Netzbasierte Lernprogramme ergänzen klassische Bildungsgänge, sie können sich aber auch als Substitute erweisen

Editorial

Von: Dr. Roman Jaich (Wissenschaftlicher Mitarbeiter von ver.di und der Regiestelle weiter bilden, Berlin)

Dr. Roman Jaich

Wissenschaftlicher Mitarbeiter von ver.di und der Regiestelle weiter bilden, Berlin

Dr. Roman Jaich, Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, danach Erwerb der Hochschulreife und Studium an der Universität Kassel im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften mit volkswirtschaftlicher Ausrichtung. Im Anschluss an das Studium wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel im Fachgebiet Wirtschaftsrecht von Prof. Bernhard Nagel. Mitarbeit an verschiedenen Forschungsprojekten, z.B. zur „Konstituierung Europäischer Betriebsräte“ und zur „Finanzierung von Bildung in Deutschland“. Arbeitsschwerpunkte: Ökonomische Analyse des Rechts, Ökonomische Analyse des Arbeitsrechts, Mitbestimmungsforschung und Bildungsökonomie. Promotion zum Thema „Globalisierung und ...
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Digitalisierung macht vor dem Bildungssektor nicht halt. 

Mit dem Begriff Digitalisierung werden eine Reihe höchst unterschiedliche Themenfelder bezeichnet. Diese reichen von einer eher technischen Begrifflichkeit für die Umwandlung von analogen Informationen in elektronische Speichermedien bis zu Sachverhalten, welche die Gesellschaft insgesamt erfassen wie das weitreichende Eindringen von elektronischen Medien in alle gesellschaftlichen Bereiche.

Richtet man sein Augenmerk eher auf Sachverhalte, die auf Veränderungen der Arbeit und der Gesellschaft abzielen stößt man neben dem Begriff Digitalisierung auf eine Reihe von verschiedenen Begriffen, die mehr oder weniger Ähnliches ausrücken sollen, so z.B. Industrie 4.0 und Arbeiten 4.0, digitale Revolution oder Big Data. Gemeint sind damit wiederum unterschiedliche Phänomene, sei es das „Ende der Arbeit“ wie es die Studie von Frey und Osborne (2013) nahelegt, d.h. das Verschwinden von menschlicher Arbeit aufgrund der Automatisierung von Produktionsprozessen; die Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses durch Formen des Cloud- und Crowdworking mit weitgehend ungesichertem rechtlichen Status und prekären Arbeitsbedingungen, aber auch Probleme des Datenschutzes oder schließlich das Internet der Dinge, womit die Einbindung von realen, außerhalb von Netzen existierende Objekte in das Netz gemeint sind.

industrie40Gemeinsam ist diesen Szenarien die Vermutung, dass ein ungeregeltes Fortschreiten der Entwicklung erhebliche Auswirkungen auf Qualität und Quantität der Arbeit hat. Auch wenn noch unklar ist, welche tatsächlichen Auswirkungen von einer zunehmenden Digitalisierung der Arbeitsprozesse zu erwarten sind, ist es trotzdem richtig, sich jetzt in die Diskussion einzuschalten. Sind die Weichen erst einmal gestellt, können sie zum Teil nur schwer wieder umgestellt werden. Daher beteiligen sich die Gewerkschaften ver.di und IG Metall auch an den unterschiedlichsten Diskussionsprozessen zum Thema.

Digitalisierung und Facharbeit, berührt nicht nur das Thema Verdrängung, auch Bildungsprozesse haben hier ihre Relevanz. Bildung in diesem Kontext hat zwei Seiten. Zum einen werden Bildungsprozesse ein als ein zentraler Ansatzpunkt gesehen um Beschäftigungsfähigkeit in Zeiten der Digitalisierung zu erhalten. Damit ist z.B. gemeint, Beschäftigte deren Arbeitsplätze durch Digitalisierung wegrationalisiert oder durch Roboter ersetzt werden, für neue Arbeitsplätze fit zu machen. Dahinter steht die Annahme, dass Digitalisierung vor allem Einfacharbeitsplätze frisst.

Aber nicht nur die Einfacharbeitsplätze sind betroffen. Die vermehrten Restrukturierungs- und Innovationsprozesse infolge der Digitalisierung werden veränderte Aus- und vermehrte Weiterbildung erforderlich machen, insbesondere dann, wenn die Beschäftigten im Sinne guter Arbeit in der digitalisierten Arbeitswelt tätig und innovativ sein sollen. Mittlerweile verändert sich Technik und damit technisch machbare Lösungen, innerhalb von zwei Jahren grundlegend. Das hat Auswirkungen auf Arbeit und Qualifizierung. Die Beschleunigung technischer Innovationen führt in den Betrieben zu einer Flexibilisierung der Arbeitsstrukturen: Veränderungen der Arbeitsorganisation, Veränderungen der Arbeitsplätze – z.B. vernetzte Arbeitsformen – und kontinuierlichen Restrukturierungsprozessen, verbunden mit Arbeitsplatzabbau.

Neue Beruflichkeit, dynamischer und pluraler werdende Berufsbiografien, berufliche Neuorientierungen und lebensbegleitende Fort- und Weiterbildungsbedarfe prägen die neue Arbeitswelt.

Flexibilisierung der Arbeitswelt erfordert, dass berufliche Bildung breit aufgestellt sein muss. Ausbildung darf nicht zugeschnitten sein auf spezifische betriebliche Belange oder auf die Lösung kurzfristiger technischer Probleme. Vielmehr muss Berufsausbildung abzielen auf breit aufgestellte Facharbeit mit grundlegenden Kenntnissen und Fähigkeiten die dazu befähigen, schnell auf technische Herausforderungen reagieren zu können. Entsprechend soll betriebliche Weiterbildung nur in einzelnen Fällen zur Lösung akuter Problemlagen dienen. Die Regel sollte hier sein, umfassende Kompetenzen zu vermitteln, die zertifiziert werden und über den unmittelbaren Nutzen am Arbeitsplatz hinausreichen.

Die andere Seite von Bildung im Kontext von Digitalisierung ist, dass selbst Bildungsprozesse sich im Zuge der Digitalisierung verändern, die Automatisierung macht vor dem Bildungssektor nicht halt. Netzbasierte Lernprogramme ergänzen nicht nur klassische Bildungsgänge, sie können sich auch als Substitute erweisen.

In dieser Ausgabe von DENK-doch-MAL.de Digitalisierung und Facharbeit, kann der Digitalisierungsdiskurs nicht in seiner ganzen Breite ausgerollt werden. Wir konzentrieren uns auf Aspekte, in denen Digitalisierung und Facharbeit eine Rolle spielt.

Den Auftakt bildet ein Interview, das der freie Journalist Dr. Klaus Heimann mit Staatssekretär Thorben Albrecht, Ministerium für Arbeit und Soziales, geführt hat. es geht um Arbeiten 4.0, dem starken Treiber gesellschaftlicher Veränderungen. Seine optimistische Prognose: Niemand wird von der Technik überrollt.

Nach Dr. Hans Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, ist die Berufsbildung ein Schlüsselelement, um das Potenzial für eine humane Digitalisierung zu erschließen. Er formuliert zehn Thesen, in denen die Eckpunkte einer Berufsbildungspolitik beschrieben werden, die die umfassenden Interessen der Beschäftigten an guter Arbeit und entsprechenden Arbeits- und Lernbedingungen zum Ausgangspunkt macht und die auf die Entfaltung der Humanisierungspotenziale digitaler Wertschöpfung zielt.

Digitalisierung ist nicht nur ein nationales Thema, daher wird dies auch im transnationalen Kontext diskutiert. So hat der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss hat in einer Stellungnahme die digitalisierungsgetriebenen Veränderungen der Arbeit und deren Auswirkung auf die Arbeitsmärkte und die Beschäftigung zum Thema gemacht. Anja Kramer vom Bildungswerk ver.di Niedersachen beschreibt diesen Prozess und macht deutlich, dass die europäische Ebene durchaus wichtig ist, bei diesem Thema in den Blick genommen zu werden.

DigiDigitalisierung führt voraussichtlich nicht nur in der Produktion zu tiefgreifenden Veränderungen, auch personennahe Dienstleistungen sind hiervon nicht ausgenommen. Wolfram Gießler vom Bildungsinstitut Essen und Michaela Evans vom IAT machen am Beispiel der Gesundheitswirtschaft deutlich, das auch der Dienstleistungssektor von Auswirkungen der Digitalisierung nicht verschon bleiben wird. Allerdings wird nach ihrer Einschätzung die Relevanz digitaler Technik in der personenbezogenen Dienstleistungsarbeit bislang noch nicht hinreichend erfasst. Dies muss sich dringend ändern, ansonsten drohen personenbezogene Dienstleistungen als bloßes Anwendungsfeld digitaler Technik ohne eigenständige Entwicklungsstrategie marginalisiert zu werden.

Dr. Klaus Heimann bespricht das Buch Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt  „Die Digitale Bildungsrevolution“. Nach ihrer Auffassung ist die Zukunft des Lernens digital. In ihrem Buch zeigen sie, wie die vernetzte Welt nicht nur unser Bildungssystem, sondern auch unsere Gesellschaft verändert. Ihre starke, wenn auch nicht belegte bildungspolitische These: bisherige Bildungsverlierer bekommen neue Chancen und alte Eliten geraten in Bedrängnis. Aber sie warnen auch: Digitale Bildung erfasst Unmengen von Daten. Es droht der gläserne Lerner, der im Netz unauslöschliche Spuren hinterlässt und Opfer von Algorithmen und Wahrscheinlichkeiten ist.

Auch an Bildungseinrichtungen geht die Digitalisierung nicht spurlos vorbei. Prof. Dr. Uwe Elsholz von der Fernuniversität Hagen führt aus, dass die Hochschulen in Deutschland sich häufig noch Lernformaten des 19. Jahrhunderts bedienen. Nach seiner Auffassung müssen die Hochschulen sich modernisieren und der Fortentwicklung und Modernisierung hochschulischer Lehre mehr Aufmerksamkeit widmen denn eine gesellschaftliche Bedeutung als Bildungsinstitution haben sie nicht automatisch und können sie daher auch verlieren.

Schließlich muss die betriebliche Ebene auch in den Blick genommen werden. Dass die Telekom mit ihren Netzen nicht nur Macher der Digitalisierung ist sondern von deren Wirkung betroffen ist, zeigen Eric Daum und Ralf Meger,   Gesamtbetriebsräte der Deutschen Telekom Kundenservice GmbH auf. Digitalisierung führt zu neuen Geschäftsfeldern und -prozessen, damit bieten sich Chancen für das Unternehmen und deren Beschäftigte. Die Chancen sind aber kein Selbstläufer sondern müssen von den betrieblichen Vertretungen verhandelt werden.