Editorial

Jugendarbeitslosigkeit in Europa – Phänomene, Realitäten und Ge­genstrategien

Von: Ulrich Degen (Ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn)

Ulrich Degen

Ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn

Ulrich Degen, bis 2008 wiss. und leitender Mitarbeiter im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) Berlin und Bonn und in Förderprogrammen des BMBF zur Unterstützung von digitalen Medien in Aus- und Weiterbildung aktiv und zuletzt Leiter des Arbeitsbereichs ‚Kompetenzforschung‘ im BIBB. Ehrenamtlich u.a. im Prüfungsausschuss der IHK zu Köln für den Ausbildungsberuf ‚Fachangestellte/r für Markt- und Sozialforschung tätig sowie beim Bildungsportal WAP der IG Metall.


Die 850 Mitarbeiter von EUROSTAT, dem Statistischen Amt der Europäischen Union in Luxemburg, registrierten Ende des Jahres 2014 eine gigantische Zahl: 5,3 Millionen Jugendliche unter 25 Jahre sind in der EU von Arbeitslosigkeit betroffen. Die Kommentare in der Öffentlichkeit fallen entsprechend aus: Europas Jugendarbeitslosigkeit ist eine Zeitbombe; Jugendarbeitslosigkeit hinterlässt lebenslange Narben und für die Gesellschaft ein Tod auf Raten. Selbst die UN spart nicht mit harschen Worten: verlorene Generation, Gefährdung der Demokratie und warnt, dass der Frust enorme politische Konsequenzen haben wird.

Hat die Jugend in Europa wirklich keine Perspektive? Dieser Frage gehen wir in dieser Ausgabe von DENK-doch-MAL nach.

Die EU, Kommission und Parlament, gehen davon aus, dass der EU-Wirtschafts­raum auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weltweit am dynamischs­ten wächst. Vielleicht etwas verlangsamt durch die Euro­krise. Helfen sollen unterschied­lich fokussierte und finanzierte Einzelprogramme. Dabei geht es auch um die wirtschaftliche Integration aller Mitgliedsstaaten. Der EU-Politik ist wichtig, dass der technologische Fortschritt befördert und der Ausbau der Infrastruktur sowie eine um­weltschonende Ressourcennutzung vorangetrieben werden. Auch die Arbeits- und Ausbildungsmärkte sollen davon profitieren. Zum Beispiel durch geeignete Fördermaßnahmen und Subventionen, wie etwa Lohnzuschüsse.

IMG_3234Diese Maßnahmen sind auch dringend notwendig, weil insbesondere die Jugendar­beitslosigkeit in den Mitgliedstaaten z.T. ein Ausmaß angenommen hat, was für Deutschland nur schwer vorstellbar ist. Jugendarbeitslosigkeit, Staatsschulden und – vor allem im Süden Europas – die wachsende Armut sind wohl gravierendsten Probleme, die es aktuell zu lösen gilt.

Die Quoten der Jugendarbeitslosigkeit sind dramatisch hoch: 53,8 Prozent in Spanien, 22,2 Prozent in Irland. Deutschland kommt mit 7,7 Prozent noch ausgesprochen gut weg. Die Euro-Zone insgesamt weist eine Quote von 23,5 Prozent auf und die EU eine von 21,6. Es besteht also dringender Handlungsbedarf.

Deshalb wurden seit 2013 von den EU-Staaten, mit erheblichen Haushaltsmitteln, eine sog. Jugendgarantie bzw. die Jugendbeschäftigungsinitiative bzw. EU-Beschäftigungsinitiative aufgelegt. Publikumswirksam gab es eine Reihe hochkarätiger Treffe von Politikern zur Ju­gendarbeitslosigkeit.

Und es gibt erste Effekte: Die Arbeitslosigkeit der unter 25Jährigen ist von 23,5 auf 21,6 Prozent etwas gesunken. Das reicht aber offenbar weder der Politik, noch den Sozialpartnern in der Europäischen Union.

So kritisiert beispielsweise Elke Hannack, DGB-Vize-Vorsitzende, dass ‚die Jugendarbeitslosigkeit in der EU mit durchschnittlich rd. 21 Prozent absolut inakzeptabel sei‘ und dass, wenn diese hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und Griechenland zum Dauerzustand werde, ‚Europa keine Zukunft hat‘.

Um die die ambitionierten Wachstumsziele im europäischen Wirtschaftsraum zu erreichen, sind in allen Mitgliedsstaaten der EU hochqualifizierte Fachkräfte nötig. Diese fehlen, wenn die Jugendlichen keine ausreichende und qualifizierte Ausbildung erhalten und deshalb keine berufliche und auch keine gesellschaftliche Perspektive entwickeln können.

Inzwischen sind EU-Haushaltsmittel für nötige Initiativen in Milliardenhöhe bereitgestellt. Die Internationale Arbeitsorganisation geht nach eigenen Berechnungen davon aus, dass mindestens 21 Milliarden EU in die Hand genommen werden müssten, wenn jeder Jugendliche unter 25 Jahren einen Arbeitsplatz oder eine  Ausbildung bekommen soll. Umso erstaunlicher ist allerdings, dass Programme zum Teil nicht abgerufen werden. Der Grund dafür ist simpel: Die Mit­gliedsländer wegen sich die Ko-Finanzierung einfach nicht leisten.

Was tun?

Der Europa-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit und der im Januar 2015 verstorbene Münchener Soziologe Ulrich Beck haben eine politische Initiative für ein neues Europa gestartet. „Wir sind Europa. Ein Manifest zur Neugründung der EU von unten“. In ihm fordern sie von Brüssel, den nationalen Parlamenten und der Bevölkerungen die Schaffung ei­nes ‚freiwilligen sozialen Jahrs in Europa‘ „…aus und gegen die Wut über eine Politik, die mit riesigen Summen Banken rettet, aber die Zukunft der Jugend verspielt.“ Ein Freiwilliges Jahr für alle für Taxifahrer und Theologen, für Angestellte, Arbeiter und Arbeitslose, für Musiker und Manager, für Lehrer und Lehrlinge, Künstler und Köche, Richter und Rentner, für Frauen und Männer – „als eine Antwort auf die Euro-Krise!“

Seien wir optimistisch und glauben an Erich Kästner, der meinte, „auch aus Steinen, die dir in den Weg gelegt werden, kannst du etwas Schönes bauen.“ Kreativität ist allein deshalb in Europa gefragt, weil alle Staaten mit älter werdenden Gesellschaften zu kämpfen haben. In den nächsten 15 Jahren werden die Fachkräfte in vielen Wirtschaftssektoren rar, wenn dann die heute 50-Jährigen in Rente gehen. Den Betrieben kann man nur sagen: greift jetzt zu, qualifiziert die große Zahl von arbeitslo­sen Jugendlichen. Sie werden das Invest als Wachstum, Wohlstand und sozialen Frieden zurückzahlen.

Wenn die Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt ankommen, dann reihen sie sich am Ende der Schlange ein. Jugendliche sind in mehrfacher Weise die „Letzten“, meint zumindest Politikwissenschaftler Prof. Dr. Günther Schmid aus Berlin. Sie haben keine oder die geringsten „Senioritätsrechte“. Kommt es zu Entlassungen, sind sie die Ersten, die gefeuert werden (‚last in, first out‘). Werden sie eingestellt, erhalten sie häufig nur befristete Arbeitsverträge. Europaweit sind 42 Prozent der Jugendlichen befristet beschäftigt im Vergleich zu 11 Prozent der Erwachsenen. „In Rezessionen herrscht – neben Kündigungen – Einstellungsstopp, d.h., Jugendliche kommen schon gar nicht rein. Kommt es im Aufschwung zu Einstellungen, sind sie die Letzten, weil sie keine Berufserfahrungen sammeln konnten.“

Die ‚Youth Garantee‘ ist bekanntlich die Antwort der EU auf die Jugendarbeitslosig­keit im EU-Raum. Sie hat zum Ziel, dass alle unter 25-jährigen innerhalb von vier Monaten nachdem sie aus der Schule kommen oder ihren Job verlieren, entweder eine Arbeitsstelle oder einen angemessene Aus- oder Weiterbildungsplatz angeboten be­kommen. Mischa Terzyk, ‎politischer Referent bei der Gewerkschaftsvereinigung industriAll Europe in Bruessel, bewertet diese ‚Garantie‘ und schätzt die avisierten Mittel, die eigentlich bereitgestellt werden müssten, um die Jugendarbeitslosigkeit in der EU zu bekämpfen. Er bleibt skeptisch ob die aufgewandten Mittel und Ziele die Kraft haben die Jugendarbeitslosigkeit substantiell zu reduzieren. Er berichtet auch welche Antworten auf die unzureichenden Maßnahmen der europäischen Politik sechs europäische Gewerkschaftsverbände gefunden haben. Sie haben die Initiative „Enough of their crisis – back to our future“ ins Leben gerufen.

Um sich einen Überblick über die Problemlagen von Jugendarbeitslosigkeit insbesondere in Deutschland zu verschaffen, trägt Zukunftsforscher Prof. Dr. Rolf Kreibich aus Berlin in seiner Analyse zunächst die wichtigsten Daten und Befunde aktueller Jugendstudien zusammen. Sie und seine jahrzehntelange Erfahrung in der Zukunftsforschung liefern ihm die Folie da­für, Jugendarbeitslosigkeit in der Zukunft mit visionären gesellschaftlichen Änderun­gen und Aufgaben zu bekämpfen. Hierfür sieht er insbesondere ein an Nachhal­tigkeit orientiertes Wirtschafts- und Gesellschaftskonzept für geeignet, da es das größte Potential an kreativen Arbeitstätigkeiten hat und damit auch vielfältige und inter­essante Ausbildungs- und Qualifizierungsberufe generieren kann. Damit wäre dann auch die Mär der Neo-Kapitalisten widerlegt, die davon ausgeht, dass uns die Arbeit ausgeht. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Es gibt in Europa so viel Arbeit im Zusammenhang mit einer Umorientierung auf eine nachhaltige Wirtschaft, wie noch nie in der Geschichte. Also ein mehr als interessantes, ja ein tragfähiges Konzept zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit.

Bereits im letzten Jahr ist bei WAP ein Interview mit Prof. Lutz Bellmann erschienen, dass über das europatriates-Konzept zur möglichen Lösung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa berichtet und es bewertet. Europatriates ist hergeleitet von Expatriates, womit Beschäftigte bezeichnet werden, die von ihren jeweiligen Unternehmen und Betrieben für eine begrenzte Zeit ins Ausland geschickt werden, um dort neue Erfahrungen zu sammeln, auch, um dort eigene Fertigkeiten und Fähigkeiten und Kompetenzen einzubringen. Wesentlicher Initiator und Kopf dieses Konzept ist der Saarländer Peter Hartz. Vgl. dazu: https://wap.igmetall.de/cps/rde/igm_auth/wap/style.xsl/view_myigm.htm )

Prof. Jacqueline O’Reilly, Lehrstuhlinhaberin im englischen Brighton, arbeitet auf dem Hintergrund ihrer speziellen Erfahrungen und Situationen im Vereinigten Königreich (UK) heraus, welche Faktoren es sind, die die gegenwärtige Jugendar­beitslosigkeitssituation von früheren rezessiven Wirtschaftsentwicklungen und deren Ju­gendarbeitslosigkeit unterscheiden. Sie appelliert für einen stärkeren Zugang, gerade auch der englischen Politik, zu europäischen Mitteln, um die Jugendarbeitslosigkeit erfolgreich zu be­kämpfen.

Dr. Philipp Grollmann, Wissenschaftler beim Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn, analysiert, dass die duale Berufsbildung im Zusammenhang mit der Krise und der extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit ein Referenzmodell geworden ist. Dem „Erfolgsmodell“ duales System stehen aber inzwischen eine ganze Reihe von Formen von Dualität in europäischen Staaten gegenüber. Dass ein Transfer des Dualen Systems der Berufsbildung nicht möglich ist, ist schon lange bekannt. Viel zu voraussetzungsreich ist dieses Modell hinsichtlich der institutionellen Strukturen und der Bildungspräferenzen von Familien und Lernenden, als dass es eins-zu-eins von einem nationalen Kontext in den anderen übertragen werden könnte.

Die Probleme fehlender Ausbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten sind im Prinzip fehlende Arbeitsplätze und Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Ursachen für diese Misere können allerdings in den einzelnen Mitgliedsländern durchaus unterschiedlich sein. Ein Blick auf den deutschen Ausbildungsmarkt, der relativ intakt ist, zeigt das. Die Message der Beitrage zu Problemen der Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland könnte lauten: Wenn man bei einem gut entwickelten Berufsbildungssystem wie dem deutschen, dennoch beträchtliche Verwerfungen bei Übergangs- und Zugangsfragen hat, dann kann man vielleicht ermessen, welche Probleme andere Mitgliedsländer der EU mit weniger entwickelten Formen zu lösen haben.

Zentrale Übergangsprobleme von Jugendlichen an beiden Schwellen sind nach ihrer Auffassung die bedarfsgesteuerte Ausbildungsplatzbesetzungen. Für Ursula Beicht und Dr. Günther Walden, vom Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn, sind es insbesondere Jugendliche mit Hauptschulabschluss, mit Migrationshintergrund und junge Frauen die Probleme haben, einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz zu bekommen. Die Autoren analysieren schonungslos die „offenen Wunden“ des vielgelobten dualen Systems.

Die Probleme des Übergangs von ausgebildeten Jugendlichen in Arbeit haben sich nach Untersuchungen von Prof. Dr. Lutz Bellmann vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, deutlich entspannt. Zwar waren die Jugendlichen stärker von der großen Rezession betroffen, es aber relativ schnell gelang, ihnen neue Beschäftigungs- und Ausbildungsmöglichkeiten zu eröffnen. Zuletzt wurde jeder dritte Ausbildungsabsolvent im Anschluss an seine Ausbildung vom Ausbildungsbetrieb übernommen.

Diese Ausgabe wird von Ulrich Degen verantwortet.