Editorial

Von: Gerhard Endres (Freier Journalist, München)

Gerhard Endres

Freier Journalist, München

Gerhard Endres ist freier Journalist und Theologe, er lebt in München. Er ist erster Vorsitzender des Netzwerks für Gesellschaftsethik.


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er „Fachidiot“ war schon früher die Beschreibung eines fachlich versierten, aber darüber hinaus nicht sonderlich flexiblen Fachmanns. Mehr als ein Achselzucken oder ein mitleidiges Lächeln löst diese unzureichende Bildung allerdings nicht aus. Zwar sind inzwischen sogenannte weiche Faktoren im betrieblichen Alltag bedeutsam, doch dachte man „der eine hat sie, der andere eben nicht“. Von den Fachleuten wurden „soziale Kompetenzen“ als nicht ganz so wichtig argumentativ beiseite geräumt. Sozial kompetente Menschen erhielten nicht immer die notwendige Förderung.

Das hat sich grundlegend geändert, auch wenn nicht überall Menschen mit ihren sozialen Kompetenzen im Mittelpunkt der Förderung stehen. Die „männlich-harte“ Kultur wird noch nicht überall als nicht mehr angemessen anerkannt.

Mit dem Gutachten „Bildung. Mehr als Fachlichkeit“ des Aktionsrats Bildung aus dem Jahr 2015 des Verbands der bayerischen Wirtschaft (VBM) ist dieser grundlegende Wandel auch für die Wirtschaft dokumentiert. Klar ist weiterhin, Fachwissen ist wichtig und nötig. Doch zusätzlich wird „Bildung“, in Form von überfachlichen Kompetenzen und sozialen Fähigkeiten, immer wichtiger. Bekanntlich veraltet Wissen immer schneller. Kommunikation und kommunikative Fähigkeiten sind auch in technikgetriebenen Arbeitsbereichen zentrales Element einer positiven Betriebskultur, die auch ökonomisch zu Erfolgen führt.

Eine innovativ-offene Firmenkultur ist daher mehr als Fakten, Fakten, Fakten. Sie braucht Menschen, die zusätzlich zur Fachlichkeit vielfältige andere Persönlichkeitsmerkmale erworben haben. Sogenannte „soziale Kompetenzen“ besitzen und bereit sind, sich immer wieder auf neue Menschen und Situationen einzulassen und über sich selbst zu reflektieren.

Im Gespräch mit Professor Rudolf Tippelt, der maßgeblich die Studie „Bildung. Mehr als Fachlichkeit“ geprägt hat, zeigt sich, dass Bildung im umfassenden Sinn auch bei Führungskräften einen höheren Stellenwert hat und der enge Begriff von Qualifikationen nicht ausreicht, um in der Arbeitswelt der Gegenwart und Zukunft die Bildungsprozesse zu beschreiben.

Die deutschen Arbeitsbeziehungen und die Errungenschaften des Sozialstaats sehen nicht wenige als selbstverständlich an. Übersehen wird dabei, dass Mitbestimmung und die Regelungen in der gesetzlichen Sozialversicherungen, einschließlich der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, erkämpft, oft er streikt sind. Natürlich sind sie auch immer Kompromisse mit der herrschenden Politik. Dieses System finanziert sich durch Abgaben, die alle sozialversichungspflichtig Beschäftigen zu leisten haben. Nur was ist, wenn diese Regelform der Arbeit abnimmt? Roboter die Aufgaben von Menschen übernehmen und das in einem bislang nicht gekannten Umfang. Brauchen wir eine Roboter-Abgabe? Was fangen die Menschen mit ihrer Zeit an? Ist jetzt Zeit für umfassende allgemeine Bildung? Auf die Rahmenbedingungen der Arbeit der Zukunft, ausgehend von der Geschichte des deutschen Sozialstaats, geht Professor Dr. Wolfgang Schroeder von der Universität Kassel ein. Schroeder war viele Jahre sozialpolitischer Vordenker der IG Metall.

Seine Frage: Wie viel Sozialstaat braucht die schöne neue Arbeitswelt und wie wird er finanziert? Chefs großer Internetunternehmen bringen ein „Grundeinkommen“ ins Spiel. Die konservativ-liberale Regierung in Finnland beginnt angesichts einer Arbeitslosenquote von neun Prozent einen Live-Versuch mit dem Grundeinkommen. Der Mensch soll finanzielle staatliche Fürsorge erhalten, aber ansonsten keine Rechte und Ansprüche an den Staat stellen. Ist das der Weg der Zukunft?

Professor Schroeder beschreibt einige “Baustellen”, die anstehen. Eine könnte ein neues Arbeitszeitregiment sein. Die Gesellschaft ist durchaus reich, wie der neueste Armuts-und Reichtums Bericht zeigt. Menschen können in Zukunft mehr Zeit und Geld für Bildung aufwenden. Doch werden die das tun? Zusätzlich brauchen die Menschen Zeit füreinander, da die Belastungen und Umbrüche sich eher beschleunigen und mehr Zeit zur Regeration notwendig ist. Der massenhafte Konsum von Drogen und Schlaftabletten kann jedenfalls nicht der richtige Weg sein. Die Menschen brauchen Ruhe und Zeit nicht zum Nachdenken und zum Ausruhen. Daher sind flexible Arbeitszeiten, Sabbaticals, lebensphasenorientierte Arbeitszeiten und Bildungsfreistellungszeiten angesagt.

Lernen im Prozess der Arbeit ist immer auch exemplarische Bildungsarbeit (Negt), Aufklärung (Habermas) und emanzipatorisch, d.h. gemeinschaftsstiftend und dem Individuum in seinem sozialen Menschsein Chancen gebend. Bildung ist immer auch politische Bildung. Auch lernen ohne scheinbare politische Inhalte, ist politisch, weil sie Politik ausgrenzt oder als unwichtig darstellt.

Nicht erst seit es populistische Aktionsgruppen, Netzwerke und Parteien gibt, steht es um eine fundierte, reflektierte und sinnlich erfüllende politische Bildung nicht zum Besten. Auch in den sozialen Netzen geht es nicht unbedingt um eine reflektierte, breite und tiefgehende politische Diskussion. Hinzu kommt die Zunahme von bewussten Falschmeldungen, sogenannten Fakenews. Oder der gezielte Einsatz von Technik, um massenhaft Meldungen schnell zu verbreiten, zum Teil auch um Accounts lahm zu legen. Die schnelle Entwicklung der Arbeitswelt und die vielfältigen gesellschaftlichen Verunsicherungen und Veränderungen erschüttern viele Arbeitnehmer in ihren gesellschaftlichen Werten und politischen Ansichten. Doch: Wie viel politische Bildung braucht Arbeiten 4.0?

Doris Aschenbrenner, Robotik Expertin und selbst vielfältig politisch aktiv gibt darauf einige Antworten. Sie kennt das Internet bis ins Detail, die Entwicklungen der Digitalisierung und was das für die politische Bildung bedeutet. Denn: „Wir müssen die Prozesse der Digitalisierung verstehen. Wir müssen Computer und das Internet verstehen. Und wir müssen die politischen Konsequenzen daraus ableiten – diese sind nicht notwendigerweise so neu wie die Technologien, aber auch unsere Standardantworten brauchen eine Überprüfung unter den Rahmenbedingungen der Digitalisierung.“ Und die Dinge zu verstehen, dass ist Aufgabe der Bildung, ganz besonders der politischen Bildung.

Professor Dr. Fritz Böhle, einer der führenden Industriesoziologen der die Arbeitswelt umfassend betriebsnah erforscht beschreibt, setzt wie Professor Tippelt weiterhin auf den Bildungsbegriff, der scheinbar ganz altmodisch daher kommt. Sein Plädoyer: Mit Verstand und allen Sinnen lernen. Arbeit im turbulenten Umfeld verbindet er mit der Kernfrage: Braucht Arbeit 4.0 erfahrungsbasiertes Wissen?

Wie entsteht das Hightech-Gespür? Böhles Überlegungen zu erfahrungsgeleitetes Arbeiten und Lernen in hoch technisierten Arbeitsbereichen zeigen, dass trotz Digitalisierung und vielleicht Übertechnisierung der Mensch als komplexes Wesen mit vielfältigen Sinnen weiterhin die zentralen Aufgabe in der Arbeitswelt behalten wird. Vorausgesetzt, die Menschen wollen das.

Immer noch entscheiden Menschen über den Einsatz von Technik und ihre Programmierung. Der Mensch kann auch Nein sagen, wenn er erkennt, dass die Technik schädlich für den ihn und seine Entwicklung ist. Gewerkschaften und Betriebsräte sind gefordert, genau hinzusehen und zu überlegen, welche Forderungen nach Gestaltung und Mitwirkung bei der Technik sie stellen und sie in Verhandlungen einbringen. Die Verunsicherung der Menschen ist beizukommen, wenn die Gestaltung der Arbeitswelt gelingt und sich gleichzeitig der Mensch umfassend und vielseitig bilden kann. Bildung umfasst den ganzen Menschen, mit all seinen Sinnen, Fehlern und Fähigkeiten. Deshalb ist Böhle zuzustimmen, wenn er in seinem Beitrag schreibt: „Das erfahrungsgeleitet-subjektivierende Handeln und das mit ihm verbundene besondere Erfahrungswissen erweist sich gerade bei fortschreitender Digitalisierung als ein besonderes menschliches Potential und Arbeitsvermögen“.

Häufig wird bei Digitalisierung, Smart Home und Virtualisierung übersehen, dass nicht alle Menschen eine Ausbildung erhielten und in die Arbeitswelt integriert sind. Bernd Zimmer, Geschäftsführer des Berufsbildungswerks Kirchseeon fragt: Lohnt sich berufliche Bildung für scheinbar schwächere Jugendliche? Davon wird nicht zuletzt auch die Integration vieler Menschen in die Arbeitswelt und in die Gesellschaft abhängen. Der Zusammenhalt und die Menschlichkeit der Gesellschaft können nur gelingen, wenn alle Menschen eine reale Chance haben, sich selbst mit Arbeit zu ernähren und ein halbwegs sinnvolles Leben führen. Allein ökonomische Erwägungen reichen für die Begründung einer Bildung für alle nicht aus. „Der deutsche Weg der dualen Ausbildung ist auch für Personen ohne Hauptschulabschluss hervorragend geeignet, die Herausforderungen von Arbeiten 4.0 erfolgreich zu bestehen“, so seine feste Überzeugung.

Zurück zum Ausgangspunkt dieser Ausgabe von DENK-doch-MAL.de. Die Studie „Bildung. Mehr als Fachlichkeit“ wäre sicher nicht entstanden, wenn nicht breite Bereiche der bayerischen Wirtschaft der Grundthese zustimmen würden. Es spricht für die Weitsicht und die grundlegende Bereitschaft der bayerischen Wirtschaft sich solchen Grundsatzfragen zu stellen, auch wenn nicht alle sich damit identifizieren können. Der Verband der bayerischen Wirtschaft (VBW) finanziert den Aktionsrat Bildung, der allerdings mit Recht seine Unabhängigkeit betont.

Wir hätten gern einen Vertreter der bayerischen Wirtschaft mit einem Beitrag in dieser Ausgabe von DENK-doch-MAL.de zu Wort kommen lassen, das gelang allerdings nicht.

Hier der Link zur Studie: Bildung. Mehr als Fachlichkeit:

https://www.vbw-bayern.de/vbw/Aktionsfelder/Bildung/Bildung-neu-denken/Gutachten-Bildung.-Mehr-als-Fachlichkeit-2015.jsp