Editorial

Von: Martin Mertens (Vorstandsmitglied Bundesverband Produktionsschulen)

Martin Mertens

Vorstandsmitglied Bundesverband Produktionsschulen

Physikingenieur und Berufspädagoge, seit 30 Jahren aktiv für Produktionsschule tätig, meistens für die Kasseler Produktionsschule BuntStift, seit 2010 Vorstand Bundesverband Produktionsschulen E-Mail-Adresse: m.mertens@bv-produktionsschulen.de    


Produktionsschulen sind in Europa und auch in Deutschland zu einer wichtigen Bildungseinrichtung im Übergang von der Schule in die Berufsausbildung und den Beruf geworden. Bekannt wurden Produktionsschulen in Deutschland bereits in den 20er Jahren durch die „Entschiedenen Schulreformer“. Diese Reformer um Paul Oestreich, Anna Siemsen, Olga Essig und Siegfried Kawerau wollten nach dem zerstörerischen 1. Weltkrieg eine neue Form von Schule, die einen „lebendigen Menschen“ entwickelt/hervorbringt. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, das der Zielkatalog der heutigen Produktionsschulen sehr dicht an dem aus den 20er Jahren orientiert ist.

Produktionsschulen sind Bildungseinrichtungen, die sich im Wesentlichen durch eine zielgerichtete Verknüpfung systematisierter, beruflicher Orientierung und Qualifikation oder beruflicher Ausbildung mit erwerbsorientierter betriebsnaher Produktion kennzeichnen. Sie entfalten ein Betriebsmodell, in dem Arbeits- oder Produktionsprozesse nach didaktischen Gesichtspunkten gestaltet und für die Lernenden fruchtbar gemacht werden. Am Übergang zwischen Schule und Beruf haben sich Produktionsschulen inzwischen als eine Form der Berufsvorbereitung, Grundbildung und Ausbildung bewährt. In einigen Bundesländern sind sie sogar zu einem institutionalisierten Teil des Übergangssystems geworden. – Sogar die Bertelsmann Stiftung berücksichtigt bereits die Produktionsschule als Teil ihres Rahmenkonzepts „Übergänge mit System“-.

In einem neuen Übergangssystem könnten die gut evaluierten und dokumentierten Erfreulich: Vorteile des Produktionsschulkonzepts konsequent in zukünftigen Feldern umgesetzt werden:

  • vertiefende Berufsorientierung als Ergänzung bestehender schulischer Angebote
  • Berufs(ausbildungs)vorbereitung
  • betriebsnahe duale Ausbildung zur Sicherung einer Ausbildungsplatzgarantie
  • Nachqualifizierung
  • Nachholen des Schulabschlusses

Produktionsschulen haben in den letzten Jahren im Feld der Benachteiligtenförderung ein eigenständiges pädagogisches Profil entwickelt und praktiziert, und zwar unabhängig von wechselnden Maßnahmen, Förderprogrammen und Richtlinien.

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Die in den letzten zwanzig Jahren gegründeten Produktionsschulen in Deutschland waren ein offenes Modell bezüglich der Konzeptionierung und Praxis. Dies war wichtig, um unterschiedliche schulische und außerschulische „Produktionsschulmodelle“ zu erproben, die positive Anknüpfungspunkte mit Weiterentwicklungsperspektive bieten. Diese Modelle zeigten dabei eine überzeugende pädagogische Antwort auf Integrations- und Inklusionsprobleme der jungen Menschen, als eine extrem heterogene gesellschaftliche Gruppe.

Vermutlich auch weil es keine formalisierte, dogmatische Definition von Produktionsschule gab, hat sich in Deutschland eine Vielfältigkeit an institutionellen Ausprägungen innerhalb der Produktionsschullandschaft entwickelt. Einrichtungen arbeiten nach dem Produktionsschulgedanken, ohne sich Produktionsschule zu nennen. Andere realisieren Produktionsschule in Abhängigkeit von Projekt- und Finanzierungsbedingungen eher als Maßnahmeangebot im Übergangssystem. Hierbei wird deutlich, dass es die Voraussetzungen sind, die die Produktionsschullandschaft prägen und den Facettenreichtum bei der Realisierung des Produktionsschulansatzes hervorgebracht haben.

Kasten1Vereinzelt integrieren Berufsbildende Schulen diesen Ansatz in ihre Arbeit. Die meisten Produktionsschulen stehen auch für die Möglichkeit der Schulpflichterfüllung. Insgesamt gibt es bundesweit aktuell Klärungsversuche, wie Produktionsschule im bestehenden (Beruf)Schulsystem verortet werden kann. Zum Beispiel haben in Mecklenburg-Vorpommern vor kurzem alle Produktionsschulen einen Antrag auf Anerkennung als Ersatzschule gestellt. Auch in der Arbeitsgruppe 4 „Schule als Vorbereitung auf die Arbeits- und Lebenswelt“ des Bildungsgipfels Hessen geht es um Statusklärungen von Produktionsschulen.

Die größte Herausforderung ist aber die Verstetigung der Produktionsschulen durch ihre Etablierung im Berufsbildungssystem bzw. als zentrales Element im Übergangssystem. Die Einführung des neuen Fachkonzeptes „Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen mit produktionsorientierten Ansatz BvB-Pro“ der Bundesagentur für Arbeit 2012 war ein erster Versuch zur Verstetigung dieser praxisorientierten beruflichen Bildungs- und Erziehungsangebotes. Die aktuelle Entwicklung in Nordrhein-Westfalen mit der Umsetzung von fast 3.000 produktionsschule.nrw-Plätzen ist ein weiterer Schritt.

Aktuell stehen in fast 150 Produktionsschulen ca. 7.000 Plätze für Lernende im Jahr zur Verfügung. Man kann aber nicht immer sicher sagen, ob auch Produktionsschule „drin“ ist, wo Produktionsschule draufsteht.

Das würde nämlich bedeuten, dass der Verstetigungsprozess mit Qualitätsanforderungen und -elementen verknüpft werden muss. Es besteht die wichtige Aufgabe, Qualität von Produktionsschulen einzufordern, umzusetzen und weiterzuentwickeln. Am weitestgehend sind da die Qualitätsstandards des Bundesverbandes Produktionsschulen „Nur wo Produktionsschule drin ist, soll auch Produktionsschule drauf stehen“, die 2010 veröffentlicht wurden. Sie bilden den Rahmen und Inhalt dieser neuen Form von „Schule“ und und bestimmen die pädagogische und organisatorische des Bundesverbandes Haltung zu einem qualitativ neuen Bildungsparadigma aus. Und dieser fachlichen Begleitung der Praxis muss ein hohes Maß an Aufmerksamkeit gewidmet. Zum Teil haben sie bereits Eingang in die Förderrichtlinien von Bundesländern gefunden.

Zur Qualität gehört auch die Unterstützung und Professionalisierung des Personals. Der Bundesverband Produktionsschulen hat beispielsweise eine 9-modulige Fortbildungsreihe für Fachkräfte in Produktionsschulen, Jugendwerkstätten und produktionsorientierten Einrichtungen in Zusammenarbeit mit Prof. Arnulf Bojanowski ( 2013) von der Leibniz Universität Hannover entwickelt und führt sie seit 2010 regelmäßig durch.

Dringend geboten für das Lernmanagement ist eine Verallgemeinerung der Lernerfahrungen der Produktionsschulen im Arbeitsprozess. Um die guten Erfahrungen dieser Werkstattprozesse auf ihre Übertragbarkeit in die Berufsausbildung zu überprüfen und mit den betrieblichen Erfahrungen abzugleichen, empfiehlt sich eine Forschungsarbeit (Curriculum – Entwicklung) die unmittelbar in der Praxis durchgeführt wird. Im Sinne der Handlungsforschung gemeinsam mit Auszubildenden, Ausbildern und Wissenschaftlern und nicht nur am grünen Tisch akademischer Didaktik. Ebenso wie die Fertigungsprodukte der Produktionsschule selbst marktfähig (in der Wertschöpfungskette) sein müssen, sollte auch jede Lerneinheit als Produktionshandlungseinheit (marktgängig) für alle Produktionsschulen übertragbar sein („Standards“). Die flächendeckende Einrichtung und der Betrieb von Produktionsschulen in regionaler und kommunaler Steuerung macht nicht nur pädagogisch, sondern auch ökonomisch Sinn, wenn sie mehrere Felder des Übergangssystems abdeckt. Die Infrastruktur kann von unterschiedlichen Teilnehmern genutzt werden und ist weniger anfällig bei Strukturveränderungen.

Voraussetzung ist aber, dass das Konzept bzw. die vielfältigen Angebote nicht einer kurzfristigen Ausschreibungspraxis unterliegen, sondern langfristig angelegt und nachhaltig organisiert sind.

Arbeit mit Kindern-final„Das Prinzip Produktion in der Schule“ ist nun das Thema dieser Online-Ausgabe von DENK-doch-MAL.

In Anlehnung an Paul Oestreichs Abrisse und Leitsätze zur dritten Tagung der Bundes entschiedener Schulreformer 1920 in Berlin-Lankwitz „Zur Produktionsschule!“ greifen die Autoren Henner Stang und Martin Mertens in einem fiktiven Interview die aktuellen Fragestellungen zur Produktionsschule auf und bringen die möglichen Antworten ein. Sie plädieren vor allem für eine handlungsorientierte Forschungsarbeit um die Produktionsschulidee zu profilieren und deren Stärken zu präsentieren.

Unter dem Begriff Jugendschulen wird in der erziehungswissenschaftlichen Forschung eine beachtliche Brandbreite schulischer Einrichtungen subsumiert, deren gemeinsames Merkmal es ist, dass sich ihre Konzepte insbesondere auf solche Problemlagen beziehen, die mit einem erschwerten Zugang zum Beschäftigungssystem verknüpft sind. In seinem Beitrag analysiert der Autor Prof. Wolfgang Mack die aktuelle Situation zu Bildung und Lebensbewältigung am Übergang Schule-Beruf dar. Er geht dann der Frage nach, ob das Konzept Jugendschule organisiert als Produktionsschule eine geeignete Bewältigungsstrategie für junge Menschen ist, die eine neue Form der Vermittlung von Subjekt und Welt ermöglicht.

Seit der zweiten Gründungswelle von Produktionsschulen von vor zehn Jahren kam eine Notwendigkeit auf, dass Produktionsschule sowie die Produktionsschullandschaft in Deutschland näher umrissen werden, um zu verdeutlichen, auf was sich im Späteren eigentlich Produktionsschule bzw. seine Qualität bezieht. Der Autor Martin Förster hat den Entwicklungsprozess der Qualitätsstandards des Bundesverbandes Produktionenschulen beobachtet. Weiter hat er die Einführung des Qualitätssiegel Produktionssiegel (QPS) wissenschaftlich begleitet.

Produktionsschulen finden aktuell ihren Platz „eher“ als Maßnahme, die Engpässe, Schieflagen und Anschlussprobleme von gegliederter Schule, Selektionsfolgen beruflicher Bildung im Dualen System und sozial segmentierende Strukturen von Hilfe zu bewältigen versucht. Der Autor Prof. Dirk Plickat blickt zurück auf die neueren Anfänge der Reformbewegung Produktionsschule und beschäftigt sich mit der Methode „des Praktischen“. Weiter stellt er seine Produktionsschulkritik an Berufsschule dar. Letztlich geht ihm darum, dass die Entwicklungspotentiale der Produktionsschule sich entfalten können müssen, und sie nicht zur Rest- und Risikoschule verkümmert.

Welche Überlegungen sind wichtig wenn ein Produktionsschulkonzept umgesetzt wird. Wie sieht der Alltag einer Produktionsschule aus? Was muss das pädagogische Arrangement berücksichtigen? Die Autoren Maiken Carstens und Bernd Reschke, beide Produktionsschulpraktiker, beschreiben wichtige Aspekte des Produktionsschulalltags wie die jungen Mitarbeiter, das Personal, die Finanzierung sowie Inhalte, Methoden und Strukturen.

Wenn man davon ausgeht, dass die reformpädagogischen Grundprinzipien der Produktionsschule für alle Jugendlichen Chancen eröffnen, dann gilt es, sie so zu erweitern, dass im Grundsatz der gesamte Bereich des Übergangs von der (allgemeinbildenden) Schule in den Beruf in den Blick genommen werden kann. Dies kann zu einer (real-)utopischen Orientierung beitragen, die hier als „Alternative Aufbaustufe“ von Wiebke Petersen vorgestellt wird.