Editorial

Von: Dr. Roman Jaich (Wissenschaftlicher Mitarbeiter von ver.di und der Regiestelle weiter bilden, Berlin)

Dr. Roman Jaich

Wissenschaftlicher Mitarbeiter von ver.di und der Regiestelle weiter bilden, Berlin

Dr. Roman Jaich, Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, danach Erwerb der Hochschulreife und Studium an der Universität Kassel im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften mit volkswirtschaftlicher Ausrichtung. Im Anschluss an das Studium wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel im Fachgebiet Wirtschaftsrecht von Prof. Bernhard Nagel. Mitarbeit an verschiedenen Forschungsprojekten, z.B. zur „Konstituierung Europäischer Betriebsräte“ und zur „Finanzierung von Bildung in Deutschland“. Arbeitsschwerpunkte: Ökonomische Analyse des Rechts, Ökonomische Analyse des Arbeitsrechts, Mitbestimmungsforschung und Bildungsökonomie. Promotion zum Thema „Globalisierung und ...
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Digitalisierung, Arbeit 4.0 – das sind nur zwei Begriffe für ein zentrales Diskussionsthema der letzten Jahre. Veränderungen der Arbeitswelt sind im Prinzip nichts Neues. Erinnert sei nur an die jüngere Vergangenheit, z.B. die Befürchtungen die mit der Einführung elektronischer Datenverarbeitungsformen ab der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts oder den Automatisierungswellen in der Industrie. Arbeitsplätze haben sich verändert und einige sind auch verschwunden. Der zum Teil befürchtete radikale Abbau von Arbeitsplätzen oder das Einbrechen von sozialen Sicherungssystemen und betrieblichen Mitbestimmungsformen sind aber ausgeblieben. Das diese dennoch Veränderungen unterworfen waren, hat andere Ursachen, erinnert sei nur an das Ende des „Eisernen Vorhangs“.

Es gibt viele Berichte die darauf hinweisen, dass Arbeit 4.0/Digitalisierung keine Luftnummern sind. Insbesondere mit Blick auf die Verdrängung von Einfacharbeitsplätzen sind unterschiedliche Studien, zum Teil mit widersprüchlichen Befunden, erschienen. Aber nicht nur die Einfacharbeitsplätze sind betroffen. Die Restrukturierungs- und Innovationsprozesse infolge der Digitalisierung machen veränderte Aus- und vermehrte Weiterbildung erforderlich , insbesondere dann, wenn die Beschäftigten im Sinne guter Arbeit in der digitalisierten Arbeitswelt tätig und innovativ sein sollen. Mittlerweile hat sich Technik und damit technisch machbare Lösungen, innerhalb von zwei Jahren grundlegend verändert. Das hat Auswirkungen auf Arbeit und Qualifizierung. Die Beschleunigung technischer Innovationen führt in den Betrieben zur Flexibilisierung der Arbeitsstrukturen, Veränderungen der Arbeitsorganisation, Veränderungen der Arbeitsplätze – z.B. vernetzte Arbeitsformen – und kontinuierlichen Restrukturierungsprozessen, verbunden mit Arbeitsplatzabbau.

Im Herbst 2016 veröffentlichte das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) das Weißbuch „Arbeiten 4.0“. Damit ist der Dialogprozess des BMAS zum Thema Arbeiten 4.0, der mit dem Grünbuch Arbeiten 4.0 begann und über einen Fach- sowie öffentlichen Dialog sich weiter entwickelte, zu einem vorläufigen Abschluss gekommen.

In dieser Ausgabe von DENK-doch-MAL.de wollen wir der Frage nachgehen, was es auf sich hat mit der schönen neuen Arbeitswelt.

Benjamin Mikfeld, Leiter der Abteilung „Grundsatzfragen des Sozialstaates, der Arbeitswelt und der sozialen Marktwirtschaft“ im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, stellt in seinem Beitrag den Gedanken der „Arbeitsversicherung“ vor. Ein wichtiges Reformprojekt der SPD. Er folgt der Versicherungslogik, die allerdings den „Risikofall“ nicht mehr nur in (drohender) Arbeitslosigkeit sieht und somit die Arbeitslosenversicherung pfadabhängig stärker präventiv ausrichtet. Das „Persönliche Erwerbstätigenkonto“ ist stärker verteilungspolitisch begründet und stellt ein Bürgerrecht auf mehr Teilhabe dar. Beide Ansätze sollten im Zuge einer Gesamtstrategie mit anderen staatlichen Instrumenten wie der Förderung der Aufstiegsfortbildung verzahnt und so ausgerichtet werden, dass sie anschlussfähig auch an tarifpolitische Strategien zur Qualifizierung der Beschäftigten sind.

Die Veränderung der Arbeitswelt beschreiben Klemens Himpele, Leiter Magistratsabteilung 23 – Wirtschaft, Arbeit und Statistik der Stadt Wien, und Alexander Recht, Lehrer am Berufskolleg in Köln, erfrischend anders als in gängigen Veröffentlichungen zum Thema Digitalisierung. Sie stellen die Zukunft des Sozialstaates und deren Finanzierung in den Fokus und erinnern daran, dass es in der Geschichte der Entwicklung der Arbeitswelt zu unterschiedlichen Graden des Umbruchs kam und manche von ihnen mit enormen sozialen Verwerfungen verbunden waren.

Wie schön oder nicht schön die eine neue Arbeitswelt wird, oder zumindest wahrgenommen wird, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die Beschäftigten über ausreichend Kompetenzen für ihre Tätigkeiten verfügen. Im Gespräch mit Ute Kittel, Mitglied im Bundesvorstand der ver.di, gehen wir der Frage nach, ob die duale Berufsausbildung für neue Herausforderungen ausreichend gut aufgestellt ist, wo Schwachstellen liegen aber auch, wie es um die Weiterbildung bestellt ist.

Dass es gerade um die Weiterbildung in Deutschland nicht wirklich zum Besten bestellt ist, ist nicht wirklich neu. Zudem verweisen alle Beiträge, die sich mit dem Thema Digitalisierung/Arbeit 4.0 beschäftigen auf die Notwendigkeit, des lebenslangen Lernens oder notwendiger Qualifizierungen für den technischen Fortschritt. Die Gründe für das Schwächeln der Weiterbildung sind vielfältig, ein gewichtiger ist sicherlich die Finanzierung. Mario Patuzzi, Mitarbeiter im DGB Bundesvorstand Abteilung Bildungspolitik und Bildungsarbeit, beschriebt die Herausforderungen für die berufliche Weiterbildung sowie Umsetzungsmöglichkeiten, d.h. Förderinstrumente, die zeit- und technikgemäße Beteiligungsmöglichkeiten eröffnen.

Thomas Habenicht, Mitarbeiter der IG Metall Bildungszentrum Lohr Bad Orb, beschreibt Veränderungen die auf Kolleginnen und Kollegen auf betrieblicher Ebene zu erwarten sind und formuliert die daraus resultierenden Herausforderungen für die betrieblichen Interessenvertretungen. Für die IG Metall, als wesentlicher Akteur in der Gestaltung von Arbeits- und Lebensverhältnissen, heißt dies auch in Zeiten struktureller Umbrüche, Sicherheit für die Beschäftigten zu gewährleisten, gute Arbeit 4.0, gerechte Löhne, Tarifbindung, Entgeltgerechtigkeit sowie Selbstbestimmung und Mitsprache bei der Arbeitsgestaltung und den Arbeitszeiten.

Nur jeder dritte Ausbildungsleiter Berufsbildung hält laut einer Studie Digitalisierung für wichtig. Diese mangelnde Weitsicht ist nur schwer zu verstehen und rational kaum zu erklären, meint Hermann Trompeter, Bildungsleiter von Phoenix Contact. Zusammen mit der Betriebsratsvorsitzenden Uta Reinhard hat er gerade alle Hände voll zu tun, die Bildung im Industrieelektronik-Unternehmen ganz weit nach vorne zu schieben. Industrie 4.0 ist dabei ein hilfreicher Treiber. Glücklicher Umstand: Das neue Training Center in Schieder hat seine Arbeit aufgenommen. Hier dreht sich fast alles um Industrie 4.0. DENK-doch-MAL.de Redaktionsmitglied und freier Journalist Dr. Klaus Heimann war vor Ort. Sein Beitrag gibt einen Einblick in die betriebliche Bildungspraxis von 4.0.