Ohne Berufe geht es nicht

Von: Dr. Klaus Heimann (Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin)

Dr. Klaus Heimann

Freier Journalist, Moderator und Berater, Berlin

Dr. Klaus Heimann, arbeitet als Freier Journalist, Moderator und Berater in Berlin. Er war bis Ende 2012 Ressortleiter Bildung beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt/M.. Er war Mitarbeiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung und im Bundesinstitut für Berufsbildung. Seine Berufsausbildung absolvierte er als Maschinen-Schlosser. Er studierte an der Ruhr-Universität Berufs- und Wirtschaftspädagogik in Bochum und promovierte dort. Er war viele Jahre Aufsichtsratsmitglied bei der MAN AG in München und als Berater in dieser ...
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Editorial

Das duale Ausbildungssystem, und damit das Kernstück, seine Berufe, stehen unter Druck: Für die Unternehmen ist betriebliche Ausbildung keineswegs mehr eine selbstverständliche und zum Pflichtenheft gehörende Aufgabe. Mit 23 Prozent Ausbildungsbeteiligung ist 2007 ein neuerlicher Tiefpunkt erreicht. Nur noch rund 50 Prozent der Bewerber um einen betrieblichen Ausbildungsplatz bei den Arbeitsämtern, erreichen diesen auch. Die anderen werden auf das Schulsystem verwiesen oder drehen perspektivlose Warteschleifen. Die Politik vertraut blind haltlosen Versprechungen von Wirtschaftslobbyisten und hat nicht den Mut, das System der beruflichen Bildung wirklich zu erneuern.

Angesichts dieser vielfältigen Krisensymptome gibt es Stimmen in Wissenschaft, Politik, bei den Verbänden und in der Berufsbildungspraxis, die den Weg der beruflichen Ausbildung in der Verantwortung der Betriebe aufgeben wollen. Sie sagen, in einem Europa, das sich auf den Weg gemacht habe, ein wissensbasiertes Wirtschaftssystem aufzubauen, könnten nur Bildungssysteme passend sein, die vorrangig auf Wissenserwerb abstellen.

Bildungswege, wie das duale System, das auf den Erwerb von vielfältigen Arbeits-Fähigkeiten abstellt und sich auf den jeweiligen beruflichen Arbeitsprozess einlasse, hätten dagegen keine Zukunftschancen. Berufliche Bildung im Betrieb würde zu einer Restgröße für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf verkümmern und könnte letztlich nur noch dem Handwerk ausreichend qualifiziertes Personal zur Verfügung stellen. Im Übrigen würde die Mehrzahl der anderen europäischen Staaten zeigen, dass die betrieblich organisierten Ausbildungswege keine Bedeutung hätten. So weit die sogenannten Modernisierer der beruflichen Bildung.

001_NetzwerkDer wissenschaftliche Beraterkreis der Gewerkschaften ver.di und IG Metall ist da ganz anderer Auffassung. Für ihn ist klar: Ohne Berufe geht es nicht – so auch der Titel einer entsprechenden Veröffentlichung. Danach ist auch weiterhin die berufliche Handlungs- und Gestaltungskompetenz das Leitbild für die berufliche Bildung. Es geht dabei um ein Konzept, das am bewährten Leitbild der Beruflichkeit menschlicher Arbeit festhält und gleichzeitig Erstarrungen vorbeugt. Die Wissenschaftler fordern, statt das Berufsprinzip in Frage zu stellen, vielmehr die Menschen in die Lage zu versetzen, sich Kompetenzen anzueignen, die es ihnen erlauben, ihren Berufsweg aktiv zu gestalten.

019_Netzwerk_FotosDie Wissenschaftler fordern Kernberufe, die das neue Fundament für eine enge Verzahnung mit abschließenden und weiterführenden Fort- und Weiterbildungen bilden sollen. Die schnelle Entwicklung und Veränderung der Arbeitswelt erfordere daher die Entwicklung reflexiver Handlungsfähigkeit schon in der Berufsausbildung, die später im Arbeitprozess zwingend verlangt wird.

Die erste Ausgabe des Online-Magazns denk-doch-mal will den Blick dafür schärfen, was jetzt getan werden muss, um europäischen Kernberufen für eine moderne Arbeitswelt zum Durchbruch zu verhelfen.

Wir starten mit gepflegten Bösartigkeiten für den kleinen Satire-Hunger zwischendurch. Thomas Rau nimmt in einem Interview mit Danny L. aus Hamburg das gegenwärtig an vielen Orten grassierende heitere Berufe-Erfinden unter die Lupe. Thomas Rau hat die Idee einfach mal weiter gesponnen. Heraus gekommen ist eine kleine, ziemlich böse Szene über Danny L., der eine Ausbildung zum Auftragsmörder begonnen hat.

Prof. Friedhelm Hengsbach hat die Ausgangsüberlegungen des Wissenschaftlichen Beraterkreises von ver.di und IG Metall zur Bedeutung der beruflichen Bildung aufbereitet. Für ihn steht fest, dass berufliche Bildung Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Selbstachtung vermittelt. Sie trage zur unverwechselbaren, einzigartigen Identität eines Menschen bei. Seine sehr grundsätzlichen und fundamentalen Überlegungen präsentierte er auf einer gemeinsamen Tagung von ver.di und IG Metall.

In seinem Plädoyer für die laufende Anpassung von Fachwissen an neue Arbeitsumgebungen verdeutlicht Prof. Fritz Böhle, Soziologe an der Universität Augsburg, dass der geforderte Anwendungsbezug von Bildung nur erreichbar ist, wenn man die Struktur und Eigenschaften konkreter Gegebenheiten, Prozesse und Aufgaben wirklich auch mit einbezieht. Wissen im Zusammenhang entsteht nur jenseits wissenschaftlicher Fachsystematik. Er plädiert in seinem Beitrag den Blick zu erweitern und die sinnliche Wahrnehmung, die sich eben nicht aus exakt definierbaren, beschreibbaren aber trotzdem realen Tatsachen und Informatíonen ergibt, einzubeziehen.

Im denk-doch-mal-Interview mit Horst Linke, Berufsschullehrer in Hamburg und Vorsitzender der GEW Fachgruppe gewerbliche Schulen, wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung der Beruf in der Berufsschule heute noch hat, wie mit den neuen Lernfeldern eine Wiederbelebung des Berufs in den Schulen festzustellen ist und welche zentrale Bedeutung der Beruf für die Schüler immer noch hat. Imageprobleme der Berufsschulen und die Wertigkeit beruflicher Bildung in der Gesellschaft sind weitere Aspekte seines Beitrags. Als Ausblick formuliert Horst Linke drei Reformperspektiven.

Für eine neue Berufsbildungsforschung setzt sich Prof. Felix Rauner ein. Für den Bremer Forscher vom Institut für Bildung und Technik (ITB) bedarf es einer umfassenden Neuordnung der Berufe und ihrer Strukturen sowie der Bildungspläne. Er fordert den Ausbau einer berufs- und berufsfeldübergreifenden Forschung, eine domänenspezifische – auf die Kernberufe bezogene – Berufs- und Qualifikationsforschung.

Ausgangspunkt der Überlegungen von Frank Braun und Tilly Lex vom Deutschen Jugendinstitut in München sind die Berufs-Interessen von Hauptschülern, die nicht direkt nach dem Abschluss der Schule eine Berufsausbildung beginnen. Ihre Untersuchung zeigt, dass ein großer Teil dieser Jugendlichen, trotz negativer Ersterfahrungen an ihrem Ziel, einen Beruf zu erlernen, auch noch nach drei Jahren festhält. Für sie steht fest: Ohne Beruf geht es nicht in ihrem Leben, deshalb kämpfen sie mit aller Entschiedenheit für ihre zweite Chance.

In der Frankfurter Erklärung formulieren Betriebsräte und Jugend- und Auszubildendenvertretungen der IG Metall ihre Forderung nach europäischen Kernberufen. „1,6 Millionen junge Menschen, die eine berufliche Erstausbildung absolvieren, und jährlich über 700.000 Ausbildungsplatzbewerber/innen zeigen den nach wie vor herausragenden Stellenwert des dualen Berufsbildungssystems. Dennoch verschließen wir nicht die Augen vor den strukturellen Problemen, die es ohne Zweifel gibt.“ Die Frankfurter Erklärung will dem aktuellen Veränderungsbedarf beim Thema Beruf eine sinnhafte Orientierung geben.