Editorial

Ist die Marginalisierung der dualen Berufsbildung noch zu stoppen?

Von: Dr. Klaus Heimann (Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin), Ulrich Degen (Ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn)

Dr. Klaus Heimann

Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin

Dr. Klaus Heimann, war bis Ende 2012 Ressortleiter Bildung beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt/M.. Jetzt ist er als freier Journalist, Moderator und Berater in Berlin tätig. Er war Mitarbeiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung und im Bundesinstitut für Berufsbildung. Seine Berufsausbildung absolvierte er als Maschinen-Schlosser. Er studierte an der Ruhr-Universität Berufs- und Wirtschaftspädagogik in Bochum und promovierte dort. Er war viele Jahre Aufsichtsratsmitglied bei der MAN AG in München und als Berater ...
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Ulrich Degen

Ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn

Ulrich Degen, bis 2008 wiss. und leitender Mitarbeiter im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) Berlin und Bonn und in Förderprogrammen des BMBF zur Unterstützung von digitalen Medien in Aus- und Weiterbildung aktiv und zuletzt Leiter des Arbeitsbereichs ‚Kompetenzforschung‘ im BIBB. Ehrenamtlich u.a. im Prüfungsausschuss der IHK zu Köln für den Ausbildungsberuf ‚Fachangestellte/r für Markt- und Sozialforschung tätig sowie beim Bildungsportal WAP der IG Metall.


In Deutschland gibt es nur wenige Experten, die klar und unmissverständlich sagen: Die viel gepriesene betriebliche Berufsausbildung steckt in einer handfesten Krise.

Die zentralen Akteure sind es, die davonlaufen: Die Betriebe, insbesondere die kleinen und mittleren, ziehen sich zurück. Immer weniger bieten Ausbildungsplätze. Aber auch bei den Jugendlichen lässt das Interesse nach. Viele, zu viele, wenden sich ab. Suchen an den Hochschulen oder in Fachschulen, ja manchmal sogar in unsinnigen Sackgassen-Kursen des Übergangsbereichs nach beruflichen Perspektiven. Oft unfreiwillig, manchmal aber auch um den Start in die raue Wirklichkeit des Betriebes hinauszuzögern.

Human Resources-Guru und Ex-Personalvorstand bei diversen Grußunternehmen, Thomas Sattelberger, gefällt es schon lange nicht mehr, wie behäbig und selbstgefällig, geschmückt mit unendlich vielen Girlanden und Lobpreisungen, das duale System daherkommt. „Die duale Berufsausbildung ist gegenwärtig ein Exportschlager, im Inland gibt es ein Systemversagen“, formuliert er knallhart.

Die vermeintliche ‚Akademiker-Schwemme‘, die die Protagonisten des dualen Systems als Ursache für die Probleme ausmachen, ist für ihn eine falsche Analyse. „Wer von ‚Akademisierungswahn‘ redet, bezeichnet die Bildungsentscheidungen junger Menschen als dumm. Wie realitätsfern, wenn man höhere Bildungsrenditen, Karriereperspektiven und Arbeitsplatzsicherheit akademischer Bildung sieht“. Akademiker-Schwemme ist für ihn sogar das Unwort des Jahres. Dass sich alle aufs Studium stürzen, sei ein hausgemachtes Problem der Unternehmen. Deren Ausbildung, eben das „Produkt, ist nicht mehr attraktiv genug“. Schlechtes Angebot, schlechte Nachfrage – „Marktkräfte“ eben, sagt Sattelberger lapidar.

Natürlich, so der vielgefragte HR-Experte, wurde „das Studium zu lange und fälschlicherweise als Königsweg angepriesen“. Gegen die Marktkräfte komme aber niemand nur mit windigen Sprüchen an, die zu oft wenig Substanz hätten. Die wenigsten Studienanfänger lassen sich mit ein paar flotten vagen Versprechungen oder noch so netten Geschenken in die Unternehmen umleiten. Und dann raubt er auch noch letzte Illusionen: Die Akademikerquote wird auf Dauer so hoch bleiben.

Die Wirtschaft muss laut Sattelberger sowohl das ‚Produkt Ausbildung‘ attraktiver machen als auch die miserable Arbeitskultur z.B. in Teilen des Handwerks und der Dienstleistungsbranchen verbessern. Bei der beruflichen Bildung lohne es sich, vielleicht auch einfach mal umzudenken, so seine Ansage auf dem 3. MINT Gipfel in Berlin. „Vielleicht ist das Produkt in Teilen ein bisschen in die Jahre gekommen.“ Ein arger Tiefschlag für die Selbstzufriedenen im Lande. Aber längst überfällig.

Aus einer ganz anderen Ecke kommt der Schweizer Rudolf Siegrist, Berufsbildungsexperte und Rektor der Berufsfachschule Baden. Ein eher unbekannter Mann in Deutschland. Aber in der Schweiz beachtet man seine Gedanken. Auch er ist ist richtig skeptisch. Der überzeugte Verfechter des dualen Systems, sagt: „Die Berufsbildung befindet sich in einer gefährlichen Kurve.“ Und fügt dann hinzu: „Ich kann den Lobgesang auf das duale Bildungssystem nicht mehr hören!“ Siegrist plagt die Befürchtung, dass Selbstzufriedenheit blind macht, für dringend notwendige Verbesserungen. „So wird es uns nicht gelingen, das System zukunftsfähig zu halten.“ Seine zentrale These: Die Berufslehre in der Schweiz und die duale Ausbildung in Deutschland unterliegen einem Anpassungsdruck durch die globale Wirtschaft. Es entstehen andere Anforderungen, neue Bildungsgänge sind gefordert. „Wir bräuchten einen kräftigen Innovationsschub“, so der Schweizer Bildungsexperte.

IMG_2740Der HR-Manager aus Deutschland und der Berufsschul-Mann aus der Schweiz, vereint in einer scharfen Kritik. Deshalb: Für ein einfallsloses ‚wir machen weiter so‘, ist kein Platz.

Wer sich einen nüchternen Blick könnt, dem ist klar, die duale Ausbildung ist kein Heilsbringer mehr und kein globalgeniales Konzept, aber immer noch eine ziemlich gute Lern-Idee. Eine Idee, die allerdings an die Zukunft anzupassen ist. Das ist eine Aufgabe für alle: Betriebe, Gewerkschaften, Politik, Arbeitgeberverbände und Kammern. Aber: wird sie auch angepackt?

In dieser Ausgabe von DENK-doch-MAL.de akzeptieren wir die Analysen von Sattelberger und Siegrist. Wir fragen genauer danach, wo die berufliche Bildung aktuell steht.

Im Eröffnungsbeitrag beschreibt Dr. Klaus Heimann die aktuellen Baustellen, an denen die Akteure versuchen, das System nachzubessern. Sein Ergebnis: In den Augen junger Menschen und ihren Eltern ist die Ausbildung im Betrieb nur noch zweite Wahl. Besser ist ein Hochschulstudium. Dadurch kommt  duales Lernen im Betrieb und in der Berufsschule mächtig unter Druck. Heimann bestätigt die Thesen von Sattelberger und Siegrist. Jetzt suchen Betriebe, Kammern und Betriebsräte fast schon verzweifelt nach neuen Ideen, die Attraktivität zu steigern. Betriebliche Berufsausbildung 2016 in Deutschland, das sind ganz schön viele Baustellen. In jedem Fall braucht die Ausbildung einen kräftigen Innovationsschub. Industrie 4.0 soll helfen. Aber: Kann das Vorhaben gelingen?

Die heutige Krise der Berufsausbildung beruht anders als vor 20 Jahren nicht auf Defiziten in der Berufsausbildung selbst, analysiert Prof. Dr. Gerhard Bosch. Die Sozialpartner hätten ihre Hausaufgaben gemacht und die Berufe modernisiert. Der Druck kommt vor allem von außen durch die zunehmende Akademisierung unterstützt durch die Prekarisierung der Erwerbsverläufe vieler beruflich Qualifizierter. Bosch sieht vier Ansatzpunkte für notwendige Veränderungen: Der erste Ansatzpunkt ist die Bezahlung. Fachkräfte müssen einen Facharbeiterlohn und nicht nur den Mindestlohn erhalten, was in der Fläche nur durch eine Erhöhung der Tarifbindung gewährleistet werden kann. Ebenso wichtig ist auch eine angemessene Bezahlung bei einem beruflichen Aufstieg. Wenn ein junger Bachelor schon beim Berufseinstieg mehr bekommt, als ein Meister mit 20 Jahren Berufserfahrung etwa als Leiter der Ausbildungsabteilung mit 30 Untergebenen, dann lautet die unmissverständliche Botschaft: Studiere!!! Diese Botschaft wird gegenwärtig in den Betrieben massenhaft verbreitet.

Der zweite Ansatzpunkt ist Sicherheit: Die Unternehmen müssen Jugendlichen nach der Ausbildung schneller einen unbefristeten Vertrag geben. Der dritte Ansatzpunkt ist die Karriereförderung bis ins mittlere Management, die beruflich Qualifizierten mit einer Aufstiegsfortbildung bislang offen stand. Wenn Unternehmen, diese Funktionen für Akademiker oder die Absolventen dualer Studiengänge reservieren, wird der karriereorientierte Teil der Jugendlichen gleich auf die Hochschule gehen. Der vierte Ansatzpunkt ist die Vergrößerung der Pools potentieller Auszubildender. Die größten Reserven liegen hier bei jungen Ausländern. Arbeitsplatzsicherheit und die im deutschen Qualifikationsrahmen verankerte Gleichstellung von Meistern/Fachwirten/Technikern mit den Absolventen von Bachelor-Studiengängen werde kaum thematisiert und in der Praxis nicht eingelöst, nicht zuletzt, weil sie Wünschen nach einer weiteren Deregulierung des Arbeitsmarktes in großen Teilen der Wirtschaft entgegenstehen. Die Versprechen, die heute mit einer Berufsausbildung gegeben werden, wie gute Bezahlung Sicherheit und Aufstiegsmöglichkeiten, müssten in der Praxis auch eingehalten werden, sonst orientieren sich die Jugendlichen eben anders.

Der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, beschreibt seine Reformideen. Es sind fünf an der Zahl: Es müsse die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Ausbildung sich erhöhen. Noch mehr Inklusion behinderter und benachteiligter Menschen in das Ausbildungssystem sei notwendig. Berufliche Ausbildung müsse noch mehr an Internationalität gewinnen. Die Chancen von Wirtschaft 4.0 bzw. Digitalisierung gelte es zu nutzen. Und das Berufsbildungsgesetz (BBIG) sollte sich den sich veränderten und den Realitäten anpassen. Bleibt die Frage, ob das BIBB die Kraft hat, diese fünf Projekte anzuschieben?

Die Reform des BBIG könnte umfassend die Berufsbildung auf neue Füße stellen. Deshalb gehen Mario Patuzzi und Andre Schönewolf in ihrem Beitrag der Frage nach, wie es um das Projekt steht. Beide arbeiten beim DGB-Bundesvorstand in Berlin, der eine im Bereich Bildung, der andere im Bereich Jugend. Ihre bisherigen Erfahrungen mit dem Reformvorhaben sind allerdings mehr als ernüchternd. Absehbar sei bereits, dass angesichts der „NOVELLIERUNGSUNLUST des Bildungsministeriums“ wichtige Handlungsmaxime keine Chance hätten, in das BBiG aufgenommen zu werden.

Die Autoren befürchten, dass das zuständige Bundesministerium „wenig Lust und kaum politischen Antrieb“ verspüre, eine Novellierung des Berufsbildungsgesetzes in Gang zu setzen. Im Mai 2015 wurde bei einem Werkstattgespräch im BMBF mit zahlreichen Akteuren aus der Berufsbildung von einigen Verantwortlichen die Meinung geäußert, es gäbe eigentlich nicht wirklich etwas zu novellieren. Wer Großes erwartet, wird wohl enttäuscht. Der für Herbst 2015 angekündigte Evaluationsbericht lässt immer noch auf sich warten und soll spätestens im Februar 2016 vorliegen. Ganz offensichtlich: Die ‚Reform-Protagonisten‘ für das duale System sitzen nicht in der politischen Administration.

Die ‚Reform-Macher’ könnten vielleicht wo anders anzutreffen sein: In der Allianz für Aus- und Weiterbildung. Uta Kupfer, von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, und Thomas Ressel, von der IG Metall, untersuchen in ihrem Beitrag die Arbeit der Allianz und ziehen nach dem ersten Jahr eine Zwischenbilanz. Klar, da gibt es Treiber und Bremser. Für die Autoren steht fest, die Entscheidung der Gewerkschaften, sich an der neuen Allianz für Aus- und Weiterbildung zu beteiligen war richtig. Konkrete Maßnahmen sind auf den Weg gebracht. Und: Die Schönfärberei der Ausbildungsmarktsituation findet durch die Allianz nicht mehr statt. Das war beim Vorläufer, dem Ausbildungspakt, noch anders.

Doch das Projekt Allianz hat auch Schwächen: Die neue Arbeitsweise müssen die Beteiligten noch einüben. Insbesondere die ‚alten Ausbildungspaktpartner‘ wollen beweisen, sie tun etwas. Damit wird signalisiert: wir haben alles im Griff. Die Gewerkschaften jedenfalls sind der Allianz beigetreten, um an den wirklichen Herausforderungen zu arbeiten. Sie wollen sie keinesfalls zukleistern. Das bedeutet eine Analyse der Situation anhand von Indikatoren, um dann strategische Maßnahmen abzuleiten. Und gelingt das? Es deuten sich Kompromisse an. Haben sie die Kraft, die Marginalisierung der beruflichen Bildung aufzuhalten?

Prof. Dr. Rita Meyer findet, es bewegt sich viel in unserem Berufsbildungssystem – die bisher getrennten Bereiche Berufsbildung und Hochschule gehen aufeinander zu. Allerdings halte mit der quantitativen Ausweitung des „dualen Prinzips“ die zugleich notwendige Qualitätssicherung, wie sie im dualen System der Erstausbildung vorzufinden ist, nicht Schritt. Das liegt, nach Auffassung der Autorin zum einen daran, dass die gesetzlichen Regelungen des BBiG nur zum Teil Anwendung finden und zum anderen, dass die beiden Bereiche sich faktisch (noch) grundlegend in ihrer Lernkultur unterscheiden. Im Zuge der zunehmenden Durchlässigkeit der Bildungssysteme bestehe jetzt die Herausforderung darin, zwei sehr unterschiedliche Lernkulturen, die beruflich-betriebliche Lernkultur und die hochschulische Lernkultur, miteinander zu verzahnen und im besten Fall zu integrieren. Kann es sein, dass es die Hochschulen sind, die substantielle Reformen anstoßen?

Bildungspolitischer Gestaltungsbedarf bei der Integration von betrieblichen und hochschulischen Lernkulturen ergibt sich auf unterschiedlichen Ebenen: auf der Makroebene sei quasi als Systembedingung der Umbau des Berufsbildungssystems und die Erweiterung der beruflichen Bildung um den Lernort Hochschule im Blick zu behalten. Offen sei allerdings, wie eine Qualitätssicherung in der Hochschule erfolgen kann, die über die sehr vage Begutachtung von Akkreditierungsstandards hinausgeht. Hier ist die Partizipation und Mitbestimmung der Sozialpartner, die für den Bereich der Beruflichen Bildung institutionalisiert ist, auszudehnen (z.B. über eine Erweiterung des BBiG auf duale Studiengänge).

Die Redaktion von Denk-doch-Mal.de wünscht interessante Lektüre.

Und zum Schluß noch eine Einladung: Wenn Sie als User unseres Online-Magazins das Thema der Ausgabe kommentieren wollen, dann tun Sie das doch einfach. Die im Januar 2016 eingehenden wichtigsten und interessantesten Mails werden wir hier veröffentlichen. Ihre Position, Meinung, Stellungnahme bitte an: kl-heimann@t-online.de . Wir sind gespannt!