Leben, um zu arbeiten – Arbeiten, um zu Leben? Oder: Zeit zum Arbeiten und Zeit zum Leben

Von: Gerhard Endres (Freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, München)

Gerhard Endres

Freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, München

Gerhard Endres ist freier Journalist, Berufsschullehrer und Theologe, er lebt in München. Er ist erster Vorsitzender des Netzwerks für Gesellschaftsethik.


Achtung: Aktuell wurden der Ausgabe Zeit noch zwei Beiträge hinzugefügt. Und zwar den von Thomas Pickartz, Mitarbeiter der Bischofskonferenz in Brüssel, der über europäische Regeln zur Sonntagsarbeit nachdenkt und von der Autorin, Prof. Marianne Gronemeyer, die fragt: Wieviel Arbeit braucht der Mensch?.

Zeit und Geld

Zeit ist Geld. Geld hat man, die einen. Die anderen haben es nicht. Die einen haben Geld und können sich damit Zeit kaufen. Sie kaufen sich Zeit, um andere Menschen sich arbeiten zu lassen, sie haben auch Zeit lange, genussvoll und gesund zu essen und auch zu trinken. Sie haben auch das Geld in ruhigen, entspannenden Gegenden zu leben, ihre Wohnung, ihr Haus, ihre Villa so zu gestalten, dass sie sich gut erholen und ihr Leben genießen können. Sie haben auch die Zeit für Zeit. Sie können lange Gespräche mit spannenden Menschen führen und können sich den „Kopf frei halten“ für die wirklich wichtigen Momente und Zeiten des Lebens.

Arbeitnehmer versuchen mit ihren Interessensorganisationen, den Gewerkschaften, die Arbeitszeit gemeinschaftlich zu gestalten, durch Arbeitszeitverkürzung und durch Mitwirkung, Mitbestimmung bei der Arbeitszeit. Schwieriger ist es schon mit der individuellen Gestaltung der Arbeitszeit, hier ist der Einzelne gehalten sich an den ausgehandelten Arbeitsverträgen und Betriebsvereinbarungen zu orientieren. Klar ist auch, dass eine Verkürzung der Arbeitszeit leichter bei geringer Arbeitslosigkeit durch zu setzen ist, da die Verhandlungsposition, genauer die Durchsetzungskraft der Arbeitnehmer mit ihren Gewerkschaften stärker ist.

Die traditionelle Durchsetzungsstrategie wird in den letzten Jahren zunehmend durch gesellschaftliche Akteure, wie den Kirchen, den kirchlichen Arbeitnehmerorganisationen wie der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB), Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (afa) im evangelischen Bereich, der katholischen Betriebsseelsorge und des evangelischen Dienstes in der Arbeitswelt und den Laienorganisationen der Kirchen, wie den verschiedenen Räten im katholischen Bereich und den Synoden der evangelischen Kirche, unterstützt. Auch die katholischen und evangelischen Bischöfe haben sich wiederholt zum Thema Arbeit und des Schutz des Sonntags zu Wort gemeldet. Nicht zu vergessen, die grundlegenden Werke der katholischen Soziallehre und der evangelischen Sozialethik. Die Worte der verschiedenen Päpste sind es auch wirklich wert gelesen zu werden.

Zeit ist für den Menschen da

Die Zeit des Menschen ist nicht nur zum arbeiten da. Die Zeit ist auch für entspannen, ausruhen, reisen, lesen, nachdenken, diskutieren oder musizieren. Der Kampf um die Zeitanteile für die Arbeit und die nicht – Arbeit, die sogenannte freie Zeit ist eng mit der Würde des Menschen und der Selbst-Bestimmung des Menschen verknüpft. Der Kampf um den freien Samstag und den freien Sonntag war eng mit der Lebenszeit für die eigene Familie, Freunde und die Zeit für die Selbstbestimmung verbunden.

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Freizeit ist mehr als nur als Nicht-Arbeit, ist ein wichtiges Element auch für die Befreiung des Menschen in der Arbeit, der Impuls für die wahre „Humanisierung der Arbeitswelt“ die Hoffnung für eine gute Arbeit in der Mensch nicht geknechtet, unterdrückt und ausgebeutet sondern sich als Mensch verwirklichen kann mit allen seinen Sinnen, Fähigkeiten und Wünschen. Arbeit ist mehr als Broterwerb. Der Mensch soll in der Sphäre der Erwerbsarbeit und außerhalb der Arbeitswelt wahrhaft leben können. Leben in der Erwerbsarbeit ist daher mehr als angemessene Vergütung, ist mehr als ein Minimum an Mitwirkung, ist mehr als nicht schlecht behandelt werden. Leitbegriff ist die gute Arbeit in der Mensch sich als ganzer Mensch wieder finden kann.

Ökonomisierung der Zeit

Vor einigen Jahren wurde noch über Samstagsarbeit, Verlängerung der Öffnungszeiten von Geschäften in den Abend hinein gestritten. Heute wird um die Verhinderung von „verkaufsoffenen“ Sonntagen, Öffnung der Geschäfte an Feiertagen usw. gerungen. Die christlichen Kirchen haben sich verschiedentlich deutlich zum Schutz des Sonntags, als Zeit zur Erholung, als Ort der Begegnung mit Freunden, der Familie und des Gebets geäußert. Die früher deutlich geäußerte Befürchtung, die Ökonomisierung des Samstags knabbert auch an dem tiefen Sinn des Sonntags hat sich mehr als bewahrheitet. Mittlerweile wird der Sonntag auch von der Ökonomisierung des Sports (Fußball, Formel 1, etc.) angegriffen. Der Sonntag als Ausruhetag, als Tag der Besinnung, des Versuchs der Wiedergewinnung einer inneren Balance wird schleichend und zum Teil gezielt ausgehöhlt. Sei es dass zunehmend Geschäfte an Sonntagen geöffnet werden, wenn auch im ersten Schritt „nur“ als „Schausonntage, sei es dass viele kommerzielle Veranstaltungen auf den Sonntag gelegt werden und nicht selten die erste Schicht in Industriebetrieben Sonntagabend beginnt.

Die Beiträge dieser Ausgabe

Die Spannbreite der Beiträge reicht von sehr besinnlich-grundsätzlichen Texten von „Zeit ist Leben – Die Vermarktung der Zeit und das biblische Zeitverständnis“ – von Betriebsseelsorger Diakon Erwin Helmer, Diözese Augsburg und Der bedrohte Sonntag.

Ein Plädoyer für den Erhalt der Sonntage des Lebens von Professor Karlheinz Geissler. Aus einer grundsätzlichen und gewerkschaftlichen Perspektive betrachtet Berthold Huber, Vorsitzender der IG Metall, mit dem Beitrag „Gute Arbeit und Arbeitszeit“ das Thema.

Hartmut Seifert, Leiter des gewerkschaftlichen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut des DGB überlegt, wie „alternsgerechte Arbeitszeiten“ entwickelt werden können.

Peter Faulstich, Professor für Erwachsenenbildung an der Universität Hamburg fordert dass wir mehr Zeit für Bildung erhalten: „Lernzeiten – Zeit zum Lernen öffnen – Bildung ermöglichen.

Der Zeitforscher und Privatdozent Fritz Reheis führt uns auf einen auf den ersten Blick unpolitischen Bereich, den Müßiggang und die Liebe: „Müßiggang ist aller Liebe Anfang«.

Dieser Ausgabe sind außerdem zwei Dokumente angefügt, die viel mit unserem Ziel der Vernetzung und der Kooperation zu tun haben. Das erste Dokument ist das gemeinsame Wort der beiden christlichen Kirchen und des DGB in Bayern zum 1:Mai. Außerdem das Grundsatzpapier der christlich-gewerkschaftlichen Initiative „Soziale Ungerechtigkeiten als Herausforderung für Gewerkschaften und Kirchen“. Diese Stellungnahme ist eine gemeinsame Plattform verschiedener Menschen aus dem kirchlichen und gewerkschaftlichen Bereich.

Ausblick

Dieses Online-Magazin lädt zur Ergänzung der bisherigen Beiträge ein, da die Veränderung der Arbeitswelt und der sogenannte Wertewandel auch immer neue Antworten erfordert. Wir laden daher dazu ein, Ideen für eigene Beiträge uns anzuzeigen. Ich würde mich Freuen, wenn im Laufe der Zeit noch einige Autoren und Autorinnen sich an dem Nachdenken über das Leben und unsere Zeit beteiligen würden.