Editorial

Von: Dr. Roman Jaich (Wissenschaftlicher Mitarbeiter von ver.di und der Regiestelle weiter bilden, Berlin)

Dr. Roman Jaich

Wissenschaftlicher Mitarbeiter von ver.di und der Regiestelle weiter bilden, Berlin

Dr. Roman Jaich, Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, danach Erwerb der Hochschulreife und Studium an der Universität Kassel im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften mit volkswirtschaftlicher Ausrichtung. Im Anschluss an das Studium wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel im Fachgebiet Wirtschaftsrecht von Prof. Bernhard Nagel. Mitarbeit an verschiedenen Forschungsprojekten, z.B. zur „Konstituierung Europäischer Betriebsräte“ und zur „Finanzierung von Bildung in Deutschland“. Arbeitsschwerpunkte: Ökonomische Analyse des Rechts, Ökonomische Analyse des Arbeitsrechts, Mitbestimmungsforschung und Bildungsökonomie. Promotion zum Thema „Globalisierung und ...
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Das es um die Weiterbildung in Deutschland entgegen anders lautenden Bekundungen immer noch nicht zum Besten bestellt ist, beleuchten wir im Editorial. Hier zeigen wir auch kurz die Stationen der Initiative der Gewerkschaften ver.di, IG Metall und GEW auf, sich für bundesweite Regelungen für die Weiterbildung einzusetzen.

Nur wenige gesellschafts- und wirtschaftspolitische Ziele finden einen so breiten Konsens wie die Forderung, den Stellenwert von Weiterbildung zu erhöhen. Unbestritten ist seit vielen Jahren ihre Bedeutung für die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe einerseits sowie der Erwerbssicherung der Beschäftigten andererseits.

Umstritten ist allerdings, welcher Handlungsbedarf besteht und wie eine Verbesserung der Situation in der Weiterbildung erreicht werden kann, z.B. wer für die Finanzierung der Weiterbildung aufkommen soll. Entsprechend hat sich in diesem Feld relativ wenig bewegt, Weiterbildung ist in Deutschland weiterhin allenfalls im Mittelfeld.

Gut die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland wird mittlerweile von Weiterbildungsangeboten erreicht. Aber immer noch verstärken die bestehenden Strukturen des Bildungs- und Weiterbildungssystems die soziale Auslese. Je besser z.B. die schulische Vorbildung, umso ausgeprägter ist die Weiterbildungsbeteiligung. Von den Personen mit niedriger Schulbildung – nach dem Adult Education Survey (AES) 2014 – nur 36 % an Weiterbildung teil, mit hohem Schulabschluss 62 %.

Der aktuelle Erwerbsstatus einer Person hat einen deutlichen Einfluss auf das Weiterbildungsverhalten. Die Weiterbildungsbeteiligung von Arbeitern lag 2014 bei 44 %, die der Angestellten demgegenüber bei 64 %. Teilzeitbeschäftigte nehmen deutlich seltener an Weiterbildung teil. Noch geringer sind die Weiterbildungschancen bei geringfügiger Beschäftigung.

Personen mit Migrationshintergrund nehmen ebenfalls deutlich weniger an Weiterbildung teil. 2014 betrug die Weiterbildungsbeteiligung von Ausländern 32 %, die Weiterbildungsbeteiligung von Deutschen 53 %.

Auch im internationalen Vergleich ist es um die Weiterbildung in Deutschland nicht sonderlich gut bestellt. Nach der europäischen Weiterbildungserhebung CVTS 4 (Continuing Vocational Training Survey) nimmt Deutschland weiterhin nur einen Platz im Mittelfeld ein. Berücksichtigt man zudem nur die Länder mit einer ähnlichen sozio-ökonomischen Struktur wie Deutschland, also die nord- und westeuropäischen Länder, ist die betriebliche Weiterbildung in Deutschland deutlich schlechter aufgestellt. So hat Deutschland für das Jahr 2010, z.B. beim Anteil der weiterbildenden Unternehmen eine der geringsten Quoten.

Eine hinreichende Verbesserung der beruflichen Weiterbildungsmöglichkeiten braucht deshalb eine Drei-Ebenen-Strategie: betriebliche und tarifliche Regelungen, die ergänzt werden durch gesetzliche Rahmenbedingungen. Mit der Forderung nach bundeseinheitlichen gesetzliche Rahmenbedingungen für die Weiterbildung sind die Gewerkschaften ver.di, IG Metall und GEW erstmals 2001 aufgetreten, ein überarbeitetes Konzept haben sie 2008 vorgelegt. Nach der Entwicklung in einigen Nachbarländern – seit Mitte 2015 hat die Schweiz ein Weiterbildungsgesetz – wollen die Gewerkschaften die Initiative wieder aufleben lassen.

Diese Ausgabe von DENK-doch-MAL.de hat daher zum Ziel die Debatte über Bundesregelungen in der Weiterbildung aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Dazu kommen Weiterbildungsexperten des In- und Auslandes, Politikvertreter, Praktiker und Gewerkschaftsvertreter zu Wort.

Bernhard Grämiger, stellvertretender Direktor des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung, beschreibt die Entwicklung zu einem Weiterbildungsgesetz und deren Inhalte in der Schweiz. Ausführlich geht er auf die voraussichtliche Wirkung des Gesetzes ein, die so sei an dieser Stelle schon gesagt, nach seiner Einschätzung eher dürftig ausfällt.

Gefragt haben wir die Fraktionen, wie deren Einschätzung und Perspektive hinsichtlich Bundesregelungen für Weiterbildung sind. Nicht alle haben geantwortet. Dr. Rosemarie Hein, bildungspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im deutschen Bundestag ist der Auffassung, dass im Bereich der Weiterbildung dicke Bretter gebohrt werden müssen. Welche und auf welche Weise schildert sie in ihrem Beitrag.

Ansgar Klinger, Leiter des Organisationsbereichs Berufliche Bildung und Weiterbildung im GEW Hauptvorstand knüpft an die Empfehlungen der Expertenkommission Finanzierung Lebenslangen Lernens an, die vor über 10 Jahren ihren Schlussbericht veröffentlicht hat. In seinem Beitrag geht er auf den Rückzug der öffentlichen Hand aus der Finanzierung der Weiterbildung ein. Er zeigt auf, dass trotz aller positiven Bekundungen zum Lebenslangen Lernen die Finanzierung der Weiterbildung – in allen Bereichen – rückläufig ist.

Prof. Bernd Benikowski unterstützt Unternehmen bei der Einrichtung einer betrieblichen Lernarchitektur. Mit ihm sprachen wir über Situation gerade in Kleinunternehmen und darüber, welche Unterstützung diese Unternehmen brauchen, um sich hinsichtlich der Weiterbildung ihrer Beschäftigten besser aufzustellen.

Seit über zehn Jahren berät der Wissenschaftliche Beraterkreis der Gewerkschaften IG Metall und ver.di diese in Fragen der beruflichen Bildung. Prof. Dr. Dieter Gnahs von der Universität Duisburg-Essen berichtet über die aktuelle Ausgabe der Berufs-Bildungs-Perspektiven die dem Thema „Gute Arbeit braucht gute Weiterbildung“ gewidmet ist. Nach einer Beschreibung der Entwicklung des Weiterbildungsbereiches wird ein veränderter Blickwinkel auf die Weiterbildung vorgeschlagen, eine Subjektorientierung, und verschiedene Konsequenzen hieraus beleuchtet.

Zur Positionsbestimmung der Grünen zur Weiterbildung  dokumentieren wir abschliessend den Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Bildungszeit PLUS – Weiterbildung für alle ermöglichen, lebenslanges Lernen fördern. Er beinhaltet nur eine Forderung: Das Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz mittelfristig zu einem Gesetz für Lebenslanges Lernen im Sinne einer Bildungszeit PLUS auszubauen.

Die SPD-Fraktion im Bundestag macht sich stark für bessere Rahmenbedingungen in der Weiterbildung. In ihrem Mainfest „Gute Arbeit – Gute Weiterbildung“ formulieren sie als Ziel, Flächendeckende Mindeststandards in der Aus- und Weiterbildung durchzusetzen und führen dies anhand einer Reihe von Ansatzpunkten aus.