Editorial

Von: Prof. Dr. Peter Faulstich (Professor an der Universität Hamburg)

Prof. Dr. Peter Faulstich

Professor an der Universität Hamburg

Prof. Dr. Peter Faulstich hatte den Lehrstuhl für Erwachsenenbildung/ Weiterbildung Universität Hamburg Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft Sektion Berufliche Bildung und Lebenslanges Lernen. Faulstich wurde geboren  am 12.6.46 in Frankfurt/M.; Dipl.-Ing., Dr. phil. habil., Lehrstuhl für Erwachsenenbildung/ Weiterbildung an der Universität Hamburg seit 1995. Ab 1977 war er Leiter der Kontaktstelle für wissenschaftliche Weiterbildung und ab 1992 des Zentrums für Wissenschaftstransfer an der Gesamthochschule Kassel-Universität. Sprecher der Kommission Erwachsenenbildung der DGfE 1995 – 1999, ...
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Die Ideologie der Sachzwänge „Es gibt keine Alternative“ ist genauso verbreitet wie unsinnig. Es ist offensichtlich und leicht durchschaubar, dass sie lediglich dazu dienen soll, Gestaltungsperspektiven und Veränderungschancen zu leugnen und zu verdecken. Schon im Programm „Humanisierung der Arbeit“ in den 1970/80/90er Jahren wurden Beispiele alternativer Arbeitsgestaltung entwickelt, die auf erweiterte Inhalte, gesteigert Beteiligung und entwickelte Subjektivität in der Arbeit setzten. Diese Ansätze wurden weggespült im Wirbel „neuer Produktionskonzepte“, die heute auch nur noch nachklingen: Job-Rotation, Gruppenarbeit, Projektbezug u.ä. wurden eingeführt und wieder abgeschafft. Die Betriebe wurden zu Versuchslaboren, um Arbeitseinsatzformen zu finden, welche aus Sicht der Unternehmen den veränderten Verwertungsformen eines durch die Finanzmärkte getriebenen Kapitalismus gerecht werden sollen. Für die Arbeitenden folgten daraus Wechselbäder von Ent-Taylorisierung und Re-Taylorisierung der Arbeitseinsatzverhältnisse.

Auch die Redensart von „Teilhabe“ suggeriert eher noch einen Selbstlauf von Technik, Ökonomie und Arbeit, bei dem die Menschen irgendwie „mitgenommen“ werden müssen. Dass Arbeit gestaltet werden muss, um menschlich zu sein, schien weitgehend vergessen. Die Programme zur „Humanisierung der Arbeit“ liefen in den 1990er Jahren unvollendet aus. Danach entstand eine Lücke, die den Wandel der Arbeitswelt zwar zur vielgebrauchten Formel werden ließ, dessen Gestalt jedoch im Dunklen lies.

Die Programmatik „Gute Arbeit“ hat noch nicht die gleiche Antriebskraft entfaltet. Heute scheint sich im Management der Mythos der Technisierung wieder zu verstärken. Es wird unterstellt, dass die Informationstechnologie die Arbeitenden immer stärker in die Rolle der Lückenbüßer der Automation drängt, und dass menschliche Arbeit zunehmend einförmig oder sogar überflüssig werde. Gleichzeitig aber benötigen die Menschen in unserer Gesellschaft für ein „Gutes Leben“ die Fähigkeit zur Bewältigung und Gestaltung immer komplexerer Lebens- und Arbeitswelten. Hierfür ist in besonderem Maße Erfahrungswissen und -können vonnöten, das vor allem durch sinnliche Aneignung generiert wird. Gerade an den informationstechnisch höchstgerüsteten Arbeitsplätzen findet eine Subjektivierung der Tätigkeiten statt. Es läuft nicht ohne die Erfahrungen der Arbeitenden.

Und Erfahrung lernt man vor allem durch das Erleben und Begreifen, also durch Lernprozesse, die alle Sinne berühren. Sinnliche Erfahrung in abstrakten Datenwelten? Wie dies zusammenkommen kann, diskutiert Sabine Pfeiffer, die dazu auf Forschungen des Münchner Instituts für Sozialforschung (ISF) zurückgreifen kann.

Die Trennung von Arbeitsorte und Lernort verschieb sich. „Gutes Lernen“ findet keineswegs nur in den primären Institutionen des Lernens wie Schule, Universität und Weiterbildungseinrichtungen statt.

„Gutes Leben“ bezieht sich nicht nur auf Arbeitstätigkeit, sondern erfordert weitergehend einen Ausgleich von Arbeit und Mitmenschlichkeit. Wenn man die Floskel von der work-life-balance ernst nimmt, steckt darin als harter, sinnvoller Kern, die Vorstellung, dass Leben nicht in Arbeiten aufgeht, sondern das mehr dazu gehört: Zusammensein mit anderen, Beteiligung an Kultur, die Gemeinsamkeit der Zukunftsgestaltung. Axel Bolder versucht die abzuwägen.

Dies schließt Lernen ein: Welche institutionelle Reformen nötig sind wird in dem Leitbild der „erweiterten Beruflichkeit“ wie es der wissenschaftliche Beraterkreis von IG Metall und verdi begründet hat, aufgenommen. Friedhelm Hengsbach fasst die Grundgedanken zusammen. Seine eigene Position beruht auf der katholischen Soziallehre und deren Prinzipien des Zusammenlebens des Menschen in Gesellschaft und Staat. Solidarität fordert ein gemeinschaftliches Handeln aller. Eine gerechte Gesellschaftsordnung muss jedem Menschen eine Erfüllung der Grundbedürfnisse gewährleisten. Subsidiarität besagt, dass Aufgaben, die von kleineren Einheiten übernommen werden können, auch von diesen übernommen werden sollen. Personalität besagt, dass jeder Mensch die Freiheit hat, sein eigenes Leben verantwortlich zu gestalten. Gemeinwohl besteht nur dann, wenn es möglichst allen Personen zugute kommt.

Prominent wurden solche Grundsätze 2013 aufgeworfen im „Apostolischen Schreiben“ „Evangeli Gaudium“ (Freude des Evangeliums) des Papstes Franziskus I., in dem er die durch den Kapitalismus erzeugte soziale Ungleichheit und das dahinter stehende System anprangert, „weil es an der Wurzel ungerecht ist“. In dem 184 Seiten langen Dokument kritisiert der Papst die „Tyrannei des Marktes“ und ruft die Kirche, aber auch die Mächtigen der Welt auf, gegen Armut und Ungleichheit zu kämpfen. „Diese Wirtschaft tötet“, so seine unmissverständliche Einschätzung. Ihm wurde darauf hin „purer Marxismus“ vorgeworfen.“ Kamen doch aus dem Vatikan Sätze, die, zumal aus Rom, fast linksradikal zu klingen schienen. Der Papst folgt der Kapitalismus-Kritik ganz in der Tradition der Befreiungstheologen. Längst gehe es nicht mehr nur um Ausbeutung und Unterdrückung, sondern um Ausschließung aus der Gesellschaft. „Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann.“ Heftig protestiert der Papst auch gegen Verschwendung und ungerecht verteilte Mittel: „Es ist nicht mehr zu tolerieren, dass Nahrungsmittel weggeworfen werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden.“

Die Aufregung in der veröffentlichten Meinung war gewaltig. Immerhin hat der Papst in seinem Schreiben zusammenfassen ausgesprochen, was man schon lange wusste. Deshalb ist der Lehrtext (Dokumentation der Zusammenfassung bei Radio Vatikan) eine wichtige Argumentationshilfe für die gesellschaftliche Auseinandersetzung, darüber, was denn „Gutes“ Arbeiten, Lernen und Leben sein könne. Es fehlen allerdings ein angemessener Gesellschaftsbegriff und auch eine konkrete Strategie der Überwindung von Ungerechtigkeit, Erniedrigung und Verachtung.

Die Unterstellung, dass wenn man christliche Glaubenselemente ernst nimmt, damit auch Leitlinien für die Entwicklung einer neuen, einer guten Gesellschaft gezeichnet werden könnten, begründete auch den Versuch des – von Friedrich Engels so gebrandmarkten – „utopischen Sozialisten“ Wilhelm Weitling (1808-1871), Er hat z.B. in seinem „Evangelium des armen Sünders“ von 1845 versucht, Grundzüge einer kommunistischen Gesellschaft zu entwerfen, indem er die Bekenntnisse des „Urchristentums“ konsequent fortführt.. Dazu muss er allerdings eine Schritt weitergehen – nämlich das sakrosankte Prinzip des Eigentums in Frage stellen, wovor der Papst zurückscheut.

Nun bleiben diese Entwürfe tatsächlich Blaupausen einer Zukunftshoffnung, zu der der Weg verhüllt, wenn nicht sogar versperrt scheint. Abstrakte Utopie muss umgesetzt werden in konkrete Perspektiven gesellschaftlichen Handelns und Gestaltens. Ansätze dafür gilt es zu stärken. Es bedarf es eines Kurswechsels.

Impulse gab z.B.. die gesellschaftspolitischen Kampagne „Kurswechsel für ein gutes Leben“ der IG Metall. Die Gewerkschaften haben geradezu den Auftrag, neue Entwicklungspfade zu betreten und entschlossen Reformen zum Besseren aktiv mit zu gestalten und dafür Mehrheiten zu gewinnen. Diese Debatte über ein zukunftsfähiges Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell hat die IG Metall aufgenommen. Im Mittelpunkt des Reformmodells stehen die Bedingungen für ein „Gutes Leben“. Wie können wir qualitatives Wachstum, gute Arbeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Teilhabe miteinander verbinden? Es geht um den Diskurs für gute Arbeit, gutes Lernen und ein gelingendes Leben, der weitergeführt und vorangetrieben werden muss – bis der Kurswechsel erreicht ist.