Editorial: Berufsbildung in Europa

Von: Dr. Roman Jaich (Wissenschaftlicher Mitarbeiter von ver.di und der Regiestelle weiter bilden, Berlin)

Dr. Roman Jaich

Wissenschaftlicher Mitarbeiter von ver.di und der Regiestelle weiter bilden, Berlin

Dr. Roman Jaich, Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, danach Erwerb der Hochschulreife und Studium an der Universität Kassel im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften mit volkswirtschaftlicher Ausrichtung. Im Anschluss an das Studium wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel im Fachgebiet Wirtschaftsrecht von Prof. Bernhard Nagel. Mitarbeit an verschiedenen Forschungsprojekten, z.B. zur „Konstituierung Europäischer Betriebsräte“ und zur „Finanzierung von Bildung in Deutschland“. Arbeitsschwerpunkte: Ökonomische Analyse des Rechts, Ökonomische Analyse des Arbeitsrechts, Mitbestimmungsforschung und Bildungsökonomie. Promotion zum Thema „Globalisierung und ...
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Fast nur von der Fachöffentlichkeit beachtet, ansonsten wenig wahrgenommen, wurde von der Europäischen Kommission die Einrichtung eines Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR) für die berufliche Bildung beschlossen. Das Europäische Parlament billigte den Kommissionsvorschlag am 24. Oktober 2007 mit einigen Änderungen. Der Rat erzielte dann am 15. November 2007 eine politische Einigung. Auf der Konferenz „Bewertung des Lernens: europäische Erfahrungen mit der Validierung nicht formalen und informellen Lernens“, die der portugiesische Ratsvorsitz am 26. und 27. November 2007 in Lissabon veranstaltet hat, wurde die politische Einigung auf den EQR bekannt gegeben und die Mitgliedstaaten zu dessen Umsetzung ermuntert.

Die vom Europäischen Parlament angenommene Empfehlung sieht vor, dass die Mitgliedstaaten ihre nationalen Qualifikationssysteme bis 2010 an den EQR koppeln, und dass Zeugnisse und Diplome ab 2012 einen EQR-Verweis enthalten.

Ausgangspunkt für den Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR oder auch EQF „European Qualifikation Framework“) ist die Erklärung von Kopenhagen der Europäischen Kommission und der Bildungsminister der Mitgliedstaaten mit der Vision eines europäischen Bildungsraumes, der auf eine stärkere Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten in der beruflichen Bildung abzielt. Ziel ist es, mit dem EQR den Vergleich und die Übertragung von Qualifikationen zu erleichtern, die von nationalen Stellen verliehen werden.

016_MobilEU_NetzwerkWährend der EQR, der als Übersetzungsinstrument dient und verschiedene Qualifikationen zueinander in Beziehung setzt und vergleichbar macht, ist das Ziel ECVET (European Credit System for Vocational Training), mehr Transparenz über die Berufsbildung in Europa zu erreichen und die Gleichstellung von beruflichen Abschlüssen zu regeln. Hierfür ist vorgesehen, jeder EQR-Stufe (sowie den Qualifikationen und units) eine bestimmte Zahl von Kreditpunkten zuzuordnen. Der Gedanke von ECVET orientiert sich an dem bereits bestehenden ECTS-System (European Credit Transfer System) im Hochschulbereich.

Vor dem Hintergrund der Entwicklung von EQR und ECVET ist auch die Vorbereitung und Durchführung eines europäischen „Berufsbildungs-PISA“ zu sehen. Das europäische „Berufsbildungs-PISA“ soll nicht nur allgemeine Grundkompetenzen messen, sondern auch in der Ausbildung erworbene Kompetenzzuwächse und die Verwertung von Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt und in der Arbeit erfassen. Klar ist, dass sich ein „Berufsbildungs-PISA“ von einem Schul-PISA unterscheiden muss. Es geht um Können, nicht um Wissen. Ebenso wie EQR und ECVET ist auch ein „Berufsbildungs-PISA“ auf europäischer Ebene umstritten. Gerade wenn es mit seinem Test-Design mit einer klaren Dominanz auf schulisch orientierter Fähigkeiten abzielt, könnte es für das deutsche duale Ausbildungssystem von Anfang an problematisch sein, eine unfaire Ausgangsposition bedeuten.

Es zeigt sich, dass auf europäischer Ebene einige Entwicklungen auszumachen sind, die die berufliche Bildung betreffen. Daher ist es wichtig, dass wir uns in Deutschland mit dieser Entwicklung auseinandersetzen. Nachdem in der ersten Ausgabe der Fokus auf die Notwendigkeit des Berufsprinzips gelegt wurde, wollen wir in der zweiten Ausgabe des Online-Magazins denk-doch-mal der Frage nachgehen, wie wir uns in der Debatte über die Europäisierung der beruflichen Bildung positionieren können, damit wir einerseits an der dualen Berufsausbildung und dem Berufsprinzip festhalten und andererseits die Chance auf Modernisierung nutzen können.

Eva Kuda, IG Metall, und Jürgen Strauß vom Landesinstitut Sozialforschungsstelle Dortmund, wägen Chancen und Risiken der Einführung eines EQR gegeneinander ab, zeigen gesellschafts- und forschungspolitische Schwachstellen der deutschen Debatte zum Qualifikationsrahmen auf und weisen auf die Notwendigkeit einer erweiterten Perspektive bei der politischen Umsetzung des Qualifikationsrahmens hin.

Im denk-doch-mal-Interview mit Prof. Hermann Schmidt, ehemals Präsident des BiBB, stehen Fragen zur Bedeutung der Entwicklungen auf europäischer Ebene für die berufliche Bildung in Deutschland im Vordergrund. Anhand von Fragen wie „Warum Deutschland erst so spät die europäische Diskussion wahrnimmt“ oder „Warum Großbritannien trotz seines nur rudimentären beruflichen Bildungssystems eine Vorreiterolle eingenommen hat“ entwickelt Hermann Schmidt seine These, dass Deutschland eine aktivere Rolle bei der Gestaltung einer europäischen Berufsbildungspolitik einnehmen muss.

Mit dem EQR und mit ECVET gibt es naturgemäß noch keine Erfahrungen, auf die man zurückgreifen kann. Allerdings wurde mit dem sogenannten Bologna-Prozess bereits 1999 ein dem angestrebten ECVET vergleichbares Kreditpunktesystem im Hochschulbereich (ECTS) initiiert, das bereits weitgehend umgesetzt ist. Gerd Köhler, ehemals Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands der GEW, beschreibt die Erfahrungen, die im Hochschulbereich damit gemacht wurden und fragt, ob es eine gemeinsame europäische „Währung“ für die Bildung geben kann.

Wie bereits erwähnt, wird die europäische Berufsbildungspolitik nicht nur durch den EQR und ECVET bestimmt. Gerhard L. Endres stellt das europäische Berufsbildungs-PISA vor. Er beschreibt die Diskussion, wie sie derzeit in Deutschland geführt wird und mögliche Auswirkungen auf das deutsche Berufsbildungssystem und weißt auf die Notwenigkeit hin, die Sozialpartner in die Ausgestaltung einzubeziehen.

011_IGMTaschen_NetzwerkDie Leitlinien der IG Metall für die Gestaltung europäischer Kernberufe gehen davon aus, dass angesichts der Veränderungen in der Arbeitswelt und den damit einhergehenden Destabilisierungen der Arbeitsbeziehungen eine umfassende berufliche Handlungsfähigkeit mehr denn je zur Voraussetzung der selbständigen und kompetenten Gestaltung von Arbeits- und Lebenschancen wird. Danach hängen persönliche und berufliche Entwicklungschancen sowie gesellschaftliche Gestaltungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten wesentlich von der Substanz der beruflichen Aus- und Weiterbildung und der Qualität ihrer Vermittlung ab. An diesen Zielsetzungen orientiert sich die IG Metall, wenn sie ihre 15 Leitlinien vorlegt.