Die deutsche Skala der gesellschaftlichen Integration

Von: Ulrich Degen (Ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn)

Ulrich Degen

Ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesinstituts für Berufsbildung, Bonn

Bonn: Renter; 1977 bis 2008 wissenschaftlicher und leitender Mitarbeiter im Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) Berlin und Bonn, diverse Projektleitungen zu Fragen der beruflichen Aus- und Weiterbildung u.a. für das BMBF und im Übergang nach der Wiedervereinigung. Zwischen 1994 und 2000 beratend in der Berufsbildung in der Türkei für die Weltbank tätig und zuletzt Leiter des BiBB-Arbeitsbereichs ‚Kompetenzentwicklung‘. Mehrere Jahre Arbeitnehmervertreter im Prüfungsausschuss der IHK zu Köln für den Ausbildungsberuf ‚Fachangestellte/r für Markt- und Sozialforschung‘. Ehrenamtliche ...
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Einwanderung ausländischer Personen – wir erinnern uns – findet seit mehr als fünf Jahrzehnten statt seit der Anwerbung erster ausländischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. 2007 hat die Bundesregierung den Nationalen Integrationsplan (Der Nationale Integrationsplan. Neue Wege – Neue Chancen/ www.integrationsbeauftragte.de) veröffentlicht, der dokumentiert, dass „die Politik die Bedeutung einer systematischen staatlichen Integrationspolitik erkannt hat“ (Schultze, G., Friedrich-Ebert-Stiftung 2007). Integration von Mitbürgerinnen und Mitbürgern nicht-deutscher Herkunft steht seit der Ankunft des ersten ‚Gastarbeiters‘ also weiterhin auf der politischen Agenda, ganz so, wie es Außenminister Frank-Werner Steinmeier aktuell formulierte, dass „viele Probleme, die wir im Zusammenleben mit Migranten beklagen, …Folgen vernachlässigter Integration (sind)“ und „Wir brauchen jeden, weil sonst der soziale Zusammenhalt gefährdet ist“.

Integration ist – nicht nur in Deutschland – ein komplexer und nicht ganz neuer Begriff mit vielen unterschiedlichen Facetten, was seine Hintergründe, Bedeutung, Funktion und politische Reichweite angeht. Der Begriff ist stark auf die Frage fokussiert, in welchem Umfang ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger in den Bildungs- und Arbeitsmarkt integriert sind und an beiden partizipieren. Damit ist der Integrationsbegriff ein relativer Begriff, weil man dabei immer an eine Skala von ganz geringer oder keiner bis zu sehr starker bzw. vollkommener Integration denken muss.

Er wird in dieser Ausgabe des Online-Magazins ‚www.denk-doch-mal.de‘ aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Interessen betrachtet und die Beiträge machen den jeweiligen ‚Grad‘ der Integration und damit Teilhabe in der Bildung, der Ausbildung und im Arbeitsmarkt deutlich und verorten ihn auf der ‚Skala der Integration‘. Wobei das Maß oder der Grad der Integration auf dieser Skala auf der anderen Seite zum Ausdruck bringt, wie virulent die jeweiligen Probleme der Integration sind.

Der Begriff ‚Integration‘ ist dabei so alt, wie die Tatsache, dass Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zu uns kommen, mit dem Ziel ein Auskommen für ihr Leben zu erzielen und deshalb hier leben und arbeiten oder nach dem Arbeitsleben in Ruhestand sind. Hierin unterscheidet sich ihre Biografie zunächst nicht von Deutschen, insbesondere, wenn sie auch die deutsche Staatsbürgerschaft haben.

Die zu- und faktisch eingewanderten Menschen und Mitbürgern haben im Kindes-, Schul-, Ausbildungsalter und im Beruf und danach die Probleme, die auch die einheimische Bevölkerung hat. Zu wenig Schul- oder Ausbildungsplätze, Sorgen um den Arbeitsplatz oder eine sichere Rente. Dazu kommen häufig besondere Probleme, die aus ihrer jeweiligen Herkunft und ihrem Bildungs- und Qualifikationshintergrund herrühren. Zum ‚Grad‘ der Integration kommt jeweils noch eine herkunftsbezogene und bildungs- und qualifikationsmäßige Migrationsdimension hinzu.

Entlang dieser beiden Faktoren legen die Autoren dieser Ausgabe von www.denk-doch-mal.de ihre Sichtweisen dar.

So greift Lale Akgün die aus ihrer Sicht positiv einzuschätzende Integrationsdiskussion auf, um auf der Basis eines sich immer wieder neu definierenden Kulturbegriffs des Wohnumfeldes sich für ein bildungsoffenes und -motivierendes Aufnahmeklima einzusetzen.

Karen Schönwälder und Janina Söhn geben einen Ausblick auf das, was jugendliche MigrantInnen in den nächsten Jahren von der Politik erwarten können und erläutern dabei u.a., dass nicht alle Teilgruppen in eine staatliche Integrationspolitik einbezogen werden und dass die ‚Wunschmigranten der Zukunft‘, also hochqualifizierte, anpassungsfähige und -willige junge Zuwanderinnen und Zuwanderer schon in Deutschland sind. Dass aber häufig auch hochqualifizierte MigrantInnen nicht adäquat beschäftigt sind. Flüchtlingen und ohne Erlaubnis sich in Deutschland aufhaltenden MigrantInnen die Integration „gezielt verwehrt werden“ soll.

Sanem Kleff gibt wegen des Kontextes nochmals einen kurzen kursorischen Überblick über die ‚Geschichte der Migration‘ und auch die z.T. negativen Begleiterscheidungen bei jungen, männlichen Aussiedlern beispielsweise, bevor sie ihren Blick auf Kinder mit Migrationshintergrund in Tageseinrichtungen und Schulen richtet und in diesem Zusammenhang die gezielte pädagogische Förderung mit diesen Kindern fordert.

Mona Granato und Verena Eberhard zeichnen nach, dass es offenbar eher die Entscheidungsträger bei Einstellungen sind, die zum sinkenden Anteil von Auszubildenden ohne deutschen Pass in der Ausbildung beitragen als die bildungsmäßigen Voraussetzungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die eine berufliche Ausbildung oder einen qualifizierten Ausbildungsplatz suchen. Das gilt auch für die Elektro- und Metallberufe, in denen es diesen Jugendlichen trotzdem sie vielfach einen mittleren Schulabschluss mit guten Schulnoten nachweisen können, im letzten Jahrzehnt immer weniger gelungen ist, eine Einstellung zu bekommen.

Iris Bednarz-Braun geht jenseits der überwiegend negativ geprägten Sichtweise des Verhältnisses zwischen Einheimischen und Zugewanderten in öffentlichen Debatten empirisch quantitativ und qualitativ der ‚gelingenden Interkulturalität‘ unter Auszubildenden industrieller Großbetriebe der Metallbranche nach. Sie stellt fest, dass die „befragten Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund …die interkulturelle Zusammensetzung und die Zusammenarbeit als angenehm und positiv wahr (nehmen)“ und spiegelt eine aktuelle Untersuchung zu den interkulturellen Beziehungen unter Auszubildenden mit einer qualitativen Studie zur interkulturellen und Generationen übergreifenden Zusammenarbeit zwischen jungen und älteren FacharbeiterInnen. Wobei ihre Befunde bestätigt werden.

Anke Settelmeyer durchbricht mit ihrem Ansatz die stark negativ geprägte Diskussion über das Leistungsvermögen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und geht der Frage nach, worin die interkulturelle Kompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund besteht und wie sie im Berufs- und Ausbildungsalltag zum Einsatz kommt und ob sie die Situation dieser Menschen zu verbessern geeignet ist. Dabei geht sie nicht nur dem potentiellen Mehrwert für diese Menschen, sondern auch demjenigen für die Betriebe nach und der Bereitschaft beider, die interkulturelle Kompetenz weiter zu entwickeln. Sie plädiert für die weitere Sensibilisierung in dieser Frage bei allen Beteiligten und den Ansatz, dass „nicht nur Schwierigkeiten dieser Personen, sondern auch deren speziellen Kompetenzen“ nachgegangen werden sollten „und Konzepte zu deren Förderung“ durch geeignete Forschung zur Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation weiter entwickelt und auch umgesetzt werden sollen.

Faruk Şen erinnert daran, dass eine gelungene wirtschaftliche Integration Voraussetzung für eine erfolgreiche gesellschaftliche und politische Teilhabe ist und zeichnet die Integration von der wirtschaftlichen Integration der Gastarbeiter der ersten Stunde bis heute nach und setzt bei seiner Kritik bei der „Fülle von Integrationserwartungen der Mehrheitsgesellschaft“ an, wenn in der öffentlichen Wahrnehmung die Migrantinnen und Migranten immer eher als defizitäre und problembehaftete Gruppe angesehen werden. Die Änderungen der Rahmenbedingungen, die dies beheben könnten, sind aus seiner sicht eher ‚kosmetische Verbesserungen‘ gewesen, die aber eher wenig zu mehr Chancengleichheit der Kinder von Migranten beigetragen haben.

In diesem Zusammenhang erinnert er an einen wenig reflektierten Zusammenhang, dass nämlich von den MigrantInnen und GastarbeiterInnen der ersten Stunde „eine enorme Integrationsleistung vollbracht (wurde), in dem sie ohne Integrations- und Sprachkurse im betrieblichen Alltag ihre Arbeit geleistet und ihr Dasein in Deutschland organisiert haben“.

Diese Beiträge und Analysen bilden sehr viele Facetten der Entwicklung der Integration und deren bildungs- und arbeitsmarktmäßigen Hintergründe ab und vermitteln einen Eindruck davon, an welchem Punkt wir uns auf der ‚Integrationsskala‘ befinden.

Allen Autorinnen und Autoren ist in ihren Beiträgen ihr – wissenschaftliches, politisches und persönliches und gesellschaftliches – Engagement für die Verbesserung der Integration unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger mit ausländischem bzw. Migrationshintergrund anzumerken. Ihr differenziertes Eintreten für die Integration ist vorbildhaft für die künftige gesellschaftliche Behandlung dieser national existenziellen Frage.

Alle Autoren dieser EXTRA-Ausgabe von denk-doch-mal.de freuen sich über eine Mail mit Anregungen und Kritik.

Literatur

Günter Schultze: Einwanderungsland ohne Einwanderungspolitik – Chancen einer gesteuerten Zuwanderung nach Deutschland, WISO direkt. Analysen und Konzepte zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, Friedrich-Ebert-Stiftung, Dezember 2007, S. 1

Frank-Walter Steinmeier: Mut zur Beharrlichkeit. Die Agenda 2010 – warum sie morgen noch gelten muss, in: Der Tagesspiegel,
Nr. 19845, 14. März 2008, S. 8