Schwierige Arbeitsverhältnisse nicht nur am Rande der Arbeitsgesellschaft

Von: Hermann Nehls (Leiter des Referats für Grundsatzfragen der beruflichen Aus- und Weiterbildungbeim, DGB Bundesvorstand in Berlin und Redaktionsmitglied von denk-doch-mal)

Hermann Nehls

Leiter des Referats für Grundsatzfragen der beruflichen Aus- und Weiterbildungbeim, DGB Bundesvorstand in Berlin und Redaktionsmitglied von denk-doch-mal

Hermann Nehls, geboren 1955 in Rostock; 1978 – 1981 Ausbildung zum Industriemechaniker; 1981 – 1985 Tätigkeit in mechanischer Versuchswerkstatt; 1985 – 1992 Sozialsekretär bei der Evangelischen Kirche (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt); 1990 berufsbegleitend Dipl. Betriebswirt; 1994 – 2002 Leiter der DGB Jugendbildungsstätte Flecken – Zechlin, Brandenburg; seit 2002 Referatsleiter für Grundsatzfragen der beruflichen Aus- und Weiterbildung beim DGB Bundesvorstand.


Editorial

Der Druck des Marktes, hohe Arbeitslosigkeit, führen zu schwierigen Arbeitsverhältnissen – nicht nur am Rande der Arbeitsgesellschaft. Die Zunahme von prekärer Beschäftigung in Deutschland ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer Politik, die in den letzten Jahren Schutzmechanismen abgebaut und die Flexibilisierung als Wunderwaffe gegen Arbeitslosigkeit anpriesen hat. Hartz IV wirkt – doch nicht in dem erwarteten Sinne, dass Arbeitslosigkeit und vor allem die Arbeitslosigkeit gering Qualifizierter und die Langzeitarbeitslosigkeit zurückgeht. Hartz IV wirkt vor allem in Richtung Prekarisierung des Arbeitsmarktes. Fehlende Mindeststandards und hoher Druck auf die Arbeitssuchenden zwingen sie, Arbeit zu „fast jedem Preis und zu jeder Bedingung“ anzunehmen.

Die Shareholder-Value-Orientierung der Unternehmen verändert die betriebliche Arbeitsorganisation. Starke Schwankungen auf den Finanzmärkten steigern die Flexibilitätsanforderungen der Unternehmen. Das Management setzt darauf, dass Angebot und Nachfrage elastischer werden. Durch Personal- und Arbeitszeitpolitik werden Arbeitseinsatz und Kapazitätsauslastung optimiert, die Produktivität gesteigert und die Arbeitskosten gesenkt. Gleichzeitig werden mit dem Steigen der Leistungsanforderungen an Beschäftigte kollektive Schutz- und Sicherungsniveaus abgebaut.

Der Ausbau der Flexibilität erfolgt in vielen Betrieben verstärkt über prekäre Beschäftigung (befristete Arbeitsverträge, geringfügige Beschäftigung, Zeitarbeit, usw.). In fragilen Konjunkturzyklen ermöglichen prekäre Beschäftigungsverhältnisse eine kostengünstige Beschäftigungsanpassung. Die sozialen Folgenkosten werden auf die Allgemeinheit übertragen. Die prekär Beschäftigten tragen hohe Einkommensrisiken und haben einen schlechteren Zugang zu betrieblicher Weiterbildung.

Die sozialen Sicherungssysteme werden unterhöhlt, und der Druck auf den Niedriglohnsektor steigt. Berufsanfänger müssen sich heute in der Regel damit abfinden, dass sie befristet beschäftigt werden, oder sie zunächst nur über ein – meist unbezahltes – Praktikum in die Arbeitswelt einsteigen können. Arbeitslose werden von den Arbeitsagenturen in Zeitarbeit vermittelt, als kostenlose Praktikanten oder als Teilnehmer von Trainingsmaßnahmen an Betriebe übergeben oder gleich als Ein-Euro-Jobber beschäftigt.

Für viele ist prekäre Beschäftigung ein Dauerzustand. Manchen gelingt nach einiger Zeit der Übergang in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Diejenigen, die dauerhaft prekär arbeiten, leben in ständiger Angst vor Arbeitslosigkeit. Beschäftigung und Arbeitslosigkeit wechseln häufig. Die Betroffenen können häufig keine feste Zeit- und Lebensplanung vornehmen, da sie immer auf Abruf bereit stehen müssen. Die prekäre Arbeitssituation geht häufig einher mit nicht Existenz sichernden Löhnen.

Die Beschäftigten stehen unter einem enormen Druck, sich ständig bewähren zu müssen. Sie müssen sich immer wieder auf eine veränderte Arbeitsumgebung einstellen und fühlen sich häufig als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zweiter Klasse. Die Belegschaften werden gespalten. Ein willkommener Nebeneffekt für die Arbeitgeber. Sie nutzen diese Situation, um Belegschaften gefügig zu machen und Solidarisierungen im Betrieb zu verhindern. Betriebliche Interessenvertretung wird erschwert, die gewerkschaftlichen Durchsetzungsmöglichkeiten werden gemindert.

Die folgenden Beiträge von Frank Bsirske, Christoph Butterwegge, Klaus Dörre, Erwin Helmer, Andreas Keller und Franz Segbers diskutieren diese Themen unter verschiedenen Aspekten: aus der Sicht von Betroffen, aus gewerkschaftlicher, sozialethischer und gesellschaftspolitischer Sicht.

Es geht nicht nur um mehr Jobs, es geht um Arbeit, von der man leben kann. Es geht um Strategien, wie wir einen Prozess der De-Prekarisierung befördern können.