Editoral

Von: Dr. Bernd Kassebaum (Gewerkschaftssekretär), Thomas Ressel (Ressortleiter bei der IG Metall)

Dr. Bernd Kassebaum

Gewerkschaftssekretär

IG Metall Vorstand, Ressort Bildungs- und Qualifizierungspolitik, aktuelle Arbeitsfelder: allgemeine Bildungspolitik; Schule und Arbeitswelt; Hochschulpolitik mit den Schwerpunkten Ingenieurstudium, Akkreditierung, Kooperation Gewerkschaften/ Hochschulen.


Thomas Ressel

Ressortleiter bei der IG Metall

Thomas Ressel leitet das Ressort Bildungs- und Qualifizierungspolitik beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt am Main. Der Diplom-Volkswirt und gelernte Industriekaufmann studierte auf dem zweiten Bildungsweg von 1987 bis 1990 an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg Volkswirtschaft. Seit 1990 arbeitet er als Gewerkschaftssekretär beim IG Metall Vorstand, zunächst zehn Jahre in der Abteilung Jugend, anschließend ein Jahr in der Abteilung Mitglieder und seit 2001 im Ressort Bildungs- und Qualifizierungspolitik, seit 2013 ...
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Das Konzept der „erweiterten modernen Beruflichkeit“ zielt auf Bildungsreformen.

Vor zwei Jahren hat die IG Metall nach einem längeren Entwicklungsprozess das Leitbild „Erweiterte moderne Beruflichkeit“ und damit gemeinsame Prinzipien für die Gestaltung von Lernprozessen in der betrieblich-dualen und in der hochschulischen Bildung zur Diskussion gestellt. Im gleichen Jahr veröffentlichte der wissenschaftliche Beraterkreis von ver.di und IG Metall ein Memorandum für eine gemeinsame duale, schulische und hochschulische berufliche Bildung.

Zum Leitbild gibt es sowohl innerhalb der gewerkschaftlichen Medien wie außerhalb eine Reihe von Debattenbeiträgen (vgl. https://wap.igmetall.de/erweiterte-moderne-beruflichkeit.htm).

In dieser Ausgabe des Online-Magazins DENK-dochMAL.de wollen wir fragen:

  • Hat dieses Leitbild der „erweiterten modernen Beruflichkeit“ Impulse für die gewerkschaftliche Praxis gegeben?
  • Wie lässt sich das Leitbild in den aktuellen Diskussionsprozess über den Reformbedarf von Bildung einordnen?
  • Welche Bedeutung hat das Leitbild für die künftige bildungspolitische Praxis der IG Metall?

Eva Kuda wird die rund um das Leitbild im Bildungsnetz der IG Metall geführte Debatte zusammenfassen und ihr Augenmerk darauf legen, welche konzeptionellen und handlungsrelevanten Hinweise sich aus dieser Debatte gewinnen lassen.

Prof. Dr. Rita Meyer schaut von außen auf das Leitbild und versucht eine bildungspolitische Einschätzung und Bewertung. Sie diskutiert das erweiterte Verständnis von Beruflichkeit in Bezug auf die Lernorte der allgemeinen und beruflichen Bildung und zieht daraus Schlussfolgerungen für notwendige Erweiterungen der gewerkschaftlichen Berufsbildungspolitik.

In einer Reihe von Beiträgen stellen einzelne MitarbeiterInnen des Ressorts Bildungs- und Qualifizierungspolitik dar, welche Wirkung das Leitbild oder Teilaspekte des Leitbildes in der gegenwärtigen Politik des Ressorts haben. Claudia Koring und Thomas Ressel befassen sich mit dem engen Zusammenhang von Berufsbildung und Arbeitspolitik, zugespitzt in der Frage, welche Leitlinien das Konzept der Beruflichkeit für die Mitgestaltung der zunehmenden Digitalisierung der Arbeit bietet.


»Moderne Beruflichkeit ist eine notwendige Dimension bei der Gestaltung digitaler Arbeitswelten und ihr entsprechender Qualifizierungskonzepte.«


Frank Gerdes und Jörg Ferrando befassen mit der Entwicklung der betrieblichen Ordnungsmittel (Ausbildungsordnung und Ausbildungsrahmenplan) in der dualen Berufsausbildung. Im Zentrum steht das Thema „Kompetenzorientierung und die Umsetzung der 160’er Hauptausschussempfehlung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB HA Empf. 160).

Die Orientierung an beruflicher Handlungskompetenz ist auch der Hintergrund für den Beitrag von Holger Heinze. Ihm geht es darum, am Beispiel des Brofessio-Projekts die Möglichkeiten arbeitsprozessorientierten Lernens in der betrieblichen Weiterbildung auszuloten.

Die Integration beruflichen Lernens im wissenschaftlichen Studium ist eine zentrale Herausforderung des Leitbilds. Als Instrument können sich unter bestimmten Bedingungen hierfür die beruflich-fachlichen Referenzrahmen in einer Reihe von Studienfächern eignen. Dieser Frage geht Dr. Bernd Kaßebaum nach.

Das Konzept der „erweiterten modernen Beruflichkeit“ zielt auf Bildungsreform. Seinen Stellenwert und mögliche künftige Schwerpunkte der Berufsbildungspolitik der IG Metall herauszuarbeiten, ist Gegenstand des abschließenden Beitrags von Dr. Hans-Jürgen Urban, dem für die Berufsbildung verantwortlichen Vorstandsmitglied der IG Metall.

Die Debatte um die Weiterentwicklung von Beruflichkeit als handlungsleitendem Prinzip für die Bildungspolitik der IG Metall ist noch längst nicht zu Ende. „Erweiterte moderne Beruflichkeit“ ist eine notwendige Dimension bei der Gestaltung digitaler Arbeitswelten und ihr entsprechender Qualifizierungskonzepte. Sie ist Herausforderung für die Gestaltung künftiger Ausbildungsberufe und Studiengangkonzepte und sie hat eine gesellschaftliche Dimension, weil Beruflichkeit sich als Gestaltungsprinzip gegen die Parzellierung und Prekarisierung von Arbeit und Bildung wendet und stattdessen auf gute Arbeit und gute Bildung setzt.