gehen die Berufsschulen mit schwierigen Jugendlichen um? Welche Perspektiven bieten sie?