„Beruflichkeit neu denken“ – ein Leitbild in der Diskussion

Editorial

Von: Dr. Bernd Kassebaum (Gewerkschaftssekretär), Eva Kuda (Soziologin)

Dr. Bernd Kassebaum

Gewerkschaftssekretär

IG Metall Vorstand, Ressort Bildungs- und Qualifizierungspolitik, aktuelle Arbeitsfelder: allgemeine Bildungspolitik; Schule und Arbeitswelt; Hochschulpolitik mit den Schwerpunkten Ingenieurstudium, Akkreditierung, Kooperation Gewerkschaften/ Hochschulen.


Eva Kuda

Soziologin

Eva Kuda war langjährig im Ressort Bildungs –und Qualifizierungspolitik als Gewerkschaftssekretärin beim IG Metall Vorstand in Frankfurt mit den Arbeitsschwerpunkten Europäische Berufsbildungspolitik, Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, Qualifizierung älterer ArbeitnehmerInnen beschäftigt. Sie ist Diplomsoziologin und Mitherausgeberin der Buchveröffentlichungen „Arbeitnehmer als Unternehmer? Herausforderungen für Gewerkschaften und berufliche Bildung“ und „Akademisierung der Arbeitswelt? Zur Zukunft der beruflichen Bildung“.  


Das Thema dieser Online-Ausgabe von DENK-doch-MAL ist das neue berufsbildungspolitische Leitbild der IG Metall. Es stellt sich unter der Überschrift: „Erweiterte moderne Beruflichkeit“ als gemeinsames Leitbild für die betrieblich-duale und die hochschulische Berufsbildung vor. Es versteht sich als Diskussionspapier.

Mit den folgenden Beiträgen möchten wir die ehren- und hauptamtlichen Bildungsexpertinnen und -experten in Praxis , Wissenschaft und Gewerkschaft ansprechen, Ausbildungsverantwortliche in den Betrieben, Lehrende an Hochschulen, interessierte Studierende und Auszubildende wie alle, die an aktuellen Bildungsfragen in Schule, Hochschule und Betrieb mitdiskutieren wollen.

Uns geht es zunächst darum, über die Inhalte und die Zielsetzungen des Leitbildes „erweiterter moderner Beruflichkeit“ zu informieren und sie im gesellschafts-und bildungspolitischen Zusammenhang bekannt zu machen.

Ein weiteres Ziel ist es, den gewerkschaftspolitischen Stellenwert des Konzeptes erweiterter moderner Beruflichkeit als Orientierungmarke für gewerkschaftliche Bildungs-, Arbeits- und Gesellschaftspolitik zu verdeutlichen und notwendige und mögliche Umsetzungsschritte in der Betriebs-, Arbeits- und Gesellschaftspolitik zur Diskussion zu stellen.

Die Beiträge dieser Ausgabe des Online-Magazins sind nach folgenden Schwerpunkten aufgegliedert:

Was steht im neuen Leitbild von Beruflichkeit? Warum und für wen hat die IG Metall es vorglegt?

Zu diesem ersten Abschnitt gehören die Beiträge von Dr. Bernd Kaßebaum und Thomas Ressel, die in kurzer Form Qualitätsanspruch, das Bildungs- und Politikkonzept des Leitbildes sowie seine gewerkschaftlichen Umsetzungsschritte vorstellen. Dr. Hans-Jürgen Urban stellt den Zusammenhang des Leitbildes mit aktuellen gewerkschaftspolitischen Handlungsansätzen und gesamtgesellschaftlichen Diskussionssträngen dar. Beruflichkeit wird insbesondere in ihrer Bedeutung für Arbeits- und Bildungspolitik diskutiert. Was hat das Leitbild mit guter Arbeit, mit Mindestlohn und Mindestqualifizierung und unseren Vorstellungen von sozialer und politischer Gerechtigkeit zu tun?

Im zweiten Teil geht es ums „Eingemachte“, um die Konkretisierung von Einzelaspekten und die Problematisierung an den „offenen Flanken“ des neuen Konzepts.

Welche Einwände gibt es aus den Hochschulen? Dieser Frage geht Prof. Dr. Georg Spöttl nach. Er stellt die Unterschiede zwischen beruflichem Lernen und wissenschaftlichem Studium heraus – soweit es auf Forschung ausgerichtet ist und er nennt Ansatzpunkte insbesondere in den Studienfächern, die auf eine außerhochschulische Praxis gerichtet sind.

Was bedeutet Erfahrungs- und Wissenschaftsorientierung für duale Berufsbildung und Hochschulen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es? Jürgen Strauß greift eine der zentralen Aussagen des Leitbildes auf, das Erfahrungs- und Wissenschaftsorientierung in einem gemeinsamen Konzept von Beruflichkeit für Ausbildung und Studium reklamiert. Er setzt sich mit Kritik und Zustimmung auseinander und stellt Überlegungen vor, wie dieses Konzept umgesetzt werden kann, ohne die Besonderheiten der beiden Lernformen außer Acht zu lassen.

Eva Kuda und Angelika Puhlmann thematisieren, ob und wie die Qualitätskriterien im Bildungskonzeptes des Leitbildes erweiterter moderner Beruflichkeit zu mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern beitragen können: Wichtige Ansatzpunkte sind Lernziele, die sich auf neue Anforderungen an männliches und weibliches Arbeitsvermögen beziehen. Dazu gehören arbeitsbiografische Kompetenzen zur Selbstorganisation der eigenen Berufsrolle und zur Steuerung des eigenen Arbeits- und Berufsverlaufs. Dazu gehört auch das Lernziel, eigene Interessen selbstbewusst und gemeinsam mit anderen zu vertreten.

Im dritten Schwerpunkt geht es darum, die Leitbilddebatte in übergeordnete Zusammenhänge einzuordnen.

Prof. Dr. Günter Kutscha zeigt auf, wie sich das Verständnis von Beruflichkeit und damit verbundene Leitbildvorstellungen im historischen Zeitverlauf gewandelt haben. Sein Beitrag Bildungsreform und erweiterte moderne Beruflichkeit ordnet die Forderung nach einem gemeinsamen Leitbild für berufliche und hochschulische Bildung der langjährigen Reformdebatte um die „Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung“ zu. Er zeigt Entwicklungsschritte und Stillstand bei der Durchsetzung dieses Reformzieles auf und lässt die Frage offen: Gelingt es, den „Reformstau“ mit dem Diskurs über erweiterte moderne Beruflichkeit zu überwinden?

Ist Beruflichkeit nur ein deutscher Sonderweg oder hat das Konzept auch für internationale Berufsbildungspolitik eine Bedeutung? – dem geht Dr. Philipp Grollmann in seinem Beitrag nach. Im Nachvollzug verschiedener Argumente aus dem internationalen Berufsbildungsdiskurs und der Entwicklungsstufen europäischer Berufsbildungs- und Beschäftigungspolitik zeigt er Schnittstellen und Unterschiede zur deutschen Debatte um Beruflichkeit auf. Während Deutschland sich in einem Prozess der Neukonfiguration des (Ausbildungs-)Berufsverständnisses und seiner bildungspolitischen und –praktischen Implikationen befindet, gewinnt der Berufsbildungsbegriff in der internationalen Diskussion an Kontur und Bedeutung.

Der wissenschaftliche Beraterkreis von ver.di und IG Metall hat sich mit den jüngsten BerufsBildungsPerspektiven ebenfalls mit dem Thema Beruflichkeit befasst. Er hat „Leitlinien für eine gemeinsame duale, schulische und hochschulische berufliche Bildung“ vorgelegt. Darin nimmt der Beraterkreis eigenständig und wissenschaftsbezogen Stellung und unterstützt zugleich Prozesse in den Gewerkschaften. Prof. Dr. Peter Faulstich stellt die Empfehlungen des wissenschaftlichen Beraterkreises vor: Wie können die bestehenden Teilsysteme so zusammenführt werden, dass ein wissensbasiertes reflexives Handlungskonzept mit einem stärkeren Erfahrungsbezug verbunden wird und zu einem gemeinsamen Verständnis von Beruflichkeit führen kann?

Den Abschluss dieser Ausgabe bildet der kritisch prüfende Blick der betrieblichen Praxis.

Die im Leitbild vorgeschlagenen Konzepte brauchen ihren „Realitätscheck“. Nur, wenn sie in der betrieblichen Ausbildung, in der Personalentwicklung, bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen und Aufstiegswegen zum Tragen kommen, werden sie tatsächlich zur politischen Kraft. Welchen Nutzen können betriebliches Bildungspersonal und Interessenvertretung aus dem Leitbild ziehen? Im Gespräch mit Dr. Klaus Heimann nimmt Ferdinand Walbaum zu diesen Fragen Stellung.

Die Beiträge stellen das neue Leitbild vor. Aus den Beiträgen selbst erwachsen neue Fragen, Hinweise und Einwände. Dies ist gewollt und soll auch seinen Niederschlag finden. Reaktionen auf die Texte sind gewünscht. Wir nehmen sie gerne an.